Memoriam
Musik existiert nicht im politischen Vakuum

Interview

Die Veröffentlichung des neuen MEMORIAM-Albums „The Silent Vigil“ steht unmittelbar bevor. Das Album verspricht einen deutlich Schritt fort vom auf „For The Fallen“ etablierten Sound. Stattdessen arbeiten die Briten dank deutlich sperrigeren Songs an einer direkteren Ausdrucksweise, die sich auch textlich abhebt von dem, was man von der Band angesichts ihres Debüts erwarten würde. Während der Listening-Session zu Beginn des Jahres haben wir die Gelegenheit bekommen, mit Karl Willets und Frank Healy zu sprechen über das neue Album und dem Drang der Band, Stellung zum Weltgeschehen zu nehmen. Und ja: „The Silent Vigil“ schlägt eine deutlich politischere Richtung ein als sein Vorgänger.

Memoriam

Von „For The Fallen“ zu „The Silent Vigil“ – MEMORIAM auf Hochtouren

Die Idee, hieraus eine Trilogie zu formen, kam uns erst nach und nach. MEMORIAM sind ja aus einer Coverband heraus entstanden, also kann zum Zeitpunkt der Gründung noch keine Rede von Konzeption gewesen sein. (lacht) Natürlich trauern wir noch immer über diverse Verluste und daher kann man MEMORIAM auch als vier Mann bezeichnen, die sich gegenseitig brauchen. Und wir möchten natürlich mit dem, was uns zur Verfügung steht, so viel wie möglich gesagt bekommen – und wenn du zu viel an dir zweifelst, wirst du nie dazu kommen, irgendetwas Bedeutungsvolles zu sagen. Daher hat es auch nicht lange gedauert, bis wir mit dem Nachfolger zum Debüt angerückt sind. Wir möchten uns einfach nicht zu sehr selbst im Weg stehen, sondern unsere Message nach draußen bringen. Denn sonst verschwendest du nur wertvolle Zeit.

Die „Mahnwache“ im Kontext der Band und ihres Schaffens

Wie gesagt handelt es sich hier um den zweiten Teil einer geplanten Trilogie, deren dritter Teil bereits in Arbeit ist, während wir reden. „For The Fallen“ hat eine rohe Trauer beschrieben. Das Gefühl unmittelbaren Verlustes eben, wie man es zum Beispiel im Krieg erleben würde. Die Mahnwache auf der anderen Seite steht für ein Volk, das den Verlust akzeptiert hat und seiner gedenkt. Es stellt für uns eine Reflexion über unser direktes Umfeld dar, wie wir mit Verlusten klar kommen mussten, und dient uns als Ventil, um dies zum Ausdruck zu bringen. Wir möchten diesem Verlust ein Gesicht verleihen, ihn akzeptieren, gleichzeitig aber auch dessen Implikationen hinterfragen.

Der politische Kern der „Mahnwache“

„The Silent Vigil“ beschreibt auf der anderen Seite aber auch einen Hass auf die Welt. Entsprechend sind unsere Songs einerseits abrupter und andererseits strukturierter ausgefallen. Der Gedanke war, ein MEMORIAM-Album zu schaffen, zu dem man zurückkehren kann, ja: muss. Daher ist es so sperrig geworden. Scott bringt neue, technische Einflüsse in den Sound hinein, welche die Songs hier und da auflockern, doch dagegen ist der sperrigste Song, „Through The Flames“, deutlich geradliniger und aggressiver. Generell wollten wir die reine Negativität zurückschrauben. Denn das haben wir bereits mit „For The Fallen“ mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht. So gesehen ist dieses Album der erste Akt unserer Trilogie gewesen, die Vorstellung unserer Absichten, während „The Silent Vigil“ nun deutlich programmatischer und direkter Bezug auf die Themen nimmt, die uns am Herzen liegen. Da wären Dinge wie der Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Klimaabkommen und derlei politische Entgleisungen, nicht exklusiv von den Amerikanern, auch und vor allem mit dem Rechtsruck innerhalb Europas, die uns beschäftigt und letzten Endes zu „The Silent Vigil“ inspiriert haben.

Eine Welt wird zu Grabe getragen

MEMORIAM klagen in gewisser Weise den Tod der Welt an. Alles befindet sich im Prozess der Veränderung, des Umbruchs, in einer Art und Weise, von der man eigentlich hätte denken sollen, dass sie uns nicht noch einmal widerfahren sollte. Aber die Geschichte der Menschheit wiederholt sich immer und immer wieder, weil wir nie etwas daraus lernen. Birmingham ist ja eigentlich eine multikulturelle Stadt, in der eine rechte Szene kaum jemals ein Thema gewesen ist, aber plötzlich hat sich das zu einem globalen Phänomen toxischen Ausmaßes entwickelt. Denn es ist schließlich deutlich einfacher, Mauern zu errichten, anstatt Brücken zu bauen. Und auf der Spitze des braunen Kotberges sitzt ein US-Präsident, der wie ein verwöhntes Balg auf Zucker irrsinnige Tweets in den Äther heraus bläst und sich damit wie ein Elefant im politischen Porzellanladen benimmt.

Statt vertontem Hass vertonte Frustration

Die instabile, politische Lage, die derzeit überall herrscht, hat uns wahnsinnig frustriert. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem sämtliche unserer politischen Führungskräfte kaum mehr als lachhafte Witzfiguren sind – wir könnten vermutlich ein ganzes Interview mit unserem Frust über Theresa Mays bodenlose Inkompetenz füllen. (lacht) Es herrschen wahrhaftig verrückte Zeiten, in denen man als normalsterblicher Bürger eigentlich schon fast damit rechnet, dass die nächste Hiobsbotschaft auf dem Fuße der ersten folgen wird. Da wirst du einfach wahnsinnig. Daher wollten wir dieses Gefühl der Frustration in Musik übersetzen. Denn schließlich existiert die Musik ja nicht in einem politischen Vakuum, auch wenn gerade Popmusiker gerne mal so tun, als ob das so wäre. Es ist ein deutlich düsterer Ansatz, den wir gewählt haben, der jedoch einen Funken Hoffnung zulässt.

Raus aus dem Panzer?

Wir sind im Grunde ja mit unseren Fans gealtert und haben gemeinsam eine ganze Reihe von Sachen erlebt. Unsere Erfahrungen überschneiden sich an gewissen Punkten. Die Welt ist unbequemer geworden, also ist auch unserer Musik unbequemer geworden. Wie sagt man so schön: „It’s art imitating life„. Unsere Texte agieren nicht mehr auf der subtilen Ebene, d. h. wir drücken uns nicht mehr über den Symbolismus des Krieges aus, sondern bringen die Themen direkter auf den Punkt und prangern sie explizit an. Das Songwriting ging recht flott, frei nach der Devise: Nicht zu viel nachdenken, nicht zu viel zögern, einfach machen. Wir stimmen unsere Vision auf den Moment ab und versuchen diesen dann einzufangen. Denn du kannst nur dann ein unbequemes Album aufnehmen, wenn du es dir selbst als Musiker so unbequem wie möglich machst. Denn nur durch diesen Prozess der Geißelung kommst du nach vorne. Wir könnten uns natürlich auch auf unseren Lorbeeren ausruhen, das wäre die einfache Variante. Und vermutlich auch das, was sich die meisten wünschen. Machen wir aber nicht. Denn die Welt dreht sich weiter. Und so müssen auch wir uns mit ihr bewegen.

Galerie mit 16 Bildern: Memoriam auf dem Summer Breeze Open Air 2017
14.03.2018

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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1 Kommentar zu Memoriam - Musik existiert nicht im politischen Vakuum

  1. Minaretto sagt:

    Man erfährt durch das Interview den Leitfaden bzw. die Themen, mit denen sich die Band befasst, auch wenn es inhaltlich relativ oberflächlich geraten ist. Mir fehlen aber auch kritische Fragen, zb zum Gesang, der hier an anderer Stelle (meiner Meinung nach übrigens deutlich zu Recht) stark kritisiert wird. Das Interview wirkt wie ein „lass sie mal reden, ich trau mich eh keine kritischen Fragen zu stellen“…, schade.