Welle:Erdball
Welle:Erdball

Interview

WELLE: ERDBALL gehören ganz klar zu den besten NDW/Minimal-Elektro-Bands in Deutschland. Nach "Chaos Total" brannten mir einige Fragen unter den Nägeln und so versuchte ich meine Neugier durch ein Gespräch mit Mastermind Honey zu befriedigen. Dies gelang mir nur bedingt, denn der Sänger zeigte sich etwas unkonzentriert, abschweifend und sehr plakativ, aber dennoch bemüht, die von mir verwendete neue Rechtschreibung akribisch durch die alte zu ersetzen.

Welle:ErdballGuten Tag! Euer neues Album ist draußen, fühlt man sich da nicht ein bißchen wie nach einer Geburt?

(Keine Antwort – Anm.d.Verf.)

„Chaos Total“ heißt das gute Stück – warum ein solch dehnbarer, um nicht zu sagen nichtssagender Begriff als Titel?

Dehnbar aus dem Grund, da wir uns mit unseren letzten Sendungen durch den Titel (z.B. „Die Wunderwelt der Technik“) immer zu starke Grenzen gesetzt haben. Hier ist „Chaos Total“ schon ein recht allgemeineres Programm.
Nichtssagend vielleicht nur für Menschen, die mit Fraktalen, Chaos-Theorien, der Welten-Zahl oder Apfelmännchen und Mandelbrot nichts anfangen können. Denn wir beziehen uns in erster Linie auf das mathematische Chaos und die damit verbundene Suche nach der Welten-Zahl.

Einige Songs der Platte sind besonders hervorstehend – nicht nur wegen der musikalischen Qualität, sondern schon allein wegen ihrem Titel. So zum Beispiel „Das Alpha-Tier“ und „Hoch Die Fahnen“ – provokant, zweideutig, typisch WELLE: ERDBALL. Warum seid ihr bei Politik so subtil? Warum sagt ihr nicht einfach frei heraus, was ihr denkt?

Wir sehen uns nicht nur als imaginärer Radiosender, sondern arbeiten auch genau so…
So steht eine objektive Informationsgebung auch im Vordergrund. Wir wollen zwar Inhalte vermitteln, aber dem Hörer auch keine Meinung aufdrängen. Die hat er sich schon selbst zu bilden. Doch Denkanstöße und neue Sichtweisen der Dinge sind uns sehr wichtig.

Manche könnten euch aufgrund dieser Titel dem falschen politischen Lager zurechnen. Werdet ihr häufig mißverstanden? Wollt ihr es gar?

Ein wenig Provokation hat noch keiner Information geschadet. Eher im Gegenteil, durch sie ist eine viel schnellere Verbindung zum Hörer gewährleistet.
Doch ist WELLE: ERDBALL hochpolitisch, nur vielleicht nicht in dem Sinne wie es der Pöbel versteht. Wir hängen nicht an alten Systemen, sondern sympathisieren mit unserer eigenen, neuen Politik.

Ihr scheint sehr retrospektiv, und gefeit gegen jede „Weiterentwicklung“ zu sein – das schätze ich sehr an eurer Musik. Müßt ihr euch selbst eigentlich dazu zwingen, eurer Linie treu zu bleiben und keinerlei Experimente zu machen?

Naja, es ist zwar nicht alles gut, was alt ist, doch in Hinsicht auf Service, Qualität und Effizienz wird wohl kaum noch etwas besser werden, in einem System welches auf der Ausbeutung des Konsumenten basiert. Perfekte Produkte wie den VW-Käfer, Super 8, Das Telephon W-38 oder den Commodore C=64 wird es wohl in der Zukunft kein zweites Mal geben.
Fakt ist, daß das beste Medium oder Werkzeug, welches man benutzt (egal wofür), immer das ist, womit man sich am besten auskennt und es wirklich beherrscht. Erst dann kann man seine Visionen und Ideen eins zu eins umsetzen.
Zu dieser Linientreue brauchen wir uns zum Glück nicht zwingen, denn in unseren „alten“ Computern steckt noch genügend Potential, vielleicht genau das, was die Menschheit nah den 80ern nicht erkannt hat…
Und genau hier setzen wir wieder an!

Ok, lass uns etwas tiefer in eurer Werk eindringen. In dem Song „Der Telegraph“ kann man Morsecode hören – welche Botschaft verbirgt sich dahinter? Ich bilde mir ein, dass sich bei euch hinter jeder Note und jedem Wort eine Botschaft verbirgt.

Natürlich! Wir wären nicht WELLE: ERDBALL, wenn hier keine Botschaften und viele versteckte Dinge zu entdecken wären. Andererseits wären wir auch nicht WELLE: ERDBALL, wenn wir diese Botschaften an jeder Stelle im Vorfeld verraten würden. Klar ist doch, dass man eine Botschaft, welche die Welt verändern könnte immer streng geheim halten sollte, wenn man nicht unbedingt im Bruchteil einer Sekunde eine blaue Bohne zwischen den Augen haben will. 😉

Ich war etwas überrascht das Lied „Poupée De Cire“ (im Original von France Gall – Anm. d. Verf.) von WELLE: ERDBALL zu hören – soweit ich mich erinnern kann, habt ihr noch nie auf französisch gesungen. Warum, außer dem offensichtlichen Grund, dass es sich um ein tolles Lied handelt, die Entscheidung diesen Klassiker zu covern?

Neue Adaptionen von privaten „WELLE: ERDBALL“-Lieblingsliedern waren uns in unseren Sendungen schon immer wichtig. Weiter war es nach so langer Zeit des Hochhaltens der deutschen Sprache auch mal wichtig, dieses Regel durch eine Ausnahme zu bestätigen. SO kam eines zum anderen… und allein vom Text her, passt dieses Stück hervorragend in das Konzept der neuen Sendung. Wobei man natürlich eine Huldigung an France Gall und Serge Gainsbourgh (Je t´aime), als Produzenten nicht vergessen darf.

Etwas verwundert hat mich auch, dass ihr mit „Grüße Von Der Orion“ und „Mandala“ und „Bill Gates Komm F… Mit Mir“ bereits bekanntes Material wiederveröffentlicht habt. Ihr verfallt doch jetzt hoffentlich nicht in die TERMINAL-CHOICE-Unsitte, euren gesamten Backkatalog immer und immer wieder auszuschlachten, oder?!

Die Begründung beläuft sich folgend…
Die Stücke „Das Mandala“ und „Grüße Von Der Orion“ wurden bisher nur in der Sendung „Horizonterweiterungen“ auf Vinyl-Schallplatte in den Äther gesandt. Da es leider nicht mehr allzu viele integere Hörer gibt, welche einen DUAL-Plattenspieler ihr Eigen nennen, wollten wir natürlich auch dem restlichen „Geschmeiß“ 😉 dieses Lied nicht vorenthalten, da es sich hierbei auch um zwei wirklich gute Stücke handelt.
Bei dem Lied „Bill Gates Komm F… Mit Mir“ lag es eher daran, dieses Lied wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen, gepaart mit dem Fakt, dass es zu 100% in das Programm „Chaos Total“ passt. So haben wir auch eine leicht abgewandelte Version aufgenommen, welche diesmal von Frl. Venus und Plastique neu eingesungen wurde.

„Mandala“ empfand ich persönlich als das schwächste Stück auf „Horizonterweiterungen“ und auch „Chaos Total“ profitiert nicht davon, warum gerade diesen Song wieder ausgraben?

Die Geschmäcker sind zum Glück verschieden. Es war uns gerade bei der neuen Sendung auch sehr wichtig, viele Facetten von WELLE: ERDBALL zu präsentieren. Das Stück „Das Mandala“ zeigt vielleicht eine recht spirituelle Facette und in dieser Richtung gibt es recht wenig. Für mich persönlich ist dieses Stück wirklich ANDERS… und anders ist gut und wichtig!

„Bill Gates Komm F… Mit Mir“ nach zehn Jahren in alter Frische zu hören, war jedoch sehr erfreulich! Wie denkst du heute über euer ’96er Werk „Tanzpalast 2000“?

Es ist neben der neuen Veröffentlichung bislang definitiv die beste Sendung. Tanzpalast 2000 war auch das erste Album, bei dem wir unsere Konzeptgeilheit total ausgelebt haben. Vielleicht noch mit einigen Kinderkrankheiten behaftet, doch diese wurden spätestens bei der aktuellen Sendung „Chaos Total“ komplett ausgerottet.

Die Neue Deutsche Welle ist ja, wie wir wissen, nicht mehr ganz so neu! Woher kommt eurer Meinung nach eure wachsende Popularität. Eure Musik ist ja im Grunde eine Konstante.

Einerseits laufen wir zwar mit der aktuellen Retrowelle. Doch wir sind auf keinen Fall die ersten einer Retrowelle, sondern eher die letzten des Originals!!!
Die Neue Deutsche Welle ist bislang die erste und einzige wirkliche Jugendsubkultur, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat. Hier ist auch ein großes Stück Lebensgefühl enthalten und genau das macht die Sache aus. Hier geht es nicht um Kommerz und Geld (wie bei HipHop, Techno etc.), sondern um eine wirklich neue Art das Leben zu sehen und es zu leben. Das ist der Reiz!!!

Nun eine Frage von unserer Leserin Katrin: Was animiert euch dazu, diese Art von Bühnenshow zu machen? Was bewegt euch, was fühlt ihr dabei?

Es ist als eine „elektronische“ „Band“ eigentlich recht schwer eine gewisse Dynamik auf die Bühne zu bekommen. Allein aus dem Grund, da uns Gitarren-Riffs, Schlagzeug-Soli und Sänger-Stagediving nicht zur Verfügung stehen.
Doch sollten Konzerte niemals aus zwei nicht angeschlossenen Keyboards und einem lethargischen Sänger bestehen. Wir versuchen ALLES Mögliche, um dem Gast auch bei einem Konzert einer „elektronischen“ „Band“ das höchste Potenzial an Dynamik zu präsentieren. Und wir haben unsere Hausaufgaben gut gemacht.
So sind wir nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Veranstaltern und bei der Presse für unsere Konzert-„Show“ berüchtigt… Von der wir hier natürlich nichts verraten wollen. Das soll sich gefälligst jeder selbst anschauen!
Die Motivation liegt genau in dem Problem, bzw. in der Lösung. Wenn man das eigentlich Unmögliche möglich macht.

Bist du für die sogenannte Deutschquote im Radio? Wäre so etwas nicht vielleicht angebracht, um die hiesige Musiklandschaft zu stärken?

Die Idee ist eigentlich nicht schlecht. Doch wir sprechen hier von Kunst & Kultur. Hier sollte immer der Hörer, sprich der Konsument selbst entscheiden. Beziehungsweise solche Richtlinien sollten sich dann auch einige spezielle Sender belaufen.
Die Musiklandschaft kann im Endeffekt doch nur von der Symbiose zwischen Künstler und Kunstkonsument gestärkt werden. Also Angebot und Nachfrage.
Hier sollte man eher die Menschen aus Deutschland verbannen, welche die Nachfrage an DSDS, Dieter Bohlen und sonstigen peinlichem Plunder stärken.

Was bedeutet für dich Elektro / NDW?

Eigentlich zwei verschiedene Paar Schuhe!
NDW ist wie gesagt ein Lebensgefühl!
Elektro ist vielleicht nur das Medium, welches man auch gut in der Neuen Deutschen Welle nutzen kann.
Für uns privat sind beide Dinge ein Teil unseres Lebens geworden, welches wir nicht mehr missen wollen!

Ich danke dir für das Interview! Die letzten Worte gebühren natürlich dir.

Auch wir bedanken uns bei Ihnen für dieses Interview und wünschen Ihnen, so wie all Ihren Lesern eine gesunde und erfolgreiche Zukunft und weisen in diesem Zusammenhang noch mal auf unsere Plattform im Internetz unter www.welle-erdball.de hin.

Es sprach Honey / WELLE: ERDBALL 11/2006

Galerie mit 12 Bildern: Welle:Erdball - M'era Luna 2018
09.12.2006

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