
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



„KRISIUN waren anfangs noch stark durch Gruppen wie BLACK SABBATH und DIO beeinflusst; ihr Debütalbum ‚Black Force Domain‘ wird dementsprechend durch klassische Metal-Vibes und eine langsame, doomige Atmosphäre bestimmt.“
[Quelle: Internet, dreiundzwanzigste Website von hinten]
„KRISIUN stellten auf ihren letzten Werken ihren Mut zu stilistischen Sprüngen unter Beweis und überzeugten auch ihre alten Fans mit ausgereiftem, progressiv geprägtem Hardrock und ausgefeilten Arrangements, klarem Gesang, atmosphärischen Keyboards und vereinzelten Metal-Reminiszenzen.“
[aus: Encyclopaedia Lignea, bislang unveröffentlicht]
„Die brasilianische Bossa‑Nova‑Band KRÍSIUM, bestehend aus den drei Brüdern Alex, Max und Moyses, verbindet klassische Samba‑Jazz‑Elemente mit mehrstimmigem Gesang. KRÍSIUM hat sich regional etabliert und tourt mittlerweile auf Festivals und in Konzertreihen rund um die Welt. Live überzeugen die Brüder durch intime Arrangements, feines Gitarrenspiel und eine subtile Rhythmusgruppe, die die Bossa‑Nova‑Wurzeln bewahren.“
[aus: Notizen aus der Anderwelt. Moderne Märchen für Erwachsene]
„Black Force Domain“ – Death-Metal-Getrümmer galore!
Mögen diese Einblicke in obskure Parallelwelten ganz interessant klingen, so haben sie doch mit dem Wirken von KRISIUN nur wenig gemein. KRISIUN standen seit ihrem Debütalbum „Black Force Domain“ für komplettes Death-Metal-Getrümmer der gemeinen Art. Die Band gründete sich 1990 und war tatsächlich anfangs von BLACK SABBATH und DIO beeinflusst. Spätestens aber als die drei Brüder Alex Camargo (Bass und Gesang), Moyses Kolesne (Gitarre) und Max Kolesne (Drums) Platten von SLAYER und MORBID ANGEL in die Hand bekamen, wendete sich das Blatt: Ab da spielten die Jungs immer schneller, immer brutaler und immer gnadenloser.
Auf zwei Splits und der EP „Unmerciful Order“ von 1994 spielten sie sich warm und hatten im März/April 1995 die richtige Betriebstemperatur erreicht, als sie in den Army Studios in São Paulo ihr Debüt „Black Force Domain“ einprügelten. Und das ist auch das richtige Wort: Denn wo andere Bands wegen der Variabilität mal den Fuß vom imaginären Gaspedal nehmen, treten die Jungs bis zum Anschlag durch. Der Hobel hat zwar nur 71 PS und klingt ziemlich angestrengt, aber einmal auf Geschwindigkeit, hält ihn dann doch nichts zurück. Sprich: Der Drummer spielt bevorzugt Blastbeats, während sein Bruder an der Gitarre die sechs Saiten mit Tremoloriffs malträtiert und Soli im Stile von SLAYER raushaut, während der dritte im Bunde mit dem Bass den Riffs folgt und seine geröchelten Vocals im Stakkato rauspresst.
Blastbeats, Tremoloriffs und Soli im SLAYER-Stil
Überhaupt die Texte: Dass auf „Black Force Domain“ alle christlichen Kreuze sorgsam umgedreht wurden, zeigt ja schon die (im übrigen sehr effektiv gezeichnete) Coverabbildung. Darüber hinaus haben die Brutalo-Brüder aber auch ein Faible für alle bösen Kräfte – egal, ob es jetzt der böse Drahtzieher ist oder Besessenheit durch eine böse Macht. Und wenn man noch einen draufsetzen möchte, jedoch die Worte nicht so viel hergeben, wird aus dem Bösen eben „Meanest Evil“. Steigerung unmöglich.
Aber ein Grinsen muss auch erlaubt sein, denn musikalisch lässt „Black Force Domain“ keinen Zweifel zu: Hier sind drei Musiker am Werk, die keine Kompromisse eingehen und immer alles geben. Economy irgendwas ist nicht ihr Ding, und das ist ja auch Teil der Einstellung, die man südamerikanischen Extrem-Metal-Bands immer nachsagt. Finesse geht vielleicht anders, aber hinsichtlich Engagement und Vehemenz macht ihnen niemand etwas vor.
KRISIUN gehen keine Kompromisse ein
Inmitten dieses Hochgeschwindigkeitsgeknatters schaffen es die Drei aber auch, einige memorable Passagen einzubauen: Der Titeltrack ist in seiner Akkordfolge einprägsam, das Eingangsriff in „Hunter Of Souls“ klingt so gehetzt, wie man es beim Titel erwarten darf, und jenes in „Obsession By Evil Force“ willenlos überdreht. Apropos Variabilität: Mit „Infamous Glory“ haben die Jungs dann doch noch ein instrumentales Zwischenspiel, das wohl auf einem langsamen Trauermarsch aufbaut, dessen flirrendes Gitarrensolo aber jede Besinnlichkeit hinwegfegt – Orgel und Kirchenglocken zum Trotz. Zuvor durfte Drummer Max in „Evil Mastermind“ bereits mit einem vierzigsekündigen Solo einleiten, bevor er dann wieder in sein Hometerrain wechselt, den gepflegten Blastbeat.
Kurzum: Mit „Black Force Domain“ haben KRISIUN den Grundstein für ihr Wirken gelegt, das sie auch nach über 30 Jahren nicht wesentlich geändert haben. Jüngere Alben wie „Mortem Solis“ (2022) zeigt jedenfalls eine Band, die hinsichtlich Intensität wenig nachgelassen hat, mittlerweile aber an der einen oder anderen Stelle einen effektiven Kniff einbaut. Dass die drei Brüder aber überhaupt so weit gekommen sind, haben sie nicht nur ihrer Beharrlichkeit zu verdanken, sondern auch dem Spürsinn von G.U.N. und Roadrunner Records, die das Album, das im August 1995 ursprünglich nur auf dem brasilianischen Markt erschienen war, zwei Jahre später in Europa respektive Nordamerika neu auflegten.
Intensität und Spürsinn
Zum Abschluss stehen noch folgende Fragen im Raum: Wie klangen KRISIUN, als sie noch von SABBATH und DIO beeinflusst waren? Und: Haben Sportzigaretten wirklich einen reaktionsvermindernden Einfluss? Es bleibt spannend.

Krisiun - Black Force Domain (Red Vinyl) [Vinyl LP]
Eckart Maronde


















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