Warning - Watching From A Distance

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Manche Alben haben einfach einen besoneren Klang. Im Falle des in der dieswöchigen Ausgabe unserer Klassiker-Rubkrik behandelten Zweitwerks „Watching From A Distance“ der britischen Doom-Legende WARNING klingt die Platte viel älter altehrwürdiger, als sie eigentlich ist. Anhand des Sounds per se jedenfalls lässt sich kaum erraten, dass dieses Werk des Doom im Jahre des Verfassens 2026 „gerade mal“ 20 Lenze zählt – dabei klingt die Platte so, als sei sie allerspätestens in den Frühneunzigern entstanden, so von aller Zeitrechnung unberührt wirkt die Musik, welche die Briten hier in voller Länge in Form gegossen haben – als wäre sie schon immer da gewesen und die Menschheit hat diese erst im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen zu Tage befördert. Wir haben dieses Werk schon einmal angesprochen, widmen ihm hiermit aber nun die längst überfällige Klassikerbesprechung.

Der Versuch, sich einem vernagelten Meisterwerk zu nähern …

Die Band wurde Mitte der Neunziger in Essex gegründet von Sänger und Gitarrist Patrick Walker. Nach Stand des Verfassens hat sich die Band zwischenzeitlich drei Mal aufgelöst und jüngst eigentlich nur für ausgewählte Shows wieder zusammen gefunden – hat sich bis dato aber gehalten, diverse Konzerte und Headliner-Shows für das laufende Jahr angekündigt und laut Homepage sogar ein neues Album im Hafen von Relapse Records in Aussicht gestellt. Oder zumindest Arbeiten an Demselben bekannt gegeben, aber zumindest scheint sich im Hause der Briten einiges zu bewegen, natürlich in Doom-typisch langsamer Manier. Nun, zumindest kann man Patrick Walker selbst keine Untätigkeit drum herum vorwerfen, ist er schließlich der Dreh- und Angelpunkt von 40 WATT SUN, die man durchaus als zugänglichere Weise der Stammband bezeichnen kann.

Aber zurück zu „Watching From A Distance“: Sich diesem Werk zu nähern ist nicht leicht, schon gar nicht deswegen, weil es gerne als eines der essentiellen Doom-Werke schlechthin bezeichnet wird. Und ein solches Prädikat kommt nicht ohne den üblichen Gegenwind daher. Die kontroversen Faktoren hinter diesem Werk scheinen immer wieder der Gesang von Walker und der im Gesamten recht trockene, schnörkellose Gesamtsound der Platte zu sein. In der Tat rückt der Fokus mehr auf die Atmosphäre und die Gesangsdarbietung Walkers, der im Gegensatz zum Debüt in Sachen Emotionalität dicker aufträgt. Wenn man dem Album also Böses will, kann man das als Kunstjammern bezeichnen – und das wurde bereits nicht zu knapp so oder so ähnlich zu Papier gebracht.

WARNING machen es ihrer Hörerschaft nicht leicht

Kombiniert mit den weniger aufgeregten Instrumentalleistungen, die Doom-typisch in niedriger Schlagzahl firmieren und sich abgesehen von einigen harmonischen Twin-Leads und netten Arpeggios hier und da selten wirklich in den Vordergrund drängen, wirkt der Zugang zu „Watching From A Distance“ wie vernagelt, sieht man mal von einigen der wenigen dramatischeren Höhepunkte im Sound ab, z. B. das Ende von „Bridges“. WARNING quälen sich mit ihrer Musik förmlich durch die heimische Anlage, sind repetitiv und machen keine Anstalten, so etwas wie „knackige Hooks“ oder dergleichen in ihren Sound unterzubringen. Lockerungen sind Fehlanzeige, Uptempo gibt es nicht und so etwas wie Synths braucht man hier gar nicht erst zu suchen.

Und doch – bei all dieser gewollten Sperrigkeit, bei all dem Verzicht auf Dynamik und Zugänglichkeit übt dieses Album einen faszinierenden Sog aus. Die Erfahrung von „Watching From A Distance“ ist an anderer Stelle dergestalt beschrieben worden, als würde man einer Beerdigungsprozession beiwohnen. Die Analogie wird beim Doom zwar durchaus gern herangezogen, doch selten wirkt der emotionale Gehalt des Dargebotenen so roh und unmittelbar wie hier. Wer sich auf Hörerseite auf die wehklagende Gesangsleistung Walkers in Begleitung mit dieser tristen, monotonen und ja: ungeschminkten, ungeschönten Ursprünglichkeit der Instrumentaldarbietung einlassen und in diese Atmosphäre eintauchen kann, kommt von diesem Album auch einfach nicht mehr los.

Dieses Album muss weniger gehört und erschlossen, mehr erfahren und erlebt werden

Und „Watching From A Distance“ ist wirklich eine Erfahrung, kein Album zum Erschließen oder dergleichen, selbst wenn WARNING ihre Hörerschaft mit etwas mehr instrumentalen Flair (wenn man denn so großspurig argumentieren möchte) umgarnen wie in „Faces“, oder wenn sie im abschließenden „Echoes“ mit diesen großen, melancholischen Moll-Harmonien und vollster Absicht auf die Tränendrüse drücken, dass sich die Trauerweiden nur so im Wind wiegen. Dass dies gleich doppelt so intensiv in die Magengrube schlägt, hat das Album seiner Struktur zu verdanken. Die lange Trauerarbeit, welche die Briten ihre Hörerschaft durch die gesamte Spielzeit hindurch abwälzen lassen, zahlt sich in diesen Momenten phänomenal aus und zeigt, wie effektiv und wichtig eine Trackliste ist, in deren Strukturierung offenkundig sehr viel Arbeit gesteckt worden ist.

Und nach und nach ergibt jede Entscheidung, die „Watching From A Distance“ letztlich zu seiner finalen, nicht gerade typischen geschweige denn bekömmlichen Form verholfen hat, Sinn. Die urtümliche, teils geradezu spartanische Instrumentierung kreiert in Verbindung mit dem vorherrschenden Hang zur Repetition und der trockenen Produktion eine wahrlich trostlose Atmosphäre. Vor diesem Backdrop wirkt Walkers Gejaule und Geheule vollkommen integer und ehrlich. Das gesamte Album fühlt sich wirklich an, als würde man auf Empfängerseite einer Beisetzung beiwohnen und den Wehklagen der Beerdigungsgesellschaft lauschen – als würde man dies anfangs alles aus der Ferne beobachten („Watching From A Distance“) und schließlich selbst vollkommen im emotionalen Strom mitgerissen werden.

Auch 20 Jahre später fasziniert der WARNING-Zweitling

Die immerzu aufgeführten Kritikpunkte an der Veröffentlichung sind also durchaus verständlich und „Watching From A Distance“ erschließt sich aufgrund seiner Sperrigkeit nicht jedem Ohr auf Anhieb. Der auf das absolut Wesentliche reduzierte Sound, die kompromisslose Langsamkeit unter Weigerung von auch nur dem geringsten Anzeichen von Midtempo, der weitestgehende Verzicht auf Hooks und der sparsame Einsatz von größeren Gesten machen das Zweitwerk der Briten nicht zu einem Album für nebenbei. Während andere Kapellen des Genres (und darüber hinaus) große Emotionalität deutlich nahbarer Verpacken durch dramatische Gesten oder immersive Gleichnisse, reduzierten sich die Briten auf das Wesentliche und gaben ihrer Hörerschaft nicht das Album, das sie wollte, sehr wohl aber das Album, das sie brauchte.

Denn seine Faszination hat „Watching From A Distance“ über die vergangenen 20 Jahre halten können. Mehr noch: Sie ist nachhaltig geblieben, gerade weil Walker und Co. den Zugang zu ihrer Trauer so sehr vernagelt haben. Textlich mag „Watching From A Distance“ nicht die klassische Sophisterei über Tod und Sterblichkeit sein und mehr so etwas wie den Bruch einer dem Lyrischen Ich wichtige, persönliche Beziehung, die buchstäblich zu Grabe getragen wird, thematisieren. Nichtsdestotrotz arbeitet sich das Ergebnis Note für Note in jede Faser der Hörerschaft ein, wenn die angemessene Zeit zur Entfaltung gewährt wird – 20 Jahre sollten dafür ausgereicht haben. WARNING setzten sich mit ihrem Zweitwerk ein Denkmal, das vollkommen zurecht als eines der Schlüsselwerke des Doom aufgeführt wird – und eines, das man mindestens ein Mal gehört erlebt haben sollte.

Jüngst wurde das Album zum 20. Jubiläum neu aufgelegt, im Grunde die perfekte Gelegenheit, sich diesem Werk einmal mehr zu widmen …

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25.02.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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1 Kommentar zu Warning - Watching From A Distance

  1. onlythewindremembers sagt:

    Für mich eins der besten – wenn nicht sogar das beste Doom Metal-Album aller Zeiten. Ich habe mich schon etliche Stunden in diesem Album verloren und vor allem die Tatsache, dass das Album ziemlich auf ein Minimum reduziert ist, macht es in der Verbindung mit Patrick Walkers Gesang unglaublich intensiv.

    10/10