Killing Joke
Killing Joke

Interview

KILLING JOKE sind zurück. In Originalbesetzung. Ein neues Album dürfte demnächst folgen. Zum Zeitpunkt des Interviews waren Aufnahmen im Januar 2009 geplant. Geführt wurde das folgende Gespräch bereits vergangenen Herbst, am Nachmittag des zweiten Konzerttages in Berlin (Metal.de berichtete). Jaz Coleman zog noch kurz an seiner Minipfeife, bevor wir uns verstorbenen Band-Mitgliedern, Verschwörungen, Jungschen Archetypen und der Apokalypse widmeten.

Killing JokeWie ist es, in der alten Besetzung aufzutreten? Seltsam?

Sehr seltsam – und schön. Das ist wirklich ein ganz besonderes KILLING-JOKE-Line-Up. Wenn man mit Youth (Bass) spielt, kann man denselben Song immer wieder spielen und er klingt jedes Mal anders. (lacht) Youth ist von Dance-Musik beeinflusst, während es bei Raven eher Rock war. Es ist also ein anderes Gefühl. Das ursprüngliche Gefühl. Ein tolles Gefühl! Wenn es gut läuft, ist es verblüffend.

Anlass der Wiedervereinigung war der Tod eures Bassspielers?

Ja. Der Tod von Paul Raven. Es war eine logische Sache. Es ist nahezu unmöglich, jemanden in KILLING JOKE zu ersetzen. Wir hatten Glück, denn es gab immer zwei Bassisten. Wenn ich mich mit einem entzweit hatte, bin ich zum anderen gegangen und wenn ich mich mit dem gestritten habe, bin ich wieder zum ersten zurück. (lacht) Jetzt haben wir nur noch einen. Wir müssen also miteinander auskommen.

Denkst du, da ihr jetzt erwachsen seid…

Glaubst du wirklich, Jahre machen irgendeinen Unterschied?

Sag du es mir.

Nein, tun sie nicht. (lacht)

KILLING JOKE ist also immer noch eher ein Zusammenschluss von Individuen und weniger von Freunden?

Wir stehen uns als Menschen sehr nahe, aber jeder von uns ist unmöglich. Jeder ist völlig unmöglich! (lacht)

Aber etwas hält euch offensichtlich zusammen. Euer Drummer Paul Ferguson ist wieder Teil der Band, obwohl er seit 1982 nicht mehr mit KILLING JOKE aufgetreten ist.

Es gibt eine Verbindung. Da draußen sind viele technisch gute Schlagzeuger, aber Paul hat ein Gespür für Tribal-Drums, das unersetzlich ist.

Was hat er all die Jahre gemacht?

Er ist Bildhauer. Aber wir wussten die ganze Zeit, dass diese Wiedervereinigung stattfinden würde. Es war unvollendet zwischen uns…

Also hat er im stillen Kämmerlein getrommelt und auf diesen Tag gewartet?

Richtig. Kannst du dir das vorstellen? (lacht) Ich glaube, er hat auch in ein paar Projekten gespielt, aber Kunst war seine treibende Kraft.

Viele der Songs, die ihr heute spielt, habt ihr vor langer Zeit geschrieben…

Wir waren Teenager!

…und jetzt singst du wieder die alten Texte.

Das ergibt alles Sinn. Als wir ’Wardance’ in dieser erstaunlichen Wohnung in London schrieben, waren wir von Prostituierten umgeben. Eine Tür weiter wurde gerade ein Kerl ausgepeitscht.

So kam es zum Rhythmus?

Hehehe, eigentlich nicht. Aber wir waren wirklich dort. Und als wir die folgenden Zeilen schrieben, war es schwer vorstellbar, dass sie fast 30 Jahre später so viel bedeuten würden: „When the food runs out then money talks.“ Wenn man sich anschaut, was in den letzten beiden Jahren passiert ist: Lebensmittelpreise – um 50 Prozent gestiegen. Und die Banken – Geld regiert die Welt. Ja, es ist schon lange her, aber auch, als wären 30 Jahre nie gewesen.

Stimmt es, dass ihr ‘Exorcism’ (“Pandemonium“, 1994) in der Königskammer der Cheops-Pyramide aufgenommen habt?

Ja, haben wir. Wir haben meinen Gesang dort aufgenommen. Es wird bald einen Film über KILLING JOKE geben, wo die Bilder zu sehen sein werden.

Aber wie war das möglich?

Geld kann alles kaufen. Youth hatte auf dem Flug plötzlich die Idee. Wir sind zum Kulturminister gegangen und haben ihm erzählt, dass wir meditieren wollen. 5000 Dollar für zwei Tage. Sie würden uns nie wieder reinlassen! (lacht)

Ihr werdet während dieser Tour in Hollywood auftreten. Als Vorgruppe spielen PIGMY LOVE CIRCUS, bei denen Danny Carey an den Drums sitzt. Kennst du TOOL?

Ich kenne sie sehr gut! Das sind Freunde von mir. Danny hat mal bei KILLING JOKE gespielt. Er ist im ’Democracy’-Video zu sehen.

Oh, Danny hat auf “Democracy“ getrommelt?

Er hat nicht auf dem Album gespielt, aber er ist im Video zu sehen. Er ist ein sehr guter Freund. Sie sind alle gute Freunde von uns.

In Tokio seid ihr bereits gewesen. Das erste Mal?

Wir waren schon oft da. Diesmal waren in der Hotel-Lobby immer ungefähr 40 oder 50 Japaner, die dort den ganzen Tag warteten und Geschenke dabei hatten. Das sind sehr großzügige und fanatische Leute, wenn sie eine Band lieben. Ich habe sogar einen Shinto-Schrein besucht, den Fans zu Ehren Paul Ravens errichtet haben.

TREPONEM PAL, die euch begleiten, waren die letzte Band, mit der Paul Raven aufgenommen hat.

Das waren sie. Aber der Grund für ihre Anwesenheit ist, dass sie uns bezahlt haben.

Das ist ehrlich.

Du willst nicht, dass ich dich belüge, oder?

Ich habe gestaunt, weil sie gestern offenbar volle Sound- und Licht-Unterstützung hatten. Eine Vorgruppe muss bei euch nicht extra leise spielen?

Nein. Nicht wenn sie uns bezahlt.

Hahaha, okay. Wie muss man sich die ersten Proben nach so langer Zeit vorstellen? Hattet ihr Probleme, alte Sound-Effekte zu rekonstruieren?

Nein, weil wir gut vorbereitet waren. Aber man kann sich die ersten Proben anhören. Wir haben sie aufgenommen (“Duende – The Spanish Sessions”).

Da wir gerade von Proben reden: Es gab vor einiger Zeit “Inside Extremities“, die Veröffentlichung alter Songs in verschiedenen Probraum-Versionen sowie eines Konzertes in Bootleg-Qualität. Wozu eigentlich?

Das sind nur zusätzliche Informationen und Details. Weißt du, Sammler sind seltsame Leute. (grinst)

Gestern habe ich am Merchandising-Stand sogar ein bemaltes Kästchen mit Verjüngungscreme („youth painting“) gesehen. Ist das ein Witz?

(grinst noch verschmitzter) Das ist kein Witz.

Hat dafür tatsächlich schon mal jemand die geforderten 100 EUR ausgegeben?

Keine Ahnung.

Wer hat dieses „Painting“ eigentlich hergestellt?

Youth. Es ist eine Malerei von Youth.

Oh, jetzt… Er hat etwas gemalt. Und ich dachte, das Kästchen wäre nur die Verpackung für so eine Art magische Malerei, die man sich auftragen soll, damit die Haut jünger wird.

Also das ist eine gute Idee! (eine halbe Minute Gelächter folgt)

Wie dumm…

(immer noch lachend) Aber deine Idee gefällt mir besser. Davon muss ich ihm erzählen.

KILLING JOKE haben immer verschiedene Einflüsse vermengt. Ihr geltet als eine der einflussreichsten Post-Punk-Bands.

Punk war erledigt. Und wir mochten Punk nicht. Nur die Gitarre. Wir mochten Black Music von Dance-Gruppen. Ich denke eigentlich nicht darüber nach. KILLING JOKE ist unsere Universität, unsere Weiterbildung. Es ist eine Art, unseren Horizont zu erweitern und auch ein Netzwerk, das aus vielen Leuten weltweit besteht. Eine Art zu denken. Ein Lifestyle. Wir sind klein und hinter den Kulissen, aber sehr, sehr einflussreich auf vielen Ebenen. Das ist sehr seltsam. Alle in dieser Band sind vielseitig begabt.

KILLING JOKE waren nie eine Top-of-the-Pops-Band. Andererseits habt ihr viele Musiker geprägt: Industrial-Rocker wie MINISTRY und NINE INCH NAILS, TOOL, METALLICA haben ’The Wait’ gecovert und NIRVANA haben sich für ’Come As You Are’ bei ’Eighties’ bedient. Bist du darauf stolz oder denkst du eher: „Ich wünschte, ich würde heute Abend in einem Stadion auftreten.“

Neeein, nein. Ich wünsche mir nicht, an einem anderen Ort als hier zu sein. Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.

30 Jahre sieht man, wie sich Trends und Mode ständig verändern. Man nimmt eine Platte auf, für die sich zu der Zeit niemand interessiert und zehn Jahre später sagen alle, dass es die verdammt noch mal einflussreichste Scheibe aller Zeiten sei oder so einen Blödsinn. Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht mal gedacht, dass KILLING JOKE so groß wie jetzt werden. Das ist keine besonders kommerzielle Musik und entspricht nicht dem, was ich „populäre Musik“ nennen würde. (lacht)

Sound, Energie und die ganze Ästhetik sind ziemlich einzigartig…

Wir passen in keine Schublade. Es ist wahrscheinlich schwer, eine KILLING-JOKE-Platte im Laden zu finden. Sie steht nicht bei Pop & Rock, nicht bei Hardcore, Heavy Metal und auch nicht bei Punk.

Vielleicht bei Independent?

Da auch nicht. Das ist ein weiteres Problem: Manchmal steht sie nirgendwo! (lacht)

Bedeutet es dir als Künstler trotzdem etwas, wenn euch eine Band wie METALLICA covert?

Sicher tut es das…, wenn ich 60.000 im Jahr bekomme. (lacht)

Tantiemen, verstehe. Die Frage andersrum: Was beeinflusst euch heute als Band oder Personen?

Da müsstest du jeden einzeln befragen. Mich beeinflussen Kunst, Architektur, Lebenserfahrungen. Ich versuche, keine Musik zu hören, sonst wird man auch davon beeinflusst. Deswegen habe ich damit aufgehört.

Ich arbeite die meiste Zeit an klassischer Musik, wenn ich nicht mit KILLING JOKE beschäftigt bin. Das ist mein Job – also eine andere Welt, die nicht interferiert.

Und was ist mit Religion und Okkultismus? In der Vergangenheit waren sie wichtig.

Das sind sie für mich immer noch. Ich gebe dir ein Beispiel: Vor zweieinhalb Jahren war ich sehr krank. Ich trank zu viel und die üblichen Sachen… Ich lebte in Prag. Da ich früher Verbindungen zu okkulten Orden hatte, konnte ich ein Notsignal an einen anderen Orden schicken. Und dieser Orden hat mich wieder gesund gepflegt. Ich habe aufgehört zu trinken und sie haben mich zurück auf den spirituellen Pfad gebracht. Also auch wenn ich mit dem Okkulten aufgehört habe, bin ich immer noch darin verwickelt. Auf einer philosophischen Ebene arbeite ich weiterhin damit. „Okkult“ bedeutet ja nur „verborgen“. Die verborgene Weltgeschichte ist sehr interessant. Das, was geheim gehalten wird und was sie dir nicht erzählen, ist eine andere Geschichte.

Die Welt ist unterteilt in vier Perioden der Menschheit. Jede (lange) Periode oder Welt dauert 104.000 Jahre. (Der Maya-Kalender deckt einen langen Zyklus von insgesamt 104.000 Jahren ab. Kurze Zyklen dauern 26.000 Jahre.) Wir haben vier große Zeitalter durchschritten und sind genau am Ende des vierten. Das erste ist Gold, das nächste Silber, das nächste Bronze. Eisen, Zeitalter der Ignoranz und des Materialismus, ist das, in dem wir jetzt leben. Wir sind 48 Monate entfernt vom Ende dieses riesigen Zyklus. 2012 endet der große Kalender.

Es wird viel darüber debattiert, was geschehen wird. Ob es zum Kataklysmus kommt oder ob es – ganz wörtlich – das Ende der Zeit bedeutet. Das Ende der Zeit, wie wir sie kennen.

Muss man sich diese Orden als eine Art Illuminaten vorstellen?

Die Illuminaten waren eine deutsche Erfindung, die etwas später mit Adam Weishaupt aufkam. Magie dagegen hat sich über viele Stadien hinweg entwickelt. Es fing mit Schamanentum an, entwickelte sich zu Hexerei, von Hexerei zu Hermetik, von Hermetik zu Rosenkreuzertum, von Rosenkreuzertum zu Illuminismus und von Illuminismus zu Chaosmagie. Das letzte Stadium, Chaosmagie, ähnelt sehr der Quantenphysik. Wenn man mit Quantenphysikern spricht, wird einem klar, dass sie in Bildern sprechen, die nur Jungsche Archetypen sind. Strings zum Beispiel. Ein Mystiker oder Okkultist benutzt auch solche Bilder. Sie sprechen dieselbe Sprache.

Es ist also gerade eine interessante Zeit. Wir bewegen uns möglicherweise in eine andere Dimension. Wenn du dir beispielsweise nachts die Sterne anschaust, sind viele dieser Sterne tot. Du siehst nur das Licht aus der Vergangenheit. Das bedeutet, wenn du stirbst, wirst du noch nicht tot sein. Und es bedeutet, dass es multiple Zeitlinien gibt. Wir können zurück in die Vergangenheit gehen, eine neue Zeitlinie erschaffen wie den Ast eines Baumes.

Sind diese Ideen für dich nur Theorien oder beeinflussen sie auch deinen Alltag?

Sicher! Okkultismus hat gewaltigen Einfluss auf mein Leben. Ich denke, wir müssen uns jetzt um Lebensmittelproduktion kümmern. Permakultur statt Monokultur. Wenn man einen Garten hat, sollte man jedes freie Fleckchen nutzen, um Nahrung anzubauen. Ich habe eine Farm in Neuseeland, die viel Arbeit benötigt. Aber wenn ich einen Wunsch habe, dann mein eigene Nahrung anzubauen und zu essen.

Du lebst jetzt in Neuseeland?

Ja, ich habe dort inzwischen meine eigene Insel. Und ich habe die Nationalhymne geändert. (Vor einem Rugby-World-Cup-Spiel war Jaz 1999 daran beteiligt, dass ein Maori-Aktivist die Nationalhymne in der Sprache der Eingeborenen sang, was zu einer öffentlichen Debatte und schließlich der Anerkennung beider Versionen führte.)

Sind auch die Großstädte, in denen ihr spielt, ein Einfluss? KILLING JOKE werden immer stark mit Industrial in Verbindung gebracht.

Stimmt schon, KILLING JOKE würde man vermutlich nicht auf einer einsamen Insel hören. Es ist schwierig zu sagen… Ich benutze keine Computer. Ich benutze kaum Telefone. Ich habe nie E-Mails oder eine SMS verschickt.

Du benutzt keine Computer?

Nein, Geordie (Gitarre) auch nicht.

Das Internet ist doch eine interessante Idee.

Es ist ein interessantes Phänomen, aber die Leute haben aufgehört zu leben. Ihre Köpfe sind die ganze Zeit angeschlossen. Wir schauen Nachrichten, aber sie machen uns kein bisschen glücklicher. Ich muss zensieren, was ich denke. Ich muss meine eigene Propaganda zensieren, denn bestimmte Informationen über diese Welt machen mich einfach nicht glücklich.

Und mir gefällt nicht, dass man die ganze Zeit beobachtet wird, während man sich im Internet bewegt: alles was du magst, nicht magst, deine Ansichten, deine Kommentare, deine Art zu denken. Alles wird analysiert. Heimatschutz, Regierungsbehörden, Konzerne – sie können alles sehen. Man entblößt sich selbst vor allen möglichen Leuten. Ich befürchte, das verletzt meine Privatsphäre.

Da die meisten Leute heutzutage das Internet nutzen, stellt sich allerdings die Frage, wer diese ganzen Informationen auswerten soll. Wie wäre es, wenn alle ihre Privatsphäre bewusst aufgeben und sämtliche Informationen bereitwillig zur Verfügung stellen würden?

Du hast mit den Illuminaten angefangen und kannst Adam Weishaupt für den heutigen Überwachungsstaat danken. Er hat auch geglaubt, wir sollten nichts zu verbergen haben.

Da draußen ist aber schon so viel Privates. Wer soll noch den Überblick behalten?

Du vergisst eine Sache: Es gibt immer einen Idioten! (gluckst) Wer solche Informationen analysiert, ist immer ein Arschloch. Was auch immer wir für eine Vorstellung von einer Neuen Weltordnung und Weltregierung haben – ich glaube nicht, dass es so einfach wird. Hätten wir nur eine Regierung, gäbe es keinen Krieg mehr. Das ist die die nette Idee.

Und die andere wäre eine Art Nazi-Deutschland für die ganze Welt?

Du sagst es. Wir müssen aus der Geschichte lernen und das war eine interessante Zeit. Zum Beispiel wurden viele Nazi-U-Boote im Pazifik von Rockefellers Standard Oil aufgetankt. Die verfluchte Nazi-Partei und der Kommunismus in Russland wurden von denselben Leuten aus Amerika und England finanziert. Und die sind immer noch da.

Business kümmert sich nicht um Staaten.

Hahahaha, und an der Stelle haben KILLING JOKE die Fähigkeit, über den Wahnsinn der Welt zu lachen. Ich denke, das ist sehr wichtig. Ohne Humor sind wir am Ende.

(„Lachen ist die einzige vertretbare Einstellung in einem Universum, das ein Witz ist, der sich selbst erzählt.“ Peter J. Carroll – Mitbegründer der Chaosmagie)

Ted Kaczynski, besser bekannt als Unabomber, hatte die Idee, die industrielle Elite Amerikas zu zerstören. Er wollte die Technisierung der Menschheit überwinden und zur Natur zurückkehren.

Das hätte er einfach tun sollen, anstatt Leute in die Luft zu sprengen!

Wie bist du generell Technologie gegenüber eingestellt? Einerseits benutzt du keine Computer, andererseits wurden KILLING JOKE von Technologie und dem Kalten Krieg inspiriert und ihr spielt elektronisch verstärkt.

Sicher. Aber da habe ich irgendwo aufgehört. Beim Analogen. (lacht) Digital – so weit bin ich nie gekommen.

Du hast sicherlich schon mal Aufzeichnungen von dir gesehen, wenn du auf der Bühne stehst…

Ich habe mich nie auf einer Bühne gesehen.

Du hast dich nie auf DVD oder so gesehen? (schüttelt den Kopf) Aber wahrscheinlich haben dir Leute schon oft erzählt, wie beeindruckend deine Auftritte wirken. Speziell in den 80ern hing dir sogar das Image eines Irren an. Könntest du auch als Schauspieler, zum Beispiel in einem Horror-Film, so auftreten oder ist das etwas, dass mit KILLING JOKE verbunden ist und nur in diesem Zusammenhang funktioniert?

Interessant… (überlegt) Ich schätze, jeder von uns hat eine dunkle Seite und ich versuche diese Seite mit Musik rauszulassen. Aber das ist nicht alles, sondern nur ein Teil von mir. Für mich ist Musik eine Sozialtherapie, damit ich keine Menschen töte. Also benutze ich die Musik, um diesen gestörten Zustand zu erreichen.

Wir haben es vorhin bereits angedeutet: Du hattest immer schon apokalyptische Ideen, richtig?

Und Träume und Visionen, ja.

In den 80ern gab es, soweit ich weiß, einen Zeitpunkt, an dem du dachtest, die Welt würde untergehen. Du bist damals nach Neuseeland gereist und deine Band-Mitglieder sind dir gefolgt.

Zu dem Zeitpunkt hätte es einen Atomkrieg geben können. Wir sind alle wirklich glücklich, immer noch am Leben zu sein. Aber ich fürchte, die Welt, in der wir jetzt leben – mit Jets fliegen, touren – neigt sich dem Ende zu. Wenn wir sieben Fässer Öl verbrauchen, während wir eins ausbuddeln, muss man kein Raketentechniker sein, um zu wissen, was los ist. Und die Banken – das meiste Geld existiert gar nicht. (lacht) Es ist virtuell.

Na, möglicherweise wird bald alles virtuell.

Nur für Narren. Alles verändert sich. Wir sind acht Jahre davon entfernt, Körper zu haben, in die wir unser Bewusstsein downloaden können. Aber ob uns das menschlicher macht, wage ich zu bezweifeln. Gefühle definieren uns als menschliche Wesen. In unseren Emotionen liegt das Glück. Den menschlichen Körper zu vermurksen, wird alles zerstören, was uns emotional ausmacht. Ich schaue also nicht gerne in die Zukunft.

Alle werden wie der verfluchte Marilyn Manson aussehen und Schwänze haben, die sie in ihre eigene Pussy stecken können. Es wird Unisex-Toiletten geben! (lacht)

Vielleicht wird das eine schöne neue Welt.

Ja, vielleicht.

Was hältst du von den 60ern? Damals dachte man, LSD und Co. würden für eine Revolution in den Köpfen sorgen.

Ich hasse Hippies!

Aber was positive Gefühle betrifft…

Ich glaube, die 60er wurden arrangiert. Ein arrangiertes Gesellschafts-Experiment.

Weil die CIA LSD an den Universitäten einführte?

Das ist wahr. In den 60ern sind sehr wichtige Sachen passiert: die Emanzipation der Frauen, die sexuelle Revolution, die Pille. Zur gleichen Zeit war Rhythmus ein Schlüsselfaktor. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass es ein Experiment war, erschaffen im Tavistock und Brookings Institute. Die erste BEATLES-Tour durch Amerika wurde von einer Sozialstudie über junge Leute finanziert. „Popmusik“, „cool“ sind Wörter, die vom Tavistock Institute erfunden wurden. Erzeugt in einer Denkfabrik.

Daher auch deine allgemeine Skepsis gegenüber Pop?

Ich bin etwas zynisch. Popkultur interessiert mich eigentlich nicht. Aber ich bin nur ein Teil von KILLING JOKE. Youth und Geordie haben andere Meinungen.

Wo siehst du KILLING JOKE heute, was ist die Herausforderung?

Die Herausforderung besteht darin, heute Abend Musik zu machen, die wir zum ersten Mal auf einer Bühne spielen und Musik, die wir seit 1982 nicht mehr gespielt haben. Und vielleicht werde ich morgen aufwachen. Weiter denke ich eigentlich nicht. Kannst du dir vorstellen, wie viele Leute wir in den letzten 30 Jahren sterben sahen? Raven war der Jüngste von uns. Und er ging… (schnippt mit dem Finger)

05.02.2009

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