Boris With Merzbow - Gensho

Review

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Mit Kunst ist das ja so eine Sache: Was der eine gequirlten Bockmist nennt, stellt für den anderen ein einschlägiges Statement dar und umgekehrt. Und so wird auch „Gensho“, die neueste (mittlerweile sechste) Kollaboration zwischen der japanischen Drone-Legende BORIS und dem japanischen Noise-Dadaisten Masami Akita, auch bekannt als MERZBOW, einige Augenbrauen empor hieven.

Die beiden teilen sich ein Doppelalbum, wobei BORIS auf CD 1 Neuinterpretationen einiger älterer Stücke nebst einem MY BLOODY VALENTINE-Cover („Sometimes“) einnimmt, während sich MERZBOW auf CD 2 austobt. Beide Platten sind genau gleich lang. Wen das jetzt stutzig macht, hat vielleicht schon gemerkt, wie der Hase auf „Gensho“ läuft, aber für die anderen sei es hier noch mal kurz dargelegt.

Auf BORIS‘ Seite bekommt der Hörer den typischen Sound zu hören: die reinste Drone-Shoegaze-Meditation, ganz ohne Schlagzeug und mit sporadischem, melodiösem Gesang versehen. Erstaunlich, wie BORIS trotz des schweren Gitarrengewummers so klingen, als seien sie sämtlicher Bodenhaftung verlustig gegangen und würden nur so dahinschweben. Man bedenke aber, dass sich das über ganze 74 Minuten erstreckt, sodass Langeweile einzusetzen droht. Daher (bzw. ohnehin) ist der Genuss von „Gensho“ wirklich nur in kleineren Portionen empfohlen.

Im Falle von MERZBOW hingegen lässt sich über Genuss streiten. Sein Beitrag zu „Gensho“ ist abstrakteste, dadaistische Noise-Kost. Masami Akita scheint das, was im Allgemeinen als Musik angesehen wird, mutwillig dekonstruieren zu wollen, sodass wir eine (scheinbar) chaotische Kollage an kreischenden Sounds, sägenden Klängen und wahllosen Patterns bekommen, die jedoch einer unterschwelligen, seltsam strukturierten Rhythmik untergeordnet sind.

Recht schnell läuft man als Hörer Gefahr, vor „Gensho“ zu kapitulieren, ist es nun mal mit knapp zweieinhalb Stunden ein mehr als abendfüllendes Programm, das sicher nicht wenige Hörer vor den Kopf stoßen wird. Doch erst, wenn man in Betracht zieht, wie dieses Doppelalbum strukturiert ist, dürfte einem dämmern, wie „Gensho“ zu genießen ist: BORIS und MERZBOW nehmen jeweils eine CD für sich in Anspruch, die dann beide auch noch gleich lang sind; das kann doch nicht… oder etwa doch?!?

Oh und ob es das kann: Tatsächlich muss man beide Platten zum gleichen Zeitpunkt laufen lassen, damit „Gensho“ als Gesamtkunstwerk fruchten kann. Dann ergibt diese Kollaboration auch endlich Sinn und man merkt, dass der Krach von MERZBOW sich ziemlich gut an den Sound von BORIS heranschmiegt. Ein Experimental-Album, dass also auch in gewisser Weise die Experimentierfreude des Hörers herausfordert.

Das Ergebnis ist wenigstens mal verblüffend. Dennoch sei hiermit empfohlen, die Platten zunächst einzeln zu hören, danach erst beide gleichzeitig abzuspielen, sodass der Aha-Effekt am Ende größer ist. BORIS und MERZBOW haben sich hier ein eigenartiges Monument erschaffen, das – wie auch die moderne bildende Kunst – natürlich einiges an Geduld und Verständnis vom Hörer abverlangt und nicht gerade sonderlich eingängig ist.

Anders ausgedrückt: Wer auf solch einen abgedrehten Scheiß steht, wird es lieben. Alle anderen sollten einen Bogen um diese neueste BORIS-MERZBOW-Kollaboration machen, reinhören bringt es hier wirklich nicht. „Gensho“ ist eine Erfahrung, auf die man sich mit Körper und Geist einlassen sollte. Mit Kurzweiligkeit hat das hier absolut nichts zu tun.

01.04.2016

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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