Porcupine Tree
Interview mit Steven Wilson zu Porcupine Tree

Interview

Mit ihrem aktuellen Album “The Incident“ im Gepäck waren die britischen Prog Rocker von PORCUPINE TREE kürzlich auch in Deutschland unterwegs. Vor dem Konzert in München am 28. November 2009 stellten wir Mastermind Steven Wilson, der sich als äußerst sympathischer und intelligenter Gesprächspartner erwies, ein paar Fragen. Das Resultat ist ein ziemlich ausführliches und aufschlussreiches Interview, aber lest selbst…

Porcupine Tree

Kannst du mehr über das Konzept hinter ”The Incident“ erzählen? Wie kamst du darauf?

Nun, das erste, was man über “The Incident“ wissen sollte, ist, dass es hauptsächlich ein musikalisches Konzept war. Ich wollte eine Art musikalische Reise erschaffen, eine Art Suite. Und das kam wirklich, bevor ich irgendeine Idee hatte, worüber ich schreiben wollte – also schrieb ich die Musik zuerst und hatte dieses lange Musikstück.
Dann, als ich zu etwa zwei Dritteln fertig war, fuhr ich eines Abends vom Studio nach Hause und sah ein Schild auf der Straße, auf dem stand “Police – Incident“ (Anm.: “Incident“ = Vorfall, Störung, Ereignis) und der Verkehr stockte. Und an diesem Tag habe ich angefangen, darüber nachzudenken, was dieses Wort “Vorfall“ bedeutet – dieses Wort ist eines, das überhaupt nichts aussagt; nur, dass irgendetwas passiert ist. Ich dachte über diesen speziellen “Vorfall“ nach, war ein Verkehrsschild umgefallen oder sowas? Als ich weiterfuhr, erkannte ich, dass der “Vorfall“ dieser sehr ernstzunehmende, vermutlich tödliche Verkehrsunfall war. Mir wurde klar, dass es diese Art Sprache gibt, die sich auf sehr schlimme und traumatische Dinge beziehen kann und es ist, als wäre die Sprache ein Mittel, uns von dem Grauen zu distanzieren. Und ich bemerkte, wie oft in den Nachrichten Wörter wie “Vorfall“ benutzt werden…
Es ist fast so, als würde man die Zuschauer von der Notwendigkeit entbinden, irgendeine emotionale Bindung zu verspüren. Wenn man etwas wie eine Kindesentführung oder einen Mord oder ein Erdbeben als “Vorfall“ bezeichnet, drückt man etwas sehr Schlimmes auf eine sehr losgelöste, emotionslose Art aus. Die Medien „rahmen“ diese furchtbaren Dinge auf eine Weise ein, die es uns ermöglicht, nichts zu fühlen. So wurde dies eine Art lyrischer „roter Faden“ für mich.

Würdest du also sagen, dass es symptomatisch für die heutige Gesellschaft ist, Dinge durch Ent-Emotionalisierung zu entfremden?

Ich denke schon… Es ist eine Art Produkt der Tatsache, dass wir heutzutage über alles, was in der Welt abläuft, so genau Bescheid wissen. Wenn du beispielsweise 50 Jahre zurückdenkst, da wusste man nicht wirklich so genau, was im Nahen Osten oder in Amerika passiert. Aber weil die Welt so klein geworden ist (wegen des Internets und der Medien), sind wir uns irgendwie die ganze Zeit all dessen bewusst, was vor sich geht und man wird sehr leicht niedergeschlagen, weil ständig etwas Schlimmes passiert; immer leidet irgendjemand. Daher denke ich, dass es notwendig für den Menschen ist, sich zu desensibilisieren, denn wenn man in alles Schlechte in der Welt emotional involviert wäre, wäre man die ganze Zeit einfach nur deprimiert, weißt du, weil es so deprimierend ist! Dass wir uns von gewissen Dingen emotional distanzieren müssen, hat, denke ich, etwas mit der grundlegenden menschlichen Natur zu tun, mit der Psychologie des Menschen…
Gleichzeitig ist da irgendwas seltsam dran, wenn wir alle total emotional berührt vom Tod von z.B. Michael Jackson sein können – ein einziger Popstar! Wir können alle so sehr berührt sein, wenn dieser eine Popstar gestorben ist – und doch sind wir fähig uns komplett zu distanzieren, wenn 5000 Leute bei einem Erdbeben in Indien sterben. Daran ist etwas falsch… Ich meine, ich verstehe, warum das passiert – Michael Jackson ist jemand, den wir alle irgendwie “kennen“, in gewisser Weise ist er “Teil des Geschehens“ und wenn er nicht mehr da ist, fühlt es sich seltsam an; wohingegen wir keinerlei persönliche Verbindung zu 5000 Leuten in Indien haben. Aber das macht es nicht richtiger. Wenn eine Berühmtheit stirbt, fühlen wir es. Aber wenn irgendwelche 5000 Leute in Indien sterben, fühlen wir nichts. Das ist nicht richtig.

Ich werde später nochmal auf diesen Punkt zurückkommen – jetzt würde ich gerne wissen, wieso die erste CD von “The Incident“ als nur ein 55 Minuten langer Song konzipiert ist und nicht als 14 einzelne Songs?

Ich wollte mir selbst eine Herausforderung auferlegen… und ich wollte etwas machen, das ziemlich anders ist als das, was wir davor gemacht haben. Heißt, anstatt hinzugehen und zehn Songs zu schreiben und sie in eine nette Reihenfolge zu bringen, sagte ich mir “Es wäre doch interessant, ein Album so zu schreiben, wie man einen Roman schreiben würde“ – Wenn du einen Roman schreibst, würdest du nicht mit Kapitel 6 anfangen und dann Kapitel 13 schreiben und dann Kapitel 2 schreiben etc. Man schreibt ein Buch in einer linearen Art und Weise vom Anfang zum Ende, und man erlaubt der Story und den Charakteren, sich zu entwickeln. Die Tatsache, dass es immer noch in 14 Songs oder 14 Kapitel aufgeteilt ist, ist gewissermaßen irrelevant…
Ich habe es erst ganz am Ende aufgeteilt, mehr im Sinne der Bequemlichkeit, aber eigentlich wurde es vom Anfang zum Ende geschrieben, und jeder Teil der Suite hat sich auf natürliche Weise aus den vorigen entwickelt. Jedes Mal, wenn ich aus dem Studio ging und mein bisheriges Material anhörte, sagte ich mir “Okay, was kommt als nächstes im Roman, was kommt als nächstes in der Story?“. Das ist eine sehr andere Art für mich, Musik zu schreiben. Ich denke, dass es der Musik ein anderes Gefühl gab, eine andere Art der Komplexität.

Was habt ihr außerdem im Vergleich zu früheren Alben anders gemacht? Gab es noch andere Schwerpunkte?

Die Leute haben mir gesagt, dass dieses Album weniger nach Metal klingt, dass es einen “klassischeren“ Sound hat. Ich denke, das stimmt vermutlich, aber wir haben das nicht absichtlich gemacht. Als Musiker oder Künstler wird man sehr stark von seinem “Input“ inspiriert. Damit meine ich, dass wenn du offen bist für die Erfahrungen, die du mit deinem Leben, deiner Familie und deinen Freunden machst; wenn du herumreist und neue Leute triffst, neue Musik hörst, Filme siehst, Bücher liest … dann hat das natürlicherweise einen Effekt auf den Output. Also die Antwort auf die Frage ist wohl, dass es weniger “heavy“ ist und der Grund dafür ist, dass ich zu der Zeit nicht wirklich viel Metal gehört habe und dass mich aus diesem Genre nicht so viel beeinflusst hat.

Im Vergleich zu z.B. “Fear Of A Blank Planet“ herrscht auf “The Incident“ im Gesamten eine positivere Stimmung bzw. ein Wechsel aus melancholischen und positiven Momenten. Woran liegt das, denn das Konzept klingt ja eher bedrückend?

Ist es auch! Und ich denke, es ist immer noch viel Negatives, naja, nicht Negatives, aber es ist immer noch viel Melancholie da. “Fear Of A Blank Planet“ war aufgrund seines Konzeptes ein sehr wütendes Album, ich glaube, die Musik und auch die Texte haben das wiedergespiegelt.
Dieses Album hat ein eher abstrakteres Konzept, das mich dazu gebracht hat, über “Vorfälle“ oder Wendepunkte in meinem eigenen Leben nachzudenken; Dinge, die mir passiert sind – sowohl positiv als auch negativ -, die mein Leben irgendwie verändert haben. Beispielsweise gibt es in der Mitte des Albums diesen sehr positiven, irgendwie sentimentalen Song “Time Flies“, der einfach nur von meiner Kindheit handelt, vom Erwachsenwerden.. Und er hat diese romantische, sentimentale Stimmung, weil es darum geht, naiv und unschuldig und neugierig und jung zu sein… und nichts von diesem Druck zu haben, den wir als Erwachsene haben. Wenn du ein Kind bist, weißt du das Kindsein nicht wirklich zu schätzen. Als ich Kind war, konnte ich es kaum erwarten, erwachsen zu sein. Jetzt bin ich erwachsen und fühle mich ziemlich sentimental, wenn ich an diese Zeit denke, in der ich keinen Stress hatte, keinen Druck, keine Verantwortung… also habe ich einen eben sehr sentimentalen Song drüber geschrieben, ich schreibe nicht allzu viele davon. Es gibt immer noch genügend Elend und Melancholie und Negatives im restlichen Album (lacht).

Würdest du PORCUPINE TREE als eine gesellschaftskritische Band bezeichnen?

Ich glaube, wenn man sich irgendwie Gedanken über die Menschheit macht, dann ist es unmöglich, nicht kritisch zu sein und sich nicht irgendwie zynisch zu fühlen. Es ist zwar sehr einfach, sich davon zu distanzieren und Partymusik zu schreiben, okay, viele Leute machen das, aber das ist nicht die Welt, in der ich lebe – das ist nicht die Welt, in der du lebst. Es ist sehr schwer, die Nachrichten zu gucken oder die Zeitung zu lesen und kein Gefühl zu haben, dass die Dinge nicht richtig laufen. Doch das letzte, was ich sein will, ist jemand, der zu seinem Publikum predigt, „So sollt ihr denken, so sollt ihr wählen“ – Ich mag sowas nicht. Ich mag Leute wie Bruce Springsteen nicht, die sagen “Wähle Republikaner, wähle Demokraten, denk dieses, denk jenes, glaub an Gott“ usw. Aber als Musiker halte ich es für wichtig, dass man ehrlich zu seinen Gefühlen ist; dass man einen Spiegel hochhält und seinen Hörern sagt “So sehe ich die Dinge, so fühle ich mich, das fällt mir auf. Erkennt ihr euch selbst in diesem Spiegel?“
– Wenn sie es nicht tun, ist das okay, sie können immer noch die Musik genießen. Aber wenn sie es tun, können sie sich mit den Texten beschäftigen und finden dort meine Meinung. Dennoch finde ich nicht, dass ich den Hörern meine Ansichten auf Teufel komm raus reinwürgen sollte, und ich hoffe, dass es nicht so rüberkommt; ich will kein Prediger sein. Aber wenn man sich mit den Texten beschäftigen will, bekommt man einen starken Eindruck von meinen Gefühlen und Meinungen; von Politik über Religion bis hin zu Liebe.

Glaubst du, dass ihr die Menschen zum Denken anregen könnt oder schafft Musik das heutzutage nicht mehr?

Doch, ich denke schon, und das meine ich! Ich glaube wirklich nicht, dass die Leute, die PORCUPINE TREE hören, sie auf passive Art und Weise hören. Es gibt viel Musik, die man so hören kann; ich sage nicht, dass das alles schlechte Musik ist, aber es ist mehr für den Hintergrund bestimmt. PORCUPINE TREE erfordert schon musikalisch ein bisschen mehr Konzentration als ein Durchschnitts-Popsong, weil die Musik relativ fordernd ist. Und das ist einer der Gründe, warum PORCUPINE TREE niemals eine Mainstream-Band sein wird – denn manchmal ist es schwer, Leute dazu zu bringen, sich auf Musik zu konzentrieren. Besonders in dieser Zeit, in der vor allem junge Leute so viele Ablenkungsmöglichkeiten haben: E-Mail, iPod, Handys, Internet, Computerspiele… Sie dazu zu bringen, sich hinzusetzen und ein 55-minütiges Musikstück von Anfang bis Ende zu hören und sich mit den Texten zu beschäftigen.. das ist schwer. Aber ich denke, dass unsere Fanbase eher bereit dazu ist, allgemein gesprochen. Ich schreibe keine Texte, um ignoriert zu werden – ich erwarte, dass sich die Leute damit beschäftigen.

Ihr seid mittlerweile ja eine ziemlich bekannte Band. Einer der Songs auf “The Incident“ heißt “Great Expectations“ – inwiefern lasteten diese auch auf euch und wie seid ihr damit umgegangen?

Hm. Vor langer Zeit, ganz am Anfang meiner Karriere, machte ich Musik, die – in diesem Fall – der Plattenfirma gefallen sollte, weil sie mir sagten “Das können wir verkaufen, das wollen die Leute“. Das hat mich wirklich physisch krank gemacht, denn das ist nicht der Grund, weswegen ich zur Musik fand. Ich fand zur Musik, weil ich mich in Musik verliebte, und dachte, sie sei etwas Magisches. Aber ich war bereit, alles zu tun, was von mir verlangt wurde, nur um weiterhin Alben machen zu können. Also habe ich meine Ideale irgendwie geopfert. Trotzdem war es eine wichtige Lektion, weil ich erkannt habe, dass das nicht ich war; dass ich das so nicht konnte. Da war irgendwas in mir, das anfing zu rebellieren, wenn ich versuchte, Musik aus anderen Gründen zu machen als aus eigennützigen.
Und das ist für mich die Definition eines Künstlers im Vergleich zu einem Entertainer. Letzterer betrachtet die Marktsituation, findet heraus, was die Leute wollen und gibt es ihnen. Ein Künstler ist jemand, der wirklich nur das machen kann, was von innen kommt. Es muss von innen kommen. Wenn andere seine Musik mögen, ist das toll; aber das ist nicht die treibende Kraft, das ist nicht die Motivation. Ich glaube, ich habe wirklich Glück, denn genug Leute mögen meine Musik, dass ich davon leben kann. Wenn das aber nicht der Fall wäre, würde ich trotzdem dieselbe Musik machen.

Zuvor sagtest du, dass es für junge Leute vielleicht schwer ist, einen 55 Minuten langen Song anzuhören. Auf Tour spielt ihr diesen am Stück durch – wie waren die Reaktionen der Fans bisher so?

Sehr gut! Ich denke, man unterschätzt die Geduld und Aufmerksamkeit der Leute leicht… auch die von Jugendlichen – ich will sie nicht von vorneherein aussortieren. Die Sache mit den Jugendlichen ist, dass sie in eine Generation hineingeboren wurden, die an Dinge wie Computer und Handys und iPods und diesen Kram gewohnt ist. Aber, wenn man das alles wegnimmt, und sie zu einem Konzert kommen -okay, du siehst trotzdem Leute im Publikum mit ihren Handys und so (lacht)-, für das sie Geld bezahlt haben, dann sind sie bereit, irgendwie mit dir mitzugehen. Und wenn du sagst “Okay, wir spielen jetzt einen 55 Minuten langen Song, ohne Unterbrechung“ – dann hören die Leute zu! Sie konzentrieren sich und nehmen es in sich auf. Man unterschätzt sein Publikum sehr leicht – wir machen das nicht; wir fordern sie heraus und bis jetzt war es fantastisch.

Du hast ja noch andere Bands und Projekte, wie schaffst du das eigentlich? Hast du überhaupt Freizeit?

Nicht viel… ich habe so viele Bands, weil ich so viele unterschiedliche Musikrichtungen mag. Es ist einfach nicht möglich, alle meine Interessen in einer Band unterzubringen. PORCUPINE TREE ist meine bekannteste Band, aber das war nie so geplant. Sie sind nur eine Seite meiner musikalischen Persönlichkeit und um mich auszudrücken, brauche ich diese ganzen verschiedenen Projekte. Wenn ich nicht alle diese Aspekte meiner musikalischen Persönlichkeit ausdrücken könnte, wäre ich wohl frustriert.
Wie ich die Zeit finde.. naja, ich habe keine Familie; ich glaube, viele Leute werden abgelenkt, wenn sie Kinder haben, das frisst eine Menge ihrer Zeit. Ich habe fast hundert Prozent meiner Zeit verfügbar, um Musik zu machen.

Brauchst du nicht manchmal eine Auszeit von der Musik?

Doch. Ich versuche auch, mir eine Auszeit zu nehmen und fahre in den Urlaub… und nach ca. drei Tagen werde ich unruhig, weißt du, und mein Gehirn schaltet sich wieder ein.. Ich denke, Musik als Beruf machen zu können, ist solch ein Privileg, solch eine Ehre – ich weiß, dass Millionen Leute dort draußen das auch gerne tun würden -, dass es sich wie eine Beleidigung all dieser Leute anfühlt, nicht das meiste daraus zu machen.
Und so ist es fast wie ein Zwang, Musik zu machen; und ich fühle mich schuldig, wenn ich länger als drei Tage am Stück ausspanne. Wirklich, dieses Schuldgefühl kriecht meinen Nacken hoch “Oh Mist, ich muss zurück und Musik machen“ – es ist eine Art Krankheit, ich weiß das, aber es ist eine schöne Krankheit. Wenn man eine Krankheit haben muss, ist es nicht die Schlechteste, ein Musik-Workaholic zu sein (lacht).

Was glaubst du, wie lange du das noch so weitermachen wirst? Hast du Angst, dass deine Kreativität irgendwann nachlassen könnte?

Absolut. Ich glaube, davor hat jeder Angst…jeder, den ich bisher getroffen habe, der irgendeine Art von Kunst macht, hat diese ständige Paranoia: Eines Tages geht man zum Klavier, zur Kamera oder zum Papier – und da ist nichts. Es ist eine ständige Furcht, aber bis jetzt hat sie sich für mich persönlich als falsch herausgestellt und ich glaube, solange man offen ist für Inspiration durch das Leben, durch Musik, andere Kunst… solange wird immer etwas da sein.
Meiner Erfahrung nach kommt sowas meistens, wenn die Leute durch andere Dinge wie Kinder, Familie etc. abgelenkt werden – nicht, dass daran irgendwas falsch ist, aber… Ich denke, besonders wenn Musiker Familien gründen, fangen sie an, das Musikmachen schwerer zu finden, weil sie einfach die ganze Zeit andere Dinge im Kopf haben.

Opferst du also eine mögliche Familie für die Musik?

Ja, aber das ist meine freie Entscheidung. Manchmal ist es schwer, nicht den Druck zu verspüren, das “normale Ding“ zu machen, d.h. eine Familie und Kinder zu haben.. aber, das interessiert mich nicht wirklich. Weißt du, ich muss mir selbst gegenüber ehrlich sein und ich habe nicht diesen Drang dazu. Jahrelang dachte ich “Vielleicht ist da was falsch mit mir“, aber ich habe eine Menge Leute getroffen, die genauso fühlen; wir sind wie eine wachsende “Heerschar“. Ich glaube wirklich nicht, dass das so ungewöhnlich ist und dass man mir das Gefühl geben sollte, ich sei irgendwie “abnormal“, nur weil ich keine Kinder will.
Leute mit Familien können oft nicht verstehen, warum nicht jeder so denkt wie sie. Ich habe aber oft genug in mich hineingeschaut und vielleicht bin ich kaputt oder sowas… aber ich habe diesen Drang einfach nicht. Und da sind viele andere, die ihn auch nicht haben. Vielleicht eine Art “moderne Krankheit“… die Menschheit entwickelt sich, und es gibt Leute, die nicht das Bedürfnis haben, sie fortzusetzen. Aber, weißt du, wir sehen uns um und sehen Millionen an Leuten, die sich vermehren; also denken wir “Naja, fuck, es gibt ohnehin schon genug Menschen in der Welt“. Und, ohne angeberisch klingen zu wollen, meine Kinder, oder meine Hinterlassenschaft, ist meine Musik – und die wird weiterleben.

Absolut! Wir haben vorhin über junge Leute gesprochen… Warum ist eure Musik auch interessant für Jugendliche?

Das Internet hat es irgendwie bewiesen – wenn man die ganze Schicht weglässt, die traditionellerweise zwischen Musik und ihren Hörern ist, d.h. die Plattenfirmen, die Marketingleute, MTV, Werbung, Radio… wenn man also eine direkte Verbindung zwischen der Musik und ihren potentiellen Hörern hat, versteht man, dass Jugendliche genauso bereit sind, experimentellere oder anspruchsvollere Musik zu hören. Jugendliche haben nichts an sich, das sagt, dass sie nur “einfache“ Musik hören können… als ich elf oder zwölf Jahre alt war, hab ich mich mit allem von BLACK SABBATH über FRANK ZAPPA über ABBA hin zu PINK FLOYD beschäftigt, und ich mochte alles – und es war ziemlich anspruchsvolle Musik. Es ist meiner Meinung nach jetzt das Gleiche, wir sind alle an diese Vorstellung gewöhnt, dass Jugendliche Britney Spears oder Robbie Williams hören wollen – das ist nicht wahr!
Das Problem ist, dass Plattenfirmen seit sehr langer Zeit nur bestimmte Musik an bestimmte Altersgruppen vermarkten. Und so haben sie festgelegt “Oh, diese Altersgruppe wird nur Emo-Musik hören, und nur Alt-Hippies hören Progressive Rock“, was überhaupt nicht stimmt. Viele junge Leute kommen zu unseren Konzerten, vermutlich ist viel darauf zurückzuführen, dass das Internet ihnen ermöglicht hat, unsere Musik zu hören, die sie niemals im Radio hören oder auf MTV sehen könnten. Das Internet war teilweise wirklich befreiend für Musik, glaube ich.

Ich bin ja auch eine von diesen jungen Leuten – ist es komisch, dass solche Leute deine Musik “bewerten“?

Nein, gar nicht, denn als ich in deinem Alter war, liebte ich ebenfalls solche Musik; ich meine damit “denkende“ und anspruchsvolle Musik, die Konzentration erfordert.. ja, daher überrascht mich das überhaupt nicht.

Aber vielleicht haben wir junge Rezensenten nicht genug “Erfahrung“?

Achso, du meinst, dass ihr keinen Kontext habt? Das stimmt vielleicht, aber ihr habt eure eigene Perspektive! Es ist ziemlich interessant, du schreibst ja für ein Metal-Magazin, ich mache heutzutage viele Interviews für Metal-Magazine. Und viele Leute, die für sie schreiben, sind recht jung, und sie haben nicht unbedingt den musikalischen Kontext, den ich habe. Sie kennen sich beispielsweise nicht so gut mit den Prog Rock-Bands der Siebziger aus, aber sie kennen Bands wie TOOL oder OPETH oder THE MARS VOLTA und eben zeitgenössischere Formen anspruchsvoller Musik. Also haben sie irgendwie ihre eigene Perspektive, was auch wichtig ist, denn wenn ich will, dass meine Musik ein jüngeres Publikum erreicht, ist es schlecht, wenn die Rezensenten über Bands schreiben, die die Leser nicht kennen. Manchmal werden wir mit Bands verglichen, von denen ich noch nie gehört habe! Und dann höre ich sie mir an und sage “Ahja, ich verstehe den Vergleich“. Ja, und es ist irgendwie an Leuten wie dir, unsere Musik in einem eigenen Kontext der jüngeren Generation nahezubringen, weil ich das nicht tun kann.

Du hast OPETH erwähnt.. ich habe da was über eine Zusammenarbeit mit Mikael ?kerfeldt gehört, gibt es da Neues?

Nicht wirklich, weil es noch nichtmal angefangen hat. Wir sprechen bei jedem Treffen darüber; und vor ein paar Wochen am Telefon sagte ich “Du solltest Anfang nächsten Jahres mal rüberkommen“ … Das Problem ist immer das Timing, wenn er Zeit hat, bin ich unterwegs und umgekehrt. Aber, ich denke, irgendwas wird passieren, ich weiß nur noch nicht, was genau und wann.

Ja, das wäre cool, da es viele Leute gibt, die PORCUPINE TREE und OPETH mögen…

Ich weiß… und wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es sehr hohe Erwartungen gäbe. Die Leute denken wohl, es wird OPETH plus PORCUPINE TREE und es wird zweimal so gut wie OPETH und zweimal so gut wie PORCUPINE TREE…ich glaube, es wäre nichtmal in dem Stil gehalten, den die Leute erwarten, da wir beide viel andere Musik mögen. Das könnte die Leute enttäuschen, die eine Art Progressive Metal Superband erwarten. Diese hohen Erwartungen machen uns etwas paranoid, aber wir machen das schon.

Okay, letzte Frage – du hast ja zeitweise in Israel gelebt, nicht wahr?

Genau, wegen BLACKFIELD und der Zusammenarbeit mit israelischen Musikern.. und es war toll! Ich hatte eine schöne Zeit dort und es ist ein wundervolles Land. Ich fahre immer noch hin, so oft es geht. Ich habe dort mehr Freunde als in England, was …seltsam ist.

Hattest du keine Angst vor den Anschlägen etc.?

Ich habe nie etwas davon gesehen! Wenn man den Fernseher anmacht… ich glaube, der Kreis schließt sich hier, weil wir zum ersten Punkt zurückkommen, über den wir gesprochen haben, die Medien und wie sie die Dinge darstellen.
Wenn man also CNN anschaltet, ist es verzeihlich, dass viele denken, Israel sei wie ein Kriegsgebiet. Aber dem ist nicht so! Ich habe in Tel Aviv, der Hauptstadt, gelebt, dort gehen die meisten jungen Leute hin. Es ist eine sehr jugendliche und kultivierte Stadt, da gibt es keine religiösen Fanatiker, die gehen eher nach Bethlehem o.ä. Es gab in den letzten acht oder neun Jahren ein paar Selbstmordattentate, eben auch in Tel Aviv. Und das war’s! Es gab mehr Bomben in London als in Tel Aviv. Aber, klar, der Nahe Osten und der ganze Palästinenser-Israeliten-Friedensprozess sind so ein großes Thema in den Nachrichten, und daher kommt dann dieser Eindruck. Naja, das war deine letzte Frage.

Vielen Dank für das Interview!

Gern geschehen und viel Spaß auf dem Konzert heute Abend!

27.12.2009

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