In Extremo - Tranquilo II

Review

2009/2010 brachten IN EXTREMO ihre Mittelalter-Rock-Stücke erstmals im akustisch neuarrangierten „Tranquilo“-Gewand auf die Bühne. Sechzehn Jahre später wird es höchste Zeit für eine zweite Runde – diesmal jedoch nicht bloß auf den Bühnen der Republik, sondern flankiert von einem ganzen Album voller Neuinterpretationen von Klassikern und Live-Hymnen aus gut 30 Jahren Bandgeschichte.

IN EXTREMO drehen ihre eigenen Kompositionen gekonnt auf links

Freilich haben es IN EXTREMO für „Tranquilo II“ nicht dabei belassen, ihren E-Gitarren die Stecker zu ziehen und Sackpfeife, Laute und Drehleier in den Vordergrund zu rücken. Vielmehr haben sie die eigenen Kompositionen gekonnt auf links gedreht, ohne deren musikalischen Kern zu verlieren. Geholfen haben ihnen dabei die beiden FAUN-Musiker Oliver „SaTyr“ Pade und Niel Mitra sowie der in Transsilvanien geborene Geiger Justin Ciuche, die auch live gemeinsam mit der Band auf die Bühne gehen werden. So haben IN EXTREMO ihr musikalisches Spektrum massiv erweitert und ringen den meisten Stücken gänzlich unerwartete Facetten ab.

Mit „Heute wird der Himmel brennen“ gibt es auch einen neuen Song, der zu den absoluten Highlights auf „Tranquilo II“ zählt und einen Vorgeschmack darauf bietet, wohin die Reise auf dem nächsten „normalen“ IN EXTREMO-Album im kommenden Jahr gehen könnte. Der rhythmische Flamenco-Unterbau und die von der Lead-Geige getriebene Klezmer-Stimmung könnten bei der Wandlung hin zu einer Mittelalter-Rock-Version zwar auf der Strecke bleiben, übrig bliebe dann aber noch immer eine urtypische IN EXTREMO-Party-Hymne mit tadellosem Mitsing-Potential.

Nach gästereichem Anfang spielen IN EXTREMO befreiter auf

Apropos Mitsingen: Dies dürfen auf „Tranquilo II“ gleich mehrere namhafte Gäste. So eröffnet Jan „Monchi“ Gorkow von FEINE SAHNE FISCHFILET im Duett mit IN EXTREMO-Frontmann Micha Rhein das Album mit einer dreckig-frechen Version von „Störtebeker“, die nachdrücklich zeigt, dass auch ein Akustik-Song ziemlich ungehobelt und punkig daherkommen kann. Ungleich sanfter kommt dagegen FAUN-Sängerin Laura Fella als Duettpartnerin beim als erste Single ausgekoppelten „Liam“ daher, während Metalqueen Doro Pesch ihre unvergleichliche Rockröhre bei der melancholischen Ballade „Feine Seele“ demonstrieren darf.

Die werbewirksamen Gastbeiträge tummeln sich alle im vorderen Teil des Albums und sind zwar qualitativ stark, aber nicht sonderlich überraschender Weise umgesetzt. Fast scheint es, als wollten IN EXTREMO erst einmal das Pflichtprogramm abhaken, was die in erwartbar guter Umsetzung dazwischengestreuten Hits „Sternhagelvoll“, „Spielmannsfluch“ und „Frei zu Sein“ ebenfalls bestätigen. Aber hinten hat der Fuchs eben die Eier, im weiteren Verlauf des Albums spielt die Band dann zunehmend befreiter auf, wagt mehr experimentelles und hält die Zuhörerschaft dadurch bis zum krönenden Abschluss mit einer perkussiv-beschwingten Tribal-Version von „Herr Mannelig“ bei der Stange.

„Tranquilo II“ ist mehr als nur ein Best-Of-Gimmick-Album

Unter dem Strich ist „Tranquilo II“ damit kein nettes Best-Of-Gimmick-Album, sondern kann erfreulicherweise auf eigenen Füßen stehen und langjährigen Fans wie neugierigen Softrockern gleichermaßen Freude bringen. IN EXTREMO ist der Übertrag ihres bärenstarken Ausgangsmaterials in einen komplett neuen Kontext hervorragend gelungen, ähnlich wie bei der geglückten Verfilmung eines Theaterstücks, die die Vorlage als eigenständiges Werk variiert und bereichert anstatt sie nur halbgar zu imitieren.

Als besonderen Bonus haben IN EXTREMO der Deluxe-CD-Version sowie dem limitierten Vinyl-Bundle von „Tranquilo II“ die EP „Sternhagelvoller“ beigelegt. Wie es dessen Name vermuten lässt, handelt es sich beim Titelstück um eine erweiterte Fassung von „Sternhagelvoll“, bei der eine ganze Schar befreundeter Kollegen zusätzliche Strophen beigesteuert haben, namentlich FEUERSCHWANZ, FAUN, TANZWUT, SUBWAY TO SALLY, VERSENGOLD, FIDDLER’S GREEN, CORVUS CORAX, HAGGEFUGG, STORMSEEKER und FABULA. Hinzu gesellt sich mit „Amontillado“ ein exklusives Stück sowie die mit der kroatischen A-Cappella-Formation METAKLAPA aufgenommene Kirchenchor-Version von „Ave Maria“ – nicht unverzichtbar, aber dennoch eine schöne Dreingabe.

24.10.2026
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