Leningrad Cowboys
Interview mit Pemo Ojala zu "Buena Vodka Social Club"

Interview

Leningrad Cowboys

„Buena Vodka Social Club“, so heißt das neue Album der LENINGRAD COWBOYS, dieser merkwürdigen finnischen (so dachte ich zumindest) Band, deren Mitglieder neben unglaublichen Tollen unglaublich spitze, lange Schuhe zur Schau stellen. „Buena Vodka Social Club“ ist aber nicht nur das neue Album dieser Band, sondern auch ein ziemlich gutes, obendrein das erste mit dem neuen Lead-Sänger Ville Tuomi (der dem einen oder anderen noch von AMORPHIS und KYYRIA ein Begriff sein wird). Kurzum: Ein Interview mit den LENINGRAD COWBOYS musste her… aber ganz so einfach war die Sache dann doch nicht.

Leningrad Cowboys

Nicht, dass Trompeter Pejo Ojala schwer aufzutreiben gewesen wäre… Doch schon die erste Frage („Wie geht’s, was machst de gerade“) beantwortet der Finne (wie gesagt, so dachte ich jedenfalls…) messerscharf und ernst wie ein Nachrichtensprecher: „I’m lazing on a sunday afternoon. Nein, das war ein Zitat von QUEEN. Beunruhigend, das Ganze.“ Offensichtlich, aber nicht zu ändern. Andererseits ist es nicht meine Aufgabe, Pejo nach dem Empfinden auszuquetschen. Man sagt ja eh, dass Finnen (…) in dieser Hinsicht etwas wortkarg seien.

Dann sollte ich es besser mit einem anderen Thema versuchen, mit dem Buena Vodka Social Club. Klar, das neue Album der LENINGRAD COWBOYS heißt so, aber mich würde doch vielmehr interessieren, was es mit dem Club auf sich hat. Außerdem möchte ich von Pemo wissen, ob in den Club jeder aufgenommen wird: „It’s definitely a free bird“, setzt er an, und bevor ich nachhaken kann, korrigiert er seine Aussage: „Nein, das ist LYNYRD SKYNYRD. Ich mache mir Sorgen über mich selbst, ich meinte natürlich „a free club“. Vielleicht ist es auch ein Club, der nur in den Gedanken existiert, dafür aber wo auch immer du dich gerade befindest.“

Könnte sein, Buena Vodka Social Club klingt in meinen Ohren aber sehr viel bodenständiger. Vor allem in Verbindung mit dem Slogan auf der Website der LENINGRAD COWBOYS – dort heißt es „Buena Vodka Social Club: Never drink alone“, was doch gewisse Ähnlichkeiten zur alten Fußballhymne „You never walk alone“ aufweist. Und überhaupt: Was hat Wodka mit Fußball… Pemo ist sofort auf Hundertachtzig und herrscht mich an: „Hör auf mich zu beleidigen!!!“ Und weiter: „You soccer.“ Pff, das hat gesessen. Gut, über Wodka redet man auch nicht, denn dafür ist das Thema viel zu ernst.

Also besser eine andere Sache ansprechen: Ville. Ville Tuomi, der neue Lead-Sänger der LENINGRAD COWBOYS. Was hat den Ausschlag für Ville gegeben – seine goldene Stimme, sein güldenes Haar? Doch auch hier weist mich Pemo zurecht: „Er ist unser ‚led singer‘, nicht ‚lead'“ Noch verstehe ich nicht ganz, was er mir damit sagen möchte, aber bevor ich auch nur den Mund zum Antworten öffnen kann, fährt er fort: „Und das hat nichts mit ‚golden‘ zu tun, wir können uns keine Edelmetalle leisten!“ Okay okay, verstanden. Mit solchen Themen sollte man ganz offen umgehen. Also nutze ich die Gelegenheit, um eine Sache anzusprechen, die mich, ehrlich gesagt, verwirrt: Ville kommt ja aus Finnland, aber die LENINGRAD COWBOYS kommen aus… Leningrad? Nicht? In welcher Sprache kommunizieren denn dann die Bandmitglieder untereinander? „Wir reden nicht viel“, erklärt Pemo, „hauptsächlich in internationaler Gebärdensprache.“ Aha. „Trotz aller gegenteiligen Gerüchte hat Ville einen Vater. Er kommt aus Jakutsk, am Fluss Lena. Deshalb gebrauchen wir manchmal auch die gleichen Wörter, aber ansonsten bevorzugen wir die Stille.“

Gut, dafür ist jetzt aber noch keine Zeit, und kurioserweise löst sich bei der nächsten Frage Pemos Zunge: Der Frage nach der Geschichte der LENINGRAD COWBOYS. Offensichtlich wurde die Band im Jahr 1917 gegründet, und seitdem sind Personen, Ereignisse, Trends und Katastrophen gekommen und wieder gegangen: Elvis Presley, der finnische Präsident Kekkonen, Modern Talking, Boris Jelzin… Was hat den größten Einfluss auf die LENINGRAD COWBOYS ausgeübt? Pemo überlegt einen Moment. Dann sagt er: „Meine Geburt. Es war ein bewölkter Montagmorgen im Jahr 1887, als im kleinen Örtchen Simbirsk der junge Vladimir Ilyich Ulyanov (Lenin) meine Urgroßmutter, die Putzfrau in der Simbirsker Männerturnhalle war, genagelt hat.“ Genagelt. Lenin. Seine Urgroßmutter. Doch Pemos Gedankengang ist noch lange nicht fertig: „1887 war aber auch „Volodyas“ Abschlussjahr, aber meine Urgroßmutter wurde nicht zu Wodka und Kuchen eingeladen. Diese Blutlinie ist der Ursprung für den Spirit und den Sound der Band, also ist das definitiv die einflussreichste Sache.“ Ja, aber – versuche ich zu erwidern – die Band existiert doch erst seit 1917… „Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1887, ‚you soccer‘, hast du nicht genau hingehört?!“ Doch schon, gebe ich klein bei. Schnell das Thema wechseln, bevor er mich noch einmal so anschnauzt.

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Doch jetzt trete ich erst recht in ein Wespennest: „I Kill The Dog“, einer der neuen Songs auf dem Album, ist lateinamerikanisch-beschwingt und von mexikanischer Musik beeinflusst. Schöner Song, aber da mir der Tierschutz sehr am Herzen liegt, möchte ich wissen, ob der Hund den Song überlebt hat… doch manche Dinge sollte man besser unausgesprochen lassen: „Warst Du jemals in Mexiko?“, tönt es mir entgegen, „um zu überleben, mussten wir den Hund aufessen!“ Schluck. Ich kann mir gerade eine kleine Träne verkneifen, als mir die neuen Promofotos der LENINGRAD COWBOYS vor die Augen kommen. Die Band hat sich in (neue) Schale geworfen und trägt jetzt toreroartige Kostüme. Bevor ich groß darüber nachdenke, habe ich Pemo auch schon die Frage gestellt, ob er und seine Bandkollegen auch an Stierkämpfen teilnehmen. Und ob das nicht unpraktisch sei, mit den langen Tollen und den spitzen Schuhen? Pemo erwidert: „Tatsächlich scheinen sich die Bullen von uns angezogen zu fühlen, auch wenn wir nur ein Horn haben. ‚This must be love‘, wie mein guter Freund Phil Collins einst zu sagen pflegte.“

Phil Collins? Plötzlich muss ich an Thomas Anders und MODERN TALKING denken, und nur einen Moment weiter geht mir deren Ohrenquäler „You’re My Heart, You’re My Soul“ durch den Kopf, den die LENINGRAD COWBOYS 2006 mal gecovert haben – übrigens genauso wie Engelbert, Guildo Horn und die Schlümpfe zuvor. Ich nehme allen Mut zusammen und frage Pemo, welche Version er denn davon am besten findet?! „Wir dachten, das wäre unser Song. Wir haben nicht solch einen Plattentellerapparat, weswegen wir niemals irgendetwas hören.“

Vielleicht sehen sie ja irgendwas? Zum Beispiel den neuen Film des mit ihnen befreundeten Filmemachers Aki Kaurismäki, „Le Havre“, der in unserem merkwürdigen Nachbarland Frankreich spielt!? Ehrlich gesagt habe ich die LENINGRAD COWBOYS in diesem Film vermisst, trotz der Performance von Little Bob. Ob man denn demnächst mit einer Zusammenarbeit zwischen Bob und den COWBOYS rechnen könne, will ich wissen, doch Pemo gibt sich finnisch-wortkarg: „Ja.“

Höchste Zeit, sich für das Interview zu bedanken. Immerhin ist es über die Plauderei schon spät geworden. Vielleicht sieht man sich ja mal im wiedereröffneten Bolschoi-Theater in Moskau… ein letztes Mal tönt Pemos Stimme durch den Äther: „Yes.“ Dann ist Stille. Pemo hat sich verabschiedet, jedenfalls ist er nicht mehr zu hören. Höchste Zeit für einen Wodka, jetzt, wo man Clubmitglied ist. Irgendwie.

Galerie mit 33 Bildern: Leningrad Cowboys - Rock Of Ages 2013
03.12.2011

- Dreaming in Red -

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