Hellseatic Festival
"Wenn man sieht, dass jemand alleine kommt und am Ende des Abends Teil einer Gruppe geworden ist – dann merkt man, dass das Festival funktioniert."

Interview

An diesem Wochenende findet das Hellseatic-Festival im Bremer Schlachthof statt. Nach den Ausgaben im Jahr 2021, 2022 und 2024 ist es die vierte Sause. Es hängt vom Vorverkauf und der Abendkasse ab, wie die weitere Zukunft des Festivals auf. Wir sprachen mit den Team-Mitgliedern Andrea und Dave über Vergangenheit und Zukunft des Events.

Moin und danke für eure Zeit. Wenn ihr gefragt werdet, was das Hellseatic ist: Wie antwortet ihr?

Kurz gesagt: Das Hellseatic ist ein Festival für Menschen, die sich für schwere, düstere und intensive Musik interessieren – unabhängig davon, ob sie aus dem Metal, Post-Rock, Hardcore oder ganz anderen Richtungen kommt.

Uns geht es darum, einen Ort zu schaffen, an dem man Neues entdecken kann. Also nicht unbedingt die Bands, die man sowieso schon kennt, sondern die, bei denen man nach dem Auftritt denkt: „Warum kannte ich die eigentlich noch nicht?“

Und genauso wichtig ist uns das Drumherum: ein respektvolles Miteinander, eine offene Atmosphäre und eine Szene, die sich nicht über Ausschluss, sondern über gemeinsame Leidenschaft definiert.

Bei euch sieht man statt „Metal“ oft den Begriff „Heavy Music“. Wie definiert ihr „Heavy Music“ und gibt es dadurch im Booking trotzdem Genrelimitierungen?

Für uns beschreibt „Heavy Music“ eher ein Gefühl oder eine Ästhetik als ein Genre. Es geht um Intensität, um Atmosphäre, um Emotionen – das kann in sehr unterschiedlichen musikalischen Formen stattfinden.

Natürlich bewegen wir uns überwiegend in einem Spektrum, das viele Menschen als „Metal-nah“ wahrnehmen würden. Aber wir denken beim Booking nicht in Schubladen. Wir überlegen nicht: „Uns fehlt noch eine Black-Metal-Band“, sondern eher: „Passt diese Band in die Gesamtstimmung des Festivals?“

Es gibt also keine festen Genregrenzen, aber es gibt einen roten Faden. Der hat mit Haltung, Klangästhetik und Authentizität zu tun.

Ihr habt im Timetable mit CRIPPLED BLACK PHOENIX und HERETOIR zwar zwei Headliner-Slots, aber keine direkte Vermarktung von Headlinern auf Plakaten. Warum?

Das ist eine bewusste Entscheidung. Wir möchten das Festival nicht um einzelne Namen herum aufbauen, sondern als Gesamterlebnis begreifen.

Natürlich gibt es Bands, die später spielen oder eine größere Bühne bekommen – das ist organisatorisch notwendig. Aber wir wollen nicht suggerieren, dass eine Band wichtiger ist als eine andere. Gerade bei einem Festival, das stark vom Entdecken lebt, würde eine klassische Headliner-Logik dem Konzept widersprechen.

Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht: Wenn das Publikum offen kommt und sich auf das Programm einlässt, funktioniert das sehr gut.

Hellseatic 2026 final

Wäre es für künftige Ausgaben denkbar, gezielt eine „populäre“ Band als Headliner zu buchen?

Ausschließen würden wir das nicht. Wenn eine größere Band inhaltlich und atmosphärisch zu uns passt, kann das absolut sinnvoll sein. Aber wir würden das nie als Selbstzweck machen. Ein großer Name allein macht kein gutes Festival. Wichtig ist, dass das Gesamtbild stimmt und dass die Band Teil der Idee ist – nicht ihr Ersatz.

Unser Fokus wird deshalb immer darauf liegen, spannende Künstler:innen zusammenzubringen, egal ob sie gerade vor 200 oder vor 2.000 Menschen spielen.

Was war der ausschlaggebende Punkt, ein Festival in Bremen zu veranstalten?

Bremen hat eine sehr lebendige Szene für schwere Musik, aber lange Zeit fehlte ein größerer Ort, an dem sich diese Szene bündeln kann. Wir wollten einen Raum schaffen, der über einzelne Konzerte hinausgeht – ein gemeinsames Ereignis, das Menschen zusammenbringt, die ähnliche Interessen und Werte teilen.

Und natürlich spielt auch ein Stück Lokalpatriotismus eine Rolle. Wir kommen aus dieser Stadt, wir sind Teil dieser Szene, und wir wollten etwas aufbauen, das hier langfristig bestehen kann.

Ihr habt damals in bzw. vor der Pandemie angefangen. Inwieweit hat das die Entwicklung des Festivals beeinflusst?

Die Pandemie hat uns den Start natürlich erschwert und uns gezwungen, flexibel zu sein und mit Unsicherheit umzugehen. Gleichzeitig haben wir sehr von den Corona-bedingten Sonderförderungen profitiert. Unser Festival ist nicht kommerziell orientert und gerade zu Beginn, ist solch ein Projekt nicht ohne Fördermittel (oder große Sponsoren) finanzierbar. Das spüren wir jetzt seit 2024, wo die Fördergelder ausbleiben, besonders. Man kann also sagen, die Pandemie war für uns Fluch und Segen zugleich.

Nach zwei Open-Air-Ausgaben seid ihr von der Bremer Wollkämmerei im Norden der Stadt in den Schlachthof in Findorff gewechselt. Warum?

Die Unsicherheiten in Bezug auf den Standort und Förderung seitens des Landes und Bundes zwangen uns zunächst zu dem Entschluss ein Jahr auszusetzen. Die Verkaufszahlen der zwei Open Air Ausgaben hätten eine kostendeckende Veranstaltung ohne weitere Fördermittel nicht ermöglicht. Ende 2023 waren die Unsicherheiten immer noch zu groß, so dass wir uns entschieden in den Schlachthof zu gehen. Rückblickend, war das eine sehr gute Entscheidung: bessere Erreichbarkeit, bestehende Infrastruktur und eine Atmosphäre, die sehr gut zu unserem Konzept passt.

Ihr legt besonders viel Wert auf Inklusion und ein soziales Miteinander – welche besonderen Maßnahmen ergreift ihr, die bei Festivals heutzutage noch nicht alltäglich sind, um das für alle zu ermöglichen?

Für uns bedeutet Inklusion nicht nur, bestimmte Regeln aufzuschreiben, sondern aktiv Strukturen zu schaffen.

Dazu gehören zum Beispiel klare Awareness-Konzepte, geschulte Ansprechpartner:innen vor Ort und eine Türpolitik, die deutlich macht, dass diskriminierende oder menschenfeindliche Inhalte bei uns keinen Platz haben.

Wir versuchen außerdem, Zugangsbarrieren möglichst niedrig zu halten – etwa durch soziale Ticketmodelle oder transparente Kommunikation. Das sind keine spektakulären Maßnahmen, aber sie sind konsequent.

Ihr habt eine umfangreiche Liste an Bands, deren Merch bei euch nicht erwünscht ist. Neben den üblichen Kandidaten finden sich dort auch streitbare Namen wie MARDUK wieder. Wie ist diese Liste konzipiert und wer kuratiert sie?

Die Liste ist kein starres Dokument, sondern ein Arbeitsinstrument. Sie basiert auf Recherchen, Diskussionen und Austausch innerhalb des Teams und mit Menschen aus der Szene. Uns geht es nicht darum, moralische Urteile zu fällen oder Menschen auszuschließen. Aber wir wollen Verantwortung übernehmen für das Umfeld, das wir schaffen.

Wenn Bands oder deren Umfeld wiederholt durch problematische Aussagen oder Verbindungen auffallen, dann entscheiden wir im Zweifel zugunsten eines klaren Standpunkts. Diese Entscheidungen treffen wir gemeinsam und überprüfen sie regelmäßig.

Was sind eure Wünsche und Träume für das Hellseatic. Was wollt ihr umsetzen – könnt es aber noch nicht?

Unser größter Wunsch ist eigentlich ziemlich schlicht: dass das Festival langfristig bestehen kann und weiter wächst, ohne seine Haltung zu verlieren. Es gibt natürlich viele Ideen – mehr internationale Acts, zusätzliche Programmpunkte, vielleicht neue Formate jenseits der klassischen Konzertstruktur.

Aber solche Schritte müssen finanziell und organisatorisch tragfähig sein. Ohne Fördermittel sehe ich selbst die Fortsetzung in bisheriger Form in Gefahr.

Was war euer persönliches Highlight der vergangenen Festival-Ausgaben, sei es ein Auftritt oder etwas anderes?

Es gab viele besondere Momente auf der Bühne, aber oft sind es die kleinen Situationen, die in Erinnerung bleiben: Gespräche mit Besucher:innen, spontane Begegnungen zwischen Bands oder das Gefühl, dass Menschen sich hier wirklich wohlfühlen.

Wenn man sieht, dass jemand alleine kommt und am Ende des Abends Teil einer Gruppe geworden ist – dann merkt man, dass das Festival funktioniert.

Hier ist Platz für eure Worte: Was möchtet ihr den Leser:innen mitgeben?

Es gibt noch Festival- sowie auch Tagestickets online und vor Ort! Kommt und seid neugierig. Ihr müsst nicht jede Band kennen, ihr müsst nicht aus „der Szene“ kommen, und ihr müsst auch kein bestimmtes Bild erfüllen. Wenn ihr Lust auf intensive Musik, neue Eindrücke und ein respektvolles Umfeld habt, dann seid ihr beim Hellseatic richtig.

Danke Andrea und Dave für die Beantwortung der Fragen. Hier könnt ihr euch mit dem Aftermovie von 2024 einen Eindruck verschaffen.

Quelle: Andrea & Dave vom Hellseatic-Team
29.04.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

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