Undertow
Interview mit Tom zu "Milgram"

Interview

Als „Milgram“-Experiment ist ein psychologischer Versuch aus den Sechziger Jahren in die Geschichte eingegangen, in dessen Verlauf untersucht werden sollte, ob Menschen entgegen ihres Gewissens dazu gewillt sind, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, wenn sie dazu von einer Autorität aufgefordert werden. Dabei waren die Probanden im Rahmen eines klinischen Versuchs mit einer Versuchsperson in einem Nebenzimmer verbunden, die sie mit angeblichen Elektroschocks „bestrafen“ konnten. Die Probanden, die im Glauben gelassen wurden, es solle der Zusammenhang zwischen Lernfähigkeit und Bestrafung erforscht werden, mussten der Person im Nebenzimmer Fragen vorlesen, die diese beantworten sollte. Bei falscher Beantwortung musste die Person mit immer stärker werdenden Elektroschocks bestraft werden. Die Schmerzensschreie, die mit zunehmender Dauer des Experiments immer qualvoller wurden, bekamen die Probanden mit; ab einer bestimmten Stromstärke verstummte die Versuchsperson im Nebenraum. Die Aufgabe des Versuchsleiters war es, die Probanden in ihrem Tun durch entsprechende Aufforderungen zu bestärken. Was die Probanden nicht wussten, war, dass die Person im Nebenzimmer tatsächlich ein Schauspieler war, dem nichts geschah. Das Experiment war darauf ausgelegt, herauszufinden, wie blind ein Mensch einer Autorität folgt, wenn diese ihm die Folter eines anderen befiehlt.

„Milgram“ ist der Titel des vierten UNDERTOW Albums, das musikalisch auf die Kacke haut, dass die Wände nur so wackeln. Aufgrund des Titels wollte ich wissen, ob noch mehr dahinter steckt. Vor ihrem Gig, den die Band mit ihren Labelmates END OF GREEN und KORODED vergangenen Freitag im Stuttgarter LKA-Longhorn absolvierte, unterhielt ich mich mit Bassist und Urmitglied Tom über die Hintergründe zum Album, blinden Gehorsam, Gewalt, Episodenfilme und das Leben mit der Band und konnte feststellen: es steckt tatsächlich mehr dahinter.

Undertow

Euer neues Album ist einfach nur geil. Glückwunsch! Was mich interessiert: wie seid Ihr auf den doch ziemlich bedeutungsschwangeren Titel „Milgram“ gekommen und was verbirgt sich für Euch dahinter? Handelt es sich um ein Konzeptalbum?

Konzeptalbum ist es keines, schon allein deswegen, weil Joschi [Git., Voc. – Anm. d. Red.] und ich uns die Textarbeit teilen. Früher war es so, dass er alles allein geschrieben hat. Das hat sich über die Jahre nun aber immer mehr zu mir verschoben. Auf dem neuen Album habe ich vielleicht 60% und er 40% der Texte gemacht. Wir haben irgendwann beschlossen, dass der Titel des neuen Albums kein Wortspiel beinhalten soll, wie die Titel davor: „34CE“ [sprich: „Threeforce“ – Anm. d. Red.] , „Harm On E“ [sprich: „Harmony“] , „Unit-E“ [sprich: „Unity“]. Die waren alle in mehrere Richtungen interpretierbar, aber der Problem war, dass viele Leute die nicht verstanden haben. Ich hatte vorhin schon ein Interview und da hat jemand „Thirtyfour C E“ gesagt, dabei heißt das Album „Threeforce“. Wir haben eben gesagt ‚gut, jetzt erwartet jeder von uns, dass wir wieder so ein Wortspiel machen, und deswegen machen wir es nicht‘. Deshalb hatte das Kind lange Zeit keinen Namen. Irgendwann bin ich über einen Zeitschriftenartikel auf das Milgram-Experiment aufmerksam geworden, das in einem Nebensatz erwähnt wurde. Und weil ich manchmal schon so ein Besserwisser bin, hab ich mir gedacht ‚das check ich mal‘, bin zu Wikipedia gegangen und hab das dort eingegeben. Als ich das dann gelesen habe, dachte ich ’nä! Das gibt’s ja wohl nicht!‘.

Ich fand den Gedanken so krass, dass 80% der Probanden die maximale Stromdosis gegeben haben. Und das lässt sich auf so viele Bereiche übertragen. Zum Beispiel auch auf Musik und die ständige Trendreiterei. Momentan z.B. Metalcore, davor Emo, davor Nu Metal, davor Grunge, davor was weiß ich. Das hat uns noch nie gekümmert. Da sagt allerdings immer einer: ‚das ist jetzt das Ding, das müsst Ihr machen‘. In Politik, Religion und Wissenschaft ist das genauso. Wenn den Leuten jemand sagt ‚Ihr müsst jetzt rechts abbiegen‘, biegen sie wie die Schafe alle rechts ab. Ich würde mich da jetzt nicht groß ausnehmen, aber ich behaupte von mir, dass ich selber zumindest einmal nach links kucke. Viele Sachen macht man einfach unterbewusst mit, ohne sie zu reflektieren. Aber dieser Gedanke des Nicht-blöd-Hinterherlaufens, des Hirneinschaltens, des Reflektierens, des Gegencheckens, das findet sich in manchen Texten. Ein Konzeptalbum ist es aber nicht.

Also handelt ein Großteil der Texte davon, dass man sich einen offeneren Blickwinkel bewahrt?

„Großteil“ wäre sicher übertrieben. Wir haben zwei, drei Songs auf dem Album, die sich in diese Richtung lesen lassen. Wir haben sehr viele persönliche Songs. Die Songs, die Joschi schreibt, haben sehr oft mit seinem Job zu tun. Er arbeitet in einer psychiatrischen Abteilung in einem Landeskrankenhaus und kriegt einfach so viele krasse Geschichten mit. Du gibst ja Dein Hirn nicht morgens ab, wenn Du zur Arbeit gehst und nimmst es abends wieder mit. So etwas geht Dir nach! Bei mir ist es so, dass mich alles mögliche beeinflusst, das irgendwie hängen bleibt, wo ich dann mal google oder Wikipedia checke. Zum Beispiel wenn ich ein Buch lese oder einen Film sehe, kann es gut sein, dass ich darüber einen Text schreibe. Auf dem neuen Album war jetzt aber kein „Filmtext“ dabei, glaube ich. Wir hatten früher jedoch Songs, die etwas mit Filmen zu tun hatten, bei denen mir der Grundgedanke sehr gut gefallen hat.

Was waren das für Filme?

Der erste Song, in den ein Filmtitel eingeflossen ist, war einer, den wir heute noch spielen: „Squid“. Der ist von dem Film „Strange Days“ inspiriert, in dem es diese Droge gibt, die es Dir ermöglicht, Erlebtes noch einmal zu erleben. Das ist ein krasser Gedanke! Im Refrain heißt es dann „No need for needles, straight to the brain“. Wir hatten auch einen Song, in den dieser „Matrix“-Gedanke hineingespielt hat. Ich hatte auch früher schon – vor „Matrix“ – öfter mal überlegt, wie es wäre, wenn alles nur eine große Illusion wäre, alles eigentlich ganz anders laufen würde, und uns jemand wie die Labormäuse beobachten würde.

Master Of Puppets…

Ja, genau!

Denkst Du auch über Auswege nach, wenn es denn tatsächlich so wäre?

Nein, wie gesagt. Das sind Dinge, die irgendwie hängen bleiben. Wenn Du mit dem Auto irgendwo hinfährst, wo Du einfach hangtime hast, herum überlegst und so einen Gedanken einfach weiterspinnst. Wenn so etwas hängen bleibt und ich irgendwann vor meinem Blatt Papier sitze – metaphorisch gesehen, also vor meinem Laptop – und auf die Auswüchse des Herrn Baschin irgendwelche Silben zurechtfeilen darf, sodass es zu sinnvollen Texten kommt, erinnere ich mich oft an solche Sachen. Es ist jetzt aber nicht so, dass man dann Lösungsvorschläge macht oder so. Was uns noch beschäftigt, sind natürlich Beziehungen. Die werden bis ans Ende unserer Tage ein Thema sein. Das ist zu einem gewissen Grad auch die Faszination zwischen den Geschlechtern, dass man sich nie final verstehen wird. Glaube ich. Deshalb haben wir einige Texte auf dem Album, die eindeutig Beziehungssongs sind.

Um auf das Milgram-Experiment zurückzukommen: wie schätzt Du Dich selber ein? Bis zu welcher Stromstärke würdest Du gehen?

Das ist das, was ich vorher gesagt habe: Es wäre vermessen zu sagen, dass ich es nicht gemacht hätte. Es handelt sich dabei um eine ähnliche Situation wie im Buch „Die Welle“, wo sie an einer Schule das Naziregime nachgestellt haben. Auch ein völlig kranker Gedanke! Und da haben auch alle mitgemacht. Es ist oft auch so dieses Bademeistersyndrom. Wenn Du jemandem ein bisschen Macht gibst, nutzt er die dann häufig so pervertiert aus. Bademeister, Hausmeister. Diese Arschlöcher, die eigentlich nix sind, aber das, was sie haben, wirklich ausnutzen. Ich denke, dass ich erst einmal schon mitgemacht hätte. Ich denke aber, wenn ich krasse Reaktionen mitbekommen hätte, wie das bei dem Experiment war, hätte ich abgebrochen. Die Probanden haben die Leute ja nicht gesehen, sondern nur gehört. Und wenn jemand Schmerzensschreie von sich gibt, muss ich jetzt ganz pussymäßig behaupten – ich habe mich in meinem Leben noch nie geprügelt – ist bei mir Schluss. Ich bin einfach kein Mensch, der körperliche Gewalt abkann.

Der Text von „Two Fingers“ handelt auch von diesem Thema. Den Song haben wir für einen Anti-Gewalt-Sampler in Heidenheim geschrieben. In Heidenheim gab es einige ganz krasse Vorfälle mit Jugendlichen, wo Leute erstochen wurden und so. Daraufhin hat die Stadt dieses Projekt gegen Gewalt ins Leben gerufen, zu dem die regionalen Bands etwas beitragen sollten. Der Song ist total schnell in der Probe entstanden. Dazu habe ich dann diesen Text geschrieben, in dem es darum geht, dass es immer besser ist, sich umzudrehen und nicht auf Provokationen einzugehen. Vielleicht ist Dir in den Lyrics die Stelle „Like Marty McFly just go away“ aufgefallen. Marty McFly aus „Zurück in die Zukunft“, der auch immer mit ‚Bist Du feige?‘ provoziert wurde. In dem Moment muss man sich sagen ‚das ist mir mein Gesicht wert‘, ich lass den dummen Sack, dreh mich um und geh. Und das sind die zwei Finger. Einerseits dieser Finger [tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn] und andererseits dieser Finger [der erhobene Mittelfinger]. Keine Faust, go away. Wenn jetzt natürlich jemand meine Lady blöd anmachen würde, dann wäre ich der Letzte, der sich feige wegdreht. Aber sonst ist es immer besser, Deeskalation zu betreiben, als sich hochschaukeln zu lassen.

Filmmetaphern sind bei Euch ja wirklich stark vertreten…

Du meinst Marty McFly? Der ist mir eben eingefallen, als ich den Text in Bezug auf sich-provozieren-lassen geschrieben habe. „Zurück in die Zukunft“ habe ich zwischen meinem vierzehnten und achtzehnten Lebensjahr wahrscheinlich zwanzig mal gesehen! Das ist ein supercooler Film, auch heute noch. Film ist auf jeden Fall ein Thema, das mich sehr fasziniert.

Was war letztes Jahr Dein Lieblingsfilm im Kino?

Das ist so, wie wenn Du nach meinem Lieblingsalbum fragst. Das ist gemein! Ich habe einen sehr, sehr coolen Film gesehen, den jetzt wieder keine Sau kennt: „The Uncertain Guest“, ein spanischer Film. Ich gehe jedes Jahr zum Fantasy Filmfest in Stuttgart, und der lief dort. Es geht darin um einen Kerl, der in ein Haus kommt und sagt, er müsse mal kurz telefonieren. Der Hauseigner verlässt den Raum – man ist ja diskret – und lässt den Kerl sein Gespräch führen. Als er zurückkommt, ist der Typ weg und die Tür offen. In der Folge bildet er sich ein, der Typ würde in seinem Haus leben. Der Film ist eine geniale Mischung. Es gibt Stellen, bei denen Du Dich wegschmeißt, und es hat Stellen, bei denen Du nur denkst ‚oh fuck…‘. Ein genialer Film, überhaupt nicht auf Dicke Hose Hollywood. Es gibt zwar auch ein paar richtig coole Hollywoodfilme. Aber ich habe beim Fantasy Filmfest so viele coole spanische oder französische Filme gesehen, dass es sich auf jeden Fall einmal lohnt, etwas tiefer zu graben, als das Mainstreamkino. Aber wie gesagt: es gibt da tausende Filme.

Hast Du „11:14“ gesehen? [„11:14“ lief vor bereits vor einigen Jahren beim FFF – Anm. d. Red.]

Jaa!! Voll geil!! Ich bin dagesessen und habe mich gefragt: ‚wo kommt jetzt die Bowlingkugel her?‘. Wie sich alles zusammenfügt: so geil. Keine bekannten Schauspieler, kein A-Cast. [Allen, die auf eine abgefahrene Chronologie, Episodenfilme und schwarzen Humor stehen, sei „11:14“ hiermit wärmstens empfohlen. Selber ankucken! – Anm. d. Red.]

Immerhin Patrick Swayze!

OK, Patrick Swayze… aber sonst keine Namen, wegen denen Du ins Kino gehst. Aber supercooles Drehbuch, supercool gefilmt. Die Story ist einfach geil. Ich mag Episodenfilme sowieso: „Pulp Fiction“, „21 Grams“, „Short Cuts“… Es kommt soviel Zeug ins Kino, das ich mir gar nicht anschauen kann. Wo ich wohne, gibt es leider auch kein Programmkino, sondern nur Mainstreamzeug. Aber selbst das Mainstreamzeug, das ich in den letzten Monaten gerne gesehen hätte, konnte ich mir nicht anschauen, da ich zu viel zu tun hatte. Da war der Release, meine Freundin ist hochschwanger, ich habe einen Job, wir proben sehr viel… Wir proben derzeit eigentlich mit zwei Bands, da wir mit einem anderen Drummer auf Tour gehen, als mit unserem eigentlichen Drummer, mit dem wir heute spielen werden. Der ist von Beruf Lehrer und kann nicht einfach Urlaub nehmen für eine PRO-PAIN Tour. PRO-PAIN wollten nicht wegen uns in den Schulferien touren, haha! Ich hatte einfach zu viel um die Ohren. Aber ich schaue in meiner Freizeit total viele Filme. Ich versuche auch, den Fernseher auszuschalten und nicht so willenlos zu kucken, sondern zu schauen, was kommt und mich dann bewusst dafür zu entscheiden, was ich mir ankucke. Wenn nur Dreck kommt: ausschalten, DVD kucken, Buch lesen, Musik hören. „11:14“ war wirklich ein sehr cooler Film. Genau wie „Kiss Kiss Bang Bang“. Der lief auch ursprünglich beim Fantasy Filmfest, ich hab ihn aber auch erst neulich gesehen. Sehr geil.

Ist das auch ein Episodenfilm?

Nein, aber ein Heist Movie. Heist Movies sind Filme, in denen es um Verbrechen geht, wo etwas geklaut wird und so. So in diese Richtung.

Das nächste Thema natürlich: die PRO-PAIN Tour. Ein Traum?

Ja, natürlich ein Traum. Es ist zwar nicht so, dass wir alle CDs der Band daheim stehen haben und seit Jahren in jedem Interview sagen ‚mit denen würden wir gerne mal touren‘. Wir wissen, dass es total wichtig ist, zu einem Release zu touren. Und bei uns ist es sehr schwierig das zu koordinieren, weil Joschi im Dezember der Vorjahres angeben muss, wann er im folgenden Jahr Urlaub haben will. Deshalb haben wir in Hinblick auf den Release im März relativ blind gesagt, dass wir im April Urlaub nehmen werden. Und es hat geklappt! Ich denke, PRO-PAIN sind eine etablierte Band, die seit Jahren ein gleiches Level an Publikum zieht, das auch gewisse UNDERTOW Chancen birgt. Es ist nicht so, wie wenn wir jetzt mit NAPALM DEATH touren würden, die ich zwar ziemlich cool finde, bei denen wir aber nicht viel Sonne hätten. Bei den Leuten, die zu PRO-PAIN gehen, könnte es sein, dass sie sich auch UNDERTOW ankucken, vielleicht auch gut finden und sich sagen ‚hey, da kauf ich mir mal ein Album‘.

Wenn Ihr jetzt die Wahl gehabt hättet, Euch aussuchen zu können, ob Ihr mit PRO-PAIN oder – sorry für den Vergleich – mit CROWBAR auf Tour geht. Wie wäre Eure Wahl ausgefallen?

PRO-PAIN. Wir sind bis zu einem gewissen Grad die Vergleiche mit CROWBAR natürlich leid. Sie sind zweifelsohne eine Götterband, ich besitze sehr viele CDs von ihnen, wir haben mehrmals mit ihnen getourt und Kirk hat auf „Unit-E“ mitgesungen. Wir sind eigentlich selber schuld an den CROWBAR Vergleichen. Wie gesagt, das hatten wir schon. Die Motivation in der Band war schon immer, etwas zu machen, was wir noch nicht gemacht haben. Geld verdienen tun wir damit nicht, um Ruhm kann es uns nicht gehen, Frauen haben wir… ich meine: wir sind alle in festen Händen, haha. Bei uns war die Motivation immer der Spaß am Zusammenspielen und mit jedem Album etwas zu machen, was wir vorher noch nicht hatten. Nicht unbedingt, doppelt so viel zu verkaufen, also nicht im kommerziellen Sinne. Auf der PRO-PAIN Tour spielen wir jetzt zum ersten mal in der Tschechei, wir spielen zum ersten mal in Frankreich und zum ersten mal in der Schweiz, wobei die jetzt nicht so exotisch ist. Aber wir haben dort eben noch nie zuvor gespielt. Das ist für uns schon Motivation genug. Es ist wieder einer Nightliner-Tour, was wir zwar schon mal mit END OF GREEN hatten. Ich weiß noch, wie wir vor dreizehn Jahren selber noch nur Fans waren, und wie krass wir es fanden, wenn die Musiker nach der Show hier im Longhorn in ihren Bus gestiegen sind… Natürlich ist das in Wirklichkeit nicht wirklich angenehm, da es nach zwei Tagen einfach stinkt und man ungefähr so viel Platz hat wie in einem Sarg. Ist aber trotzdem geil!

Eine schöne Desillusionierung?

Es ist unglaublich, nahezu zwei Wochen lang jeden Abend irgendwo anders hingekarrt zu werden und das zu machen, was Du am liebsten machst: spielen. Geil!

Wenn Ihr die Chance sehen würdet, dass Euch UNDERTOW finanziell über Wasser halten könnte, würdet Ihr sie wahrnehmen?

Dafür sind wir viel zu deutsch, viel zu sehr Beamtenkind – also jetzt in meinem Fall. Selbst – was unwahrscheinlich genug ist –, wenn es für eine gewisse Zeit die Möglichkeit gäbe, von UNDERTOW zu leben… äh, dafür machen wir einfach die falsche Musik. END OF GREEN können das vielleicht machen… Wir mögen auch einfach unsere Jobs zu sehr dafür. Ich bin Bibliothekar und das ist nach Musik die größte Befriedigung, die ich habe in meinem Leben. Joschi ist mit Absicht Krankenpfleger auf der Psychiatrischen und Rainer ist Lehrer aus Berufung. Ich wäre froh, wenn alle Lehrer so wären wie er. Er will auch wirklich in krasse Schulen gehen. Was jetzt auch gerade in den Nachrichten ist, mit dieser Berliner Schule [Rütli Hauptschule in Berlin-Neukölln – Anm. d. Red.], mit 80% Immigrantenanteil… da würde er sofort unterrichten, weil es ihn motiviert. Wir würden zwar sehr viel opfern, um mit der Band alles unter einen Hut zu kriegen, aber wir würden nicht kündigen.

Du hast vorhin gemeint, Ihr wollt mit jedem Album etwas Neues machen und einen Schritt weitergehen. Wo siehst Du den Unterschied zum letzten Album? – Jetzt weniger auf den kompositorisch-musikalischen Aspekt bezogen, sondern auf die Band an sich.

Aus der musikalischen Bandentwicklung heraus denken wir eigentlich nie über Schritte nach. So etwas entsteht einfach. Als ich vor ca. vier Wochen mit den Interviews zu „Milgram“ angefangen habe, hatte ich noch gar nicht die Distanz und war noch nicht zur Seite getreten, um zu analysieren, wie das Album eigentlich ist. Als bei den Interviews dann der Zweite oder Dritte gesagt hat, es sei das härteste Album, das wir je gemacht haben, habe ich mich hingesetzt und einmal zusammengezählt: ’schnell – schnell – hart – hart – auf die Fresse… die haben recht!‘. Das war aber nie geplant! Wir proben zweimal die Woche, wenn’s gut läuft. Da wirft Joschi dann ein paar Riffs in die Runde, auf denen wir dann herumkauen. Manche spucken wir wieder aus, andere landen auf dem Album. Es ist nie so, dass wir sagen ‚hmm, im Metalcore gibt es viel melodischen Gesang – das brauchen wir auch, dann verkaufen wir mehr‘. Das war noch nie so, und das brauchen wir auf unsere alten Tage auch nicht mehr anzufangen.

Auf Eure alten Tage…

Hey, 13 Jahre! Es gibt wenige Bands, die das auf dem Level so lange durchziehen. Es gibt so viele Bands, die mit uns angefangen haben oder die wir auf dem Weg getroffen haben, die coole Bands waren, die es heute aber nicht mehr gibt.

Ich meine nur, dass es sich so nach Ende angehört hat.

No way!! Nee nee. Das ist das nächste. Ich könnte nicht sagen ‚mit 35 bin ich zu alt für die Scheiße‘. Das is nich. Das ist gar nicht so sehr davon abhängig, dass wir ein Label haben. Wir sind zwar sehr, sehr glücklich mit unserem Label, aber ein Label ist nicht die Caritas, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. Die müssen im Idealfall schwarze Zahlen schreiben. Und wenn sie das mit einer Band nicht tun, müssen sie – trotz Liebe manchmal – sagen ’sorry Jungs, das nächste Album nicht mehr mit uns‘. Das würde uns aber trotzdem nicht den Todesstoß versetzen. Wenn Joschi jetzt allerdings sagen würde ‚Jungs, das war’s. Meine Tochter kommt jetzt in ein Alter, wo sie mehr von mir braucht…‘ oder ‚ich kann es mit dem Beruf nicht mehr unter einen Hut bringen‘, dann ist es notgedrungen zu Ende. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, derjenige zu sein, der den Satz sagt ‚Jungs, ich kann nicht mehr‘.

Also wird es UNDERTOW auch immer nur in dieser Besetzung geben?

Wir sind sehr glücklich mit Rainer – wir hatten schon zweimal Umbesetzung am Schlagzeug – wobei Rainer wirklich der geilste Drummer ist, den wir je hatten. Wir hatten davor noch nie so ein Gefühl gehabt, dass es einfach passt, dass es „klick“ macht. Unser letzter Drummer war wirklich ein sehr, sehr guter Drummer, aber eher so ein Präzisionsmaschinchen. Er war SLAYER Fan und konnte schnell und exakt spielen. Aber da fehlte das Leben und die Eier so ein bisschen. Wenn Du Rainer nachher beim Spielen siehst, wirst Du sehen, was ich meine. Ich könnte mir es jetzt nicht ohne Rainer vorstellen. Ohne Joschi: indiskutabel. Joschi sagt ohne mich: indiskutabel. Auf mich läuft ja auch das Bandkonto, haha!

Vielleicht noch ein paar Sätze zum Song „D-Mood“, der ja der schnellste Song auf dem Album ist. Vom Titel her erinnert er an „D-Day“. Worum geht es in dem Song?

„D-Mood“ ist eigentlich die Antithese zu dem, was ich vorher gesagt habe, dass wir keine Wortspiele mehr machen wollten. Der Song ist in mehrere Richtungen interpretierbar. Wenn Du es sprichst „De-Mood“ – Demut, demütig sein. Es ist ein Kunstwort. Es geht darum, dass die Leute ihren Arsch hochkriegen. Es gibt so viel Scheiße, die in diesem Land und auf dieser Welt abgeht, und de facto interessiert es keinen Menschen. Bei der Landtagswahl vergangenes Wochenende hat nur jeder Zweite sein Bürgerrecht und seiner Bürgerpflicht wahrgenommen und hat gewählt. Das ist unfassbar für mich. Solange ihr Fernseher funktioniert, solange ihre Mikrowelle funktioniert und solange niemand auf IHR Haus eine Bombe schmeißt, ist denen alles egal. In den Siebzigern haben Massen demonstriert, weil die Amis hier Pershingraketen hingestellt haben. Damals sind die Leute auf die Straße gegangen. Heute sagt unser toller Ministerpräsident, ach er findet Atomenergie eigentlich ganz klasse. Die Grünen, die man für diesen Posten eigentlich gewählt hat, sagen, dass sie das natürlich völlig indiskutabel finden – aber demonstrieren?? Als ich studiert habe, kam der Gedanke mit den Studiengebühren auf. Früher war Studieren so was politisches! Die Leute haben sich nackt an irgendwelche Laternenpfähle gekettet. Heute: ‚ach ja, solange Mutti mir mein Studium zahlt: kein Problem‘. Darum geht’s. Du hast jetzt die Texte nicht, aber es heißt „what I need is the smallest flame“. Wenn sich nur irgendwas bewegt ist schon etwas gewonnen. „In the mood“ kann ja bedeuten „ein bisschen traurig sein“. Es geht darum, die Leute da rauszureißen: „to demood you“.

Gibt es ein Rezept, diesen Zustand zu verändern, und die Leute wieder zu mehr Aktion zu bewegen?

Nee, aber das ist auch nicht der Ansatz bei UNDERTOW. Ich habe kein Rezept. Sonst hätte ich schon lange gesagt, ich gehe in die Politik und mach was. Es ist aber schon mal ein erster Schritt, das Problem zu erkennen. Wenn man jetzt einmal das ganze Bild betrachtet, verlaufen Geschichte und politische Systeme immer zyklisch. Die Scheiße kocht hoch und ist irgendwann so groß, dass die Leute sagen ‚das machen wir nicht mehr mit‘. Dann gibt es eine friedliche Revolution oder einen gewaltsamen Bürgerkrieg, damit sich angeblich etwas zum Besseren ändert. Ich verstehe aber auch nicht, dass sich die Leute jetzt alle so aufblasen über diese ganzen „Heuschrecken-Unternehmen“ und über Firmen, die ihre Produktion ins Ausland verlagern usw. Hallo? Kapitalismus. Worum geht’s hier? Nicht um Arbeitsplätze. In diesem Scheißsystem geht’s um den maximalen Gewinn. Das ist Kapitalismus. Das wollen wir haben. Wir wollen alle die billige Scheiße bei Aldi kaufen und nicht Handarbeit von unserem Nachbarn. Deswegen gibt es keine Einzelhändler mehr, deswegen gibt es kaum noch Handwerker. Die Leute brauchen sich nicht zu wundern. Du kriegst, was Du willst. Nee, OK, das wär schön, haha. Vielleicht kriegt man das, was man verdient. Das wäre tragisch. Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute einfach hinterfragen… oh Gott, das hört sich jetzt alles so klischeemäßig an. Ich denke zu viel…

Die denkende Band…

Oh nein, nein, nein! Wir sind ja auch keine politische Band. Demletzt hatte ich ein Interview, in dem jemand gefragt hat, ob wir eine politische Band sind. Jeder normal denkende Mensch sollte politisch interessiert sein. Denn hey, das ist Dein Land! So viele Bands rennen rum und sagen ‚ooaah, wir sind Antifaschisten‘. Ich mein: schreib ich mir auf die Brust „Ich ficke keine Kinder“? Es ist völlig selbstverständlich, Antifaschist zu sein. Wir waren noch nie eine Band, die mit irgendeinem Fähnchen geschwenkt hat, und wir haben auch keine Lösung. Aber wir benutzen unseren Kopf nicht nur zum Haareschütteln.

Galerie mit 12 Bildern: Undertow auf dem Summer Breeze Open Air 2016
02.04.2006

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