Guns N' Roses - Chinese Democracy

Review

Galerie mit 6 Bildern: Guns N' Roses - Not In This Lifetime Tour 2018

Auf diesen Tag habe ich tatsächlich zehn Jahre lang gewartet. Vielleicht länger. Und ich weiß: viele von Euch haben mit mir gewartet und gehofft, und vielleicht sind wir auch alle ein wenig ängstlich gewesen. Denn: wir wissen doch alle, dass kein Album der Welt es rechtfertigt, dass man 15 Jahre lang daran arbeitet. Kein Album muss in 14 verschiedenen Studios und mit einem Dutzend Produzenten aufgenommen werden. Für kein Album der Welt muss man drei Bookletseiten Credits einplanen, und noch einmal so viele für die Thanks-List.

Axl Rose und das über die letzten Jahre aus weitgehend unbeleckten Musikern (vom „Use Your Illusion“-Keyboarder Dizzy Reed abgesehen) zusammen gestellte Line-Up der neue GUNS N‘ ROSES haben dennoch genau das getan. Das zeigt auch, dass Axl sehr genau weiß, dass er sehr vielen Menschen sehr dankbar dafür sein sollte, dass sie seine Eskapaden so lange mehr oder minder geduldig ertragen haben. Dafür kriegen allerdings auch alle etwas sehr Wertvolles zurück – nämlich ihren Anteil daran, dass es „Chinese Democracy“, das lange nur eine Legende war, ab heute tatsächlich zu kaufen gibt. Es existiert – und nicht nur das, es ist auch ein weitgehend verdammt gutes Album geworden.

Wo sich über den eindeutig metallastigen und vom Industrial-Rock Marke NINE INCH NAILS oder MARIYLN MANSON beeinflussten Titelsong noch streiten lässt, steigert sich „Chinese Democracy“ nicht nur von Track zu Track, sondern auch mit jedem Einsetzen der Repeatfunktion. Dabei ist eigentlich schon der erwähnte Opener ein echter Ohrwurm. Der zurecht als erste Single ausgekoppelte Song überrumpelt mit einem enorm fetten, effektiven Mainriff, knackigen Soli und einer überraschend voluminösen Stimme. Da bleibt nicht viel Zeit zum Zweifeln. Dass das folgende „Shackler’s Revenge“ bis auf seinen bestechenden Refrain nicht der Wahnsinn sein mag, hat man schon bei dem einnehmend eingängigen „Better“ vergessen.

Hier zeigt sich das erste Mal die verzückende Detailverliebtheit des Albums, wie in der weiteren Folge auch bei dem relaxt-funkigen „If The World“, dem nostalgischen Liebeslied „There Was A Time“, der von schwebenden Wah-Wah-Gitarren und fast ätherischen Vocals getragenen Ballade „Sorry“, dem wunderbar sinfonischen „Madagascar“ und fast jedem anderen Stück des Albums. Dabei entpuppen sich mit der Zeit Songs, die mit Klassikern wie „Knockin‘ On Heaven’s Door“ oder „Sweet Child O‘ Mine“ verglichen zunächst recht blass wirken, als einzigartige Kompositionen mit unerahnter Vielschichtigkeit und Tiefe. „Street Of Dreams“ oder das unangreifbar perfekt arrangierte „Catcher In The Rye“ sind Stücke, die ohne jeden Zweifel das Potential haben, mit den besten Songs der GNR-Diskographie auf Augenhöhe betrachtet zu werden. Selbstverständlich, aber das war hoffentlich klar, sind mit „Riad N‘ The Bedouins“, „Scraped“ oder „Prostitute“ auch Songs mit auf dem über 70 Minuten langen Album, die es nicht zwingend sein müssten.

„Chinese Democracy“ besteht nicht nur aus zwei wuchtigen Rockgitarren, klassisch bestechenden GNR-Soli (ganz ehrlich, so gut Slash war… die neuen Gitarristen sind ebenfalls verdammt gut!), einem hörbar vom Blues beeinflussten Bass und einem vor Spielfreude berstenden Drumkit. Das alles kennen und lieben wir von „Appetite For Destruction“ oder „Lies“, und das alles finden wir auch wieder, wenn wir hinter das massive Arrangement blicken – nur eben in der Interpretation eines Mannes, der nicht mehr Mitte oder Ende 20 ist.

Was „Chinese Democracy“ zu so einem wunderschönen Album macht, sind die liebevollen und mit unnachahmlicher Zielsicherheit eingesetzten Kunstgriffe, die eben NICHT jede Rockband der 90er Jahre beherrscht hat und es auch heute noch nicht tut. Die wunderbaren Pianostücke („This I Love“ ist mit Sicherheit noch vor „November Rain“ das Berührendste, was Axl Rose je geschrieben hat!). Der organisch fließende Songaufbau, der noch so etwas wie Spannung und Höhepunkte kennt. Die objektiv betrachtet alles andere als schöne Stimme von Axl Rose, für deren variablen, ungekünstelt emotionalen und beeindruckend kräftigen Einsatz der Mann eine Extraportion Respekt verdient. Die Orchestereinsätze, die genau dosiert an den richtigen Stellen den nötigen Bombast liefern und eine für Rockmusik seltene Kunstfertigkeit offenbaren. Aus Filmsamples zusammengestellte Dialoge. Und nicht zuletzt das auch für „Chinese Democracy“ Wichtigste, das hinter der lauten Fassade eines Rockalbums gerne vergessen wird: sehr nachdenkliche, eine gehörige Verzweiflung und Ehrlichkeit offenbarende Texte. Wer das hübsche Booklet des Albums aufmerksam liest, wird nicht mehr behaupten können, Axl Rose wisse nicht, welche Dämonen ihn umtreiben oder was in seinem Leben falsch gelaufen ist.

Jetzt ist es an der Zeit, GUNS N‘ ROSES die Chance zu geben, im 21. Jahrhundert anzukommen. Sie haben sich alle nur erdenkliche Mühe gegeben, um diese nicht mehr für erfüllbare gehaltene Aufgabe zu meistern. Sie haben ein sagenhaft zeitlos produziertes Album aufgenommen. Sie haben sich ihre Dynamik und Variabilität bewahrt. Sie haben es erfolgreich vermieden, sich selbst zu kopieren. Sie verbinden, was diese Band immer ausgemacht hat, mit dem Willen, sich nicht darauf festnageln zu lassen. Sie nehmen klassische und moderne Sounds auf und geben ihnen den typischen GNR-Anstrich. Mehr kann man wohl kaum tun.
Ich weiß, dass wir alle in einigen Jahren „Street Of Dreams“, „Sorry“ oder „Catcher In The Rye“ mitsingen werden, und dass mindestens ein Viertel der Songs dieses Albums dann als absolute Klassiker gelten werden. Ich weiß es ganz sicher. Aber ich weiß auch, dass einige von uns sich dafür von dem Wunsch oder der Vorstellung freimachen müssen, dass wir immer noch 1993 haben. Axl Rose hat diesen – sicher verdammt harten – Kampf mit sich selbst ab heute hinter sich. Wir haben ihn ab heute vor uns. Also – lasst es uns anpacken!

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21.11.2008

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1 Kommentar zu Guns N' Roses - Chinese Democracy

  1. boounty sagt:

    Das Album ist meiner Meinung nach sehr gelungen. Bis auf einige (wenige) Ausnahmen ist jeder einzelne Song erstklassig.
    Musikalisch haben sich Guns´n Roses nach meiner (subjektiven) Auffassung sogar verbessert.
    Na gut, könnte man jetzt sagen. In der Zeit, die das Album gebraucht hat, haben andere Bands etliche gute Alben auf den Markt geworfen.
    Das stimmt zwar, ändert aber nichts an der Qualität. Wer sich jetzt enttäuscht gibt hatte wohl einfach etwas übersteigerte Erwartungen.
    Hitpotenzial ist jedenfalls für mehr als einen Track vorhanden.

    8/10