Hypocrisy - The Fourth Dimension

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

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Die Monate vor Veröffentlichung von „The Fourth Dimension“ hatten es für HYPOCRISY in sich: Auf der Tour nach ihrem “Osculum Obscenum“-Album schied Sänger Masse Broberg mit einer fiesen Infektion aus der Band aus, und seine drei Kollegen sprangen notgedrungen ins kalte Wasser und machten als Trio weiter. Peter Tägtgren bediente nicht nur weiterhin die Gitarre, sondern war jetzt auch für die tiefen Grunzer zuständig.

HYPOCRISY machen als Trio weiter

Zu Demozeiten hatte er ja schon einmal diese Rolle inne, war damals allerdings nicht mit seinem Gesang zufrieden, weswegen er ja überhaupt Masse Broberg mit ins Boot holte. Und dass er ein wenig Eingewöhnungszeit brauchte, davon zeugte die flott veröffentlichte EP „Inferior Devoties“: Im Vergleich singt Tägtgren halt noch nicht ganz so prägnant, kernig und manisch wie Broberg.

Die Triobesetzung sollte zumindest im Studio bleiben, aber das war noch nicht die einzige Weichenstellung für die Zukunft. Denn die musikalische Heimat von HYPOCRISY war im Aufbruch begriffen: Death Metal war nicht mehr der letzte Schrei und veränderte sich, was alle Bands vor die entscheidende Frage stellte – stilistisch so weitermachen wie bisher oder neues Terrain erforschen? HYPOCRISY entschieden sich für eine behutsame Weiterentwicklung und schrieben eine ganze Reihe neuer Songs, die sie schließlich im März und April 1994 im Park Studio in Schwedens Hauptstadt Stockholm aufnehmen sollten. Zur Studioauswahl später noch ein paar Worte mehr.

Aus Dalarna nach Stockholm: Ein Triumphzug?

Schließlich landeten dreizehn Tracks auf „The Fourth Dimension“, die eine größere stilistische Bandbreite aufwiesen als zuvor. So ist der Opener „Apocalypse“ ein langsames, episches Stück, bei dem Keyboards ebenso vorkommen wie stimmungsvolle Choräle, etwas, was man von HYPOCRISY so noch nicht gehört hatte. Danach ging es aber flotter weiter: Einmal mit dem lässig gerifften „Mind Corruption“, das im Refrain mit effektiven Powerchords punktet. Dann mit „Reborn“, das in Geschwindigkeit und Intensität an „God Is A Lie“ vom Debüt „Penetralia“ erinnert. Dagegen sind „Reincarnation“ und „Black Forest“ deutlich melodischer und getragener.

In der Folge wechseln sich brachiale Brecher mit melodischen Stücken ab: „Path To Babylon“, „Orgy In Blood“ und „T.E.M.P.T.“ hätten so oder ähnlich auch auf der ersten Scheibe stehen können. „Never To Return“ zeigt sich wiederum im Refrain fast schon melancholisch und nachdenklich, und „The North Wind“ hat doppelstimmigen Gitarrenleads alle Trademarks, die den Melodic Death Metal einmal ausmachen sollten.

Halbe Geschwindigkeit und Epik

Außerdem hat das Trio ein wenig mit Geschwindigkeit experimentiert: „Slaughtered“ ist eigentlich sehr traditionell gerifft, wurde aber offensichtlich betont langsam in halber Geschwindigkeit eingespielt, wordurch es ziemlich heimtückisch kriechend statt brachial wirkt. Bleibt noch der Titeltrack „The Fourth Dimension“, bei dem Keyboards, doppelstimmige Gitarrenleads und mächtige Chordfolgen für die nötige Stimmung sorgen. Ganz klar: Epik stand den Schweden ebenso gut.

Was auch offenbar wurde: Peter Tägtgren konnte es auch. Jedenfalls hatte er seinen Grunzgesang noch eine Etage tiefer gelegt und damit einigen der Songs das nötige Etwas gegeben. Was er zudem änderte: Die textliche Ausrichtung, denn Peter Tägtgren hatte keine Lust mehr auf die explizit satanistischen Elaborate seines Vorgängers. Statt dessen richteten sich die Texte an den persönlichen Interessen des Frontmanns aus beziehungsweise wurden persönlicher.

So beginnt der Opener „Apocalypse“ mit den gesprochenen Worten „Since I was a child, I saw my own way“, wobei offen bleibt, worin dieser eigene Weg genau genau liegt, denn abgedruckt waren die Texte im Booklet wie auch bei den ersten Alben nicht. Dass Peter Tägtgren aber seine herzliche Abneigung des Christentums weiterhin thematisiert hatte, dafür standen einzelne Wortfetzen: Hier ein „God of evil“, dort ein „Crush Christianity“ … Aber vielleicht machte das den besonderen Reiz aus – dass man sich als Hörer aus einzelnen verständlichen Zeilen und aus den Songtiteln sein eigenes Bild machen konnte.

„Since I was a child, I saw my own way“

Dass die Band auch mit dem Coverartwork und dem veränderten Logo neue Wege einschlug, lag im Trend der Zeit. Wer hier welche Entscheidung fällte, ist natürlich schwer nachzuvollziehen, aber dass HYPOCRISY nicht mehr nur anecken, sondern sich eben auch künstlerisch neu (er-)finden wollten, gehört ebenso zur Wahrheit. Jedenfalls zeigte das Album eine Band, die ihre Kreativität neu entfachte und sich dadurch Respekt erarbeitete. Denn „The Fourth Dimension“ klingt in allen Facetten spannend und hat einige Krachertitel auf der Habenseite.

Was jedoch noch nicht perfekt war: Der Sound. Jedenfalls war besagtes Park Studio ganz offensichtlich nicht die beste Wahl. Bei den Riffs wurde anscheinend nur eine Gitarrenspur aufgenommen, wodurch der Sound insgesamt lasch klingt, ohne Druck, ohne Punch. Außerdem ist ein-, zweimal eine deutlich Absenkung des Pegels zu hören, was nicht auf die konzentrierteste Arbeit schließen lässt. Allerdings gehört der schlechte Sound zum Flair von „The Fourth Dimension“ irgendwie mit dazu.

Flair von „The Fourth Dimension“

Und zur Geschichte von HYPOCRISY sowieso, denn Peter Tägtgren nahm die Geschicke fortan selbst in die Hand: Er baute in Pärlby in seiner Heimat Dalarna sein eigenes Studio auf, das als Abyss Studio in die Metalhistorie eingehen sollte. Hier nahm er nicht nur die eigenen Alben auf, sondern produzierte unzählige Scheiben und versah ihnen einen amtlichen Sound (dass es daran später auch Kritik gab, sei an dieser Stelle nur pro forma erwähnt). Als die Schweden aber 1996 ihr viertes Album „Abducted“ veröffentlichten, war die Begeisterung wegen des Sounds ziemlich groß. Die Verwunderung über einige weitere Details auch, aber das ist eine weitere Geschichte für unsere „Blast From The Past“-Reihe.

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3 Kommentare zu Hypocrisy - The Fourth Dimension

  1. ClutchNixon sagt:

    Es gibt Bands, die unbedingt die Finger von schnellen Songs lassen sollten und Hypocrisy waren und sind eine jener Combos.
    Ergo: auch wenn es hier mitunter schon recht episch zugeht, sind es, wie im Übrigen auch auf späteren Alben, stets nur einzelne Stücke, die mir gefallen und selbst ein nostalgisch verklärter Blick auf meine Jugend ändert, nichts daran.

    7/10
  2. noehli69 sagt:

    Der große Wurf war’s noch nicht, denn 9P kann ich mich hier nicht anschließen. Ab Abducted holt mich der Peter deutlich mehr ab.

    7/10
  3. destrukt. sagt:

    Im bandeigenen Kanon sicherlich ein wichtiges Album, markiert es doch den Wechsel der musikalischen Ausrichtung weg vom reinen DM, hin zu einer eher melodischen Herangehensweise im Midtempo-Groove, die die Band auch heute noch ausmacht. Die Scheibe startet mit dem an englischen Death/Doom erinnernden „Apocalypse“ und „Reincarnation“ oder „Mind Corruption“ mit seinem rollenden Carcass’schen Riff an sich erstmal richtig stark, fällt danach aber in meinen Augen relativ zügig deutlich ab, was eventuell auch daran liegt, dass das folgende „Reborn“ als Uptempo Nummer die anfängliche Epik bricht, die das Album im Anschluss nicht mehr richtig erzeugen mag.
    Aber wie schon an anderer Stelle geschrieben, überzeugt mich Hypocrisys Frühwerk immer nur in einzelnen Songs und erst seit „A Taste Of Extreme Divinity“ auch auf Albumlänge und da ist vorliegendes Album auch keine Ausnahme.
    Als Randnotiz sei noch erwähnt, dass das Album gleichzeitig auch als Startschuss für eine ununterbrochene Reihe von extrem hässlichen Albumcovern bis „AToED“ gewertet werden darf 😀

    7/10