
Amphi Festival
Ein Festival mit eigenem Charakter
Konzertbericht
Schwarze Kleidung, ausgefallene Gewänder, Lack, Leder und Cyberlocks – darüber kreisen grüne Papageien, die längst zum Kölner Tanzbrunnen gehören wie die Domspitzen zur Skyline. Wer Ende Juli das Gelände betritt, merkt schnell: Das Amphi Festival funktioniert nach seinen ganz eigenen Regeln. Es ist kein Festival der Rekorde, sondern eines der Begegnungen. Hier treffen sich alte Freunde, Lieblingsbands und eine Szene, die sich seit Jahren ihr eigenes Sommerwochenende am Rheinufer reserviert.
2026 gab es dafür einen besonderen Anlass: Das Amphi feiert seine 20. Ausgabe. Was 2005 im Amphitheater Gelsenkirchen begann und dem Festival bis heute seinen Namen gibt, entwickelte sich nach dem Umzug an den Kölner Tanzbrunnen zu einem festen Termin im Kalender der schwarzen Szene. Heute zählt das Amphi Festival zu den wichtigsten Gothic-, Wave- und Electro-Festivals Europas und ist auch in seinem Jubiläumsjahr bereits Monate vor Beginn restlos ausverkauft.
Passend zum runden Geburtstag präsentiert sich auch das Gelände in neuem Gewand. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wirkt der Tanzbrunnen moderner und offener, ohne seinen Charme zu verlieren. Besonders die neuen Sonnenschirme prägen das Bild – eine scheinbar kleine Veränderung, die sich im Laufe des Wochenendes gleich doppelt bezahlt machen wird.
Kurzfristiger Headliner-Wechsel
Eine Nachricht sorgte wenige Tage vor Festivalbeginn allerdings für Enttäuschung: VNV NATION mussten ihren geplanten Headliner-Auftrit kurzfristig absagen. Sänger Ronan Harris musste sich nach monatelangen Rückenproblemen einer Operation unterziehen und befindet sich aktuell in der Rehabilitation. Gesundheit geht selbstverständlich vor – dennoch dürfte vielen Fans die Nachricht wehgetan haben.
Mit COVENANT fanden die Veranstalter jedoch einen starken Ersatz. Die Schweden springen kurzfristig ein und übernehmen den frei gewordenen Slot mit einem Greatest-Hits-Set – eine Aufgabe, die sie souverän meistern.
Samstag: Sonne, Szene und stilistische Vielfalt
Der Samstag zeigt das Amphi Festival von seiner wohl schönsten Seite. Strahlender Sonnenschein, sommerliche Temperaturen und ein tiefblauer Himmel sorgen für perfekte Festivalbedingungen. Wer allerdings keinen Schattenplatz ergattert, weiß die neuen Sonnenschirme schnell zu schätzen.
Musikalisch demonstrierte das Festival bereits am ersten Tag seine ganze Bandbreite. FLORIAN GREY eröffnen das Wochenende mit melodischem Dark Rock, bevor sich zwischen Neuer Deutscher Härte, Gothic Rock, Future Pop und Post Punk nahtlos ein abwechslungsreiches Programm spannt. Gerade diese stilistische Vielfalt gehört seit jeher zu den größten Stärken des Amphi. Statt sich auf ein Subgenre zu beschränken, bringt das Festival Generationen und Stilrichtungen zusammen – ohne dabei beliebig zu wirken.
Die Sturmvögel von HARPIYE laden zum ersten und letzten Mal während ihrer „Freakshow“ zum Voodoo ein. Die Band löst sich zum Ende des Jahres auf, was der Stimmung auf dem Amphi jedoch keinen Abbruch tut, sie stellenweise sogar noch befeuert. Sie bringen zur Abwechslung Folkmetal und Mittelalter-Elemente in die dunkle Atmosphäre.
SOULBOUND haben trotz ihres eher metallastigen Sounds einen festen Platz in der schwarzen Szene gefunden. Zwischen Party und Pogo findet Sänger Johannes jedoch auch Platz für ein Thema, das die Szene, aber auch unsere Gesellschaft immer wieder beschäftigt: mentale Gesundheit. So vereinen SOULBOUND mit ihrem Industrial-Metal nicht nur die Szenen, sondern tragen auch eine wichtige Botschaft mit.

Zu den frühen Highlights zählten SOROR DOLOROSA, die mit ihrem eleganten Post Punk insbesondere auf der Theater Stage überzeugen. Kühler Sound, atmosphärische Gitarren und eine dichte Stimmung machen den Auftritt zu einer der angenehmsten Überraschungen des Tages.
MONO INC. setzen später einen ganz anderen Akzent. Die Hamburger gehören mittlerweile fast schon zum Inventar des Amphi und liefern gewohnt souverän eine Mischung aus großen Melodien, hymnischen Refrains und emotionalen Momenten. Besonders „Dein Anker“ entwickelt sich zu einem der intensivsten Songs des Samstags. Auffällig ist dabei weniger die Show auf der Bühne als das Publikum davor: Wo früher fast ausschließlich die Pommesgabel in die Höhe gestreckt wurde, formen heute viele Besucher kleine Herzen mit den Händen – ein Bild, das den familiären Charakter des Festivals treffend widerspiegelt.
Wer zwischendurch den Weg zur Orbit Stage auf der MS RheinEnergie auf sich nimmt, wird mit einer ganz eigenen Atmosphäre belohnt. Aufgrund des außergewöhnlich niedrigen Rheinpegels liegt das Schiff allerdings deutlich weiter vom Ufer entfernt als in den Vorjahren. Der zusätzliche Fußweg ist kein echtes Problem, sorgt aber durchaus dafür, dass man sich zweimal überlegt, ob man zwischen zwei Konzerten noch einmal den Marsch bis zum Anleger antreten will.
Dafür entschädigen PINK TURNS BLUE, die auf dem Schiff eindrucksvoll beweisen, warum sie seit Jahrzehnten zu den prägenden Vertretern des Dark Wave zählen. Vor allem „Walking On Both Sides“ entfaltet in der besonderen Kulisse auf dem Rhein seine ganze Wirkung.
Neben der Musik spielt sich das Festivalleben wie immer auch zwischen den Bühnen ab. Die Getränkestände sind angesichts der sommerlichen Temperaturen entsprechend gut besucht. Vor allem an den Bierständen bilden sich immer wieder längere Schlangen, ebenso an den kostenlosen Trinkwasserstationen. Ärger kommt deshalb jedoch kaum auf – dafür ist die Stimmung auf dem gesamten Gelände einfach zu entspannt. Genau das zeichnet das Amphi aus: Trotz ausverkauftem Festival wirkt vieles entschleunigt. Man trifft Bekannte, kommt mit Fremden ins Gespräch und bleibt oft länger stehen als ursprünglich geplant.
Am Ende des ersten Tages bleibt vor allem ein Eindruck: Das Amphi hat auch zwanzig Jahre nach seiner Premiere nichts von seiner besonderen Atmosphäre verloren.
Sonntag: Zwischen Gänsehaut und Regentropfen
Der Sonntag beginnt spürbar entspannter. Am Einlass bilden sich heute weniger lange Schlangen als am Vortag und auch auf dem Tanzbrunnen verteilen sich die Besucher zunächst etwas gleichmäßiger.
Musikalisch startet der Tag mit MOTEL TRANSYLVANIA, bevor CHROM mit eingängigem Future Pop überzeugen und SCHATTENMANN die Gitarren deutlich in den Vordergrund rücken. Gerade dieser Wechsel zwischen elektronischen Klängen, Wave, Gothic Rock und Neuer Deutscher Härte macht den besonderen Reiz des Amphi aus – kaum ein anderes Festival bildet die Szene in ihrer gesamten Bandbreite so selbstverständlich ab.
Am Sonntag Nachmittag wird es finster auf dem Rhein. Zu Wasser geben KLLSGNL, eine Dark Electro Band aus München, dunkle Beats mit tiefen Screams zum Besten. Der mystische Wendigo-Look komplettiert das tödliche Echo in der Dunkelheit der Orbit Stage.

Zwischen den Konzerten zeigt sich allerdings auch, dass selbst ein hervorragend organisiertes Festival nicht vor kleineren Engpässen gefeit ist. Während sich am Samstag lange Schlangen vor den Bierständen bilden, warten am Sonntag viele Besucher geduldig auf ihren Kaffee. Wer stattdessen lieber zu den beliebten Wraps greifen will, hat am Nachmittag schlicht Pech – gegen 16 Uhr sind sie bereits komplett ausverkauft. Keine gravierenden Kritikpunkte, aber kleine Erinnerungen daran, dass auch ein Jubiläumsfestival seine logistischen Grenzen hat.
Ein Moderator, der längst dazugehört
Fast genauso selbstverständlich wie die Musik gehört inzwischen DR. MARK BENECKE zum Amphi. Der Kölner Kriminalbiologe führt mit seiner gewohnt lockeren Art durch das Programm und erinnert immer wieder an das Jubiläum. Besonders eine Bemerkung bleibt hängen: Er selbst sei bei jeder einzelnen Ausgabe des Festivals dabei gewesen.
Genau das beschreibt das Amphi vielleicht besser als jede Statistik. Viele Besucher kehren seit Jahren oder sogar Jahrzehnten immer wieder an den Tanzbrunnen zurück. Das Festival ist längst mehr als eine Aneinanderreihung von Konzerten – es ist ein jährliches Wiedersehen einer Szene, die hier für zwei Tage ihr Zuhause findet.
DIARY OF DREAMS: Ein Stück Amphi-Geschichte
Kaum eine Band verkörpert diese Verbindung so sehr wie DIARY OF DREAMS. Bereits zum achten Mal stehen Adrian Hates und seine Mitstreiter auf einer Amphi-Bühne und gehören damit zu den am häufigsten gebuchten Acts der Festivalgeschichte.
Dabei bleibt der Eindruck derselbe wie schon seit vielen Jahren: DIARY OF DREAMS funktionieren auch auf einer großen Open-Air-Bühne hervorragend – ihre wahre Stärke entfaltet sich jedoch nach wie vor in den Clubs. Gerade diese intime Intensität macht die Band so besonders. Auf dem Amphi gelingt dennoch genau das Kunststück, das ihre Konzerte auszeichnet: Druckvolle Gitarren und elektronische Klangflächen treffen auf melancholische Melodien, ohne jemals in Kitsch abzurutschen.
Als mit „Traumtänzer“ einer ihrer größten Klassiker den Schlusspunkt setzt, singt der Tanzbrunnen nahezu geschlossen mit – einer jener Momente, die ein Festival noch lange nachklingen lassen.

Fast zeitgleich ändert sich auch das Wetter. Nach zwei Tagen Sonnenschein ziehen die ersten Regenwolken über Köln. Plötzlich beweisen die neuen Sonnenschirme auf dem frisch renovierten Gelände ihren zweiten großen Vorteil. Was tagsüber Schatten spendet, wird nun zum willkommenen Regenschutz. Niemand lässt sich davon die Stimmung verderben – im Gegenteil.
Große Klassiker zum Jubiläum
Mit JOACHIM WITT folgt anschließend eine der prägenden Figuren der deutschen Musikgeschichte. Mehr als fünf Jahrzehnte Bühnenerfahrung und zwanzig Studioalben verleihen seinen Auftritten eine besondere Souveränität. Spätestens bei „Der Goldene Reiter“ verwandelt sich der gesamte Tanzbrunnen in einen riesigen Chor – ein Bild, das wohl vielen Besuchern lange in Erinnerung bleiben wird.
Den Abschluss der Jubiläumsausgabe übernehmen schließlich EISBRECHER. Kraftvoll, routiniert und mit der gewohnt energiegeladenen Bühnenpräsenz liefern Alexander Wesselsky und seine Band einen Headliner-Auftritt, der keine Wünsche offenlässt. Songs wie „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ oder „Waffen Waffen Waffen“ sorgen für reichlich Bewegung vor der Bühne, während die Gastauftritte von JOACHIM WITT bei „Zeitgeist“ und Frank Herzig von SCHATTENMANN zusätzliche Akzente setzen. Mit dem gemeinsamen „Out Of The Dark“ findet das Jubiläumswochenende schließlich einen stimmungsvollen Abschluss.

Zwanzig Jahre nach seiner Premiere hat das Amphi Festival nichts von seiner besonderen Identität verloren. Statt auf immer größere Superlative setzt das Amphi auf Atmosphäre, musikalische Vielfalt und eine Gemeinschaft, die Jahr für Jahr an den Tanzbrunnen zurückkehrt.
Das Amphi feiert seinen 20. Geburtstag nicht mit einem Blick zurück, sondern mit einem Wochenende, das Lust auf die nächsten zwanzig Jahre macht.
Text: Sophie Müller, Alana Leidig
Impressionen: Alana Leidig
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