Led Zeppelin - The Song Remains The Same

Review

LED ZEPPELIN sind eine offene Wunde, die von den vielen Schlachten des Rock ’n’ Roll zurückgeblieben ist, die immer wieder klaffend aufplatzt. Sie beginnt in schöner Regelmäßigkeit zu nagen, wenn einmal mehr das Erbe der Größten aller Rock-Formationen geschröpft wird. Eine Veröffentlichungswelle jagt die nächste. In periodischen Schüben kommt alles wieder hoch, der Lärm der alten Tage, das eindringliche Wahnsinnsgetöse, und auch immer wieder treibt es dem ewigen Nostalgiker Tränen und ein Funkeln in die Augen, die nachgeborene Jugend staunt mit oder lässt sich selbst mitreißen.

Pünktlich zum großen Reunion-Konzert erschien eine weitere Hitsammlung aus letzter Hand („Mothership“) und auch ihr experimenteller Streifen „The Song Remains The Same“, mitsamt Soundtrack, erfährt in diesen Tagen – natürlich als Special Edition – eine Neuauflage. Bei den letzten drei Konzerten ihrer ’73er-Welttournee zu der Jahrhundertplatte „Houses Of The Holy“ in New York wurde das Gros der Show für den Konzertfilm mitgeschnitten. Um zahlreiche psychedelische Zwischensequenzen und urigen Backstage-Schnipsel erweitert, erobert der Film drei Jahre später mit Pauken und Trompeten die Lichtspielhäuser dieser Welt und feierte große Erfolge.

Mit ohrenbetäubenden Maschinengewehrsalven werden zu Beginn des Films die Bosse einer Mafia ausgelöscht. Schnitt. Landleben. Ruhe. Idylle. Familienidylle. Dieser Vorspann steht in einem stark kontrastierenden Verhältnis zu dem was folgen soll: New York, die glitzernde, laute Metropole. Unter Blaulicht wird die Band von der Landebahn des Flughafens zur Halle eskortiert. Abertausende recken die Hälse und scharen sich eng auf eng um die kleine Bühne des Madison Square Gardens. „Rock ’n’ Roll“ zündet, der hormonbefeuerte Krach klingt wie aus der Hirnandrangsdrüse heraus gepresst, und löst mit jedem weiteren Akkord Jubelrufe aus. Da ist das urzeitwesenhaft mit dem Schwanz wedelnde „Black Dog“, da ist „No Quarter“ mit den markerschütternden Brunftschreien und natürlich „The Song Remains The Same“. Wie Plant jault, wie avantgardistisch eng seine Bluejeans sitzt; wie begnadet und voller Leidenschaft das Getrommel des bärtigen Bonhams und wie John Paul Jones stoisch, in aller Seelenruhe seine vier Saiten traktiert. Und, und vor allem: wie Jimmy Page seine Gitarren zu führen weiß, die doppelhälsige Schönheit, die Zwölfsaitige! Das alles gab es einmal, und was einmal war, drängt unweigerlich auf Wiederkehr.

Unglaublich langweilig dagegen ist die ellenlange Interpretation von „Dazed And Confused“, wie Page seine Gitarre mit einem Geigenbogen malträtiert. Das mag zwar alles visionär und gewagt sein, doch mag ich mir keine halbe Stunde Soli und aufgesetztes Gegniedel anhören, geschweige denn anschauen. Mit „Stairway To Heaven“ verhält es sich wie mit dem Eröffnungsriff von „Smoke On The Water“: Generationen von talentfreien Gitarristen ist die Akkordfolge dermaßen ins Gemüt gefahren, sodass jeder Widerstand zwecklos ist und der Song leider viel von seiner Magie einbüßen musste. „Moby Dick“ gehört ganz allein John Bonham; wie er sich knapp 30 Minuten bis an die Grenzen des Onanistischen schlagwerkt, packend mit Bildern seiner großen Leidenschaft, der Geschwindigkeit, unterlegt – das lässt keinen unbeeindruckt. Zum Ende des Sets hin, „Heartbreaker“, eine weitere Frontalattacke aufs zentrale Nervensystem, und „Whole Lotta Love“, dem zweiten traumatischen ZEP-Kracher. Was immer man über diese Lieder sagen mag, kalt lassen sie keinen. Insbesondere, wenn man der Band während ihrer Blütezeit beim Performen über die Schulter blicken darf.

Wer von LED ZEPPELIN spricht, darf die siebziger Jahre nicht übergehen. Das Jahrzehnt, indem alles bunter, drastischer, gesteigert, ja, abgedrehter wurde, spiegelt sich in „The Song Remains The Same“ wider. Der sakrale Ernst, mit dem versucht wurde, den innovativen Moment des Films voranzutreiben, hat etwas Forciertes, zugleich etwas Übertriebenes: Einerseits die pompöse Materialschlacht auf offener Bühne, der bis an die Decke ragende Verstärker-Turm als State-of-the-Art-Monument und dann dieses Orgiastische und Extreme, das der Show beiwohnt. Andererseits die befremdlich wirkenden, entnervenden, geradezu peinlichen Fantasy-Zwischensequenzen und privaten Szenen, welche das Nacherleben des Konzertes vor dem Fernseher beträchtlich stören.

Diese Special Edition, selbstverständlich dargeboten im besten Dolby Digital 5.1 Surround Sound, bietet neben dem Hauptfilm, als Bonus auf einer zusätzlichen DVD einen Wust an Extra-Features: zwei noch nie zuvor veröffentlichte Auftritte, zufällig gefilmte Radio-Auftritte, ein nur schwer verständliches BBC-Interview mit Robert Plant und ein gänzlich überflüssiger News Report, dazu zwei, ebenfalls überflüssige Live-Clips („Misty Mountain Hop“ und „The Ocean“). Knapp zwei Stunden und zwanzig Minuten Stoff für jeden, der sich einen cinematisch verschwurbelten Einblick verschaffen möchte. Diejenigen, welche LED ZEPPELIN als Großmacht genießen möchten, die nacherleben möchten, woher ein Großteil der experimentellen Rockmusik der späteren Jahre seine Ideen und Ansätze zog, sollten auf das parallel zu der 3er-CD „How The West Was Won“ erschienene DVD-Set zurückgreifen.

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18.12.2007

Der metal.de Serviervorschlag

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