Avandra - Descender

Review

In Zeiten, in denen es im Prog Metal mehr und mehr um technische Fertigkeiten geht, tut ein Album wie der Zweitling „Descender“ von AVANDRA aus Puerto Rico richtig gut. Zunächst als Solo-Projekt von Christian Ayala konzipiert gewann AVANDRA schnell eine Eigendynamik sowie – im Rahmen der Veröffentlichung der Full-Length-Debüts „Tymora“ – natürlich Fans. Und so kam er in die Verlegenheit, sich ein Lineup zu beschaffen und so das Verlangen nach Live-Auftritten zu stillen.

AVANDRA stecken den „alten“ Prog Metal in ein neues Gewand

Doch mit dem Hurrikan Maria ereignete sich natürlich ein tragischer Einschnitt in das Leben der Menschen von Puerto Rico. Und das hatte selbstredend auch massive Auswirkungen auf die Arbeit der Band, was Ayala jedoch nicht davon abhielt, unter widrigsten Bedingungen an dem hier vorliegenden Zweitwerk zu arbeiten. Gesagt, getan: Hier kommt „Descender“. Und mit ihm kommt ein Progressive-Metal-Album, das einerseits modern und knackig produziert worden ist, auf der anderen Seite aber fast ein bisschen altmodisch klingt – im besten Sinne der Worte, versteht sich.

Das kommt nicht von ungefähr, immerhin zitiert Ayala unter anderem die frühen DREAM THEATER als Einfluss – und so klingt „Descender“ letzten Endes auch nicht wie moderne Trend-Anbiederung, sondern einfach nur wie der gute, alte Prog Metal. Nicht nur das, auch Kevin Moore (ex-DREAM THEATER) konnte als Gastmusiker für den Song „Derelict Minds“ gewonnen werden, zusammen mit weiteren Gästen wie Richard Henshall von HAKEN, der „The Narrowing Of Meaning“ mit einer Gitarrenarbeit veredelt, oder Daniel Schwartz von ASTRONOID, dessen Drum Programming im Rausschmeißer „Q. E.“ zu hören ist.

Die Technik dient den Songs, nicht umgekehrt

Kurz: AVANDRA atmen den technischen Anspruch, zugleich aber auch das songorientierte Feeling der progressiven Neunziger, packt diese jedoch in ein zeitgemäßes Gewand, das die gebotenen Songs felsenfest im Hier und Jetzt veranktert – keine Spur von Retro-Fetischismus. Stattdessen ist „Descender“ moderner Prog Metal nach altbewährtem Gusto, der Sound breitet sich raumgreifend aber nicht überwältigend aus und lässt so jederzeit Luft zum Atmen, während die Balance zwischen straffem Metal und atmosphärischer Weitläufigkeit fast tadellos gemanagt wird.

Das Album eröffnet gleich mal mit dem geradezu jubilierenden Zweiteiler „Beyond The Threshold“, der die Muskeln der Band spielen lässt. Der Progressive Metal ist sehr präzise und virtuos gespielt, die Technik gewinnt aber nie Überhand über den Song. Klassische Harmonien und liebevoll verwurstete Prog-Metal-Tropen finden ihren Weg gleichermaßen hinein und lassen die Spannung in beiden Teilen stetig auf- und abebben, sodass die Sache dynamisch bleibt. Der durch Effekte verstärkte Gesang von Ayala gewinnt indes eine fast ätherische Note und schwebt über dem Geschehen – nicht losgelöst, aber auch nicht mittendrin. Das bedarf zugegeben einiger Eingewöhnung.

„Descender“ kann aber mehr als nur retrospektiv überzeugen

„The Narrowing Of Meaning“ platziert „Descender“ im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen songschreiberisch etwas mehr in moderneren Art-Rock-Gefilden irgendwo im Umfeld von HAKEN, woran sicher auch der hier wie oben erwähnt gastierende Richard Henshall beteiligt ist. „Even//You“ erzeugt eine weitläufige, fantasievolle Klanglandschaft und geleitet den Hörer hindurch, bewahrt sich jedoch dank pulsierender Synths eine gewisse, ominöse Spannung.

Die Vielschichtigkeit des Eröffnenden Doppels wird im Longtrack „Adder’s Bite“ wieder aufgegriffen. Doch klingt der Song deutlich geradliniger, weshalb es auch Sinn ergibt, dass dieser nicht in zwei Stücke unterteilt worden ist. Musikalisch fahren AVANDRA im eröffnenden Part die OPETH-Geschütze mit den markanten, akustischen Gitarren der Marke „Coil“ auf, ehe der Song in seinen heftigeren, geschäftigeren Metal-Teil übergeht, der zudem mit gezielten Dissonanzen und vereinzelt sogar fast wikingerartigen Shouts versehen worden ist.

Zwischen Moderne und Tradition

„Derelict Minds“ wartet mit scharfen Gitarren auf, die man von den „Traced In Air“-CYNIC wiedererkennt, die aber tatsächlich ebenfalls der früheren DREAM THEATER entlehnt sind. Unterdessen beschließt „Q. E.“ das Album mit einem weitläufigen, fast Post-Rock-artigen Instrumental mit Industrial-Perkussion, das wie „Even//You“ wieder eine weitläufige Welt suggeriert, dem Hörer dabei aber deutlich mehr Freiraum lässt.

„Descender“ ist einfach nur ein tolles Progressive-Metal-Album, das fast wie eine Brücke zwischen Moderne und Tradition anmutet. Auf der einen Seite klingt es absolut zeitgemäß und hochaktuell, auf der anderen Seite bedient es aber klassische Konventionen, die es von der technik- und effektbesessenen Trendanbiederung abhebt. Dabei haben AVANDRA eigenständige Songs geschaffen, die hier und da vielleicht etwas mehr Kante hätten haben können, ansonsten aber durchweg überzeugen.

Und das haben Ayala und Co. unter den widrigen Umständen der Hurrikan-Katastrophe geschafft. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen…

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28.04.2019

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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1 Kommentar zu Avandra - Descender

  1. ClutchNixon sagt:

    Tolle Vocals, geile Arrangements und keinerlei Ausfälle. Wer auf ältere Riverside und Sieges Even, deren Nachfolger Subsignal und moderne Meister wie Mother of Millions kann, greift hier zu. Ich bin begeistert!

    9/10