Thy Art Is Murder
Human Target EU/UK Tour 2020

Konzertbericht

Billing: Thy Art Is Murder
Konzert vom 23.02.2020 | Schlachthof Wiesbaden, Wiesbaden

Wer THY ART IS MURDER auf ihren Social Media-Kanälen folgt, dürfte sich zurecht auf den deutschen Teil der „Human Target Tour 2020“ gefreut haben. Ein Blick auf das Line-Up lässt dabei auch keine Frage offen, warum bei nahezu jeder zweiten Show der rund 57 Auftritte das „Sold out!“-Label an der Eingangstür steht. Während in Europa und UK, d. h. für 28 Shows I AM, RIVERS OF NIHIL, FIT FOR AN AUTOPSY und CARNIFEX mit auf dem Roaster stehen, wird Nordamerika nach zweiwöchiger Schonfrist zusammen mit EXTINCTION AD, UNE MISÈRE, AVERSIONS CROWN, ENTERPRISE EARTH und FIT FOR AN AUTOPSY auseinander genommen. Nach den Auftritten in Berlin (die Bilder von dort stammen von Andrea), Hamburg, Leipzig und Oberhausen findet der europäische Teil der Tour sein Ende – und auch seinen Höhepunkt – im Wiesbadener Schlachthof.

I AM

Galerie mit 15 Bildern: I Am - Human Target EU/UK Tour 2020 in Berlin

Das fulminante Spektakel eröffnen I AM mit ihrem ersten Besuch in Wiesbaden (die Tour ist ihr Europa-Debut) mit ihrer Mischung aus Thrash und Deathcore. Die Besucherzahl ist schon zum Einlass-Zeitpunkt erstaunlich hoch und Punkt 18.30 Uhr startet die Party. Das Geballer an den Drums und insbesondere der gutturale Aufmarsch des Fronters Andrew Hileman sorgen ab der ersten Minute für interessiertes Aufsehen und das erste verhaltene Mitwanken des frühen Abends.

Dabei stellt sich jedoch fairerweise die Frage, wieviel der Zuschauer überhaupt mit der Musik der Texaner bekannt sind, sorgt doch schon allein der Name der Band für Probleme; schnell Details über das Quintett herauszufinden. Es bedarf schon einer gewissen Ausdauer, weil mindestens noch zwei andere Musikgruppen diesen recht simplen Titel für sich in Anspruch nehmen und die Band hierzulande offensichtlich auch (noch?) nicht sonderlich bekannt ist. Mit einer EP und zwei Alben im Schlepptau legen die Jungs vor Ort jedoch ein gutes, mit nur sechs Songs jedoch auch sehr kurzweiliges, Set vor und beweisen zwar durchaus, dass sie den großen Erwartungen gerecht werden, jedoch fehlt der eine kleine Funke Bühnenpräsenz und Überzeugungskraft vor Ort, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Schade eigentlich, denn das Potenzial und die Musik sind da. Vielleicht bedarf es einfach noch mehr Erfahrung.

RIVERS OF NIHIL

Galerie mit 17 Bildern: Rivers Of Nihil - Human Target EU/UK Tour 2020 in Berlin

Zugegeben: Die zweite Band des Abends, RIVERS OF NIHIL, hat bisher keinen Platz in der persönlichen Playlist. Aber nach diesem Abend gehört das geändert! Bereits „The Silent Life“ und „Old Nothing“ zeugen mit schneller Gangart und steinharten Riffs von überragender Stärke und eine mitreißende Bühnenshow beginnt. Der Sound und die Atmosphäre sind bedrohlich und schreiten voran, ohne Gefangene zu machen und RIVERS OF NIHIL können die Gunst der anwesenden Augenzeugen generell für sich gewinnen.

Den größten Teil des technisch-todesmetallischen Aufgebots der fünf Amis nehmen dabei Tracks des 2018er Langeisens „Where Owls Know My Name“ in Anspruch, das Schlusslicht „Soil & Seed“ stammt vom 2017er Album (und Anspieltipp!) „The Conscious Seed Of Light“. Und auf der Bühne wird wirklich etwas geboten: Das Riffgewitter der Gitarristen Jon Topore und Brody Uttley wird durch satte Breakdowns auf die Spitze getrieben und nicht zuletzt durch den schweißtreibenden Einsatz Jake Dieffenbachs am Mikro formvollendet. „Klein aber oho!“ ist gar kein Ausdruck. Mit was für einer vermeintlich mühelosen Leichtigkeit der Applaus an dieser Stelle schon zu Höchstleistungen getrieben wird, mutet schon fast aberwitzig an, bedenkt man die noch anstehenden weiteren Acts und deren zu erwartendes HIIT-Programm. Hut ab für einen dermaßen gelungenen Hammer!

FIT FOR AN AUTOPSY

Galerie mit 21 Bildern: Fit For An Autopsy - Human Target EU/UK Tour 2020 in Berlin

An dritter Stelle steht Deathcore vom Feinsten: FIT FOR AN AUTOPSY geben sich die Ehre. Seit dem letztjährigen Release von „The Sea Of Tragic Beasts“ wurde dieser Abend von deutschen Fans (hier! ich!) herbeigesehnt. Und was soll man Anderes sagen als: Sie liefern ab! Jedes Mal. Bereits beim Ertönen der ersten Takte des Namensgebers der letzten LP gibt es unter den bereits aufgewärmten Zuschauern kein Halten mehr.

Der Sound ist knackscharf, Josean Ortas Doublebass-Fähigkeiten sind unwirklich, Joe Badolatos wütende Ausuferungen packen das Publikum ein ums andere Mal am Kragen und lassen nicht mehr los. Das Sextett aus New Jersey agiert dabei eingespielt – egal, ob es sich um Songs vor oder nach Badolatos Hinzukommen (2015) handelt: Dieser Mann würde vermutlich sogar ganz ohne die restliche Band vom Hocker hauen. Von „Mirrors“ über „Hydra“ bis hin zum Finisher „Black Mammoth“ gibt es keine Verschnaufpause und vermutlich wünscht sich an der Stelle mancher Teilnehmer in den ersten Reihen sogar, dass FFAA Headliner sind und dem Leiden im Pit endlich ein Ende zu setzen. Aber weit gefehlt.

CARNIFEX

Galerie mit 18 Bildern: Carnifex - Human Target EU/UK Tour 2020 in Berlin

Scott Ian Lewis und Konsorten laden sofort im Anschluss zum blutigen Stelldichein und nach vorn kommt man inzwischen schon gar nicht mehr. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass die Change-Overs an diesem Abend unfassbar schnell und (für die Augen der Zuschauer) reibungslos vonstattengehen – es reicht gerade für eine Zigarette oder wahlweise ein neues Getränk und eventuelle Entledigung dessen, d. h. keinerlei ungeplante Wartezeit und die Leber oder Raucherlunge danken es einem nach der sportlichen Einlage auch.

Zum anberaumten Zeitpunkt wird den lauten Rufen des Publikums Folge geleistet und Dunkelheit übernimmt die Halle. Es ertönen Schusssalven, Bomben gehen (auditiv) hernieder. Aus dem Dunkel und dem Chaos der Geschütze erstehen die fünf Kalifornier und wenige Sekunden später bricht die Hölle los: Circle pits, Wall Of Deaths, Körper fliegen umher, nach Aufforderung wird zu „Hatred And Slaughter“ gehüpft bis die Bude wackelt und die 40 viel zu kurzweiligen Minuten gleichen einem musikalischen Gemetzel. Das Publikum quittiert die markanten Tremolo-Hooks „Slow Death“s mit genausoviel Begeisterung wie der Dunkelheit von „Die Without Hope“ und Alissa White-Gluz‘ Singsang aus der Dose zu „No Light Shall Save Us“. Das achtteilige Set des Abends ist dabei mitreißend und erstreckt sich mit Ausnahme der Alben „The Diseased And The Poisoned“ und „Until I Feel Nothing“ über den gesamten Backkatalog der Jungs aus San Diego. Ihre Raserei wird durch Epilepsie-fördernde Blitz-Strobos untermalt, während man hofft, dass morgen nochmal die Sonne aufgeht. Band und Zuschauer geben alles und wie sagt Lewis so schön? „Get on stage and bleed!“ In der Tat.

THY ART IS MURDER

Galerie mit 26 Bildern: Thy Art Is Murder - Human Target EU/UK Tour 2020 in Berlin

Und dann, ohne Ankündigung oder Geplänkel, gehen THY ART IS MURDER in die Vollen! Mit „Death Squad Anthem“ als Einstieg brechen die letzten fünf Reiter der Apokalypse über die noch stehenden Zuschauer herein und die Deathcore-Meister aus Sydney verbreiten unbändige Kraft und wohligen Schrecken.

Was zuallererst auffällt: McMahon ist zurück! Und das nach seiner „Pause“ in 2016 vielleicht stärker als je zuvor. Es mag vielleicht auch an der Unterstützung seines neuen Maskottchens – einem lebensgroßen Skelett-Mikrofon-Ständer – liegen, welcher augenscheinlich in Glasgow sein Debut feierte oder auch an den Endorphinen und dem (Achtung, Sarkasmus!) guten Schlaf, den ein erneut frischgebackener Papa bekommt, aber derart ausgelassen feiert es sich selten.

Energischen Aufrufe, charmantes Gekeife, die Schreie, Growls und Pig Squeals erkunden jegliche bekannte Tonhöhen und man fühlt man sich in der Menge wie ein großer Spielball, der im Set der insgesamt 13 Songs fröhlich und, je nach Verfassung mehr oder weniger frohlockend, umhergeworfen wird. Zu „Human Target“ erleuchten die Monitore im Verfolgungsmodus, die Show nimmt abermals an Fahrt auf und die Pyros tun ihr Übriges.

Konzertfoto von Thy Art Is Murder - Human Target EU/UK Tour 2020

Thy Art Is Murder – Human Target EU/UK Tour 2020

Ein prüfender Blick geht jedoch auch in Richtung Schlagzeug, einem bekanntermaßen sehr dominanten Teil der Truppe. Was aus dieser Richtung zu hören ist, schlägt einem schier die Zähne aus. Guter Nachfolger also? Nein, besser als das. Eine unglaublich gute Bereicherung für die schier maschinelle Präzision an der Blastbeat-Fraktion ist der letztjährige Neuzugang Jesse Beahler, der unter größter Kraftanstrengung Schlag für Schlag feuert und wie auch der Rest der Band bis zum Ende hin nicht nachlässt und damit ohne Probleme in Lee Stantons Fußstapfen tritt.

Auch in musikalischer Hinsicht ist spürbar, dass die Bandmitglieder allesamt hart an ihrer Live-Performance arbeiten und ihren gemeinsamen Flow gefunden haben, denn der gesamte Auftritt klingt fantastisch und wenn man an die Strapazen der letzten Wochen bedenkt, ist dieser berauschende Abend in Wiesbaden der beste Abschluss, den man sich für eine Tour nur wünschen kann.

Band glücklich, Fans glücklich – sollte man zumindest meinen. Doch CJ zeigt sich heute auch ungewöhnlich wortkarg, er erklärt gen Ende auch warum: „Wir sind müde. Wir wollen nach Hause…“ Ist genehmigt, denn von Schwäche oder gar Unlust spürt man bis zur letzten Sekunde nichts – im Gegenteil! Das Schlachthaus ist an dem Abend ein todesmetallischer Trampolinpark für alle Anwesenden, am nächsten Tag findet man überall Konfetti und es tut alles weh. Was will man mehr?!

Setlist:
1. Death Squad Anthem
2. Make America Hate Again
3. The Purest Strain of Hate
4. Human Target
5. Eternal Suffering
6. Dear Desolation
7. Fur and Claw
8. Holy War
9. New Gods
10. The Son of Misery
11. Puppet Master
12. Reign of Darkness
13. Chemical Christ (Zugabe)

Bericht aus Wiesbaden : Tamara Deibler
Fotos aus Berlin: Andrea Friedrich

28.02.2020

The world is indeed comic, but the joke is on mankind.

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