Panopticon und Waldgeflüster - Split

Review

Galerie mit 16 Bildern: Waldgeflüster auf dem Summer Breeze Open Air 2017

Dass PANOPTICON und WALDGEFLÜSTER irgendwann auch musikalisch zusammenfinden, ist eigentlich nicht überraschend, aber deshalb nicht weniger erfreulich. Schon seit Jahren geplant, wurde die Idee zur Freude der Fans nun endlich in die Tat umgesetzt. Jeder Künstler steuert zwei Songs bei – einen Black-Metal-Song und eine akustische Interpretation eines Songs des jeweils anderen. Als Inspiration dienten von Seiten PANOPTICONs die Wälder Norwegens, und von Seiten WALDGEFLÜSTERs das gute rauchige Schlenkerla-Bier. Es versteht sich von selbst, dass in der folgenden Review ausnahmsweise jeder Song einzeln besprochen wird.

WALDGEFLÜSTER steigen mit flirrenden Gitarren und einem moderaten Blastbeat ein, umgehend ist der Raum von Sehnsucht und wabernder Melancholie erfüllt. Angenehme Schwere legt sich auf den Hörer, post-rockige Gitarren vermischen sich mit schmerzerfülltem Schreigesang von Winterherz zu einem dunklen Abenteuer, das von Anfang an mehr ist, als ein banales Lied. Spätestens der Schnitt durch die Geigen, schaufelt die Gemeinsamkeiten mit PANOPTICON überdeutlich frei und wirkt gerade im Kontrast mit dem danach einsetzenden heftigen Riff-Kommando besonders gut. Der folkige Chor wirkt angenehm entrückt, trudelt in den Song, wie ein im Wind tanzendes Blatt. „Der Traumschänder“ gehört textlich („Wie alt musste ich werden, um jung zu sein?…“) und musikalisch sicherlich zu den besten Stücken, die WALDGEFLÜSTER jemals geschaffen haben. In über 12 Minuten entwickelt „Der Traumschänder“ einen magischen Sog, ganz ohne in offensichtliche Raserei zu verfallen und in sich absolut stimmig.

WALDGEFLÜSTER haben sich „Norwegian Nights“ vom vorletzten PANOPTICON Album „Roads To The North“ vorgeknöpft. Eine gute Wahl, abzüglich des Kentucky-Vibes steht der Song den Süddeutschen ausgesprochen gut. Klavier statt Banjo und mehr Akustik-Gitarre anstelle von Streichern, verpassen „Norwegian Nights“ eine herbe bodenständige Note. Der drängendere, stellenweise angenehm kratzige, Gesang klingt zwingender als im Original, hallt länger und werten das Lied von einem Intermezzo zu einem vollständigen Song auf. Eine schöne Interpretation, in der viel von WALDGEFLÜSTER steckt, die die Botschaft von PANOPTICON aber in jeder Sekunde respektiert. Besonders der dichte Sound der beiden WALDGEFLÜSTER-Songs, trägt zum Hörvergnügen bei. und eine zu glatte Produktion hätte hier alles zerstört.

„Håkan’s Song“ widmet PANOPTICON seinem Erstgeborenen, schon an den Drums erkennt man das Ausnahmetalent, was gerade im Black Metal ein überaus selten zu verteilendes Kompliment darstellt. Da sich der Amerikaner mit jedem Album kreativ anders ausdrückt, ohne auch nur einen Hauch seiner ganz eigenen Note zu verlieren, wird der aufmerksame Fan sofort wissen, das dieses Lied der Schaffensphase zur 2014-er Platte „Roads To The North“ zuzuordnen ist. So geht „Håkan’s Song“ also schnurstracks nach vorne, angetrieben von Folk-Metal-Riffs und peitschendem Gesang von Austin Lunn. Nachdem uns PANOPTICON in die dunkle Leere geprügelt hat, schlägt er gleißende Schneisen mithilfe von post-rockigen Melodien und dezent platziertem Hall. Die wilde Treibjagd wird gänzlich gebrochen von Kinderlachen, Kinderlachen wie es so gar nicht in den Black Metal passen dürfte. Dieses unbeschwerte Lachen eines unbelasteten, glücklicherweise noch wenig wissenden Kindes, dreht den Song zu unendlicher Traurigkeit. Glockenspiel und ein fulminantes, langsam anschwellendes, Finale vermitteln dem Hörer das Gefühl, dass die Noten zu ihm sprechen könnten. Nonverbal starke Gefühle vermitteln, genau das sind die feinfühligen Momente, die PANOPTICON einzigartig machen. In dem Stück geht es um die Angst, das eigenen Fleisch und Blut irgendwann mit der Last der Welt alleine lassen zu müssen. „All I hope for is watch you grow“, mit diesen Worten schließt der erste Handschlag von PANOPTICON und wie immer, erscheint die kurz daraufhin eintretende Stille unerträglich. Was der Typ alleine auf die Beine stellt, ist einfach unglaublich: Wenn ich den letzten Song vor meinem Tod noch selbst bestimmen kann, soll es unbedingt einer von PANOPTICON sein.

Das folgende „Trauerweide II“ war der letzte Song des 2014-er Albums „Meine Fesseln“ von WALDGEFLÜSTER und schließt auch hier das Werk ab. Es wäre überraschender gewesen, wenn PANOPTICON sich tatsächlich ausschließlich auf akustische Gitarre beschränkt hätte. Stattdessen werden Erinnerungen an das Album „Kentucky“ wach und PANOPTICON verleiht dem Song mit dem Banjo seine ganze eigene Note, schafft es sogar dieses Instrument bersten zu lassen. So mancher Singer/Songwriter wäre stolz, einen so starken emotionalen Ausdruck hinzubekommen. PANOPTICON doppelt sich im Gesang selbst und gibt „Trauerweide II“ dadurch gleich mehrere Dimensionen.

Die Freiheit ihr Leben komplett in Black Metal auszudrücken, ungeachtet dessen, ob es nun ins Korsett des Genres passt oder nicht und spürbare Respekt vor der Natur und dem Lauf des Lebens. Das ist es in erster Linie, was PANOPTICON und WALDGEFLÜSTER gemeinsam haben. Die Tatsache, dass bei beiden Bands tiefe Emotionen in Noten gepackt werden, macht das Unmögliche möglich, denn nicht jeder Black-Metal-Song lässt sich zu einem gut klingender Akustik-Song wandeln. Viel Neues kommt aber beim Split von PANOPTICON und WALDGEFLÜSTER nicht wirklich rum, alles hätten die meisten genauso vorausgesagt. Was bei dem Niveau, das beide Künstler generell bedienen, nicht per se schlecht ist und noch meilenweit über dem Niveau der meisten Bands in deren Dunstkreis liegt.

Da haben sich Zwei gesucht und zum Glück gefunden. Musik verbindet eben. Auch Black Metal, dem man doch so gerne vorschnell einen nihilistischen und am besten noch rassistischen Grundgedanken unterstellen möchte. Treffen sich ein Deutscher aus Bayern und ein Amerikaner in Norwegen…

08.03.2016

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