The August - Lizard King

Review

Ob es der große Jim Morrison gutgeheißen hätte, dass eine popelige Post-Rock-Band aus Unterfranken sich sein Alter Ego kurzerhand als Titel für ihr Debütalbum unter den Nagel reißt? Eine Frage, die leider nicht mehr beantwortet werden kann. Folgendes Szenario erscheint jedoch durchaus vorstellbar: Irgendwo im Rocker-Himmel macht es sich der Meister auf einer bequemen Ledergarnitur zurecht, gießt sich einen Schluck ausgewählten Port hinter die Binde, gibt Fräulein Winehouse einen Klaps auf den Hintern und raunt ihr zu: „Ich hätte es ja nicht mehr für möglich gehalten. Aber da unten gibt es tatsächlich noch ein paar Typen, die richtig gute Musik machen.“

Und der Gründer der legendären THE DOORS und selbsternannte „Lizard King“ hätte zweifelsfrei recht damit. Denn was THE AUGUST aus Aschaffenburg auf ihrem Erstling abliefern, ist großartig. Einfach. Großartig. Wahnsinn, dass diese Platte monatelang zwischen vermeintlich „wichtigeren“ Releases auf dem Schreibtisch verstaubte. Was für ein Fehltritt, was für ein Irrtum! Denn irgendwo zwischen verkopfter Leichtigkeit (OCEANSIZE), genialer Schlichtheit (MOGWAI), naiver Emotionalität (MONO) und energischer Ausdrucksstärke (DREDG) hat der Fünfer ein Album von solch ergreifender Schönheit geschaffen, wie es wohl nur die wenigsten einer deutschen Band in dieser Form zugetraut hätten.

„Clockwork“: Schmeichelnde Synthies, klagend hallende Gitarren und ein wunderbar organisch bedientes Schlagzeug gestalten den Auftakt der Scheibe und entfalten bereits nach wenigen Augenblicken einen heftigen Sog, den die Aschaffenburger in der Folge über die gesamte Albumdistanz aufrechterhalten. Und spätestens, wenn sich das anschließende „Ebbing Well“ mit majestätischen Melodien, prägnanten Drums und unglaublicher Dynamik zum handfesten Songmonster aufbäumt, ist es auch um den sonst so objektiven Herrn Ressortleiter geschehen: Sabbernd hockt er vor der Anlage, dreht noch ein wenig lauter und schlägt sich – sofern er nicht gerade in mittelmäßiger Ausführung auf dem Bettkasten Luftschlagzeug spielt – immer wieder mit der Hand auf den Kopf, um sich für seine Sünde büßen zu lassen. „Versiegender Brunnen“? Am Arsch! Das hier ist vielmehr eine sprudelnde Quelle – nein, ein verdammter Wasserfall, der da auf den Hörer niedergeht!

Herrlich ungestüm hantieren THE AUGUST mit ihren Ideen, wecken dabei die tollkühnsten Assoziationen, entfachen schäumende Wogen von hinreißender Kraft – und fast schon reinigender Wirkung. Zum Beispiel dann, wenn in „Lucid Dreams“ zunächst verspielte Schlagzeugrhythmen ins Hauptriff führen und die hingebungsvoll vorgetragenen Melodien anschließend elegant von tänzerischen Pianoklängen umspielt werden, wenn im Schlusstrack „847“ mit lediglich fünf Tönen eine Magie erzeugt wird, für die andere Truppen ganze Orchester anheuern, wenn in „Dandelion“ das hoffnungsvoll-nachdenkliche, aber stets homogen agierende Instrumentarium auf impulsive Gesangslinien trifft oder wenn in „Shelter“ vom melodisch gespielten Bass und treibenden Drums ein Musikstück geformt wird, auf das DREDG zu ihren besten Zeiten mehr als stolz gewesen wären.

Auch, wenn ich mich wiederhole: Wahnsinn, was diese Herren da veranstalten. Wahnsinn, dieser Schlagzeuger, der diese Songperlen derart ausgefeilt und gefühlvoll untermauert. Wahnsinn, diese vielschichtige, eindringliche Gitarrenarbeit. Wahnsinn, dieser bodenständige, variable Bass, der sich in gelegentlichen Anflügen von Rebellion immer mal wieder knurrend bemerkbar macht. Wahnsinn, diese Stimme. Wahnsinn, dass diese herausragende Scheibe erst so spät ihre Würdigung erfährt. Meister Morrison wird mich sicherlich irgendwann zum Rapport bitten. Zurecht. „Lizard King“. Einfach Wahnsinn, dieses Album.

17.01.2015

"Am Ende isses immer Arbeit."

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