Wagner Reloaded
Apocalytica meets Wagner

Konzertbericht

Billing: Apocalyptica
Konzert vom 04.07.2013 | Arena, Leipzig

Wagner Reloaded

Wenn ich mal über den Rand meines Metalltellers hinausgucken will, muss das Event schon einige verschiedene Kriterien erfüllen. Zuallererst muss die Musik gut sein und laut, in irgendeiner Weise heftig, aber auf keinen Fall aus der Konserve. Auf der Bühne sollte auch fürs Auge einiges geboten werden (auch hier wieder gerne heftig) und ganz wichtig ist auch, dass ich mich als Zuschauer bewegen darf. Stillsitzen, leise sein und ebenfalls sitzenden Musikern beim Fiedeln zusehen – so stelle ich mir die Metaller-Hölle vor!

Auf den ersten Ankündigungen und Werbeflyern für die zwei Aufführungen von „Wagner Reloaded“ waren mir als erstes APOCALYPTICA, das finnische Cello-Metal-Quartett, ins Auge gestochen. „APOCALYPTICA meets Wagner“ hatte da gestanden. Erlebbares Großbildtheater, moderner Tanz und Musik aus der Feder von Eikka Toppinen (APOCALYPTICA) sollten das Leben des Komponisten Richard Wagner erzählen. Das hörte sich schon an, als würde heftige Musik geboten, da sowohl die Finnen als auch der längst verstorbene Komponist bekannt für mächtige Klänge sind. Mit Innenraumkarten hoffte ich der Sitzfalle zu entgehen und bei über 130 Mitwirkenden kann ja beim Zuschauen überhaupt keine Langeweile aufkommen, dachte ich mir. So machte ich mich also auf den weiten Weg nach Leipzig, das dieses Jahr ein Wagnerjahr feiert, weil ebendieser vor 200 Jahren genau dort geboren wurde.

Wagner Reloaded

Richard Wagner gilt als Musikgenie, aber auch als sehr umstrittene Persönlichkeit. Er war Komponist, Dramatiker, Dichter, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Wagner veränderte die Harmonik und stellte quasi die Oper auf den Kopf, indem er Text, Musik und Regieanweisungen schrieb und sie als Gesamtkunstwerke gestaltete. Er gründete die Wagner-Festspiele, die bis heute in Bayreuth Wagner-Opern aufführen.

Er war allerdings auch glühender Antisemit und veröffentlichte die Schmähschrift „Das Judentum in der Musik“. Auch sonst galt er als maßlos und ausschweifend, machte überall Schulden, betrog seine Frau, und seine Musik wurde im 19. Jahrhundert immer wieder als krankmachend beschrieben. Man ging damals davon aus, dass Musik durch Überanstrengung der Gehörnerven Nervosität und Nervenkrankheit auslösen könne (hört, hört, Metaller!). Und besonders die „Dysharmonie“ bei Wagner könne zu Übermüdung, Hysterie und „ungehöriger sexueller Erregung“ führen, sogar zu Homosexualität (galt damals noch als Krankheit) und spontanen Orgasmen unter Zuhörern (diese konnten allerdings im Labor nicht reproduziert werden…).

Galerie mit 40 Bildern: Wagner Reloaded

Das Crossover-Event „Wagner Reloaded“ konzipierte der Choreograph Gregor Seyffert ganz wagnermäßig als Gesamtkunstwerk, und indem er die Musik von einem Rockmusiker mit klassischen Wurzeln schreiben ließ, schuf er eine Brücke zwischen klassischer Spätromantik und moderner Rockmusik.

Über 130 Mitwirkende tummelten sich auf, über, vor der Bühne und um die Bühne herum, aber außer Apocalyptica, dem Choreographen, dem Dirigenten und dem Arrangeur werden nur Ensembles genannt, keine einzelnen Namen. Ich glaube, Gregor Seyffert hat selbst die Hauptrolle getanzt. Das steht nirgends explizit, Schminke und Kostüm ließen keine Gesichtszüge erkennen. Der Tänzer war aber so herausragend in seiner Präsenz und seiner Art zu tanzen, atemberaubend kraftvoll, dass das gar nicht anders sein kann.

Wagner Reloaded

Die Arena in Leipzig fasst auf den Rängen über 8.000 Zuschauer, für „Wagner Reloaded“ war aber eine riesige, ovale Bühne im Innenraum aufgebaut worden, und weitere Zuschauer saßen in einem Ring im Innenraum um die Bühne. Die Innenraumzuschauer hatten Pappkartons zum Sitzen, mussten aber viele Male ihre Plätze räumen, weil riesige Gefährte und Karren um die Bühne geschoben wurden. Da musste man aufpassen, dass man nicht vor lauter Musik und spannendem Bühnengeschehen umgefahren wurde, jeder war für seinen Karton verantwortlich. Und das war dann schon das ersehnte Bewegungselement! Die Innenraumzuschauer waren also immer wieder unterwegs und somit gleichzeitig Statisten. Mich hat das stark an Metalkonzerte erinnert: immer noch zwei Augen im Hinterkopf, um den nächsten Crowdsurfer weiterzuhieven ist genauso  mitten im Geschehen wie auf der Flucht vor heranbrausenden Metallschrott-Kreationen. Aufregend!

Wagners Leben wurde schon ab der Geburt dargestellt, und um es gleich vorwegzunehmen: schön sah da keiner aus und „schön“ wurde auch nicht getanzt. Im Gegensatz zum eleganten, klassischen Ballett regierte hier Rohheit, Übertreibung, Groteske. Der moderne Tanz und die Artistik überzeichneten zusammen mit den trashigen Kostümen und den grotesken Masken. Insgesamt erinnerten die Akteure eher an Zombies als an Menschen aus Fleisch und Blut. Auch die seltsamen Gefährte des Theaters Titanick waren richtig schrottig, wie zum Beispiel ein riesiges, altes Förderband, das in grauer Vorzeit bestimmt Dienst in einer Kohlezeche getan hat.

Wagner Reloaded

Die Aufführung begann mit einem Bühnenbild, das an Dämmerung denken ließ, die Zeit, bevor etwas Großes, Helles – der Tag – entsteht. Dann erschienen vier Gestalten in Umhängen – APOCALYPTICA! Sie spielten auch gleich los, drei Celli, ein Schlagzeug, und mir fiel gleich ein Stein vom Herzen, als es sich einfach nach APOCALYPTICA anhörte. Anders als sonst, aber eindeutig APOCALYPTICA.

Das Kind Richard Wagner wurde aus dem Schoß seiner Mutter geboren (saß im Schoß seiner Mutter auf einem Kinderbett) und wurde dann von zwei Männern in verschiedene Richtungen gezogen (zwei Seele schlummern, ach, in meiner Brust?). Der erwachsene Wagner wurde von zwei Tänzern gleichzeitig dargestellt. Die beiden waren gleich angezogen und gleich geschminkt, der eine tanzte aber immer mit nacktem Oberkörper, eine Note war auf seinem Rücken aufgemalt. Er verkörperte Wagners Kreativität, Musikalität, das Genie, aber auch die dunklen Seiten Wagners wie den Judenhasser und den Fremdgeher, den Mann mit dem ausschweifenden Lebensstil, der überall Schulden hat.

Wagner Reloaded

Wagner hatte Sex in seinem Ehebett. Zuerst relativ gesittet (der angezogene Wagner), später sehr ausschweifend und oberkörperfrei. Erst mit der Ehefrau, später mit der Geliebten. Während die beiden oben Liebe machten (auch die Geliebte oberkörperfrei, wenn ich das richtig gesehen habe?!), gebar das riesige Bett Wagners Kinder aus beiden Beziehungen aus der Matratze, Hebammenhilfe kam vom Genie, vom Notenschlüssel-Wagner. Tolle Idee, supergut gemacht!

Wagner veröffentlichte zwei Schriften: „Oper und Drama“ mit all seinen für damals so revolutionären Ansichten, und eben „Das Judentum in der Musik“. Auf der Bühne warfen die beiden Richards gemeinsam Blätter unter ihre Zeitgenossen (das Opern-Lehrbuch), die Schmähschrift schossen sie mit Kanonengeballere und Feuer auf ihre jüdischen Mitmenschen, die getroffen zusammenbrachen. Die Musik war hier sehr tragisch, die umfallenden Menschen auf der Bühne in ihrer Zombie-Aufmachung erinnerten sehr an Konzentrationslager.

Wagner Reloaded

Am Schluss der Aufführung hatte der riesige Wagnerkopf auf der Bühne jedenfalls einige Risse und Sprünge bekommen: Da ist der Richard auch kritisch beäugt worden, sind die guten und die schlechten Seiten des Komponisten deutlich gemacht worden, das war kein strahlender Held.

Auch einige Werke Wagners wurden auf die Bühne gebracht. Ich konnte das ein oder andere Leitthema erkennen (Wagner-Themen hauptsächlich vom Orchester), obwohl ich nicht der Opernkenner bin. Tänzerisch und schauspielerisch war ja alles ins Groteske gezogen und verfremdet, so dass ich immer am Überlegen war, was das nun bedeutet. Ein Held mit Schwert sollte wohl Siegfried sein, er griff danach dann tatsächlich ein drachenähnliches Gebilde an, das ich als Lindwurm identifizierte: Darin saßen APOCALYPTICA und spielten Cello.

Wagner Reloaded

Später badete ein Mann genüsslich in einem überdimensionalen Weinglas, in dem er später ertrank. Vielleicht sollte das der bayrische König Ludwig sein, bekannt für ausschweifendes Leben und Luxus (Schloss Neuschwanstein, Kitsch-Magnet für japanische und amerikanische Touristen). Er war Freund und Gönner Wagners und ertrank unter mysteriösen Umständen auf einer Bootsfahrt und nicht im Wein. Vielleicht sollte es aber auch etwas anderes bedeuten? Den heiligen Gral aus Parsifal?

Wagner Reloaded

Man muss aber wirklich kein Wagner-Kenner/ Geschichtsfreak sein, um „Wagner Reloaded“ zu genießen. Ein Musikstudium ist vielleicht von Vorteil, wenn ich das alles interpretieren möchte, was auf der Bühne so passiert. Ein Programmheft hätte ich nicht schlecht gefunden als Wegweiser, gab es aber für Generalprobengäste nicht, und so blieb es meiner Phantasie überlassen, das alles zu deuten. Aber Musik und das Geschehen auf der Bühne waren ein so intensiver Genuss, dass ich damit leben konnte, nicht immer zu wissen, was es genau bedeuten sollte. Ich kenne ja auch nicht bei jeder Metalband das Booklet auswendig und kann auch nicht jeden Grawler oder Brüllwürfel verstehen.

Insgesamt war die Musik laut und mächtig, manchmal melan-cello-cholisch, eben „apocalyptisch“. Der Sound war gut im Innenraum, Orchester und Chor waren klar und gut zu hören. APOCALYPTICA spielten live und waren wie immer herausragend. Mal spielten sie ganz weit oben auf einer schmalen Plattform, mal in irgendwelchen Wägen, die durchs Publikum gezogen wurden, quasi zum Anfassen. Oder einfach mal auf der Bühne – allerdings immer eingebettet in kunterbunte Geschehen.

Wagner Reloaded

Die Tanzchoreografie fesselte durch wirbelnde Darsteller, die ausdrucksstark und präzise, kraftvoll und elegant, aber niemals symmetrisch, gerade oder gefällig „schön“ tanzten. Hohe, gedrehte Sprünge und akrobatische Einlagen (es waren auch Zirkusartisten dabei) ließen immer wieder den Atem stocken: Tanz kann metal sein! Die schrägen Kostüme und abgefahrenen Requisiten ließen kaum Zeit zum Erholen. Da war nichts Süßliches, es war eher das metallische „volle Brett“ und das eben auch noch voll auf die Augen.

Tanz und Schauspiel waren für mich nicht immer durchschaubar, aber äußerst spannend in Szene gesetzt. Auf der riesigen Bühne passierten oft mehrere Dinge gleichzeitig, und oft war ich von einer Aktion so in Bann gezogen, so dass ich eine andere fast übersah. Wer nichts verpassen möchte, sollte auf der Tribüne sitzen, von der man die ganze Bühne übersehen kann, da geht dann aber das schwitzige Mitten-im-Geschehen-Feeling verloren.

Wir Besucher der Generalprobe waren bei Konzertende total begeistert und voll im Adrenalinrausch, bei der Premiere am nächsten Tag gab es 15 Minuten lang Standing Ovations und Bratpfannenhände vom langen Klatschen, wie ich gehört habe. Es gab auch ein paar kritische Stimmen: „Kitsch“, und Wagners Antisemitismus sei nicht kritisch genug herausgearbeitet worden. Die Mehrzahl der Besucher war aber wie ich restlos begeistert.

Wagner Reloaded

Meine Kriterien für Musikevent waren auf jeden Fall voll erfüllt: Mächtige Musik, viel APOCALYPTICA, atemberaubende Action auf der Bühne, tolle Light- und Multimediashow, Bewegungsfreiheit im Innenraum, sogar ein paar tolle Pyros – was will das Metallerherz mehr? In Metalkluft hingehen? Auch möglich, es waren viele APOCALYPTICA-Shirts zu sehen.

Da die beiden Aufführungen im Juli so erfolgreich waren, ist noch eine weitere angesagt: am 27. September 2013 um 20 Uhr, wieder in der Arena in Leipzig. Also Metaller, ran an den Wagner! Innenraumkarten kosten 55 Euro (da MUSS man allerdings zwei Stunden vor Aufführungsbeginn da sein zwecks Einweisung zum Mitmachen. Zwingend!). APOCALYPTICA-Fans sollten bald zugreifen, da die besten Innenraumkarten schon weg sind.

Die ARD hat „Wagner Reloaded“ übrigens im Fernsehen übertragen und man kann sich die Premiere sogar auf youtube anschauen: aber ehrlich Leute, das ist ein blasser Abklatsch. Völlig anders, als mit allen Sinnen mittendrin zu stehen.

Für so ein mächtiges Mega-Event lohnt sich die Fahrt nach Leipzig. Die haben da günstige Hostels und die Stadt ist auch eine Besichtigung wert – allerdings sind die ganzen Reiseerinnerungen bei mir recht blass (sogar das Chaos mit „trewelling wiss Deutsche Bahn“, und die hatten wirklich NICHTS im Griff!): im Gegensatz zu den lauten Klängen und bunten Bildern einer unglaublichen Reise durch das Leben Richard Wagners sind Fahrt und Leipzig unter „nebensächlich“ abgelegt.

Wagner Reloaded

 

Wagner Reloaded – Apocalyptica Meets Wagner

  • Gregor Seyffert (Choreografie / Regie) und Compagnie
  • Apocalyptica
  • Kristjan Järvi (Chefdirigent)
  • MDR Sinfonieorchester
  • MDR Rundfunkchor
  • Sven Helbig (Orchester- und Chorarrangements)
  • Theater Titanick (Münster-Leipzig) – Bühnenbild, Objekte, Spezialeffekte
  • Jugend Berlin Ballett
30.08.2013

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