Autopsy - Mental Funeral

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

„Mental Funeral“ von AUTOPSY wird heute 35, es hat immer noch seine 105 Zähne und ist nicht nur deshalb weiterhin freigegeben ab 18. Freundinnen und Freunde der menschenverachtenden Untergrundmusik, es gilt gestern und heute: Wer sich der Platte unbedarft nähert, bekommt dafür die Rechnung. Daher heißt es an dieser Stelle: Zahlen bitte!

Eine Masse aus Augen, Mäulern und (Schließ-)Muskeln ziert das Cover von „Mental Funeral“. Da Kev Walker es 1991 erschafft, ist zu befürchten/zu hoffen, dass er hierfür vor der flächendeckenden Digitalisierung noch echte Dämonen zu Klump schmilzt. Das Ganze erinnert vage an Dan Seagraves Höllenkaugummi auf „Altars Of Madness“ von MORBID ANGEL und wiegt das Publikum nicht in falscher Sicherheit.

AUTOPSY – „Mental Funeral“

Zwei Langspielplatten verbauen Schlagzeuger und, nun ja, „Sänger“ Chris Reifert Anfang der Neunziger bereits den postmortalen Zugang zum Paradies: „Scream Bloody Gore“ mit Chuck Schuldiner als DEATH und „Severed Survival“ von seiner Band AUTOPSY. Beide sind grandiose, offensive, den Death Metal definierende Alben. Langsam an die Gemeingefährlichkeit rantasten hört sich anders an.

AUTOPSY bremsen in Richtung Doom

Drei Veränderungen heben AUTOPSYs zweites Album heraus: Erstens sind die Songs oftmals deutlich langsamer. Zweitens spielt nicht mehr Steve Di Giorgio (SADUS) Bass, sondern Steve Cutler. Er sorgt drittens zusammen mit seinem Bruder Eric und Danny Coralles an den Gitarren (und natürlich Chris Reifert) für einen unheilvollen Swing bzw. Groove auf „Mental Funeral“. Überhaupt: Das Hauptriff von „In The Grip Of Winter“ könnte problemlos auf jedem TROUBLE-Album den verunheiligten Ton angeben. Und wenn das Stück nach knapp drei Minuten vermeintlich vorbei ist, geht es mit etwas Voluminösem aus Birmingham ähnlich weiter.

Der Song und „Mental Funeral“ insgesamt bedrohen dich exquisit mit einer damals fast einzigartigen Mischung aus Death Metal und Doom – und zwar, indem sie das Beste aus beiden Genres zu bösartig ins Bein gehenden kleinen Kunstwerken vereinen. Der im Genre später verbreitete Ansatz, möglichst langsam möglichst böse möglichst wenig passieren zu lassen, der ist AUTOPSY auf ihrem zweiten Album so fremd wie lyrische Vertretbarkeit.

Vier deutsche Bands heißen wie Stücke von „Mental Funeral“: DEAD, FLESHCRAWL, SLAUGHTERDAY und BONESAW. Mindestens die letzten Drei sind bestimmt zu AUTOPSY aus dem Mutterleib gerissen worden. Und sehr exzellent! Es sagt schon viel aus.

Fünf Arten des nicht natürlichen Todes zeichnen die Herren aus Kalifornien behutsam und mit sonnigem Gemüt nach: Zur Sprache kommt zuerst die letale Wirkung von toxischem Regen („Twisted Mass Of Burnt Decay“), aber glücklicherweise keinem Eisregen. Des Weiteren präzisiert Reifert poetisch, was passiert, wenn das Fleisch bis ins Mark verbrennt („In The Grip Of Winter“) oder man auf eine Steinigung zurückgreift („Slaughterday“).

Ob Maden, die sich durchs Gesicht graben („Destined To Fester“), dem Tod durch das Messer oder Erdrosseln („Dark Crusade“) vorzuziehen sind, bleibt offen. Gleiches gilt für die Frage, ob die gute alte Sprachbarriere nicht endlich den goldenen Orden der Psychiatrie erhalten müsste.

„Mental Funeral“ ist ein Klassiker

Sechs Songs des dreckigen Dutzends dieser Platte sind widerwärtige Superhits. Wie könnte es auch anders sein? Sie morden sich nicht nur mit besonderem Sound den Weg frei und bleiben durch beständige Tempowechsel bedrohlich – es gibt ja auch noch die typischen sinister flirrenden Gitarrenmelodien, die als dunkle Blumen aus dem fauligen Mutterboden dieses mentalen Begräbnisses wachsen. Und Chris Reiferts Stimme: Sie kann abgesehen von Verständlichkeit alles zwischen ekstatischem Erbrechen, brünstigem Brüllen und angestochenem Hausschwein.

Sieben Superhits könnten es auch sein oder zwölf.

Acht Studioalben veröffentlichen AUTOPSY seit „Mental Funeral“ noch. Alle sind für Volljährige mit angemessener Vorbildung, charakterlicher Standfestigkeit und mentaler Schutzkleidung durchaus konsumierbar, falls keine Waffen oder dunkle Ecken im Haus vorhanden sind. Aber keines dieser Alben erreicht das Zweitwerk. Meister Reifert selbst spricht mit Blick auf die Aufnahme unter der Leitung von Peacevilles Chef Paul „Hammy“ Halmshaw höchstpersönlich von „accidental magic“ (Invisible Oranges).

Neun Punkte sind daher das Mindeste.

Zehn gibt es nur deshalb nicht, weil 1990 bereits „Into Darkness“ der New Yorker WINTER erscheint. Es ist verwandt und noch erschütternder. Indes: Kennerinnen und Feinschmecker wissen, wie absurd diese Begründung bei Lichte betrachtet ist. „Mental Funeral“ ist einer der ganz großen Klassiker.

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22.04.2026

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