Jorn - Over The Horizon Radar

Review

Der norwegische Sänger Jorn Lande ist ein Phänomen. Mit ARK, MASTERPLAN und BEYOND TWILIGHT gelang dem Blondschopf seinerzeit ein musikalisch idealer Karrierestart. Im Projekt ALLEN – LANDE bekam er für sich und seinen Partner Russell Allen (SYMPHONY X) Melodic-Metal-Duette auf den Leib geschneidert und lässt bei AVANTASIA in der Rolle des Mephisto (und vielen mehr) als Dauergast die Sau raus. Mit seiner Soloband JORN hat er seit 2000 allerdings auch bereits elf solide bis sehr gute Studioalben plus diverse Live-, Cover- und Compilation-Alben veröffentlicht. Dabei ist weder die Band JORN noch ihr Aushängegesangsschild das, was man aus dem Hause Frontiers Records leider häufig gewohnt ist: Reißbrett-Kollaborationsprojekte (die alle von den gleichen externen Songwritern betreut werden) oder die Karriere-Geriatrie abgehalfterter Ex-Semi-Rockstars (vorzugsweise Sängern). Im Gegenteil. Jorn Lande ist eine der letzten gegenwärtigen Charakterstimmen der Szene. Seine Band hat mit ihrem erdigen und stets clever gedachten Hard Rock mindestens genauso viel Existenzberechtigung, wie die Band DIO seinerzeit, nachdem der gleichnamige Sänger sich mit RAINBOW und BLACK SABBATH ein steiles Karrieresprungbrett geschaffen hatte.

Ist JORN der DIO unserer Generation?

Gewiss ist es in diesem Jahrtausend allein enorm schwer, etwas so einflussreiches zu kreieren, wie es Ronnie James anno dazumal tat. Die persistente Qualität der JORN-Veröffentlichungen seit über zwanzig Jahren ist aber nichts anderes als beeindruckend. Dem Sänger geht es nicht darum, sein Ego oder sein gut investiertes Faltenlifting zu inszenieren (David wer?). Im Mittelpunkt steht immer ein guter Song, der sich durch kernige Riffs, eingängige Strukturen und starke, von der Stimme des Meisters performten Hooklines auszeichnet. Mit solchen wartet “Over The Horizon Radar” bereits zu Beginn des Albums auf. Den eröffnenden Titelsong und das folgende “Dead London” bekommt der Mensch bereits nach den ersten zwei Hördurchläufen kaum noch aus der Ohrmuschel.

Dazu kommt, dass JORN tatsächlich um ein Vielfaches glaubhafter sind als so manche alteingesessene Rockstar-Legende, deren letzte relevante Veröffentlichung allerdings noch vor der deutschen Wiedervereinigung lag. Dümmliche Cock-Rock-Fantasien gibt es bei Lande eh nicht, doch das gelegentlich melancholische, nachdenkliche Feeling in Songs wie “One Man War”, “Winds Of Home” oder “Ode To The Black Nightshade” bekommt “Over The Horizon Radar” sehr gut. Auf diese Weise ist JORN eine Platte gelungen, bei der man zwar nicht den Drang hat, jedes Detail diskursanalytisch zu untersuchen, aber eben auch ganz weit an billigem Bierzeltgeschunkel vorbeigeschoben wird. Da stört es auch nicht, dass “Over The Horizon Radar” im Gesamteindruck eigentlich genau so klingt wie jedes andere JORN-Album auch – es ist halt einfach sehr gut!

Kaufempfehlung für den Sommer: “Over The Horizon Radar”

Die SCORPIONS haben mit “Rock Believer” zu alten Stärken zurückgefunden; auch MSG haben mit “Universal” soeben eine überraschend starke Platte veröffentlicht. Doch leider, leider danken auch die letzten “alten” Classic-Rock-Giganten in der allernächsten Zukunft irgendwann ab – davor sollten wir uns nicht verstecken und einem unfassbar begabten und zuverlässigen Arbeitstier wie Jorn Lande nicht den Respekt verwehren. Den Großteil der Labelkonkurrenz (gefühlte hundert Projekte ohne Bandcharakter, die alle aus dem Umfeld von Mat Sinner, Alex Beyrodt und Magnus Karlsson stammen und sich kaum unterscheiden) sticht die norwegisch-italienische Freundschaft eh aus; aber man muss sich einfach vor Augen führen, dass es gerade nur wenige Acts gibt, die traditionellen Heavy Rock so überzeugend spielen. Einziger Kritikpunkt ist die etwas zu sehr nach Haftpflichtversicherung klingende Produktion, die leider auch für zeitgenössische Rock-Platten inzwischen Gewohnheit ist: Kein Headroom und totgesamplete Drums. “Holy Diver” oder “Love At First Sting” klingen da einfach bissiger.

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26.06.2022

Redakteur | Koordination Themenplanung & Interviews

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