Guns N' Roses - Use Your Illusion II

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

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Wenn GUNS N‘ ROSES für eines bekannt sind, dann dass sie sich gerne Zeit lassen. Legendär sind natürlich die Verspätungen von Axl Rose, die es schon immer gab und auf der Tour zu diesem Album überhand nahmen sowie die 17 Jahre, die „Chinese Democracy“ auf sich warten ließ. Doch auch die vier Jahre, welche die L.A.-Rocker für ihr zweites Studioalbum brauchten, waren für damalige Verhältnisse untypisch. In den 1980er-Jahren war der Veröffentlichungstakt wesentlich enger.

Diese Zeitspanne war sowohl Ausdruck ihres damaligen Status, als auch die ersten Auflösungserscheinungen. Am deutlichsten machte sich in dieser Hinsicht Steven Adler bemerkbar, der aufgrund seines Heroinkonsums nicht mehr in der Lage war, Schlagzeug zu spielen und deswegen gefeuert wurde. Für ihn kam Matt Sorum von THE CULT. Allein das stellte schon eine wesentliche Änderung des Sounds dar, fehlte nun der eminent wichtige Swing. Axl Rose begann zudem immer mehr, seine persönlichen Interessen durchzusetzen. Er holte seinen alten Freund Dizzy Reed in die Band und sorgte für den Austausch des Managers. Da sich das aber vor allem im Hinergrund abspielte, konnte es der Popularität der Band nichts anhaben.

Auch musikalische Veränderungen

Unbeeindruckt von allen Erwartungen schlägt „Use Your Illusion II“ in verschiedene Richtungen aus: Mit ‚Civil War‘ gibt es direkt zu Beginn eine politische Halbballade. ‚Shotgun Blues‘ ist die punkige Fortsetzung eines Streits von Rose mit Vince Neil. Zudem gibt es ausschweifende Rocksongs wie etwa ‚Locomotive‘. Im Unterschied zum ersten Teil gibt es weniger knackige Rocksongs, aber dafür vor allem lange Stücke, so dauert etwa die Hälfte der Songs über fünf Minuten. Diesen ist gemein, dass sie anders als üblich mehr auf Wiederholung setzen und so einen stärkeren Jam-Charakter bekommen. Allerdings tun sie sich mit flüssigen Übergängen schwer.

Hervorzuheben unter ihnen ist ‚Estranged‘. Die Melodien von Slash fügen sich perfekt in die Atmosphäre ein. Rose zittert den Text vor. Die Dramaturgie trifft genau die Stimmung von ebenjenen, wobei insbesondere der verträumte Mittelteil herraussticht. Aber gerade auf diesem Teil finden sich einige starke Langstücke. ‚Breakdown‘ zeigt die Band in einer unwahrscheinlichen Gelassenheit und der Opener ‚Civil War‘ integriert elegant rockige Elemente in dieses Antikriegsepos.

„Some things could be better / If we’d all just let them be“

Ein Sonderfall auf diesem Album ist ‚You Could Be Mine‘, welches eigentlich bei den „Appetite For Destruction“-Sessions entstanden ist. Das Stück ist in diesem Teil eine der wenigen Brücken zum Vorgänger. Das liegt an den kernige Riffs von Slash und die treibenden Drums von Matt Sorum, die den sexistischen Text ein raues Fundament begleiten. Dennoch ist dieses Lied mit einer Laufzeit von fast sechs Minuten aber nicht so gestrafft wie es auf dem Vorgänger wohl der Fall gewesen wäre. Es sind Takte und Wiederholungen drauf, die nicht notwendig sind. Aber vielleicht ist das ja auch die falsche Prämisse der Arbeit von GUNS N‘ ROSES: Dass grundsätzlich jeder Ton der Band wertvoll sei.

Der wachsende Einfluss von Rose wird anhand der Credits immer deutlicher, nur bei ‚Pretty Tied Up‘ und dem sanften ‚So Fine‘ hat er nicht mitgeschrieben. Die zweitmeisten Beteiligungen haben McKagan und Slash mit je drei zu verzeichnen. Auch Izzy Stradlin, von dem es auf den ersten Teil noch viel zu hören gab, hat sich bei diesem Teil zurückgehalten. So hatte er es auch leicht, die Band immer mehr als Plattform für seine privaten Streitereien zu nutzen.

„Use Your Illusion II“ ließ die Fassade bröckeln

Die Selbstdemontage der folgenden Jahre deutet sich nun stärker an den Songs selber an: Da wäre zuvorderst ‚Get In The Ring‘, welches in höchstpeinlichen, infantilen Mackermanier Musikkritiker zum Kampf auffordert, weil sie die Fans um ihr hart verdientes Geld bringen würden. Der abschließende Rap ‚My World‘, der ohne Mitwissen von Roses Kollegen auf die Platte gepackt wurde, ist so verzichtbar und unausgereift, dass dieses Stück in erster Linie eine Machtdemonstration des Sängers ist. Im Nachhinein ist es unvermeidbar, ihn als Vorbote des mit „Chinese Democracy“ kommenden Stilwechsel zu sehen.

Bei all diesen Problemen hat „Use Your Illusion II“ zweifellos große Momente. Die kompositorischen Fähigkeiten von Axl Rose sind beeindruckend. Slash bekommt mehr Raum für seine Soli und kann sie größenteils auch kurzweilig füllen. Dennoch braucht man sich keine Illusionen zu machen: Das Album war der Beginn vom Ende. Rose setzte sich immer mehr durch und die anderen Bandmitglieder ließen ihn apathisch gewähren, hatten eigene Probleme. So ziehen sich egoistische Ausschweifungen durch die ganze Scheibe. Auch wenn die 150 Minuten der beiden „Use Your Illusion“-Alben für eine Veröffentlichung zu fordernd sind, so kann man aus heutiger Sicht dankbar dafür sein, dass vor dem Ende wenigstens noch alles veröffentlicht wurde.

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17.09.2021

Redakteur mit Vorliebe für Hard Rock, Heavy Metal und Thrash Metal

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17 Kommentare zu Guns N' Roses - Use Your Illusion II

  1. doktor von pain sagt:

    Da zeigt sich mal wieder, wie unterschiedlich Geschmäcker sind. Ich bin kein großer Fan von Guns ’n‘ Roses und besitze nur die „Appetite for Destruction“ sowie die beiden „Use Your Illusion“-Alben, aber „Use Your Illusion II“ halte ich persönlich für das beste Album der Band. Ja, sogar besser als das vielseits gelobte „Appetite“.

    9/10
  2. EWDD sagt:

    Chinese Democracy erhält 9/10 und die beiden Use your illusion nur 7/10. Echt jetzt??? Bester Satz des Reviews:“ Im Nachhinein ist es unvermeidbar, ihn als Vorbote des mit „Chinese Democracy“ kommenden Stilwechsel zu sehen.“ Selten so gelacht….Dass eine „Band“, die ohne 3/4 der stilbildenden Protagonisten, nach 14 Jahren ohne Output „andere „Musik macht, welch eine Überraschung….Als Scherz ist diese Kritik durchaus humorvoll gestaltet, als ernstzunehmende Kritik fällt sie jedoch gnadenlos durch….Setzen 6!

  3. doktor von pain sagt:

    Na ja, die Kritik zu „Chinese Democracy“ wurde vor mehr als 10 Jahren von einem ganz anderen Reviewer geschrieben. Liest man hier ja auch öfter: „Was?! Album X schneidet schlecht ab, aber Album Y so gut?! Wie kann das sein?“ Das kann sein, weil die Reviews von unterschiedlichen Leuten mit unterschiedlichen Geschmäckern kommen. Reviews sind immer subjektiv. Aber es ist ja nicht so, dass ich der Erste bin, der das hier schreibt.

  4. EWDD sagt:

    Klar ist Geschmack immer subjektiv, aber man muss rein objektiv sagen, dass die beiden Use your illusion-Alben mit Metallica’s Black Album und Nirvana’s Nevermind mit zu den prägenden Alben der Dekade der 1990er zählen. Wenn die Bewertung dann nur mit 7/10 ausfällt, sollte man die meisten Bewertung anderer Alben dieser Epoche mal auf die Probe stellen….
    Wenn ich sehe, dass Alben von Eisbrecher hier mit 7 oder 8/10 wegkommen und Use your Illusion I und II ebenfalls mit 7/10 abgespeist werden, darf man sich getrost Fragen stellen. Und ich bin kein G’N’R-Fanboy…..

  5. doktor von pain sagt:

    Aber das sind schon wieder Äpfel und Birnen…

  6. thedeerhunter sagt:

    7/10 ernsthaft?Alleine für Yesterdays/14 Years/Breakdown/So Fine/ Pretty Tied Up und Estranged ist hier ne klare 10 angesagt.Andere Bands würden für so Songs töten.Die Illusions 2 ist klar die bessere der beiden,und dass es kein Bandalbum mehr sei,wie in der Review angedeutet,ist schlicht Unsinn 😁.Eines sollte man aber festhalten:Neben Rose war Izzy DER Songwriter in dieser Band,und sonst niemand!

    10/10
  7. Norskvarg sagt:

    ich finde use your illusion 2 die klar bessere scheibe. daher bekommt sie 9 punkte und 1 bekommt 7. auf teil 2 sind meiner meinung klar die besseren songs. es geht mit civil war los, geht mit estranged oder you could be mine weiter. nicht zu vergessen das bob dylan cover. selten ist eine cover version besser als das original, aber hier würde trifft dies zu. die note 10 verhindert einzig und allein my world. der song ist ein echter stinker.

    9/10
  8. TerraP sagt:

    Ich finde das Album auch sehr schwer zu bewerten. Ich hätte mich damals gefreut, wenn sie nur eines mit allen Highlights und nicht zwei völlig ausufernde Platten veröffentlicht hätten. Ist so ein bisschen die Prince-Krankheit: immer geile Songs, aber nicht immer unbedingt geile Alben, weil null aus einem Guss.

    Ich glaube auch, dass a) Appetite… das wirklich prägende Album war, auch in der Langzeitwirkung und b) von UYI halt die Highlights in Erinnerung geblieben sind. Verkaufszahlen allein können hier kein Kriterium sein.

    Und trotzdem – im Vergleich zu Eisbrecher (die ich gar nicht kenne), kann die Bewertung ungerecht sein. Dann hätten die aber vielleicht nur 5 Punkte haben dürfen.

    7/10
  9. casualtie78 sagt:

    „Use your Illusion II“ ist für mich einen Ticken besser als die „I“ ,aber auch hier sind 2 Songs drauf zu finden die gar nicht gehen: „My world“ ist einfach nur purer Müll und „Knocking on heavens door“ nervte mich von Anfang an und auch heute noch höre ich lieber jeden anderen Song auf diesem Album.
    Alles in allem waren/sind auf der „II“ wie gesagt für mich die besseren Songs zu finden („Estranged“,“Breakdown“,“Civil war“ oder auch „Pretty tied up“). Genauso allgegenwärtig sind seid damals die Videos der genialen Songs „You could be mine“ und „Don´t cry“.

    Über die „neueren“ Veröffentlichungen hüllen wir besser den Mantel des Schweigens….. 🙂

    9/10
  10. Eddie Doom sagt:

    Trotz Zeichen der Probleme innerhalb der Band, ein Meisterwerk

    9/10
  11. Interkom sagt:

    Ich finde die Bewertung absolut passend. Ist schlecht gealtert und Nostalgie ist kein Kriterium für gute Musik. Andere haben mit mutigen Entwürfen schlechte Kritiken in der Vergangenheit eingefahren und stehen jetzt besser da. Hier ist es umgekehrt. Die kreative Nachwirkung von Guns’n’Roses kann man wohl (Mal abgesehen von Gitarristen) als überschaubar bezeichnen. Jedenfalls für den Metal. Transparenzhinweis: ich konnte mit denen noch nie etwas anfangen.

  12. HH7 sagt:

    siehe Kommentar zur Illusion I – Scheibe!
    10 von 10 drunter geht nicht!!!
    Eine Scheibe für die Ewigkeit! Übrigens meiner Meinung nach auch die beste Gunners Scheibe!
    7 von 10 nenne ich hier Geschmacksverirrung!

    10/10
  13. nili68 sagt:

    >Transparenzhinweis: ich konnte mit denen noch nie etwas anfangen.<

    Clever, das am Ende zu schreiben. So weiß man, wie ernst man diese Kritik nehmen muss nicht gleich und kann ein paar Lebenssekunden vergeuden. 😉

  14. Interkom sagt:

    Des ist ja klar, dass das Geschmack ist. Aber dennoch finde ich Rezeption von Guns’n’Roses in der aktuellen Musik überschaubar. Ich könnte mich auch nicht daran erinnern, dass ich in den letzten Jahren irgendeinen Verweis, sei es in Reviews noch in Interviews auf GNR gehört hätte. Das wäre ein Beweis dafür, dass die für die weitere Musikentwicklung eine marginale Rolle gespielt haben. Darüber könnte man zumindest sachlich diskutieren.

  15. nili68 sagt:

    Kommt darauf an, ob man diese Punkte für entscheidend zur Beurteilung hält, wenn es um die Qualität an sich geht. In der Sleaze/Hardrock-Szene (whatever) kenne ich mich auch nicht so aus.

  16. Interkom sagt:

    Der Phillip wird gut zehn Jahre jünger als ich sein, dass ihn sowas nicht vom Hocker haut kann ich zumindest nachvollziehen. Das meinte ich ja, zu seiner Zeit top, heute eher so gut. Deshalb kann ich seine Bewertung nachvollziehen. Meine Bewertung wäre auch bekannten Punkten noch niedriger, aber ich würde auch kein Review darüber schreiben. Burn my eyes von Machine Head von 1994 hört man sein Alter nicht so an, wie GNR.

  17. Vlad_the_Impala sagt:

    Ich sag mal: 8/10 – mit einer gehörigen Portion Nostalgie-Bias, da es die erste Rock/Metal-CD war, die ich mir damals gekauft habe.
    Die ganzen MTV PowerBallad/ArenaRock-Geschichten finde ich schon heute noch gut, aber die echten „Rocker“ fand und finde ich doch sehr durchschnittlich bis nichtssagend. Immerhin gab es nicht all zu viele von denen.. 🙂
    „Estrangend“ hör ich mir hin und wieder schon noch gern an, evtl. noch „Civil War“, den Rest brauch ich nicht mehr wirklich..

    8/10