hims Kolumne
Das Live-Konzert

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Es liegt zweifelsohne eine wunderliche Magie über dem Ereignis, auf das die landläufige Trueness-Testfrage unter Fans „Hassi schomma live gesehn?“ abziehlt: Das Live-Konzert! Als gebräuchliche Faustregel gilt hierbei: Je größer die Anzahl der von dir heimgesuchten Live-Konzerte, desto größer dein Renommee in der heimischen Spelunke, und desto größer die Chance, an eben jenem heimischen Tresen nicht immer die bleinietenschweren Bartmonster vorlassen zu müssen.

Dennoch fragt man sich zuweilen, was den geneigten jugendlichen bis semi-adulten Musikliebhaber dazu bewegt, ein Konzert der von ihm favorisierten Band zu besuchen. Dort ist es meist laut, der Volumelevel ist für den arglosen Besucher weder unterdrück- noch regulierbar. Der Lucky Lights-Konsum der unter 16-jährigen hat spätestens zum Zeitpunkt des zweiten Thresenganges die Konsistenz der Luft auf das Niveau einer hermetisch verschlossenen Behausung einer darmerkrankten Meerschweinfamilie gehoben, die Raumtemperatur übersteigt das zulässige Höchstmaß einer russischen Datscha, während die überforderten Schweissdrüsen der frontkämpfenden Rumschubser für ständig neuen Aufguss sorgen. Die Band selbst sieht man oft nur in den günstigen Augenblicken, in denen sich die rund 50 Köpfe vor einem kollektiv aus dem Blickfeld senken, wenn überhaut, da Live-Konzerte im Allgemeinen ein bevorzugter Versammlungsort für den gemeinhin unbeliebten Club der Weltgrößten Hünen e.V. sind.

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Wenn man nach exakt 8 min Support-Act-Genuss sein Heil am Tresen sucht und der Schlange der 7-min-Support-Act-Genießer gewahr wird, kann einen nach einer Viertelstunde Anstehen auch ein günstiger Preis von 3 € + 2 € Pfand für ein Urinbecherchen Bier nicht mehr aus den Babuschen saugen. Zurück im Geschiebe zwischen den zunächst angewurzelten, dann hinterrücks wegrammenden Stehplatzbuchern und den stoß- schlag- und prügelfreudigen wie rücksichtsresistenten Körpergiganten im Blindflug gewinnt das Bier bald eine affektive wie kurzlebige, aber dafür umso befriedigendere Bedeutung auf den Haaren eines jener Ichrührmichnichte in der 3. Reihe.

Hat man sich endlich bis in die hinterste Reihe des vordersten einzementierten Menschenblocks geschafft, kann man davon ausgehen, dass die Chance auf einen auch nur eine Handbreit vorverlagerten Quadratdezimeter nur dann besteht, wenn einer der Einzementierten seinem Bierkonsum Rechnung tragen geht. Jedoch ist bekanntlich auch diese Aussicht gering, zumal Körperflüssigkeiten im unausgesprochenen Verständnis der vordersten 3 Reihen eine eher untergeordnete Rolle spielen und zudem ein geringer Prozentsatz der Betroffenen auch noch den oralen Weg des Entfrühstückens in Richtung Ordner wählt.

So verbleibt man denn in der vordersten Reihe hinter den Betonleuten (zuhause wird man den Daheimgebliebenen prahlerisch von der „Ersten Reihe“ auftischen…) und hofft auf das Prinzip der Wahrscheinlichkeit, nach welchem die rückseitig pogende Meute statistisch zwar nur etwa jeden Zehnten in der ringsherum angesiedelten lebenden Pufferzone mit einer wuchtigen Einladung zum Chirotherapeuten beglückt, aber dennoch – natürlich unerkannt – jedem Zweiten geringstenfalls eine bleibende blaue Erinnerung in die Brustwirbel boxt.

Sobald man schließlich empfindlich erfahren muss, das nicht einmal auf die ehernen Gesetze der Wahrscheinlichkeit mehr Verlass ist und man unter den halbwüchsigen Label-Werbeträgern ringsum sowieso grad mitleidige Blicke zu ernten beginnt, weil man selbst nicht so finster dreinschaut wie nach elterlicher Verhängung von zwei Wochen Arrest plus Frondienste, begibt man sich irgendwann resigniert nach hinten, um wenigstens dem Rest des Konzertes in mannhafter Beschauligkeit zu frönen. Aber leider „begibt man sich“ nicht, sondern bricht sich mit der 2-€-Bierflaschen-Machete einen Weg durch den Dschungel aus griesgrämigen Baumriesen, zotteligen Halbaffen und haarigen Lianen…

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Endlich „hinten“ angekommen wird es mit einem Mal verdächtig menschenleer. Ein unruhiger Blick in die Runde bestätigt das Befürchtete: Die Mischpult-Korona! Dem Mann hinter dem brusthohen 3×3-Meter-Bauwerk mit den lustig flimmernden Lämpchen und der bunten Fauna aus penibel verwalteten Kunststoff-Pinökeln darf man sich gewöhnlich auch mit den besten Absichten und im dichtesten Gedränge auf zwei Meter nicht nähern, ohne sich der Gefahr eines mittelschweren Amoklaufes auszusetzen, weil man ja gegen einen der sensiblen Regler atmen könnte… Nichts wie weg, bevor man auch nur einen der „Ey-Vorsicht-die-Dinger-sind-hochempfindlich“-Schalldruckmessgeräte oder der kartenhausgleichen „Verpiss-Dich-hier-mit-Deinem-Bier“-Steckkontaktkostruktionen durch Blickkontakt zum Einsturz brächte.

Also geht es „ganz nach hinten“. Dorthin, wo der erste Song eintrifft wenn die Akteure vorn auf der Bühne schon bei der Zugabe sind, wo das renitente Quengeln des mitgeschleiften Freundeskreises allein lautstärkemäßig wieder zum Laune verderben imstande ist, wo der Thresentechno unbeeindruckt des Metalevents wie jeden Abend die gereizten, aber gut bestückten Bedienungen bei Laune hält. Dort verbringt man nun die letzte halbe Stunde der Veranstaltung und fragt sich vielleicht, warum man schon in wenigen Stunden dieses Konzert mit den Vokabeln „ziemlich fett“ oder „Hammer-Gig“ belegen wird, sogar vor sich selbst…

Und da ist sie, diese Magie des Live-Konzerts, die einen auch noch so vergeigten Abend rückblickend zu etwas Besonderem, zu etwas Identitätsgebendem stilisiert. Lasst es mich mit den Worten von Zarathustra zu resümieren versuchen: „Gelobt sei, was hart macht!“

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01.06.2002

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