
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



Konsistenz in der Musik ist ein seltsames Phänomen. Auf der einen Seite neigen Bands, die bei den etablierten Leisten bleiben und wenig daran rütteln, gerne zur Stagnation. Dann gibt es auf der anderen Seite aber Bands, die ihre Marke so felsenfest und souverän vertreten, dass sie ihre Konsistenz wiederum zu ihrer großen Stärke machen. Dies ist wunderbar zu beobachten bei CROWBAR, die praktisch seit Anbeginn ihres Bestehens nur geringfügig von ihrem Sludge-Doom-Sound abgekommen sind. Natürlich gab es Entwicklungen, hier ein bisschen mehr Atmosphäre, dort ein bisschen mehr Hardcore, aber des Pudels Kern in Form von Kirk Windstein zeigt seit mehr als 30 Jahren nun schon eine beeindruckende Beständigkeit, die sich bis hin zum Debüt „Obedience Thru Suffering“ zurückverfolgen lässt.
Mit dem Zweitling sollten sich CROWBAR felsenfest auf der Landkarte platzieren
Dennoch führen die meisten Anhänger und Kritiker den gegenständlichen, selbstbetitelten Zweitling als den eigentlichen Stein des Anstoßes für das musikalische Erbe von CROWBAR. Die Definition der Gründe hierfür hängt wahrscheinlich stark davon ab, wen man zu diesem Thema befragt. Aber für große Teile der Fanbasis der ersten Stunden scheint das Debüt mehr so etwas wie eine Demo gewesen zu sein aus der Zeit, als die Band sich noch selbst finden musste (und in ihrer früheren Inkarnation unter anderem unter dem Namen THE SLUGS firmierte) – eine Ansicht die offenbar von der Band selbst (oder zumindest Teilen davon) geteilt wird. Ein anderer Faktor für die Wichtigkeit des selbstbetitelten Zweitlings ist natürlich auch dessen Erfolg, der den US-Amerikanern ihren ersten, bedeutenden Bekanntheitsschub erbrachte inklusive Airplay für die Singles „All I Had (I Gave)“ und „Existence Is Punishment“ auf dem damals neuen Musiksender MTV.
Hier dürfte vermutlich die Zusammenarbeit mit einem gewissen Herrn Phil Anselmo geholfen haben, mit dem Windstein eine lange Freundschaft verbunden hat und der u. a. auch die Produktion des selbstbetitelten Albums übernommen hat. Doch letztlich klingt das Album voll und ganz nach Windstein, was sich auch in späteren Veröffentlichungen entgegen der Unbeständigkeit des Lineups bei gleichbleibender Wiedererkennbarkeit und Konsistenz des Sounds durchsetzen sollte. Tatsächlich würde Windstein viel später ein Solo-Album veröffentlichen, auf dem er aber deutlich ruhigere, melodischere Stücke umsetzen würde, während seine Band die schwerere Kost feilbieten sollte. Und so explodierten CROWBAR förmlich in eine Zeit hinein, in welcher der Sludge, spezifisch dessen Louisiana-Variante, in seiner frühen Inkarnation florieren sollte dank Bands wie DOWN, bei denen Windstein bekanntermaßen mitwirkte, sowie auch ACID BATH oder EYEHATEGOD.
Dabei zeigte sich schon früh, dass der Sound mit Kirk Windstein stehen und fallen sollte
CROWBAR mögen also nicht Pioniere im klassischen Sinne gewesen sein, aber sie haben einen Sound geliefert, der wunderbar zwischen den genretypischen Polen gesessen hat (und das natürlich heute noch tut). Auf der einen Seite bestechen die Gitarren und die Grooves durch eine immense Schwere, mit der sich die Songs bedeutungsschwanger durch die Boxen wuchten. Auf der anderen Seite stellte man den Song und dessen im Vergleich zu kompromissloseren Vertretern des Genres bessere Verdaulichkeit in den Mittelpunkt. Das manifestierte sich schon auf dem Debüt, aber beim Selbstbetitelten feilte man offenkundig an den songschreiberischen Nuancen, sodass die Platte hinreichend zugänglich ausgefallen ist. Aber man sollte sich nicht zu falschen Schlüssen verleiten lassen: Das hier ist nach wie vor ein tonnenschweres Doom-Album und CROWBAR spielten hierauf Musik, die heute noch dick und bärtig macht. So war es, so ist es und so wird es vermutlich bis zum Ende bleiben.
Große Emotionen, spezifisch jene der niederschmetternden Art, spielen im Klangkosmos der Band eine große Rolle. Melodien und große, dramatische Gesten werden eher mit Vorsicht verabreicht um sie nicht ihrer Effizienz zu berauben, sodass sich hymnische Refrains wie jener von „All I Had“, elegische Twin-Leads wie solche in „Existence Is Punishment“ oder geradezu ätherische Gesangsarrangements wie in „Holding Nothing“ angemessen hervorheben können. Im Mittelpunkt steht mehr die Wucht des Riffs per se, was die Hörerschaft direkt beim eröffnenden Stampfer „High Rate Extinction“ zu spüren bekommt. Der Song kommt nicht mal über die Drei-Minuten-Marke und dennoch wird alles auf Empfängerseite amtlich platt gewalzt – in Zeitlupe und mit endlos schweren Grooves, versteht sich. Beavis und Butthead nannten den Sound mal „slow and fat“ und kommentierten, dass die Band so klänge als müsse sie ständig kacken gehen.
Nicht nur für Sludge-Historiker relevant: Das Selbstbetitelte bleibt ein spannendes, ausgewogenes Werk
Den Eindruck kann man Windsteins (im positiven Sinne) angestrengt und raubeinig klingenden Gesang böswillig natürlich nach wie vor unterstellen. Doch Windsteins Stimme brachte neben prominenten Hardcore-Vibes schon damals Soul in die Klangkulisse hinein, was den NOLA-typischen Sludge nachhaltig prägen sollte, ebenso wie die omnipräsenten Southern Metal-Vibes, die zum Beispiel auch „Fixation“ dominieren. Flottere Hardcore-Ausbrüche wie in „All I Had“ oder „Self Inflicted“ lockern den Sound indes immer wieder gewinnbringend auf und tragen zur guten Hörbarkeit bei, sodass das Selbstbetitelte heute noch eine angenehm ausgewogene, gut hörbare Angelegenheit ist. Neben seiner für die Sludge-Geschichte durchaus relevante Position ist der Zweitling von CROWBAR also allgemein ein wunderbares Album zum Einstieg in das Werk der Sludge-Legende und eines, dass man immer wieder auskramen sollte, wenn es um tonnenschwere Riffwalzen gehen soll.

Michael



















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