Porta Nigra
Interview mit Gilles de Rais zu Fin de Siècle

Interview

Porta Nigra

„Fin de Siècle“ bezeichnet nicht nur eine künstlerische Bewegung zwischen dem Ende des 19. und Beginn des 20. Jahunderts, sondern ist obendrein der Titel des äußerst bemerkenswerten Debütalbums von PORTA NIGRA. Der Name kommt nicht von ungefähr, zeigt das Konzept der Pfälzer doch durchaus einige Verknüpfungspunkte mit eben jener Zeit, sowohl optisch als auch lyrisch. Es gibt also genügend Themen, die ein Gespräch mit Bandkopf Gilles de Rais rechtfertigen. Das Ergebnis fällt ebenso ausführlich wie interessant aus, zumal Gilles de Rais auch einen kurzen Blick zurück auf seine MEMBARIS-Zeit wirft.


Zunächst einmal vielen Dank für das Interview und herzlichen Glückwunsch zu „Fin de Siècle“, einem unerwarteten aber höchst erfreulichen Höhepunkt des Jahres!

Danke für diese „Fleurs du mal“.

„Fin de Siècle“ ist bereits vor einigen Wochen erschienen. Soweit ich das verfolgt habe, kam euer Debütalbum sowohl bei Medienvertretern als auch bei Hörern sehr gut an. Kümmern euch Reaktionen von außen überhaupt? Falls ja, dürftet ihr doch eigentlich sehr zufrieden sein, oder?

Wir sind selbst unsere härtesten Kritiker. Alles was danach kommt, ist harmlos. Es ist auch immer schwierig zu beurteilen, wie intensiv sich jemand mit dem Werk auseinandergesetzt hat. Ich glaube, heute wird viel unreflektierter Unsinn geschrieben. Gerade die deutschen „Musikjournalisten“ scheinen keinen wirklichen Enthusiasmus mehr für Musik aufbringen zu können.

Positive Reaktionen sind nicht unwichtig. Gerade in Zeiten, wo für Musik kein Geld mehr ausgegeben wird, ist solches Feedback die letzte Form der Anerkennung. Und die Wahrheit ist: Wir wollen alle geliebt werden. Selbst jene, die Hass in die Welt tragen.

PORTA NIGRA heißt auch ein altes Stadttor in Trier, was natürlich die Assoziation weckt, es gebe einen Bezug dazu. Nun las ich aber erst letztens, dass dem nicht so sei. Entsprechend würde mich interessieren, weshalb ihr den Namen gewählt habt und ob er eine besondere Bedeutung für euch besitzt?

Ich wollte einen Namen, der gut klingt und noch nicht verwendet wurde. Das ist alles. Mit Trier hat das nichts zu tun.

Ebenso wie der Bandname lässt sich auch zum Albumtitel eine klare Referenz finden. Die künstlerische Bewegung im Übergang vom 19. ins 20. Jahundert, die ihr selber als Inspirationsquelle angebt. Da ich nur oberflächliche Kenntnisse von eben jener Bewegung besitze, wäre ich sehr dankbar, wenn ihr kurz erklären könntet, was es damit auf sich hat und worin für euch die Faszination an eben jener Zeit liegt.

Dafür muss ich etwas weiter ausholen: Wir sind mit MEMBARIS Teil der deutschen Black Metal-Szene gewesen. Wenn auch Außenseiter, so doch irgendwo mit dabei. Allerdings ging es mir schon immer auf die Nerven, wie moralisch und gleichgeschaltet diese „Bewegung“ ist. Die Leute tragen Uniformen und funktionieren nur noch als Resteverwerter längst überholter Ideen. PORTA NIGRA sollte völlig frei sein von Politik, Religion und allem, hinter dem man sein wahres Ich verstecken kann.

Ich hab mich also gefragt, was mich ausmacht, was mich beschäftigt. Und das ist der Zerfall. Mein eigener und der meiner unmittelbaren Umwelt.

Da ein Maler Farbe braucht, um ein Bild zu malen, und Musik heute nicht völlig ohne kulturelle Gemeinplätze funktionieren kann, habe ich mich dazu entschlossen, die Zeit des „Fin de Siècle“ als ästhetisches und philosophisches Grundgerüst zu verwenden. Der Grund liegt auf der Hand: Ich war von dekadenter Literatur schon immer fasziniert. Besonders von Joris-Karl Huysmans, Oscar A.H. Schmitz und Oscar Wilde.

Das jetzt aber weiter zu erklären, ist überflüssig. Jeder Mensch, der unser Album hört, sich die Texte durchliest und sich vielleicht mit einem der Autoren beschäftigt, wird einen Kosmos erschaffen, der genauso „wahr“ ist, wie der, den wir versucht haben zu erschaffen.

Zum philosophischen Konzept: Ich glaube fest daran, dass der Mensch nicht für die Freiheit gemacht ist. Generationen vor uns sind auf den Feldern für die Freiheit verblutet und was machen wir mit diesem vermeintlich hohen Gut? Wir treten es mit Füßen. Ich jedenfalls trete es mit Füßen, und ich habe viele Freunde, die das gleiche tun. Wir kommen mit unserer ultimativen Freiheit nicht klar. Wir tun seltsame Dinge.

Dieser derzeit vermeintlich „hellen“ Episode in der Geschichte der Menschheit wird ein sehr dunkle folgen. Die Party der westlichen, vom Kapitalismus geprägten Staaten, wird bald sehr gewaltsam zu Ende gehen. Die atemberaubend schnellen Entwicklungen im Bereich der Kommunikationstechnologie haben einen völlig gläsernen Menschen erschaffen, der alles weiß und alles von sich preisgibt, dabei aber keine Ruhe und Befriedigung findet, sondern immer mehr wie ein gehetztes Tier wirkt.

Die derzeitige Stimmung erinnert mich sehr stark an jene Texte und Bilder des „Fin de Siècle“, wo eine im Angesicht der Urbanisierung und Industrialisierung völlig orientierungslose und verwirrte Künstlergeneration den Rausch als einziges Mittel erkoren hat, um überhaupt noch etwas zu spüren. Der Zerfall als einziges Lebensprinzip. Wenn man einmal gedanklich dahinter gestiegen ist, kann dieses Chaos sehr befreiend sein. Aber auch sehr ungesund.

Auch textlich bezieht ihr euch, soweit ich das ohne das mir die Texte vorliegen sagen kann, auf eben jene Zeit, mit welchen Thematiken befasst ihr euch innerhalb des Konzepts?

Mit Degeneration, Sünde, Sucht, Völlerei und sexuellen Abartigkeiten. Mit dem menschlich allzu Menschlichen.

Das Konzept bezieht sich ja nicht nur auf die musikalische Komponente, sondern findet sich ebenso in den Bandfotos und dem ganzen Image von PORTA NIGRA wieder. Lässt sich dazu schon etwas für die Zukunft ableiten, sprich: wird sich PORTA NIGRA immer um diese Zeit drehen?

Das weiß ich noch nicht. Generell bietet diese Epoche enormes Potential, und ich habe schon eine Menge Ideen, die sich eben wieder auf diese Episode beziehen. Aber wie bereits angedeutet: Mit PORTA NIGRA wollen wir uns selbst keine Fesseln anlegen. Alles ist möglich.

Zu „Megalomaniac“, welches bereits im Sommer auf 7″ veröffentlicht wurde, habt ihr ein professionelles und sehr sehenswertes, verstörendes Video gedreht. Der Song hat sich auf lange Sicht auch als mein Favorit auf dem Album herausgestellt, aber was natürlich viel interessanter ist: Warum habt ihr euch entschieden, quasi als erstes Lebenszeichen als Band ein Video zu veröffentlichen, und wie verliefen die Arbeiten daran? Wie viel Einfluss hattet ihr eigentlich auf den Inhalt des Clips?

Als sich die Möglichkeit ergab, mit Mysteriis von SETHERIAL zusammen zu arbeiten, haben wir keine Sekunde gezögert. „Nord“ war in der Anfangsphase von MEMBARIS vielleicht das wichtigste Album überhaupt. Außerdem hat er sich nicht zuletzt durch das MARDUK-Video einen guten Namen als Regisseur von Musikclips gemacht.

PORTA NIGRA ist eine Band, die sehr visuell ist, wo bewegte Bilder zu den Texten und der Musik passen. Die Ideen zu „Megalomaniac“ stammen von uns, leider konnten wir aber nicht beim Dreh mit dabei sein.

Den zweiten (noch nicht veröffentlichten) Clip wollten wir während unseres letzten Aufenthalts in Paris mit Mysteriis drehen. Das ist leider am Geld gescheitert. Jetzt wird wieder ohne uns irgendwo in Nord-Schweden gedreht. Aber ich bin mir sicher, dass die Bilder die Musik perfekt unterstützen werden.

Es ist seltsam: In dem Moment, wo wir uns mit der Gründung von PORTA NIGRA vom Black Metal entfernt haben, hatten wir auf einmal die Gelegenheit, mit den Helden unserer Jugend, TT (ABIGOR) oder eben Mysteriis, zu kooperieren. Wir fühlen uns sehr privilegiert.

Faszinierend finde ich, dass „Fin de Siècle“ ein ziemlich abwechslungsreiches Album geworden ist, das verschiedene Stimmungen geschickt aufgreift und dennoch wie aus einem Guss wirkt. Das ist ja ein Drahtseilakt, und bei vielen Bands entsteht gerade aus diesem Anspruch eher mäßig gute Alben. War dir bereits beim Entstehungsprozess klar, wohin das Album tendieren soll, oder ist das schlicht der Zufall des Schaffensprozess?

Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich beim Schreiben an gar nichts gedacht habe außer, dass es gut sein sollte. Ganz sicher habe ich nicht beabsichtigt, ein vielschichtiges Album zu machen. Das ist einfach passiert (sollte es denn überhaupt stimmen).

Aber ich denke wie Du, dass es aus einem Guss klingt. Nur weil man nicht acht Songs im gleichen Stil macht, heißt das nicht, dass ein Album besonders vielschichtig ist.

Du warst ja bis vor kurzem noch bei MEMBARIS aktiv. Weshalb hast du dort aufgehört und welche Beweggründe führten dazu, PORTA NIGRA ins Leben zu rufen?

Wir haben mit der Band 1999 angefangen, zu einer Zeit also, als die ganze Sache eigentlich schon vorbei war und die besten Alben schon geschrieben wurden.

Seit „Grenzgänger“ war MEMBARIS für mich vor allem Frustration. Ich habe diese Band zwar geliebt, es war mein Leben, die Jungs sind meine Brüder. Aber irgendwie kam ich weder mit der Musik noch mit dem ganzen Drumherum klar. Ich hatte trotz der, und das sage ich jetzt ganz selbstbewusst, Genialität der Ideen und Riffs immer das Gefühl, auf einem ausgetrampelten Pfad zu wandern.

Und obwohl ich sowohl auf „Grenzgänger“ als auch „Entartet“ sehr stolz bin, wurde mir das Material irgendwann auch zu progressiv und technisch. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Bands mit reduziertem Songwriting. Und genau diese Leidenschaft will ich mit PORTA NIGRA ausleben. Darüber hinaus erlaubt es mir PORTA NIGRA, Ideen zu verwirklichen, die im Korsett des Black Metal niemals bestehen könnten (und auch nicht sollten).

MEMBARIS war ein ziemlicher Höllentrip, sehr intensiv und wahnsinnig. Aber jetzt ist es Zeit für einen Neuanfang.

Die gute Nachricht ist: MEMBARIS wird von K. und O. weitergeführt. Und vielleicht macht sie diese Situation stärker denn je. Ich bin mir sicher, dass da noch eine Menge abgrundtiefer Black Metal auf uns zukommen wird! Alle Beteiligten können sich auch wieder in die Augen sehen, und vielleicht werde ich auch irgendwann in Zukunft mal wieder einen Song beisteuern. Die Zeit wird es zeigen.

Noch mal zum Verständnis: O. ist neben seiner Aufgabe als Drummer und Sänger von PORTA NIGRA nach wie vor eine der treibenden Kräfte hinter MEMBARIS. Also irgendwo machen wir ja alle weiter, nur unter etwas veränderten Rahmenbedingungen.

Euer Label bezeichnet eure Musik als „Decadent Dark Metal“, häufig fällt auch die Bezeichnung experimenteller Black Metal, aber mit Schubladen möchte ich euch an dieser Stelle gar nicht aufhalten. Auch wenn sicher Einflüsse aus Black, Doom und Dark Metal vorhanden sind. Lasst ihr euch denn musikalisch bewusst von irgendwas beeinflussen, oder ist das quasi wie so oft ein unbewusster Prozess, wie eure Musik entsteht?

Das ist eine häufig gestellte und nur selten gut beantwortete Frage. Ich kann nur sicher sagen, dass mich KILLING JOKE beeinflusst haben. Eine der wenigen Bands, die bis heute nicht musizieren, sondern Magie betreiben. Trotzdem habe ich mich nie an Songs oder Riffs von ihnen orientiert. Alles auf „Fin de Siècle“ kommt aus den Tiefen meiner, beziehungsweise O.s Seele. Das einzige, was ich mir bewusst vorgenommen habe, war, dem Chaos eine geordnetere Form zu geben.

Mit Debemur Morti habt ihr gleich für das Debütalbum ein renommiertes Label gefunden, das für Qualität steht wie kaum ein anderes dieser Tage im Black Metal. Wie kam der Kontakt zustande, und gab es noch andere Optionen, oder war das quasi von Anfang an euer Wunsch, dort zu veröffentlichen?

Nach 13 Jahren Odyssee und miesen Erfahrungen (Lügen und Betrug) mit MEMBARIS habe ich bei PORTA NIGRA auf Anhieb Glück gehabt. Ich hatte drei Wunschkandidaten, und zwei waren sofort interessiert. Die unglaubliche Hingabe der Franzosen spornt uns nur noch mehr an, das Beste zu geben, was wir in der Lage sind zu geben. Hail Void!

Wir leben in einer seltsamen Zeit, in der Musik respektloser konsumiert wird als ein Burger bei McDonald’s. Ich weiß nicht, wohin die Reise geht, aber sollten Labels wie Debemur Morti sterben, stirbt die Musik.

Da wir uns ja noch im ersten Monat des neuen Jahres befinden, würde mich doch interessieren, welche Alben dich 2012 besonders bewegt haben und ob es auch bodenlose Enttäuschungen gab.

Bewegt haben mich:

KILLING JOKE – MMXII

VIRUS – OBLIVION CLOCK

WEIRD FATE – THE COLLAPSE OF ALL THAT HAS BEEN

HEXVESSEL – NO HOLIER TEMPLE

ULVER – CHILDHOOD’S END

Mit schlechten Sachen versuche ich mich nicht zu beschäftigen.

An dieser Stelle danke ich dir für das Interview und hoffe, dass auch in Zukunft einiges von PORTA NIGRA zu hören sein wird. Die letzten Worte überlasse ich selbstverständlich dir.

Die Vinyl-Veröffentlichung zu „Fin de Siècle“ wurde leider auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Platte soll ein leicht modifiziertes Artwork haben und eine Übersetzung aller Texte beinhalten. Außerdem wurde der Sound im Temple of Disharmony (u.a. DISSECTION) neu bearbeitet. Wann sie kommt, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, innerhalb der nächsten Monate. Wer Interesse daran hat, kann ja unser Label mit Mails bombardieren.

Haltet außerdem Ausschau nach unserem neuen Video, das gerade produziert wird.

Die nächste Veröffentlichung wird eine Split als Vinyl auf einem eher unbekannten Label.

Ansonsten grüßen wir alle aufrichtigen MEMBARIS- und PORTA NIGRA-Fans. Es sind nicht viele, aber wir haben uns jenen, die wir kennengelernt haben, immer sehr verbunden gefühlt.

31.01.2013

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