



Erst vor einem dreiviertel Jahr gaben PAGAN ALTAR mit “Never Quite Dead” ein mehr als nur hörenswertes Lebenszeichen von sich. Der Kultstatus der Londoner, die einst von Gitarrist Terry Jones und seinem leider verstorbenen Vater Alan am Gesang gegründet wurden, basiert allerdings vor allem auf den drei Alben der Nullerjahre “Lords Of Hypocrisy”, “Judgement Of The Dead” (auch bekannt als “Volume 1”) und “Mythical & Magical”, die eigentlich allesamt in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern geschrieben und aufgenommen wurden. Das Underground-Label Dying Victims will sich nun darum kümmern, den Backkatalog der Band verfügbar zu halten und bringt “Lords Of Hypocrisy”, ursprünglich 2004 veröffentlicht und im bandeigenen Studio zwischen 1982 und 1984 aufgenommen, neu heraus.
Das Erbe von PAGAN ALTAR wird erhalten
Zunächst fällt auf, dass sich das Layout an dem Re-Release von Temple Of Mystery Records aus 2019 orientiert. Zwar war das Original-Cover – die stimmungsvolle Fotografie einer Burgruine – ein wichtiger atmosphärischer Faktor der Platte, aber die Neuauflage, die sich an den Stil der 2017er-Platte “The Room Of Shadows” hält, funktioniert ebenbürtig gut. Der schrullig-rohe Originalsound der Underground-Eigenproduktion wurde beibehalten, jedoch mit einem Remaster versehen, das zumindest für etwas mehr Glanz und Druck sorgt.
Über das Songmaterial müssen wir kaum ein Wort verlieren. Das Konzeptalbum über die ‘Unmenschlichkeit des Menschen’ zählt zum besten Material der Band und ist essentieller Stoff für alle Nerds des kauzigen, okkult gefärbten Doom Metal. Immer noch ist es faszinierend, wie PAGAN ALTAR mit wenigen Mitteln – es gibt kaum Keyboards oder Soundeffekte und nur sehr wenige Overdubs bei Gitarre und Gesang – ein atmosphärisch dichtes, immersives Klangerlebnis erschaffen. “Sentinels Of Hate”, “The Aftermath” oder das goßartige Epos “Armageddon” erzeugen eine einzigartige cineastische Düsternis, die einen sofort in die Ära der Witchfinder und Gothic Novels zurückversetzt.
Besonders charakteristisch für den Sound war zudem die eigenwillige Art und Weise, wie das Vater-Sohn-Tandem Jones seine jeweiligen Instrumente bedient(e). Vater Terrys nasaler Gesang ist in jedem Fall Geschmackssache und erinnert an Mark Shelton von MANILLA ROAD. Den Eindruck, einem alten Zauberer oder Druiden beim Erzählen von Weisheiten zu lauschen, verstärkt das spezielle Timbre nur. Sohnemann Alan Jones hingegen ist ein verkanntes Gitarrengenie zwischen Tony Iommi und Rory Gallagher, dessen sahniger Ton und geschmackvolle Phrasierung mehrere Momente des ekstatischen Zuckens verursachen.
“Lords Of Hypocrisy” – Ein Meilenstein des Undergrounds
Abgesehen davon, dass die Platte schlicht überaus starker Heavy/Doom Metal ist und gerade Doom-Fans seit jeher etwas toleranter in Sachen Produktionsqualität waren, ist es einer Band wie PAGAN ALTAR – neben vielen anderen, wie den bereits genannten MANILLA ROAD – zu verdanken, dass Alben wieder mehr Wertschätzung genießen, bei denen Leidenschaft und Gefühl Priorität gegenüber technischer Exzellenz und dem Geschmack des Zeitgeistes haben. Denn was in den Achtzigern nur bei wenigen, in den Neunzigern und frühen Nullern bei fast niemandem funktionierte, ist seit knapp zwanzig Jahren (wieder) eine Subkultur innerhalb der Subkultur.
Entsprechend ist “Lords Of Hypocrisy” ein wichtiges und wertiges Stück metallischer Kulturgeschichte, welches heutzutage bei Doom-, Stoner- und Black-Metal-Fans gleichermaßen beliebt ist. Ist man dem Charme von PAGAN ALTAR erst erlegen, gibt es kein Entkommen mehr.

Johannes Werner



















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