Boss Keloid - Family The Smiling Thrush

Review

Der Südstaaten-Sound scheint seine Renaissance ja allmählich hinter sich gebracht zu haben. Klar, es gibt immer noch genügend Stoner-/Sludge-Bands, aber das Gefühl der Übersättigung setzt zumindest bei mir nicht mehr ein. Jedenfalls nicht in dem Maße, wie sie es vor einigen Jahren tat. Schön, wenn es sich bei einzelnen solcher Exemplare um hochqualitative, vor allem aber richtig interessante Ware handelt, wo wir dann auch bei den hier gegenständlichen Briten BOSS KELOID wären. Deren Spezialität scheint es, diesen Sound mit Prog-DNA aufzuputschen. Und dabei machen die Herren aus Wigan auch keine halben Sachen, weder beim Rock- noch beim Prog-Anteil. Das fünfte Album „Family The Smiling Thrush“ gibt sich nicht damit zufrieden, einfach nur ein paar Hammond-Sounds in rudimentären Proto-Rock schief dazwischenquaken zu lassen.

BOSS KELOID bevorzugen das Gewusel im Kräutergarten

Natürlich hat man sein kreatives Repertoire mit Drei-Akkorde-Rock, so angenehm breit gekifft er auch in den Kniekehlen hängen mag, relativ schnell erschöpft. Aber wenn er so mit querfeldein zuckelnden Licks förmlich aufblüht und – wichtiger – eine Rhythmik sein eigen nennt, die zwar vorzugsweise rudimentär scheppert, aber dennoch imstande ist, jeden noch so schräg aus Richtung der Saitenfraktion herüber gerifften Mist wie selbstverständlich mitzumachen und daraus sogar schwer rockende Stoner-Doom-Klumpen zum Mitnicken zu formen, dann wird die Sache ungleich interessanter. Das ganze hat eine abenteuerlustige Aura an sich, die den Hörer nicht einfach in den Caddilac setzt und schnurstracks geradeaus durch die Wüste, sondern ihn lieber auf Sightseeing-Tour durch unwirkliche Prärielandschaften schickt.

Fest steht, dass BOSS KELOID herrlich schrägen Stoner Prog spielen. Hier wuseln Gitarre und Bass putzmunter durch die Wallachei und produzieren wahrhaftig seltsame Melodien, gegen die vereinzelt eingestreute, epische Höhenflüge natürlich umso prägnanter hervorstechen wie gegen Ende von „Hats The Mandrill“. Währenddessen schneidert Schlagzeuger Stephen Arands tatsächlich ein paar fette Grooves aus den hier und da lauernden, krümmeren bzw. synkopierten Takten. Oftmals wuselt es aber auch kontrapunktisch über einen klassisch schleppenden 4/4-Stoner-Doom-Rhythmus, sodass sich die Briten erfolgreich davor hüten, wie ein Haufen Prog-Poser mit Abakus im Anschlag zu wirken. Es steckt wahrhaftig genug Klöte in der Suppe drin, um sich um das Rock-Suffix verdient zu machen. Dass sich die Grooves Stoner-typisch behäbig durch die Boxen wuchten, ist Ehrensache.

Zwischen Bierkasten-Hooks, breitbeinigen Grooves und halluzinogener Melodik

Man addiere dazu noch den treffsicheren, unglaublich variablen Gesang von Alex Hurst, der mit seinen Melodiebögen und Hooks immer mal wieder diesen Southern Rock-Sweetspot mit Whiskyfahne und dichter Gesichtsbehaarung trifft wie in „Cecil Succulent“ oder „Grendle“, an anderer Stelle dann wieder zu klaren, teils mehrstimmig arrangierten Höhenflügen ansetzt wie in „Smiling Thrush“, und man bekommt einen erfrischenden Joint aus dem progressiven Kräutergarten serviert – und ich schmeiße gleich mal fünf Euronen ins Phrasenschwein. Oder aber es gibt einfach nur herrliche Reibeisen-Hooks zu bestaunen wie in „Gentle Clovis“. Das schönste aber ist, dass seine Gesangslinien den Anker der Zugänglichkeit für all jene darstellen, die hier vergeblich nach klassischen Rock-Harmonien suchen.

„Family The Smiling Thrush“ ist definitv kein Album, das seine Hörer an die Hand nimmt, sondern proaktiv entdeckt werden möchte. BOSS KELOID machen es ihren Hörern aber auch nicht zu schwer und überfordern selten. Dafür sorgen mindestens eben mal Hursts Darbietung und die einschlägige Rhythmik. Was die Herren hier aber an wundersamen, skurrilen Melodien zu Tage befördern, wie sie deren Intensität beispielsweise durch heftige, dissonante Riffwände regulieren und wie das alles trotz der rhythmisch suggerierten Schwere so leichtfüßig transportiert wird, verdient schon Respekt und hört man in dieser Dichte und Qualität eher selten. Vermutlich sind BOSS KELOID nicht die ersten, die auf dieser Schiene fahren, aber sie sind sicher eine der wenigen Bands, die das so eindrucksvoll durchziehen.

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22.11.2021

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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