Memoriam - The Silent Vigil

Review

Galerie mit 16 Bildern: Memoriam auf dem Summer Breeze Open Air 2017

Ein Jahr nach „For The Fallen“ blasen MEMORIAM zum zweiten Mal zum Angriff. Bekanntermaßen gilt die Band ja als Quasi-Nachfolger der legendären BOLT THROWER. Doch schon auf der Listening Session hat sich eine Sache markant herauskristallisiert: Die Band hat auf „The Silent Vigil“ Abstand von der Kriegsthematik genommen, um deutlich direkter auf Themen von brennender Relevanz eingehen zu können; Themen die an niemanden vorbeigehen und auch nicht vorbeigehen sollten. Denn gerade der Wahnsinn, der sich derzeit in den politischen Lagern dieser Welt abspielt, fordert ein Statement förmlich für sich ein. Und kaum jemand kann wirklich von sich behaupten, in einer Blase zu leben, die ihn von allen politischen Einflüssen freispricht. Die große Frage, die im Falle MEMORIAM nun aber im Raum steht, ist natürlich: Funktioniert der Panzer musikalisch auch ohne Panzer?

MEMORIAM funktionieren auf „The Silent Vigil“ auch ohne Kriegslyrik

Wenn sich eine Erkenntnis aus der Listening Session auch langfristig bewahrheitet hat, dann die, dass „The Silent Vigil“ sehr sperrig ausgefallen ist. Es gibt eigentlich keinen Song, der sich auf Anhieb in die Gehörgänge schießt. Auch die vergleichsweise lange Spielzeit von fast 50 Minuten lässt nicht gerade auf leichte Kost schließen. Die Engländer haben die Sicherheit des Panzers verlassen und gehen nun auf direkte Tuchfühlung mit ihrer Umgebung. Das bedeutet natürlich auch, dass sie auf Schusters Rappen unwegsames Gelände beschreiten müssen. Und tatsächlich stellt sich „The Silent Vigil“ als weniger straff, dafür deutlich kantiger und erdiger dar als noch sein Vorgänger, bei dem es MEMORIAM ja noch richtig krachen lassen haben. Nein, „The Silent Vigil“ ist da wesentlich zurückhaltender, was schon bei der Produktion anfängt. Dieses Album vollzieht eine Gratwanderung, die darin besteht, zu gleichen Teilen roh und aggressiv sowie unglaublich sauber und aufgeräumt zu klingen. Man muss sich zugegeben etwas mit dem Schlagzeug anfreunden, das recht hell und dünn abgemischt worden ist, doch diese Entscheidung ergibt im Gesamtbild Sinn, zumal der Mix generell recht leise ist. Die old-schoolige, ranzige Seite der Medaille hat natürlich den kosmetischen Effekt, dass der Sound schön altbacken klingt. Wenn MEMORIAM hier Krieg führen, dann gegen den anhaltenden Loudness-Wahn der Musikindustrie.

Natürlich ist der Sound nur die halbe Miete, was können die Songs? Diese profitieren natürlich immens vom Sound und machen sich diesen zunutze. Statt bombastischem Bombenhagel bieten MEMORIAM hier düstere, irgendwie sinistre Songs, die das Bild der Mahnwache, wie es sich die Herren vorstellen, gut einfängt. Man spürt förmlich, wie der Zorn innerhalb der Songs brodelt, wie sich dieser jedoch statt entladen zu werden immer weiter steigert, ohne entladen zu werden. Kleine Macken in der Musik hier und da spielen dem generellen Feeling von Frustration in die Karten. Von Katharsis keine Spur. Die Songs transportieren so ein Gefühl, das sich irgendwo zwischen Wut und Ohnmacht einordnen lässt, was das Bild des normalen Individuums innerhalb dieser verrückten Zeit hervorragend widerspiegelt. Damit treffen die Herren zielsicher den Nerv unserer Zeit.

Ein verstohlener Blick in Richtung zelebrierter Langsamkeit

Um den stimmungsorientierten Charakter des Albums weiter zu unterstreichen trumpfen die Briten mit einem oftmals langsamen Tempo auf, das manchmal sogar ein Stück in Richtung Doom schielt. So stampft „Soulless Parasite“ nach seinem aggressiven, fiesen Auftakt wie durch den slugdigen Sumpf dahin. Scott Fairfax hat seine Gitarre scheinbar schon sehr lange nicht mehr sauber gemacht, so dreckig wie das Teil hier klingt. Frank Healys Bass knurrt sich derweil bedrohlich unter den Gitarren ein und sorgt für eine giftige Grundlage, über der Karl Willets thront. Dessen Darbietung klingt teilweise schon gar nicht mehr nach bellendem Death Metal, sondern eher nach einer zornigen Brandrede, die um ein bis zwei Ecken mit dem Hardcore verwandt ist. Der Titeltrack ist zwar kurz, dafür punktet der Song mit seiner stimmigen Melodik, die tatsächlich so klingt, als würde die Band hier eine Nation zu Grabe tragen. Effektiv werden die schleppenden Rhythmen natürlich vor allem dann, wenn sie wie in „As Bridges Burn“ mit einem flotten Uptempo-Einschub in Relation gesetzt werden. Und gerade der Song wartet mit einigen zermarternden Riffwalzen auf. Ein weiterer Höhepunkt ist der Rausschmeißer „Weaponised Fear“, der wie ein zorniger Gigant aufstampft, ehe sich fiese Gitarren wie Sägen durch das Fleisch schneiden. Auch hier ist wieder ein Hauch von Teergrube im Sound wahrzunehmen, der Song trödelt zeitweise nur einen tranigen Steinwurf an der zelebrierten Langsamkeit vorbei.

Natürlich klingt der alte Kriegspanzer schon relativ einschlägig durch. So ganz werden MEMORIAM den dann wohl doch nicht abschütteln. Dennoch markiert „The Silent Vigil“ einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Band. Ja, selbst diese alten Haudegen können sich noch wandeln und präsentieren ein stimmungsvolles, effektives und emotionales, aber auch verdammt sperriges Album. Die Songs muten dank der meist einfach gehaltenen Instrumentalarbeit täuschend simpel an, sodass man sich hier nicht auf die falsche Fährte leiten lassen und das Album schnell abschreiben sollte. Hier steckt mehr drin, als sich auf den ersten Blick erahnen lässt – wiederholte Hördurchgänge sind zum Genuss des Albums absolut imperativ. Und hat „The Silent Vigil“ dann erst einmal zugepackt, lässt es so schnell nicht mehr los. Klingt abgedroschen, ist aber so.

16.03.2018

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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23 Kommentare zu Memoriam - The Silent Vigil

  1. metalfreak sagt:

    Mir kommt dieses Teil ganz schwach vor, der Gesang war schon auf dem Vorgaenger unterirdisch

    4/10
  2. DieBlindeGardine sagt:

    Rein instrumental klingt das bisher Gehörte wieder ziemlich fett, aber Karl Willets hat sich halt echt die Stimme ziemlich zerschossen. Gefühlt klingt er minimal besser als aud dem ersten Album, aber von seiner Leistung bei Bolt Thrower ist er doch meilenweit entfernt. Naja, mal auf das ganze Album warten und schauen, ob die gute Musik den schwachen Gesang irgendwie ausgleichen kann.

  3. sadvader sagt:

    Finde ich einfach ein bisschen fad.

  4. Lavendel sagt:

    Wenn das unteriridische Plastik Label im Hintergrund nicht wäre, könnte man sich das sogar anhören.

    1. DieBlindeGardine sagt:

      Wenn sich das auf den Kommentar von Lavendel bezieht….japp!

  5. Quarlon sagt:

    Gut aber auch fillers. Bleed The Same en Weaponised Fear sind schwach

    7/10
  6. Overwill sagt:

    Erstaunlich, was der Rezensent hier alles herausgehört haben will, obgleich man es auch wie folgt kommunizieren könnte: Scheiß Songs eingebettet in eine scheiß Produktion, auf die ein Penner besoffen seltsame Texte bellt.

    3/10
    1. DieBlindeGardine sagt:

      *Hust* Und wo hast du das Album schon ganz gehört? *Hust*

      1. Overwill sagt:

        Drei Songs sind via Spotify bereits streambar und somit kann man wohl von einem repräsentativen Albumdurchschnitt sprechen, den man ergo scheiße finden kann. Oinker, oinker, zwinker, zwinker.
        Unfassbar.

    2. DieBlindeGardine sagt:

      „Erstaunlich, was der Rezensent hier alles herausgehört haben will,…“
      Mehr als du vermute ich, da er im Gegensatz zu dir das ganze Album kennt. Auf der Grundlage von drei Songs ein Album zu verreißen und dann in derart infantiler Art und Weise spricht wohl für sich. Oinker, oinker, zwinker, zwinker.
      Unfassbar.

      1. Overwill sagt:

        Schreibt die blinde Gardine lol…hust, hust. Herrlich!

      2. DieBlindeGardine sagt:

        In der Regel hör ich mir Alben komplett an bevor ich eine Benotung abgebe, wenn ich das nicht tue gebe ich auch keine ab. Aber lassen wir es gut sein.

  7. der holgi sagt:

    Bolt Thrower Einflüsse sind deutlich heraus zu hören, der Gesang ist so schlimm nicht, wie ich finde, er ist lediglich nicht „im Mix“, keine Ahnung was der Mann am Mixer sich dabei gedacht hat, das ist Anfängerniveau.

    Gebraucht hätte man diese VÖ wohl eher nicht, macht in der Summe für mich eher den Eindruck das einige altgediente Mucker keinen Bock auf Rente haben, nicht mehr, nicht weniger.

  8. Ben sagt:

    Also bei den ersten Songs fehlt mir persönlich jetzt das gewisse etwas. Da fehlt einfach der Bumms hinter…..leider

  9. brummbuckel sagt:

    war vom ersten album enttäuscht,warum`?weil ich die neuen bolt-thrower erwartet habe,wenn man sich aber damit abfindet das willets nicht mehr ganz den druck in der stimme hat,und memoriam als neue band sieht kann man echt nicht,meckern,guter old school death

    8/10
  10. SaGi sagt:

    Mir gibt das Teil definitiv mehr als das Debut. Allerdings brauchte ich auch 3-4 Durchläufe um mit der Scheibe warm zu werden. Nach und nach fraßen sich die Melodien immer tiefer ins Ohr und auch Willets Stimme stört mich mittlerweile nicht mehr so sehr. Diese rauhen, predigenden Vocals empfinde ich sogar recht passend zu der unterschwellig bedrohlichen Melodieführung der Gitarren.
    Lediglich den Höhepunkt in „Weaponised Fear“ find ich nicht. Das Stück geht mir zusammen mit „From The Flames“ komplett ab.

    7/10
  11. Broesli sagt:

    Joa, so langsam finden se als Band zusammen….. Fand das Debut auch nicht ganz so pralle.
    Über die Produktion lässt sich streiten, passt aber irgendwie.

    7/10
  12. DieBlindeGardine sagt:

    Also beim ersten Album war der Sound etwas dicker finde ich, die Songs waren insgesamt auch gut, nur der Gesang von Willets war halt unter aller Kanone. Tatsächlich hat sich das aber auf „The Silent Vigil“ irgendwie eingependelt, an seine Leistungen bei Bolt Thrower kommt er zwar lange nicht ran, aber auf der neuen Memoriam hat das Gebelle schon fast Punk/HC-Charakter. Da passt es, dass man einigen Songs auch nen guten Schuss Punk anhört.
    Die Produktion ist allerdings viel zu zahnlos geraten, da stimme ich meinen Vorrednern zu. Ansonsten ist das Album insgesamt gut, aber eben nicht überragend. Und wer bei Memoriam immer noch die neuen Bolt Thrower erwartet, kann nur entäuscht werden.

    7/10
  13. KnickeBert sagt:

    also ich finde, dass das album deutlich stärker nach bolt thrower klingt, der sound ist nur etwas roher. der gesang ist halt nicht so geil, der klingt echt wie eine ausgeleerte mülltonne, in die man einen typen mit stimmbandentzündung reinkeuchen lässt. klingt nicht überzeugend, zumal der text irgendwie auch nur so runtergelabert wird. insgesamt knapp mittelmaß das alles für mich.

    5/10
  14. tsingtao sagt:

    Für mich passt das Teil. Auch und gerade der Gesang, hat Charakter!

    9/10
  15. isigor sagt:

    Hallo zusammen,

    ich muss sagen das ich die kritischen Äußerungen nur schwer nachvollziehen kann.
    Mit Bolt Thrower hatte ich nie was am Hut, daher fällt mir die Stimme eher positiv auf. Die schlechte Produktion höre ich an keiner Stelle. Ganz im Gegenteil, da wurde nicht geschludert. Wenn ich das mit anderen Death Metal Alben vergleiche ist ein viel homogenerer Sound erreicht worden (Stellenwert der Band = Produktionsbudget, mit eingerechnet). Gut, die Stimme ist tatsächlich nicht 100% im Mix, aber das ist für den Sound Laien nur schwer auszumachen.
    Jedenfalls hat mich die Band insgesamt überrascht und nun muss sich auf der Bühne zeigen wo der Frosch die Locken hat. Für mich perönlich am Ende das wichtigste Kriterium von allen: Live trennt sich die Spreu vom Weizen.

    Da dies mein erster Kommtar bei metal.de ist möchte ich folgendes an alle richten:
    Bis auf wenige Ausnahmen konnte ich bisher einen sachlichen/kommunikativen Ton in den Kommentaren bemerken. Das hebt sich sehr positiv von vielen Seiten im Netz ab. Dafür ein Danke!

    7/10