Moonspell - Wolfheart

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

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Im April 1995 veröffentlichen MOONSPELL nach der im Underground eingeschlagenen „Under The Moonspell“ EP aus dem Vorjahr ihr Debütalbum „Wolfheart“ über Century Media Records und schaffen den Durchbruch.

Die Wurzeln sind schwarz

Die Wurzeln von MOONSPELL liegen im Black Metal. BATHORY natürlich, die sowieso alles und jeden inspiriert haben und die frühe Blaupause der schwarzen Kunst erschufen. Dazu CELTIC FROST, ROOT, MAYHEM, das sind die frühen Einflüsse der Portugiesen. Wichtig waren insbesondere Bands aus dem Süden wie ROTTING CHRIST und NECROMANTIA, die MOONSPELL am Anfang Orientierung bieten. Geografisch und in der Mentalität herrscht Distanz zum kalten Norden. Mit den Kirchenbränden und Morden der Norweger wollen sie nichts zu tun haben.

Dazu halten Folk-Elemente Einzug in die Klangwelt von MOONSPELL. Das ist zwar nicht gänzlich neu im Metal, die Pioniere sind hier SKYKLAD und ORPHANED LAND, aber in Kombination mit Black Metal sind MOONSPELL früh dabei. Das verleiht „Under The Moonspell“ eine besondere, exotische Aura und Atmosphäre. Aber „Wolfheart“ geht weiter, viel weiter.

MOONSPELL gewinnen an Professionalität

Dank eines größeren Budgets haben MOONSPELL die Möglichkeit, vom 29. Januar bis 13. Februar 1995 im Woodhouse Studio mit Produzent Waldemar Sorychta (DESPAIR, ehemals GRIP INC.) zu arbeiten. Anfang bis Ende der Neunziger eine beliebte Konstellation bei Bands wie bspw. TIAMAT, SAMAEL oder SENTENCED, die zu der Zeit alle bei Century Media unter Vertrag stehen.

Sorychta sorgt für die nötige Disziplin im Studio und hilft den noch nicht an professionelle Produktionen gewohnten Musikern enorm. Sein Verdienst ist, die zuvor noch zu ausschweifenden, komplexen und mehrteiligen Songideen besser zu fokussieren, ohne dabei zu viel zu reduzieren, so dass die Kompositionen den richtigen Schliff erhalten. „Vampiria“ wäre sonst mit einer Spiellänge von über 12 Minuten ausgefallen und hätte damit kaum die Chance gehabt, in den Metal- und Gothic-Discos zum Tanzflächenhit zu werden.

Neben der Originalbesetzung, bestehend aus Sänger Fernando „Langusyar“ Ribeiro, Bassist João „Ares“ Pedro, Keyboarder Pedro „Passionis“ Paixão, Schlagzeuger Miguel „Mike“ Gaspar und den beiden Gitarristen Duarte „Mantus“ Picoto und João „Tanngrisnir“ Fonesca findet sich noch Birgit Zacher (RIP 2017) als Gastsängerin im Studio ein, die zuvor bereits TIAMAT bei „Wildhoney“ half und ebenfalls in den Neunzigern immer wieder mit Century Media und Sorychta arbeitet. Kurz nach der Veröffentlichung von „Wolfheart“ entlassen MOONSPELL „Tanngrisnir“, weshalb beim Digipack-Release sein Credit fehlt. Der zweite Gitarrist soll kurze Zeit später folgen.

MOONSPELL emanzipieren sich mit „Wolfheart“ vom Black Metal

Auf „Wolfheart“ sind immer noch vereinzelt harschere Elemente des Black Metals vorhanden. MOONSPELL bewahren sich noch viel von der Intensität ihrer frühen Veröffentlichungen. Doch die extremere Seite tritt nun stärker in den Hintergrund und macht neben wohldosierter Aggression Platz für Vielfalt, Dynamik und Melodie. Die Portugiesen haben sich deutlich weiterentwickelt und erschaffen auf dem Album einen teils cineastisch wirkenden, düsteren und beeindruckenden Stilmix aus Dark, Gothic und Heavy Metal, portugiesischer Folk, Prog und Soundtrack. Unterschiedliche Einflüsse wie Filmmusik, PARADISE LOST, TIAMAT, TYPE O NEGATIVE, THE SISTERS OF MERCY, DANZIG und die Folklore ihrer Heimat verweben MOONSPELL zu einem eigenen, exotischen Gothic Metal. Die Inspirationen, ihre ursprünglichen Wurzeln, sind hörbar, sorgen aber in dieser Konstellation für einen eigenen Charakter und neuen Ansatz.

Mit eingängigen, schweren Riffs und ihrer Vorliege für Epik, den Klängen ihrer Heimat, unwiderstehliche, melancholische Melodien und einer besonders großen Portion Drama bieten MOONSPELL damals im Gegensatz zu vielen anderen Gothic-Metal-Alben eine große Vielfalt und Abwechslung, die „Wolfheart“ so besonders macht.

Fernando verwendet seinen rauen, gutturalen Gesang auf „Wolfheart“ noch, was eine der wenigen Verbindungen zurück zum Black Metal darstellt. Häufiger wechselt der sich hier zum letzten Mal „Langusyar“ nennende aber zu seiner klaren, tiefen, ergreifenden Stimme mit viel Bariton, die manchmal an Peter Steele erinnert, ohne allerdings dessen enorme Ausdruckstärke zu erreichen. Auch verwendet er immer wieder Sprechgesang, um das Ganze theatralischer wirken zu lassen. Zu ihrem Exotenstatus passt, dass Ribeiros Englisch einen starken Akzent hat. MOONSPELL klingen trotz dunkler Musik wärmer um nicht zu sagen mediterraner als ihre zu damals Zeit meist aus dem Norden stammenden Kollegen.

Düstere Epen aus dem Süden Europas

MOONSPELL eröffnen „Wolfheart“ mit dem epischen, mehrteilig strukturierten „Wolfshade (A Werewolf Masquerade)“. Die harmonische Einleitung baut sogleich Atmosphäre auf. Die Melodien zunächst fast süßlich, die Bitterkeit und düstere Erhabenheit folgt mit den schweren, kraftvoll doomigen Riffs und Leads. Bereits der Opener zeigt das dazugewonnene Talent und vereint vieles in sich von dem, was MOONSPELL 1995 ausmacht. Dunkle Texte voller Symbolik, ahnungsvolle Gitarrenlinien, charismatisch eindringlicher Gesang zwischen Schreien und klarer Stimme, sphärische Keyboards, geschickte Bassarbeit, Dynamik zwischen laut rhythmisch hart bis ruhiger düster chillig, Spannung von Anfang bis Ende.

Voller Theatralik geht es sehr melodisch und eingängig mit „Love Crimes“ weiter. Etwas einfacher gehalten, lebt das atmosphärische Stück insbesondere von den prägnanten Hooklines, seiner erzählerischen Struktur und dem opernhaften Gesang von Birgit. „…Of Dream And Drama (Midnight Ride)“ zeigt noch den jugendlichen Überschwang von MOONSPELL. Die Bassdrum schlägt zunächst im Herzrhythmus, Ribeiro erzählt, ehe das Stück schnell an Tempo zulegt. Ein einfach gehaltenes Hauptriff und treibender Rhythmus machen ein kraftvolles, gut arrangiertes, aber nicht allzu raffiniertes Stück. Und immer wieder gibt Fernando hier den Peter Steele. „Lua D‘Inverno“ ist ein kurzes akustisches Intermezzo mit Akustikgitarre und Flöte und bereitet den Boden für „Trebraruna“, in dem Gothic Metal mit Folklore und portugiesischem Klargesang vermischt wird. Den Anfang macht eine eingängige Melodie auf der Drehleier, ehe es mit drückenden Riffs, melodischen Keyboards und Tribal-Schlagzeugspiel weitergeht. Das sehr folkige Stück ist weniger dunkel, fast ausgelassen und fördert damit die Abwechslung und den Spannungsbogen von „Wolfheart“.

„Vampiria“ bringt die damalige Gothic-Ästhetik vom MOONSPELL voll zur Geltung. Mehr geht nicht. Langsamer, zunächst ruhiger Aufbau, eingeleitet vom Keyboard, das eins zu eins die Noten der letzten Takte aus „Dracula – The Beginning“ des Soundtracks „Bram Stoker’s Dracula“ übernimmt und für cineastische Atmosphäre sorgt. Die Melodie-Führung bleibt beim bedeutungsschwanger tönenden Keyboard, Ribeiro gibt sehr düster, theatralisch und dramatisch eine Bela Lugosi Imitation. Bass, Schlagzeug, opernhafter Frauengesang im Hintergrund gesellen sich dazu. Zunächst eher Filmmusik einem Horrorfilm entstammend, übernimmt im zweiten Teil mit drückenden Riffs, eingängigen Leads, Double Bass und harschem Gesang der Metal das Geschehen. Damals ein Hitsong, gespielt in den Szene-Diskos. Voller Klischees sicher, aber ein Klassiker des Genres.

Das achtminütige, epische „An Erotic Alchemy“ ist ebenfalls Synthie getrieben. Geschmackvolle Keyboardteppiche, cleane Gitarren, wiederkehrende Themen, einprägsame Hooks und der Dialog zwischen Ribeiro und Zacher prägen das Stück. „Alma Mater“ bietet wieder Kontrast. Hier verzichten MOONSPELL meist auf Keyboards, stattdessen steht in dem einfach und eingängig strukturiertem Song ein rohes, melodisches Riff im Mittelpunkt. Interessant sind die leidenschaftlich verzweifelten Schreie, der Klargesang in Portugiesisch in der Bridge und der geflüsterte Refrain. Und dann das grandiose Finale, einer der stärksten Songs von MOONSPELL. Das Digipack enthält als Bonussong noch „Ataegina“, Folk Metal gesungen in ihrer Muttersprache, die Hauptmelodie getragen von einer Flöte.

Ein nicht perfektes Album voller magischer Momente

MOONSPELL haben durch die noch hörbaren Wurzeln, die Verwendung von Folk sowie ihrer Muttersprache den Gothic Metal auf „Wolfheart“ wenn nicht revolutioniert so zumindest mit ihrer fesselnden Mischung dem Genre neue kreative Akzente verliehen. Das atmosphärisch dichte Album wirkt durch und durch sehr inspiriert und ist voller magischer Momente.

Dabei ist „Wolfheart“ nicht perfekt. MOONSPELL sind 1995 talentiert, wirken rastlos in der Suche nach neuen Ansätzen und sind ob ihrer Vielfalt schwierig, in eine einzige Schublade zu stecken. Allerdings ist zwischendurch immer wieder das junge Alter und die noch fehlende Erfahrenheit der Schöpfer deutlich. In den positiven Momenten ist das die spürbare jugendliche Leidenschaft, der Überschwang und die Energie. Dass MOONSPELL hier deutlich harscher rangehen als viele deutlich weichgespültere Kollegen und das Werk insgesamt eine jugendliche Unbekümmertheit ausstrahlt. In den weniger gelungenen Momenten sind es das manchmal sehr künstlich wirkende Keyboard und manche nicht ganz flüssig wirkenden Fills von Drummer Gaspar. Das ändert aber nichts daran, dass „Wolfheart“ ein gelungenes Debüt ist.

Das Debütalbum ist ein Klassiker

„Wolfheart“ lebt vor allem durch den Charme eines Frühwerks sowie der originellen, großartigen Ideen und Songs, die MOONSPELL hier erschaffen haben. Ein echter Klassiker!

Cover Artwork des Digipack von MOONSPELL - "Wolfheart"

Cover Artwork des Digipack von MOONSPELL – „Wolfheart“

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07.02.2024

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3 Kommentare zu Moonspell - Wolfheart

  1. Vlad_the_Impala sagt:

    Da stimme ich mit ein: 9/10.
    Definitiv ein ziemlich wichtiges Album in meiner damaligen Metal-Musik-Findungsphase. Eingängig, nicht zu aggressiv, nicht zu kitschig, irgendwie griffig. Insgesamt gute Unterhaltung. Gutes Bindeglied zwischen Type O und echtem ‚trven‘ Black Metal. 😮
    Danach fand ich die Band-Diskografie bissl zu spotty; musikalisch oftmals zu konstruiert m.M.n.

    9/10
  2. marcmorgenstern sagt:

    „Ein echter Klassiker!“ steht als letztes in der Rezension. Das sehe ich auch so (und aus meiner Sicht kann bei einer solchen Feststellung dann aber nur die Höchstnote gezückt werden) und ich erinnere mich wie die Scheibe seinerzeit bei mir „rauf- und runterlief“. Zeit sie mal wieder „aufzulegen“. 🙂 Danke für das tolle Review. 🙂

    10/10
  3. Watu sagt:

    Irreligious war mein Einstieg in die Moonspell Welt, vielleicht mag ich es deshalb noch etwas mehr, als ihr Debüt Album, welches jedoch bereits die ganze Klasse der Band auf einem Album vereint. Derartige Musik, in dieser Qualität, mit dem geliebten OS Grufti Vibe, erblickt nur ganz selten das Dunkel der Welt. Daher ist dieses Kleinod nicht hoch genug einzuschätzen. Auch wenn ich nach Irreligious mit der Musik von Moonspell nichts mehr anfangen konnte, ihre Kreativität haben sie sich immer bewahrt. Von daher muss man ihr gesamtes künstlerisches Schaffen nicht zwingend gut heißen, aber schätzen kann man es auf jeden Fall. Eine Band mit Vorbildfunktion.

    9/10