Wave Gotik Treffen
Der große Festivalbericht vom 24. WGT 2015 in Leipzig

Konzertbericht

Billing: Der Weg Einer Freiheit, Die Kammer, Eluveitie, Fields Of The Nephilim, Moonspell und Sólstafir
Konzert vom 25.05.2015 | diverse, Leipzig

Wave Gotik Treffen

Seine Einzigartigkeit unter den deutschen Großstädten stellt Leipzig zum Wave Gotik Treffen besonders unter Beweis. Mit einer perfekten Mischung aus pulsierender Lebendigkeit, unaufgeregter Bodenständigkeit und geschichtsträchtigem Charme bildet die Messestadt die ideale und möglicherweise einzig denkbare Basis für eine Grufti-Invasion, wie sie jedes Jahr zu Pfingsten stattfindet. Das liegt nicht nur an wie für die schwarze Szene geschaffenen Locations wie dem Volkspalast, dem Felsenkeller und dem historischen Stadtbad, sondern vor allem auch am gesamten Stadtbild. In der City versuchen sich die Geschäfte beim Ringen um die Aufmerksamkeit der WGT-Besucher gegenseitig zu übertreffen. Das fängt bei schwarz gestalteten Schaufenstern und -puppen an und hört bei schwarzer Pizza und Eiscreme auf. Dennoch steht und fällt ein WGT natürlich mit dem Programm. Diesbezüglich hatten sich die Organisatoren in diesem Jahr ordentlich ins Zeug gelegt und eine ganze Garde an erstklassigen Acts nach Leipzig geholt – vor allem viele, die man ohne großen Reise- und Geldaufwand nur schwer zu Gesicht bekäme.

Freitag

Wave Gotik Treffen

Ein Besuch des Heidnischen Dorfs ergab sich in diesem Jahr fast zwangsläufig. Denn aufgrund einer Großbaustelle auf der Hauptstraße endete die Straßenbahnanfahrt zum Agra-Gelände bereits beim traditionellen Mittelaltermarkt des WGT. Wobei „traditionell“ im Sinne von „althergebracht“ mit Vorsicht zu genießen ist. Zwar tummelten sich viele Händler auf dem Gelände, die tatsächlich Hand- und Wertarbeit von Schmuck bis Kleidung anboten, doch ebenso viele versuchten lächerlichen Kitsch und Ramsch unters Volk zu bringen. So richtig schön verarscht fühlte man sich, nachdem man fünf Euro für 0,3 l Kirschbier gelöhnt hatte, das den Gaumen mit einer künstlichen Aromabombe verhöhnte. Glücklicherweise gab es in der Straße vorm Dorfeingang leckeren Met für sieben bis acht Euro die Flasche. Zumindest konnten sich nach Aussagen von Besuchern die Konzerte hier sehen und hören lassen, allen voran der Auftritt von MILA MAR nach über zehn Jahren Bühnenabstinenz.

Galerie mit 9 Bildern: Heidnisches Dorf - Wave Gotik Treffen 2015

Getränkefeinkost Bierfreunde

Wave Gotik Treffen

Ein Kontrastprogramm zum Ekel-Kirschbier gefällig? Kein Problem! Denn Leipzig hat sich in den letzten Monaten zu einer Hochburg für erlesene Biere entwickelt. Zu verdanken ist das vor allem den „Bierfreunden“ und dem „Getränkefeinkost Leipzig“, zwei feinen Läden, in denen jedem Hopfen- und Malzfan die Freudentränen in die Augen schießen und selbst Atheisten die Existenz eines Gottes nicht mehr für gänzlich ausgeschlossen halten dürften.

Galerie mit 9 Bildern: Getränkefeinkost Bierfreunde - Wave Gotik Treffen 2015

Mit Geheimtipps aus kleinen regionalen Brauereien über ausländische Highlights bis hin zu einer ausgezeichnet sortierten Palette an Craft-Bieren bedarf es schon einiger Überwindung, hier ohne einen Rucksack voller Pullen rauszumarschieren. Zumal die Betreiber beider Läden mit spürbarer Leidenschaft ihrem Job nachgehen und ausgezeichnet beraten. Pflicht für jeden Metaller ist unbedingt das IRON MAIDEN-Bier „The Trooper“ mit standesgemäßem Etikett – ein wundervoll ausgewogenes, leicht fruchtiges und hopfiges Ale.

Wave Gotik Treffen

Mit gemischten Gefühlen ging es Richtung Felsenkeller zum musikalischen WGT-Auftakt. Denn obwohl der Felsenkeller mit seiner imposanten Innenarchitektur und Kronleuchtern eine atemberaubende Kulisse für Künstler und Publikum gleichermaßen bietet, stand man hier in der Vergangenheit aufgrund der miserablen Lüftung regelmäßig kurz vorm Kreislaufkollaps. Das hat sich nach einer fast zweijährigen Sanierung glücklicherweise geändert und nun gibt es neben coolen Bands sogar Sauerstoff – reichlich davon auch im neuen gemütlichen Biergarten nebenan.

SWEET ERMENGARDE

Wave Gotik Treffen

SWEET ERMENGARDE sind eine Band, auf die ich selbst erst kürzlich in einem Spotify-WGT-LineUp-Check gestoßen bin. Die Herren zelebrieren wundervoll atmosphärischen Gothic Rock, der gekonnt die schmale Gratwanderung schafft, old-school ohne altbacken und modern ohne trendy zu klingen. Hatte man dem 2013er-Album „Raynham Hall“ noch recht deutlich angehört, dass die ein oder andere FIELDS OF THE NEPHILIM-Platte im Regal steht, zeigten sich SWEET ERMENGARDE auf dem WGT mit neuem Frontmann, der ihnen das letzte Fünkchen Eigenständigkeit bescherte. Als Einheizer für einen verheißungsvollen ersten Festivaltag gab das Gespann aus dem Ruhrpott eine ausgezeichnete Figur ab und sollte von jedem angetestet werden, der mit den FIELDS, THE MISSION oder SISTERS OF MERCY etwas anfangen kann.

Galerie mit 20 Bildern: Sweet Ermengarde - Wave Gotik Treffen 2015

POSTSCRIPTUM

Wave Gotik Treffen

Etwas lockerer und poppiger wurde es anschließend bei den Norwegern von POSTSCRIPTUM – auch eine Band, von der ich vor dem diesjährigen WGT noch nie gehört hatte. Als schwarz lackierter Zwitter aus U2 und A-HA mit einer Prise DAVID BOWIE besaßen POSTSCRIPTUM genau den richtigen Sound, um die mittlerweile zahlreich vertretenen Fans zum Tanzen zu animieren. Zudem bewies Sänger Peter Skippervold, dass er live seiner melancholisch-kraftvollen Stimme noch mehr Facetten entlocken kann und exakt die richtige Mischung aus Rampensau und zurückhaltender Eleganz findet. Toller Auftritt einer vielversprechenden Band!

Galerie mit 16 Bildern: Postscriptum - Wave Gotik Treffen 2015

ANTIMATTER

Wave Gotik Treffen

Bei ANTIMATTER weiß man, worauf man sich einlässt – die pure Essenz der Traurigkeit für den ultimativen Kloß im Hals und zentnerweise Blei auf den Schultern. Und weil sich das so schön anfühlt, durften die Engländer auf dem WGT gleich zweimal ran: mit einem „normalen“ Auftritt und einem Akustik-Konzert. Wir entschieden uns für ersteres im Alten Landratsamt, bei dem die Band ihren Schwerpunkt auf die heavieren Songs ihres Schaffens legte. Ging es beim Soundcheck mit einer Britney-Spears-Einlage von Sänger und Mastermind Mick Moss noch heiter zu, war bereits mit dem ersten Song Schluss mit lustig. Die bedrückende Atmosphäre der ANTIMATTER-Hymnen legte sich wie ein schwerer Schleier über das Publikum, das gebannt den unheilvollen Spannungsaufbau von Songs wie „Paranova“, „Redemption“ und „Another Face In The Window“ verfolgte. Nicht selten musste man einfach die Augen schließen und die Gänsehaut-Wellen genießen, die in steter Regelmäßigkeit von der Bühne auf einen zu rollten. Durch den Verlust jeglichen Zeitgefühls war das über einstündige Depri-Feuerwerk leider viel zu schnell vorbei – aber das sind ANTIMATTER-Konzerte eigentlich immer.

Galerie mit 22 Bildern: Antimatter - Wave Gotik Treffen 2015

SOLSTAFIR

Wave Gotik Treffen

Was für eine Band kann bzw. darf auf Künstler wie ANTIMATTER eigentlich noch folgen? Viele sind es nicht, doch den isländischen Post-Rock-Cowboys SOLSTAFIR steht dieses Recht zweifelsohne zu. Die Befürchtung, dass das Alte Landratsamt viel zu klein für eine Band dieser Klasse sein könnte, wurde bald zur Gewissheit und der Sauerstoffgehalt im Club nahm rapide ab. Ein Rückzug stand trotz zunehmend unzumutbarer Zustände dennoch nicht zur Debatte, wofür das Publikum von den vier Ausnahmemusikern reich belohnt wurde. Ebenso wie SOLSTAFIR es auf Platte verstehen, mit wenigen musikalischen Mitteln malerische Klanglandschaften zu erschaffen, besitzen sie eine fesselnde Bühnenpräsenz, die ohne jegliches Brimborium auskommt. Die Jungs gehen von der ersten Sekunde an vollkommen in ihrer Musik auf und schaffen damit solch eine enge Verbindung mit dem Publikum, dass eine direkte Kommunikation abseits der dargebotenen Songs vollkommen überflüssig wird. Wie bei ANTIMATTER hieß es auch hier: eintauchen und alles andere ausblenden. Zwar hätte ich mir im Set der Isländer, das zur Hälfte aus „Otta“-Songs bestand, etwas mehr Material der beiden Vorgänger gewünscht, aber das soll die phänomenale Leistung von SOLSTAFIR in keinster Weise schmälern. Mit „Fjara“ im Ohr geht ein sensationeller erster Festivaltag zu Ende.

Galerie mit 18 Bildern: Solstafir - Wave Gotik Treffen 2015

 

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04.06.2015

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