Dream Tröll - Second To None

Review

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass DREAM TRÖLL angesichts ihrer knuffigen, geschmackssicher memenden Social-Media-Präsenz (und nicht zuletzt aufgrund ihres Bandnamens) eine dieser auf den visuellen Unterhaltungsaspekt der Internetkultur ausgerichteten Seiten sein könnten, die nichts anderes machen, als das Zeitgeschehen und den cheesy Charme der Old-School-Metalszene ironisch zu kommentieren. Dass die dann auch noch Musik machen scheint geschenkt – bis man zum Beispiel in ihr aktuelles Full-Length-Album „Second To None“ reinhört. Spätestens dann entpuppen sich die Briten als der Hitgarant, der sie nun mal sind.

Eine Band zwischen Memes und Musik

Man kann sich aus mehreren Richtungen dem nähern, was einem auf „Second To None“ musikalisch begegnet. Man kann zum Beispiel von der vorangegangenen EP „The Witch’s Curse“ ausgehen, die titelgemäß eine gewisse Mystik walten ließ. Ein „The Battle For Enki’s Tower“ beispielsweise hatte zu Beginn diese fast sakral anmutenden Vocals, die sich um die eröffnenden Riffs des Songs herum wanden. Atmosphärische Momente begegnen einem speziell bei „The Art Of Death“ oder dem Rausschmeißer „Legion“ heuer immer noch. Doch das Mystische von „The Witch’s Curse“ ist längst nicht mehr der fokale Punkt des musikalischen Wirkens der Briten.

Eine andere Möglichkeit nämlich, an „Second To None“ heranzutreten, ist die: Im Grunde stopft der Fünfer seine Songs voll mit jeder Menge cheesy Achtziger-Goodness inklusive Refrains, die klingen, als ob DREAM TRÖLL ihren Hörern kleine Sahnetörtchen mit He-Man-Motiv in die Ohren stecken würden. Dann wird das Ganze aber entstaubt, auf Hochglanz poliert und bekommt einen sexy Hüftschwung verliehen, der „Second To None“ felsenfest in der Gegenwart platziert. Dieser Traditionsmetal kommt herausgeputzt für das Hier und Jetzt daher und lässt auf dem Weg dorthin zu routiniert arbeitende Hammerschwinger wie HAMMERFALL Staub fressen.

DREAM TRÖLL bieten traditionellen Metal mit modernem Hüftschwung

Der erwähnte Hüftschwung äußert sich in mehrfacher Gestalt. Die offensichtlichste ist natürlich die locker durch die Hose atmende Rhythmik, die allen voran ein „I Will Not Die Today“ so herrlich in Gebein und Genick fahren lässt und dem folgenden „The Lawmaker“ einen derart geschmeidig in der Kurve liegenden Drive verleiht. Doch einen ebenfalls erheblichen Anteil an der generellen Sexiness von „Second To None“ haben die wie entfesselt riffenden, hochmelodisch herumwuselnden Gitarren, welche die größten Momente der NWoBHM spürbar mit der Muttermilch aufgesogen haben und mit geil groovenden Rock-Versatzstücken so richtig auf die Kacke hauen.

Und nicht zuletzt ist der glasklare, hymnische Gesang von Paul Walsh ein Träumchen, dessen Stimmfarbe der eines Derek Shulman ähnelt. Vor allem seine mit sich selbst gefühlt dreistellig multiplizierten Gesangsharmonien sorgen ein ums andere Mal für Gänsehaut, für gereckte Fäuste oder einfach nur für pure Euphorie – wahlweise auch alles gleichzeitig. Seien es seine kraftvoll hymnischen Refrains wie in „Checkmate… Annihilate!“ oder die stimmungsvollen Gesangslinien wie im Rausschmeißer „Legion“. Er verleiht seiner Darbietung so viel Soul und Charisma, dass sich praktisch jede Hook sofort in die Gehirnwindungen fräst, und er nimmt diesen gesanglichen Pathos mit, der die (frühen) Wetton-ASIA so überlebensgroß erscheinen ließ.

„Second To None“ macht seinem Namen (fast) durchgehend Ehre

Und nicht zuletzt bieten DREAM TRÖLL auch ein überraschend vielschichtiges Songwriting, das sich mit Songs unter der Fünf-Minuten-Marke gar nicht erst aufhält und doch dank eines sensationellen Sounds und der guten Strukturierung der Tracks stets zugänglich bleibt. Mehr noch: Die Briten feuern hier einen Hit nach dem nächsten ab, die allesamt von der präzisen aber lebhaften Gitarrenarbeit des Gitarrenduos Matt Baldwinson/Paul Carter profitieren und von dieser zu keiner Zeit zugekleistert werden. Subtil untergehobene Synthesizer verstärken die Melodien an den richtigen Stellen oder treten wie bei „I Will Not Die Today“ vereinzelt offener zu Tage.

Und die unglaublich stilsichere Harmonieführung lässt praktisch jeden Track einzigartig werden, sieht man mal von „Darkness Lies Within The Sun“ ab, dessen Refrain eher wie eine Last-Minute-Entscheidung anmutet. Doch über den Rest des Songs – ach was: der Spielzeit geben sich DREAM TRÖLL zu keiner Zeit die Blöße. Sie meistern kraftvolle Hymnen der Marke „Steel Winged Warrior“ ebenso wie die atmosphärischeren Sahnestückchen. „Second To None“ klingt wie ein marktschreierischer Albumtitel, doch die Briten liefern ein paar einschlägige Argumente, um diesen mit einer nie zu ernsthaften Selbstverständlichkeit, vor allem aber: mit Stil zu untermauern.

Liefern DREAM TRÖLL einen modernen Klassiker?

Wer sich also fragt, wie tatsächlich ins Heute transportierter Traditionsmetal klingt, ohne dass man diesen gleich mit mit Synthie-Quatsch und weiteren, modernen Klischees überlädt, sollte „Second To None“ auf keinen Fall verpassen. Und man kann an den herrlich trashigen Musikvideos seine helle Freude haben. Im übrigen hat sich bereits ein kleines Lineup-Dilemma ergeben, das sich hoffentlich nicht als Erdrutsch für die Band erweisen wird: Paul Walsh hat vor kurzem seinen Austritt erklärt, weshalb nun die Frage im Raum steht, wer in seine großen, stimmlichen Fußstapfen treten wird. Hoffentlich auch wieder mit so viel Charisma wie Walsh…

03.12.2019

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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5 Kommentare zu Dream Tröll - Second To None

  1. royale sagt:

    schon lange in der Sammlung und nicht Grundlos 🙂

    8/10
  2. BlindeGardine sagt:

    Dito, richtig geiles Teil, auch wenn ich die „The Knight Of Rebellion“ noch eine Idee stärker finde. Irgendwer hat die mal (stilistisch) als Metal-Version von Ghost bezeichnet. Das bezog sich vor allem auf die poppigen Elemente und passt wie ich finde ganz gut. Jedenfalls ein ziemlich lässiger und origineller Sound.

    1. BlindeGardine sagt:

      Achja, Punkte!

      8/10
      1. BlindeGardine sagt:

        Zum Ausstieg von Paul Walsh: die Band hat wohl schon einen neuen Sänger und es gab nach „Second To None“ außerdem noch die EP „Quest For Steel“. Ich bin allerdings nicht sicher, ob der Neue da schon drauf singt, die Stimme klingt ähnlich aber etwas rauer, könnte also sein.

  3. ClutchNixon sagt:

    So klängen Toto, spielten sie Metal. Geil!

    8/10