Killing Joke - MMXII

Review

Im Grunde ihres Herzens sind KILLING JOKE eine Band der 80er. Ihr früher post-apokalyptischer Sound war im Wesentlichen von den Auswüchsen des Kalten Kriegs geprägt und wurde genährt von der Angst vor dem großen Knall und der Hoffnung auf ein anderes Leben irgendwo weit weg. Doch trotz der unbestrittenen Klasse eines New Wave/Post Punk-Meisterwerks wie „Night Time“ (mit dem Megahit „Love Like Blood“) stammen die für mich besten Alben der Band aus der Zeit danach. Das ist zum einen die 1994er Scheibe „Pandemonium“ mit seinem damals absolut den Zeitgeist bedienenden Industrial-Sound, besonders aber das selbstbeitelte gelbe Album aus dem Jahr 2003, mit Dave Grohl an den Drums, jener unverwundbare, verneinende Monolith, dem auch heute noch nichts anderes als die Höchstpunktzahl gerecht wird. Die beiden Nachfolger hatten ihre Schwächen vor Allem in der Produktion, die letzte Veröffentlichung „Absolute Dissent“ war aber zumindest songtechnisch mehr als ein Schritt in die richtige Richtung.

Klar, dass das Weltunttergangs-Jahr 2012 ein gefundenes Fressen ist für den exzentrischen Jaz Coleman und seine zornige Herrenrunde, die auch auf dem logisch betitelten „MMXII“ wieder in Originalbesetzung den Ton angibt. Was erneut auffällt, und das schon nach dem ersten Durchlauf: KILLING JOKE sind keine müde Rentnerriege, die sich auf ihrer Vergangenheit ausruht und nur noch das ohnehin vorhandene Nostalgie-Publikum bedient. Ihre Musik wurde im Laufe der Jahre eher noch unbarmherziger, ja, noch metallischer, und das, was die Briten uns 2012 um die Ohren hauen ist keineswegs ein Abklatsch alter Großtaten. Der neunminütige Opener „Pole Shift“ lässt mich zunächst noch mit einigen Fragezeichen zurück, weil diese getragene, schleppende und auf seine Art ziemlich sperrige Nummer kein Einstieg ist, der zu erwarten war. Eine mutige Entscheidung, viele andere Bands hätten einen solchen Song am Ende der Scheibe platziert. Die Nummer wächst zwar mit mehreren Durchläufen, insgesamt bleibt sie aber der einzige Moment des Albums, mit dem man sich ein wenig schwer tut, und der am Ende als kleiner Schwachpunkt ausgemacht werden muss.

Danach kriegen KILLING JOKE aber mit Bravour die Kurve und präsentieren ihrer Hörerschaft eine abwechslungsreiche endzeitliche Abfahrt, die mit Versatzstücken aus verschiedenen Bandphasen vollends überzeugen kann. Die Produktion ist im Vergleich zu den beiden Vorgängern wesentlich verbessert worden, wummt, knallt zischt und peitscht an allen Ecken und Enden und bietet den perfekten Nährboden für die bandtypisch montone Ausrichtung vieler Songs. Die Art und Weise, wie KILLING JOKE ihre Songs schreiben und darbieten, erinnert immer noch an eine beschwörende Zeremonie, besonders dann, wenn es wie bei „Rapture“ oder dem post-punkig anmutenden „Corporate Elect“ eher heftig zugeht. In diesen Augenblicken werden Erinnerungen wach an die so populäre „Pandemonium“-Phase. „In Cythera“ hat einen berauschenden 80er-Vibe zu bieten, Jaz Coleman singt die schwebende Melodie in alter „Love Like Blood“-Stärke und geht auch textlich wieder in die gewohnte Richtung: Dieser Ort ist grausam und deine Existenz hier quält dich jeden Tag – lass uns gemeinsam flüchten, auf eine Insel irgendwo weit weg von hier, und neu beginnen. Der geballten Kapitalismus-Kritik sieht sich der Hörer bei „Glitch“ ausgesetzt, Jaz‘ zweifelnder Anklage, der Feststellung, dass die Menschheit von Tag zu Tag wahnsinniger wird. Das in den Strophen zynisch anmutende „Trance“ ist womöglich das eigentliche Highlight der Scheibe. Kraftvoll, betörend, in der Schnittmenge zwischen freakigem New-Wave-Gestampfe und metallisch beeinflusstem Post-Punk – so gesehen eine absolute KILLING JOKE-Vorzeigenummer. „Fema Camp“ groovt im Midtempo vor sich hin und wartet mit einem der besten Refrains des Albums auf. Und mit „Primobile“ betont die Band auch nochmal ihre melodische Seite.

Die letzten dreieinhalb Minuten gehören „On All Hallow’s Eve“, dem resignierenden, traurigen Ausklang, der seinen Funken Hoffnung aus der Tatsache schöpft, dass sich alles zu wiederholen vermag und es nach dem Ende wohl auch wieder einen Anfang gibt. Stilistisch an unter Anderem „Honour The Fire“ vom Vorgänger anknüpfend ist der Song ein ziemlich optimaler Schlusspunkt.

Abgesehen vom auch nach mehreren Durchläufen immer noch etwas schwer zugänglichen Opener haben KILLING JOKE mit „MMXII“ ihre Stärken gebündelt und zudem in einigen wesentlichen Punkten Boden gut gemacht. Da dem Album ein wenig die gnadenlose Unbarmherzigkeit ihres Meisterwerks von 2003 abgeht, ist es zumindest das beste Album der Band seit einem knappen Jahrzehnt geworden. Und das ist ja durchaus auch schon was.

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18.03.2012

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2 Kommentare zu Killing Joke - MMXII

  1. Matthias sagt:

    Die Scheibe ist mal wieder ein Hammer. Rotiert ab sofort regelmäßig! Nostalgie pur und trotzdem zeitgemäß. KILLING JOKE wissen, wie es geht! Top!

    9/10
  2. Maik hübner sagt:

    definitiv album des jahres.welch ein brachialer sound.freue mich auf das konzert,am 2.05.2012 in berlin