hims Kolumne
Das T-Shirt

Special

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Was ist schon ein T-Shirt? Ein zumeist baumwollender Gebrauchsgegenstand von zweitklassiger Gewebegüte, der durchweg im 5er-Knäuel und nur in Verbindung mit einem Pfund kreischbunter Schlüpfer- und Söckchen-Angebote vom karstädtischen Gabentisch geklaubt wird? Etwa nur ansehnlich in weissem Modell als gottlob vergängliches Alibi-Textil angehender Onanie-Vorlagen bei der Wahl zur Miss Glücktekreativfrisur?

Selbst die zinnobernen Schmerbäuche von Ibiza bis Sylt, die alle Jahre wieder nach der Zwangsvisite in der Hautklinik zumindest eine Halbkörper-Garderobe medizinisch aufgezwungen bekommen, ziehen dem gemeinen T-Shirt oft seine „Extended Tourist Edition Deluxe“, das gänzlich modeautarke Hawaii-Hemd, vor. Und warum zum Geier ist das legere T-Shirt gerade in gesellschaftlich elitären Kreisen so gebrandmarkt? Und warum wird es nicht selten mit den Worten „Abendgarderobe erwünscht“ von rauschenden Ballnächten und hoffnungsleeren Soirees am Roulette schon im Voraus feindselig disqualifiziert, obwohl die ulkigen Schweissmonde auf einem Kragenhemdchen seinen Träger viel eher blamieren als im ungünstigsten Falle die diskrete Schattierung der Achselnaht eines saugfähigeren T-Shirts?

Einst in den 20ern für die US-Soldateska entworfen, wurde das T-Shirt bis James Dean bestenfalls als Leibwäsche bagatellisiert; erst dieser Archetyp Gillette-geglätteten Dissidententums und Werbeschablone für den Cliff-Köpper-Voralpenbody konnte den straighten Kleider-Simplifizismus auch jenseits der südstaatlerischen Sklavenschaft etablieren und für kleine pubertierende Käfer begehrenswert machen. Dennoch hat es das T-Shirt kaum geschafft, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und individuelle Liebe seiner Träger gemäß seines unzweifelbaren Stellenwertes zu erwerben.

Kaum! Denn ein von der breiten Masse mindestens ebenso minderbewertetes Kollektiv solidarisiert sich mit dem unsportlich abservierten Leidensgenossen aus dem Kleiderschrank: Die Metaller. Diese wissenschaftlich schwer zu definierende Jugend(un)kultur, die mit dem T-Shirt in einer eheähnlichen Verbindung steht und es gewöhnlich wie eine zweite Haut nicht einmal bei der Körperpflege abzulegen gedenkt (gesichtete Szenen diverser Open-Air-Ereignisse lassen diesen Schluss zu), misst dem T-Shirt eine mindestens so große Bedeutung bei wie der Rest der Gesellschaft der Krawatte.

Während es der großstadtdegenerierte Hypochonder im Sommer, sobald das Quecksilber unter die eisige 25°C-Marke implodiert, eilends unter seinem wohltemperierten Daunensakko vor dem Anfrieren rettet, zeichnet sich der gestählte Metaller an abgekühlten Herbstabend-Partys meist dadurch aus, großherzig den Mann am warmen Grill zu geben, um bloß jenes neu erstandene, wahnsinnig legendäre Burzum-Shirt, das in gerade diesem Schnitt streng auf nur 20 000 Stück limitiert ist (und das, ganz nebenbei, eigentlich niemand der umstehenden Müslifresser wirklich zur Kenntnis nimmt), nicht mit dem alten Manowarpulli bemänteln zu müssen.

Und obschon mit fortschreitendem Kälteeinbruch die Gänsehaut die fabrikneu ausgewaschene (weil legendäre!) Baumwolle auszubeulen beginnt, entschädigt für diese Sachlage (und u.U. das folgetägige grippale Viren-Rendevous) diese eine, diese einzige relevante Frage eines Unbeteiligten an diesem Abend: „Was steht da? ‚Kurzum‘?“ Und obschon man seinen Gegenüber nun am liebsten mit einem Kampf-Monolog über Metal, Satanismus und Vorurteile fluten würde, reduziert man die Antwort reserviert auf ein knappes wie sprödes „Nee, Burzum.“

Dass die ersehnten Gegenfragen (in chronologischer Reihenfolge: „Hat das eine Bedeutung?“ – „Was machen die für Musik?“ – „Bist Du auch Nazi?“) dann ausbleiben, verbucht man nichtsdestotrotz ebenfalls als Erfolg, der das Gefühl der Unnahbarkeit verstärkt und wohl allein auf die Wirkung des neuen, legendären T-Shirts zurückzuführen ist und ferner die intime Beziehung zu diesem Accessoire weiter festigt. Das man gegenüber seiner Umwelt nach drei solcher schroffen Repliken als selbstgefälliges Sackgesicht gilt, verblasst angesichts des großen Triumphes.

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Dass sich das Erscheinungsbild des in diesem sinistren Millieu präferierten T-Shirts im Allgemeinen auf einen pechschwarzen Grundanstrich beschränkt, gleichen jene zahllosen ulkigen Druckmotive wieder aus, die jedes „Metal-Shirt“ (so der Fachterminus) so legendär individuell machen. Hauptblickfang eines volluniformierten Szenegenossen – neben Nietenbereifung, schwarzmagischem Blair-Witch-Project-Püppchen, talentfrei edding-illustrierten Pentagrammen und „Slayer“-Insignien auf dem BW-Rucksack und zwei Dutzend werbewirksamer Band-Orden auf der Kutte – ist und bleibt schließlich das auf seiner Brust propagierte Band-Banner, anhand dessen der eingeweihte Kulturbruder aus dem Stehgreif heraus Musik-Präferenz, Grad der ideologischen Authentizität, Musiker-Gattung, Alter, Berufsgruppe, Leibspeise und Penisgröße des Trägers bestimmen kann. Dass diese körpereigene Werbefläche, die der naive Musikfreund als Möglichkeit zur Erfüllung irgendwelcher Selbstverwirklichungsgelüste missversteht, von Beginn an Bestandteil mephistophelischer Marktstrategien von skrupellosen Labels ist, hat die uneingeschränkte und dazu fakultative Ausnutzung eines jeden bekleidbaren Körperteils zur Folge.

Während sich nun aber die Zugestiegenen der Szene, gerade im knabenhaften Abnabelungsprozess begriffen, eher an den quietschbunten Einsteigermodellen aus einem kultureigenen OTTO-Versand namens EMP begeistern, messen die angegrauten Mittzwanziger der Szene vermehrt dem Jahrgang des Fabrikats Bedeutung bei. Der ehrfurchtgebietende Charakter eines solchen Shirts unter Gleichgläubigen steigt – einem guten Weine gleich – mit seiner Betagtheit. So löst der 30-jährige Methusalem mit seinem AC/DC-Shirt aus der Zeit der Heiligen Inquisition bei einer flaumbärtigen Litfaßsäule (Wahnsinn: Leuchtet im Dunkeln!) im Alter präpubertären Nonkonformitätsdranges nur befremdetes Achselzucken aus (soweit durch das zentnerschwere Pentagramm um den Hals möglich) während sich ersterer ob der damaligen Limitierung auf 666 Stück ein Leck in den Pansen freut.

Und so kommt es vor, dass beide Weltbilder (die bei rechter Betrachtung gar nicht mal zwingend in direkter Analogie zum Alter ihres jeweiligen Vertreters stehen…) beispielsweise auf einer musikalischen Festivität fröhlich nebeneinanderher existieren, jeweilig von der intellektuell-evolutionären Überlegenheit gegenüber seinem Nebenmann überzeugt. Diese friedvoll kindliche Verachtung durch bloßes Tragen besagten überinterpretierten Kleidungsstückes und das somit entstehende Wonnegefühl unter der Hühnerbrust fördern offensichtlich das suchtgleiche Kaufverhalten zumeist der jugendlichen Sympathisanten zusätzlich (denn merke: der Jugendhafte präferiert Neuware, nach Möglichkeit mit fluoreszierendem Mumpitz in Übergröße auf die Frontseite gebügelt).

Und so wird dem allweil diskriminierten T-Shirt dank dieser Szene endlich jene Achtsamkeit zuteil, die andere Kleindungsstücke in der Gesellschaft längst teilhaftig wurde. Und ähnlich wie der Einfluss fast sämtlicher erdenklicher Garderoben-Fundstücke in den allgemeinen Sprachgebrauch heute nicht fortzudenken ist (man denke nur an Sparstrumpf, Spendierhosen, Hard Rock oder Bonnie & Kleid), kann auch das T-Shirt auf Aufnahme in den Duden für ordinäre Bauern-Idiome hoffen. Wenn alles glatt geht für das T-Shirt, spricht unsere Enkel-Generation einst anstelle der Gürtellinie von der Slayer-Banner-Unterkante, die „weisse Weste“ des Unschuldigen ersetzt im Volksmund fortan das „schwarz-blutige Entombed-T-Shirt“, und die forensische Fachvokabel für einen Schuss in den Rücken wird sich dann als „glatter Tourdaten-Durchschuss“ etablieren.

Glaubt mir.

16.12.2002

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