9.125 Tage
Zeitreise zum 25. Todestag von Kurt Donald Cobain

Special

Auch Zeitschriften und Magazine, allen voran die Boulevardpresse, wollten sich in jenen Tagen ein Stück vom Kuchen in puncto Aufmerksamkeit abschneiden. So titelte die Bild-Zeitung „Toter NIRVANA-Star: Ehefrau verflucht ihn bei der Trauerfeier“, der Spiegel schrieb „Der Selbstmord des NIRVANA-Sängers Kurt Cobain war der letzte Protestschrei eines Verweigerers“, die Jugendzeitschrift Bravo berichtete vom „schrecklichen Tod des Kurt Cobain“, Überschrift „Ich hasse mich und will sterben“ und fragte „Was trieb Kurt in den Tod?“, während die Bunte einen „Live-Bericht aus seinem Todeshaus in Seattle“ bot und diesen Artikel in großen Lettern mit „Held unserer Kinder ist tot. Wen beweinen sie?“ anpries, in dem die jüngsten Infos aus der „Trauerstadt Seattle“ direkt nach Hause auf Muttis Sofa geliefert wurden. Das Magazin Prinz stellte die Fragen „Was mordete Kurt Cobain? Die Presse? Die Fans? Die Drogen? Courtney Love? Oder die Ideale des Grunge?“. Der Stern zog in seiner Ausgabe vom 14. April 1994 in der Rubrik Popmusik unter dem Titel „Im Club der toten Rocker“ Parallelen zu den „legendären Toten der 70er“ wie Jimi Hendrix und Janis Joplin, die ebenfalls nur 27 Jahre alt wurden, um in der nächsten Ausgabe eine Woche später die Frage zu stellen „Ist Tod besser als leben?“ Beim Focus hingegen erschien das Thema mit dem Titel „Ins Nirwana der ‚Generation X’– Eine resignierte Jugendgeneration verlor ihren besten Klagesänger: Grunge-Musiker Kurt Cobain versank im eigenen Depressionssumpf“ ausgerechnet in der Kategorie ‚Modernes Leben‘. Fehlte eigentlich nur noch das, was augenscheinlich stets kommen muss, wenn bekannte Persönlichkeiten sterben: Frei nach dem Motto „Elvis lebt“ kam damit der Musikexpress um die Ecke, schrieb als Randnotiz auf ein Titelblatt „Cobain lebt – wir sagen wo“. Im Innenteil des Heftes stand in großen roten Buchstaben noch einmal „Kurt Cobain lebt“ und darunter „Der Kommerz macht den Kultrocker unsterblich“. Inhaltlich drehte es sich im Artikel um die Geschäftemacherei mit dem Tod Cobains, die hier allerdings auf fragwürdig niedrigem Niveau selbst betrieben wurde.

Nirvana - CD Album In Utero signiert von Dave Grohl

NIRVANA – CD Album „In Utero“, signiert von Dave Grohl

Wem bis dato nicht klar war, dass in unzähligen Medienvertretern seinerzeit ausgesprochene Pseudo-Mediziner und Hobby-Psychologen schlummerten – der Tod von Cobain brachte es ans Tageslicht und auf die Seiten der Printmedien. So wurde sein physischer Zustand ebenso zerpflückt, wie seine psychische Verfassung. Wobei Letztgenannte immer wieder an Zeilen von NIRVANA-Songs festgemacht wurde, fand man doch in beinahe jedem Text Hinweise auf Kurts angebliche Todessehnsucht. „In seinem kurzen, traurigen Leben war Kurt Cobain unfähig, seinen intensiven Schmerz und seine Traurigkeit zu besiegen,“ hieß es im Magazin Guitar World, und das war – verglichen mit anderen Berichten – noch eine eher zurückhaltende Beurteilung. In der Musikzeitschrift Spex war unter dem Titel „Der erste MTV-Tote“ zu lesen, dass in einer intellektuellen Plauderrunde von fünf Journalisten einer der Meinung war, der NIRVANA-Sänger hätte selbst seinen Tod noch medienwirksam inszeniert: „So sehr Cobain seine Vermarktung als Sprachrohr der Generation X gehasst hat, so sehr hatte er die ihm von außen durch den Medienapparat zugeschriebene Wichtigkeit derart verinnerlicht, dass er selbst noch seinen Abgang mit allen Zeichenregistern von Wichtigkeit ausstatten musste.“ Je nach subjektiver Auffassung der jeweiligen Berichterstatter – und wie es gerade zur Story passte – stilisierte man den Rockstar Cobain zum uneinsichtigen Großmaul, drogensüchtigen Egoisten, zum Leidtragenden seiner schweren Kindheit, zum Rebellen, Märtyrer oder sensiblem Opferlamm. Was nicht passte, wurde eben passend gemacht, schließlich war mit Widerspruch unter den gegebenen Tatsachen ja definitiv nicht mehr zu rechnen. Anmerkung: Die einzige autorisierte NIRVANA-Autobiographie von Michael Azerrad „Come as you are“ erschien hingegen in englischer Sprache, noch zu Lebzeiten des NIRVANA-Leadsängers und Gitarristen, erstmals im September 1993.


Autor: Susann Klose

Foto-Credit Titelbild: Charles Peterson und Universal Music

Hilfe bei Depressionen bietet die Telefonseelsorge unter der kostenlosen Rufnummer: 0800/111 0 111

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05.04.2019

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7 Kommentare zu 9.125 Tage - Zeitreise zum 25. Todestag von Kurt Donald Cobain

  1. Jeremy sagt:

    Toller Artikel!
    Danke für die Einblicke. Ich war erst 8 und konnte das damals nicht mitkriegen. Aber nach all den Artikeln und Dokus zu Cobain, die ich in den letzten 20 Jahren aingesogen habe, war das hier endlich nochmal lesenswert und interessant.

  2. doktor von pain sagt:

    Da kann ich mich anschließen: toller Artikel! Ich war zum Zeitpunkt von Cobains Tod 12 Jahre alt und habe die Sache zwar so am Rande mitbekommen, interessiert hat es mich damals aber wenig – ich wusste nicht mal wirklich, wer Kurt Cobain überhaupt war. Heutzutage schwer vorstellbar, aber so war das in den Zeiten vor dem Internet. Und obwohl ich einige Jahre später dann die drei „Haupt-Alben“ von Nirvana („Bleach“, „Nevermind“ und „In Utero“) besaß, wurde ich nie zum ganz großen Fan der Band. Aber dennoch: Der Artikel war eine interessante (und gut geschriebene) Reise zurück ins Jahr 1994.

  3. Nirvana war damals ja für mich eher so eine Art Hassband*. Kurt und mich verbindet, dass sein Todestag auf meinem Geburtstag -da wurde ich 19- fällt. Wobei ich erst nicht geglaubt habe, dass er wirklich tot ist, da diese Gerüchte halt früher schon öfter im Umlauf waren. Keine Ahnung, wie oft der früher schon gestorben sein soll. Als es aber dann bestätigt wurde, war ich schon ein wenig bestürzt. Sei´s drum, 3 wichtige und gute Alben, eine schreckliche Ehefrau und ein immenses Erbe. Kurt war vielleicht nicht der beste Gitarrist, aber er wusste, wie man gute Lieder schreibt. Punk wurde immer glattpolierter, Hardcore war fast nur noch stumpes NYC-Gemoshe a la Biohazard und Nirvana als Aushängeschild des Grungerocks Zielschreibe Nr. 1. Verrückte Zeit, damals.

    *Grunge war eben in aller Munde und man wurde dem damals echt überdrüssig. Da war es leicht, Nirvana zu verdammen. So ging´s nicht nur mir, sondern vielen anderen Leuten.

  4. der holgi sagt:

    Ich war damals 27, wie Cobain auch.

    Ich habe Nirvana anfangs gemocht, sie waren hart und dreckig genug, um sich vom teils polierten Metal der alten Helden abzusetzen. DeathMetal wurde gerade gross, und es war schwer für die Metal-Bands der 70er/80er sich zu behaupten. Das haben Priest und Maiden wohl auch so erkannt, und Halford sowie auch Dickinson versuchten es mit einem Mix von Metal und Grunge, naja….

    Was jedoch übel nervte damals war der mediale Hype um Nirvana, das war unnormal, in wirklich jeder Gazette wurde Cobain abgefeiert, musikalisch konnte das mMn nicht begründet werden, Nirvana waren doch sehr limitiert in ihrem Kosmos wie ich fand.

    Der offen zur Schau gestellte Drogenkonsum von Cobain wurde irgendwann einfach peinlich, kein Liveauftritt der nicht von einem torkelnden, lallenden, nölenden Cobain begleitet war, das war alles andere als „ok“.

    Für mich war Nirvana sehr schnell verbrannt, und Cobains Selbstmord hat mich weder überrascht, noch schockiert, er war schon lange davor nicht mehr im Leben wie mir schien.

    Nirvana wurden von der Industrie gefressen, verdaut und ausgekackt, und das trotz deren pausenlosen Protestes gegen all das haben Nirvana es zugelassen, dieser Widerspruch war mir zu gross, als das ich in der Band auch noch einen Vorreiter für Unabhängigkeit oder ähnliches erkennen konnte.

    Ich meine es war Lemmy der damals sinngemäss über Cobain sagte; „wenn man nicht möchte das man den Arsch geleckt bekommt, sollte man diesen nicht zum Fenster raushalten“.

    Und Miss Love war/ist sicherlich die grösste Nerv-Bratze, die in Jahrzehnten die Rock-Bühne malträtiert hat, was für ein Wrack.

    Unterm Strich denke ich heute, das Cobain ein Heroinjunkie war, der wohl gerne sich tot sehen wollte, mit dem Talent, gute Rockmusik zu verfassen. Nicht mehr, nicht weniger.

  5. doktor von pain sagt:

    Lustig übrigens, wie die Kommentatoren hier nach unten hin immer älter werden. Also, jetzt durch diesen Kommentar nicht mehr – aber zumindest bis dahin.

    1. Du hast eben ein Zeitparadoxon erschaffen… Das kostet dich 2-3 Biere.

      1. doktor von pain sagt:

        Das glaube ich nicht. Wenn dem so wäre, könnte ich diesen Satz hier ni