Amenra und Boris live
- es dröhnt so schön in Dresden

Konzertbericht

Billing: Amenra und Boris
Konzert vom 23.02.2018 | Beatpol, Dresden

Nach wochenlanger Vorfreude steht der Kleinwagen der Kollegin Kostudis in der Endfebruarkälte nun endlich unweit des Beatpols – neben einem Transporter mit der Aufschrift „Katastrophenschutz“. Schaden kann das nicht, denn falls AMENRA in gewohnter Manier zu Werke gehen, kann gut und gerne der Stuck bröckeln. Damit die Bausubstanz nicht von den zu erwartenden argen Schallwellen überrascht wird, dröhnen heute BORIS vor. Und beginnen damit derart pünktlich, dass die ersten Lauschminuten in der bemerkenswerten Warteschlange im Treppenhaus vergehen. Noch im Durchqueren der Tür ist die Kamera in Anschlag genommen, doch vor der Bühne setzt schlagartig die Entschleunigung ein – Hektik ist hier fehl am Platz. BORIS erweisen sich dank eher statischer Performance als dankbares Knipsobjekt. Und überhaupt: Nach eher turbulenten Konzertbesuchen in der Vergangenheit kommt die hier allgegenwärtige – musikalische, lichttechnische wie menschliche – Trägheit der Mentalität der Kollegin doch sehr entgegen.

Die Band BORIS bei ihrem Konzert in Dresden 2018.

BORIS im Nebel.

Durch reichlich Nebel wird das oft blutrote Licht schier materialisiert und so – inzwischen aus der dem Überblick dienlichen Position hinter dem Mischpult – wirkt die Szene wie eine rituelle Zusammenkunft: BORIS thronen auf der Bühne und schicken den zahlreichen stierenden Zuschauern dichte Tonschwaden ins Gedärm. Und ins Hirn, denn das Setting verfehlt seine Wirkung nicht und ruft eine angenehm dämmernde Drone-Trance hervor. Zumindest, bis die Unterbrechungen zwischen den Tracks deutlicher werden und das Dargebotene später eine deutliche Doom-Schlagseite erhält. Nicht, dass das negativ wäre, augenblickliche schwingende Bewegungen im Zuschauerraum, denen sich auch die Kollegin nicht versperrt, und entsprechender Applaus zeugen von Anklang. Nur danach gelingt es dem Trio aus Tokio nicht die Spannung zu halten, das Set zerfasert etwas durch den Wandel zwischen Doom und Drone. Und wenn bei letzterem die Atmosphäre nicht stimmt, leidet die Bannkraft doch merklich. Dazu kommt, dass der AMENRAsche Abrissplan bereits am Mischpult liegt. Den leichten Dämpfer, den das Fehlen von „A Solitary Reign“ hervorruft, gilt es zu verarbeiten. Das ist mit den letzten Klängen des einstündigen Auftritts von BORIS denn auch der Fall.

Setlist von AMENRA bei ihrem Konzert in Dresden 2018.

How to shatter in 2018 à la AMENRA.

Wo BORIS Nebel und Licht wirken lassen, greifen AMENRA zu kargen schwarz-weißen Filmsequenzen, die auf den Bühnenhintergrund projiziert werden. Zusammen mit der überschaubaren Beleuchtung schafft das schon rein optisch das harsche Nest, das es nun akustisch zu füllen gilt. Sehr passend beginnt das mit dem beklemmenden „Boden – Spijt“. Die nun folgenden eineinviertel Stunden muss man gefühlt haben, um sie vollends zu erfassen. Was AMENRA an roher Emotion, Brachialität, aber auch Stille und Sensibilität, die angesichts des klanglichen Vehemenz noch wirksamer werden, transportieren, scheint schlicht beispiellos. Sänger Colin H. van Eeckhout zu erleben bedeutet ihn leiden zu sehen. AMENRA vertonen alles Elend der Welt, in seiner Fülle trifft es hart und wird am ganzen Körper spürbar. Und doch ist man zur stummen Anteilnahme verdammt und kann die Qual nur hilflos verfolgen.

AMENRA bei ihrem Konzert in Dresden 2018.

AMENRA setzen zum Abriss an.

Dass das nicht jedem so geht, beweisen empathiebefreite Anwesende, deren anhaltendes Gelärme vor allem in den Stecknadelfallmomenten bei „Plus Pres De Toi“ von mangelndem Gespür für künstlerische Darbietungen und gebotenen Anstand zeugen. Es spricht einmal mehr für AMENRA, dass sie die Kollegin davon abhalten, sich allzu sehr davon stören zu lassen und ins Sinnieren über die Grenzen der eigenen und anderer Menschen Freiheit zu gleiten. Ausreichend nervig ist es augenscheinlich für alle Umstehenden, Crew wie Zuhörer, dennoch.

AMENRA bei ihrem Konzert in Dresden 2018.

Schon auf Platte enthemmend, live eine Macht: AMENRA.

Den Begriff „Konzert“ beschreibt einen Abend mit AMENRA nur unzureichend. Die Interaktion mit dem Publikum besteht maximal darin, dass es Einblick in den Abgrund erhält und sich für oder gegen den Weg dorthin entscheiden kann. Sonstige Ansagen, Pausen, Zugaben gibt es nicht. Die würden vermutlich auch die lang nachhallende Aura des ganzen, was kaum nur Musik, sondern eher Kunst zu nennen ist, schmälern.

Als einige Zeit nach dem abschließenden „Diaken“ die emotionale Vereinnahmung langsam grundlegenden Notwendigkeiten Platz macht und die Kollegin diesen nachgeht, staunt sie nicht schlecht: Im Beatpol gibt es neue, geräumige Toilettenkabinen mit funktionierenden Schließsystemen. Sagenhaft. Vorher hatte man in angewandtem Multitasking mit Enge, manuellem Türverschluss und eigentlicher Aufgabe zu kämpfen sowie die Herren ums Urinal beneidet. Ein Lichtblick in der Hoffnungslosigkeit der Welt?

Setlist AMENRA:
Boden – Spijt
Plus Pres De Toi (Closer To You)
Razoreater
Nowena | 9.10
Aorte. Nous Sommes De Même Sang
Terziele
Am Kreuz
Diaken

25.02.2018

Wird schon!

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