Lunar Shadow
"Diese Art der Anonymität, dieses Verschwinden in der Masse, das war für mich eine absolute Offenbarung."

Interview

Die einstigen Vorzeige-Epic-Metaller LUNAR SHADOW haben einen beachtlichen Ritt hinter sich: drei Alben und eine EP in sieben Jahren. “Far From Light” (2017) und “The Smokeless Fires” (2019) wurden wohlwollend respektive euphorisch besprochen, LUNAR SHADOW wurden schnell zu Lieblingen aller Freunde von quietschfideler Melancholie und spleeniger Detailverliebtheit. Per Vorankündigung ließ die Band verlauten, dass “Wish To Leave” anders werden würde, möglicherweise das Potenzial hätte, die Fans zu spalten.

LUNAR SHADOW – Big city… Big city nights!

Ein “Großstadt-Album” sei “Wish To Leave”, das sich Post-Punk- und Indie-Territorien erschließen will. Inspiriert haben Hauptkomponist und -gitarrist Max “Savage” Birbaum dazu nächtliche Spaziergänge durch die Stadt Leipzig. An diesem Punkt wurde ich – als ebenfalls vor einer Weile zugezogener Wahl-Leipziger – hellhörig. Unser Vorhaben, bei einer Corona-sicheren Session im Park, ein Interview gewissermaßen vor der Kulisse der Inspiration selbst zu führen, scheiterte letztlich an einem mehrtägigen Sauwetter und musste so ironischerweise wieder auf digitale Kommunikationsmittel verlagert werden. Das ändert allerdings nichts am Informationsgehalt und der beinahe literarischen Qualität der Antworten des Gitarristen.

Max Birbaum von Lunar Shadow 2021

Max „Savage“ Birbaum

„Wish to Leave“ ist schon euer drittes Album. Wie fühlst du dich generell bei der Veröffentlichung eines neuen Albums?

Das ist zweifellos immer eine recht spannende Zeit, wir investieren ja nicht eben wenig Zeit, Aufwand, Geld und Arbeit in unsere Alben. Ein Album dann an die Welt zu übergeben ist daher dann immer schön. Es hat für mich im Speziellen aber natürlich auch Schattenseiten, weil dann viel Arbeit auf mich zukommt, ich mache viel Promo, Interviews, kriege Anfragen, beantworte Nachrichten von Fans, das darf man nicht unterschätzen.

Ich merke an diesem Aufwand auch von Album zu Album, wie die Band tatsächlich “wächst”. Ich kriege immer mehr Feedback, immer mehr Anfragen, immer mehr Magazine, national und international. Agenturen wollen uns unter Vertrag nehmen, Labels. Die üblichen Scammer (“Überweise mir 1000 Euro und ich schicke euch eine Liste mit den Adressen von 1000 Plattenlabels! Mit Erfolgsgarantie!”)
Aber das ebbt zum Glück dann auch irgendwann wieder ab nach einigen Wochen.

Du meintest im Vorfeld, das Album hat das Potenzial, eure Fans zu spalten, bzw. dass du dir sicher bist, dass es einige nicht mögen werden. Dafür kommt das Album aber, soweit ich sehen konnte, bisher durch die Bank recht gut an. Tangiert dich sowas überhaupt?

Gut, zunächst mal sind Promotexte natürlich auch ein Stück weit dafür da, um verbal ein wenig auf die Pauke zu hauen und Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist ja ihr eigentlicher Sinn, per definitionem. Ich muss aber zugeben, dass ich mich in dem Punkt durchaus geirrt habe, denn das Feedback ist in der Tat überwiegend sehr positiv. Da habe ich die Hörerschaft möglicherweise etwas unterschätzt. Oder die Shock Value des Albums überschätzt, je nachdem.

Was die Reviews angeht, ich will ganz ehrlich sein: ich lese eigentlich kaum noch welche. Mir ist es an diesem Punkt wichtig zu betonen, dass ich jedem Einzelnen, der über die Band schreibt, dankbar bin. Ob das eine gute oder schlechte Rezension ist, spielt gar keine Rolle. Ich habe nur oben bereits erwähnt, dass wir als Band immer mehr Aufmerksamkeit bekommen und ich kriege einfach so viele Rezensionen wie noch nie, jeden Tag bekomme ich von unseren PR-Agenturen Reviews en masse, das habe ich so auch noch nicht erlebt. Und es gibt einfach mittlerweile so viele Websites über Metal und Rock, Blogs, so viele Leute schreiben über das Album.

Ich habe nach 6 Jahren mittlerweile auch einfach schon alles gehört: Der Sänger ist scheisse, der Sänger ist super, langweilig, die Alben davor waren besser, das aktuelle Album ist ein Meilenstein, zu gut produziert, zu schlecht, was soll das, wie sieht der denn aus? Und so weiter und so fort, ich habe für mich persönlich entschieden, dass ich da gar nicht mehr wirklich hinterher bin. Für mich ist das auch einfach mental gesünder, ich habe nämlich so Tendenzen 99 euphorische Reviews zu bekommen und ein schlechtes und ich halte mich dann mit letzterem auf.

Das vergeht in der Tat sehr schnell, mich tangieren solche Meinungen in der Tat nicht so sehr, das ist nicht nur Interview-Gerede. Wenn jemand unser Album hoch lobt, vielen Dank! Freut mich ehrlich. Wenn er es nicht gelungen findet? Auch gut, danke sehr!
Ich habe mich einfach eines Tages beim Spazieren gehen gefragt: “Warum liest du die Rezensionen eigentlich? Ziehst du da was raus? Etwas positives?” Und dem war eigentlich nicht so. Das Ganze passt zu meiner unlängst erfolgten Entscheidung, auch Social Media komplett hinter mir zu lassen. Ich steige einfach ein bisschen aus der ganzen Internet Culture aus, mir tut das gut.

Meine These ist, dass Entwicklungen dieser Art inzwischen vom Gros der Fans wohlwollender aufgenommen werden, weil die meisten inzwischen offener sind und die Emotionen, die sie in Musik suchen, nicht mehr nur im Metal finden. Vor 25 – 30 Jahren hätte euch das eventuell stärker die Beine berechen können, wie einige Bands aus den Achtzigern belegen. Inzwischen scheint es einige Leute zu geben, die geradezu nach dieser Grenzüberschreitung suchen. Wie ist das bei dir als Musik-Fan: Bist du eher konservativ oder auch auf der Suche nach „Stilbrüchen“?

Da musste ich jetzt erstmal drüber nachdenken. Dem könnte ich entgegenhalten, dass es damals diese Zersplitterung in 73457345 Genres noch nicht gab und man halt VENOM und MÖTLEY CRÜE problemlos nebeneinander gehört hat.
Das Internet gab es aber natürlich noch nicht und das spielt eine wichtige Rolle. Man kann heute viel genreübergreifender Musik hören, sich in vielen verschiedensten Musikrichtungen Wissen und Kenntnis aneignen, das war damals in der Form gar nicht drin, da hat man halt Tapes getauscht. Das ist heute alles einfacher und ich denke, dass die Leute dann auch bemerken, dass es in Ordnung ist, wenn man einfach hört, was man will. Dass es akzeptiert ist zu sagen “Ich mag halt JUDAS PRIEST, aber eben auch PINK TURNS BLUE”, da tragen wir möglicherweise jetzt halt auch ein bisschen zu bei. Sich zu lösen von diesen starren Genres.

Ich habe auch ein bisschen das Gefühl, dass das möglicherweise auch etwas mit dem Alter zu tun hat. Ich argumentiere jetzt hier von meiner eigenen Warte, als ich jünger war, war ich deutlich engstirniger und weniger tolerant. Die ganzen Insta-Kids Anfang 20 sind glaube ich auch heute eher noch auf Genregrenzen fixiert und die richtigen Shirts und Patches. Ich bin aber halt einfach Anfang 30 und habe nur Leute in diesem Alter um mich, da interessiert das halt einfach niemanden mehr, da wird gehört, was einem gefällt und fertig. Da wird gar nicht mehr drüber diskutiert, finde ich irrsinnig angenehm. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich viel lieber 30 bin als 20.
Mir ist es nur immer wichtig zu betonen, dass hinter gewissen Stilbrüchen in meiner Musik keine Intention verborgen liegt. Ich forciere keinen Wandel um des Wandels willen. Ich spiele die Musik, die ich spielen will und bin in der komfortablen Situation, das auch in vollem Umfang tun zu können.

Was mir an dem Album gefällt ist, dass man einerseits eine Weiterentwicklung, einen Reifeprozess wahrnimmt; andererseits ist nach den ersten Sekunden von „Serpents Die“ schon klar, dass es LUNAR SHADOW sind. Die Melodien sind unverwechselbar. Bisher hatte ihr auf jedem Album Songs, die zum Aufnahmezeitpunkt schon etwas älter waren – zählt dieser Song auch dazu? Er ist eine schlüssige „Brücke“ zwischen den „Smokeless Fires“-LUNAR SHADOW und den „Wish to Leave“-LUNAR SHADOW.

Nein, “Serpents Die” ist tatsächlich ein neuer Song. Ich mag den aber auch gerne, er enthält alle „neuen“ Trademarks und führt sie, denke ich, schlüssig zusammen.
Ich glaube auch, dass es noch nach Lunar Shadow klingt, da ich meine Art Songs zu schreiben ja nicht einfach über Nacht ändern kann. Daher sind diese bestimmten Trademarks immer irgendwie mit drin. Ist ja auch eine gute Sache. Ich will zugeben, dass es mich immer stolz macht, wenn ich höre, dass Lunar Shadow ein ganz eigener, unverwechselbarer Stil zugesprochen wird. Größeres Lob kann es nicht geben.

Ihr habt diese Entwicklung mit „Roses“ auf dem Vorgänger-Album bereits angedeutet, auch wenn der Song sich schon ein Stück weit von dem aktuellen Material unterscheidet.

Absolut, das ist richtig. Mir war auch klar, dass wenn wir nochmal ein Album machen, es den Weg von “Roses” weiterführen wird. Das war die Richtung, die mich interessiert hat.

Soweit ich weiß, ist „And Silence Screamed“ ursprünglich für das letzte Album gedacht gewesen. Das Stück beweist, ebenso wie „Delomelanicon“, dass es überhaupt nicht abwegig ist, klassische Heavy-Metal-Parts in einem „unklassischen“ Gewand zu spielen. Hast du viel von dem älteren Song viel angepassen müssen für „Wish to Leave“?

Jein, “And Silence Screamed” und “Delomelanicon” sind einfach beide um die 8 oder 9 Jahre alt.
“Delomelanicon” hieß erst “Crystal Avenger”, dann “The Sower Of Thunder” und ich habe ihn während der Aufnahmen dann nochmal umbenannt. Die Nummer wollte ich ungern verkommen lassen, ich bin mit dem Ergebnis auch sehr zufrieden.

“And Silence Screamed” war schwieriger. Der Song ging mir während der Aufnahmen total auf die Nerven und ich fand, dass er überhaupt nicht zum Rest des Albums passt. Man hört ihm sein Alter halt an, es ist eher der “alte” Stil, à la “Triumphator”. Ich habe dann zusammen mit Max Herrmann im Studio noch einiges umgebaut, den kompletten Refrain gestrichen, neu geschrieben, einen neuen Text dafür verfasst, das Solo nach dem Refrain eingebaut und improvisiert und die Hammond-Orgel drunter gepackt. Jetzt komme ich mit der Nummer auch zurecht. Ich habe mir aber geschworen, dass ich keine alten Songs mehr wiederverwenden werde in Zukunft.

Galerie mit 17 Bildern: Lunar Shadow - Hammer And Iron Festival 2020

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Quelle: Max "Savage" Birbaum / Live Fotos: Janine Ulbrich (metal.de) / Promo Foto: Sebastian Wünsche; Anette Feller
29.03.2021

Redakteur

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