Nibiru - Panspermia

Review

Ob ein Album spannend ist, deutet sich häufig schon bei der Selbstbezeichnung des Sounds der Band an. NIBIRU spielen nach eigenen Angaben “Ritual Psychedelic Sludge” und nach dem Genuss von “Panspermia” ist auch klar, dass diese Bezeichnung wie die Faust aufs Auge passt. Das, was NIBIRU hier in etwas über einer Stunde veranstalten, hat nur entfernt mit Musik im engeren Sinne zu tun – und das ist auch so gewollt. “Panspermia” ist ein vertontes Ritual, basierend auf den Enochian Keys von John Dee, Crowley’s Magick und vergleichbaren okkult-spirituellen Schriften. Und Klaus Kinski, laut Promozettel. Ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich annehme, dass die meisten Leser*innen an dieser Stelle bereits entschieden haben, wie sie zu NIBIRU stehen (wollen).

Solve et Coagula

Der Opener von “Panspermia” gibt die grundlegende Richtung vor: verzerrte, übersteuerte Geräusche; hypnotisch-rhythmische Trommeln; das seltsame Gefühl, dass die Musik gleichzeitig zu schnell und zu langsam ist. Aus dem bewusst gelegten Krach von “Alkaest” schälen sich aber immer wieder kurze Parts, die fast an Musik im herkömmlichen Sinn erinnern. Das Schlagzeug ändert den Rhythmus leicht, die Gitarre nimmt hinter dem übersteuerten Knarzen und Krächzen den Rhythmus auf und der Kopf beginnt fast unwillkürlich zu nicken. Sänger Ardath deckt stimmlich ein breites Spektrum ab, vom Flüstern über die Rezitation bis hin zum unmenschlichen, heiseren Kreischen. Stellenweise erinnert das an SUNN 0))) (etwa zu “Black One”-Zeiten), aber mit mehr Noise zwischen den einzelnen Parts.

Drones und Noise

Und wenn man denkt, man habe NIBIRUs Ansatz verstanden, endet der Opener und “Aqua Solis” spielt an. Und nach klassisch instrumentalen Geräuschen sucht mach hier vergebens. “Aqua Solis” ist 20 Minuten voller Geräusche: Windrauschen, Synth-Töne, Gongschläge, Übersteuerung. Zu sagen, dass der Song keine Struktur habe, wäre aber falsch – hier geschieht etwas. Das Lied entwickelt sein Panorama langsam, fügt Elemente hinzu und nimmt andere weg. Nach fast 12 Minuten erklingt die Gitarre, spielt über dem Rauschen des Verstärkers eine simple Melodie, und nach dreizehn Minuten kommen der fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Bass und das Schlagzeug zurück und auf einmal ist “Aqua Solis” doch noch sowas wie ein Song. Wobei auch dieser Part auf Wiederholung und Rhythmik setzt und nicht auf klassische Songstrukturen. Darüber rezitiert Ardath einige der Enochian Keys, seine Stimme wird in Hall gebadet. Dabei schwankt er den immer wieder zwischen cleanem Sprechgesang und würgendem Keifen, das tatsächlich manchmal so klingt, als würde er sich ins Mikro übergeben.

Nach diesen beiden Songs hat man mehr als die Hälfte der Spielzeit hinter sich und zumindest ich benötigte mal eine Pause. Gleichzeitig hat man auch verstanden, was NIBIRU hier veranstalten: Noise, eine sehr eigenwillige und ziemlich kranke Interpretation von Black Metal, viel Atmosphäre und eine Produktion, die ganz bewusst alles zwischen Wänden aus Fuzz und Rauschen begräbt.

NIBIRU sind anstrengend, aber es wert, sich darauf einzulassen

“Panspermia” ist sperrig und anstrengend. Man hört das Album weniger, als dass man es erfährt, wenn man sich in die abgrundtiefe Welt aus Noise und Drone fallen lassen will. Es fällt schwer, einem Album wie diesem eine numerische Wertung zu geben, da diese je nach eigener Hörerfahrung entweder viel zu hoch oder viel zu niedrig erscheinen wird. Gerade bei einem so bewusst idiosynkratischen Album wie “Panspermia” kann jeder Kritikpunkt damit gekontert werden, dass genau das der Punkt sei, dass es genau darum gehe.

Am Ende des Tages ist “Panspermia” die Definition eines Albums, auf das man sich (am besten mit Kopfhörern) einlassen muss. Ich hatte mit “Panspermia” durchaus Spaß, obwohl mich das Album aber auch ausgelaugt hat. Es war herausfordernd und frustrierend, aber immer wieder auch erfüllend und im besten Sinne transzendent.

22.11.2020

Mary had a little lamb, its fleece was black as coal. When Mary went to bed one night, it ate her fucking soul.

Der metal.de Serviervorschlag

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