Liquid Tension Experiment (LTE) - LTE3

Review

Soundcheck März 2021# 22

Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Mehr als satte 20 Jahre nach ihrem letzten Album „LTE2“ kommen LIQUID TENSION EXPERIMENT nun 2021 mit einem nicht mehr gänzlich erwarteten neuem Album. Die Supergroup um Gründer Mike Portnoy hat „LTE3“ eigentlich nur einem Zufall und auch ein bisschen Corona zu verdanken.

Im späten Juli 2020 konnten sich Mike Portnoy (Drums), John Petrucci (Gitarre), Jordan Rudess (Keyboards) und Tony Levin (Bass) zusammen finden, in eigens gewählte Quarantäne (nach Testung natürlich!) begeben und in zwei Wochen neuen Wahnsinn aufnehmen. Portnoy hatte kurz zuvor auf Petruccis Soloalbum gespielt und so keimte die Idee, LIQUID TENSION EXPERIMENT doch gerade einfach gleich mit zu re-aktivieren.

Der Plan stand schon lange, Touren und ganz allgemein das Leben kommen dann oft dazwischen. Corona hat quasi eine opportune Situation eröffnet, die alle Beteiligten wahrgenommen haben. Und bei den Proben war es so, als ob „LTE2“ erst gestern aufgenommen wurde, die Chemie stimmte.

Zeichen und Wunder – LIQUID TENSION EXPERIMENT

Das ist „LTE3“ vollends anzumerken: Spielfreude, Detailverliebtheit in den Kompositionen, aber auch das improvisierte, spontane Moment ist hier auf das Medium gebannt worden. „Shades of Hope“ etwa ist ein One-Take, was fast unglaublich angesichts der Präzision und Routine, die hier abgeliefert wird, anmutet.

Prog-Epen wie Rausschmeißer „Key To The Imagination“ sind die DREAM THEATER-Einflüsse einerseits deutlich anzumerken, haben aber die typische LIQUID TENSION EXPERIMENT-Schlagseite weg bekommen und strafen so die Lügen der „Kopie!“-Schreier ab. „Hypersonic“ als Opener macht seinem Namen alle Ehre und startet für die Herren mittlerweile doch schon älteren Semesters (Tony Levin macht bald die 75 voll!)  mit einem jugendhaften Vigor und einer Aggressivität, die wohl niemand LIQUID TENSION EXPERIMENT so in ihrem Alter mehr zugetraut hätte.

„LTE3“ klingt vertraut, könnte aber selbst für Fans und Kenner an der ein oder anderen Stelle überraschen

„Beating The Odds“ kontrastiert mit einem wahren Feel-Good-Track, der unverschämt catchy geworden ist, aber keine Fingerfertigkeit dabei vermissen lässt. Die musikalischen Themen und der krumme Takt lassen gleichermaßen RUSH wie auch SATRIANI als Referenzen vor dem geistigen Auge aufkommen. Die prominent platzierte Synthie-Melodie verlässt den Kopf nach dem Hören so schnell nicht mehr, aber LIQUID TENSION EXPERIMENT wären nicht sie selbst, wenn das Stück nicht noch anschließend durch irre Instrumentalabfahrten und ausführliche Solo-Parts den Prog-Stempel aufgedrückt bekommen würde, es aber auch zwischendurch ein wenig ruhiger werden darf.

„Liquid Evolution“ schwingt irgendwo zwischen Fusion und Tribal/World-Music und angejazzter Atmosphäre zu seinem ganz eigenen Rhythmus, offenbart aber wahre Soundtrack-Qualitäten, vor allem durch die musikalische Reduktion und dem Offen lassen für Räume zwischen den Noten. Diese Atempause währt nur kurz, denn „The Passage Of Time“ nimmt sich trotz auch hier wieder äußerst starker Melodien sehr aggressiv und hektisch gegenüber den beiden vorangegangenen Tracks aus.

Als klassische Duette kommen „Chris & Kevin’s Amazing Odyssey“ und „Shades Of Hope“ mit ersterem als Bass vs. Drums und letzterem eher loungig-chilligem Gitarre vs. Piano-Gefecht daher. „LTE3“ folgt vom Aufbau her hier wieder einmal dem ersten Album mit 4 vollständigen Songs, einem Cover, einem Jam-Track, zwei Duetten zwischen zwei Instrumenten.

Vielleicht etwas überladen an einigen Stellen, sollte „LTE3“ als gelungene Überraschung doch alle LIQUID TENSION EXPERIMENT-Fans und auch sonstige Prog-Liebhaber abholen

Diese beiden Stücke sind gewöhnungsbedürftig, das ist hier durchaus experimentell angehaucht und hat was von „Musik für Musiker“, was Prog im Allgemeinen ja schon fast ohnehin ist. Der beinahe dronige bzw. noisige Charakter von „Chris & Kevin’s Amazing Odyssey“ könnte für so manchen LTE-Fan definitiv als Überraschung kommen. Auch „Shades Of Hope“ macht sich durch seinen großen Fokus aufs Piano statt auf die Gitarren ebenfalls für Gitarristen, die hier mehr erwartet haben, vielleicht ein klitzekleinwenig enttäuschend aus.

„Rhapsody in Blue“ bezieht sich auf das gleichnamige, durchaus nicht unkontrovers zu jener Zeit aufgenommene Stück von GEORGE GERSHWIN aus dem Jahre 1924,  welches Jazz mit klassischer Kompositionsweise mischt und hier natürlich komplett durch den LIQUID TENSION EXPERIMENT-Fleischwolf gedreht wurde und eigentlich nur noch durch das einprägsame Hauptthema des Originals erkennbar bleibt.

„Key To The Imagination“ macht seinem Namen als überlanger Jam-Track mit spannendem Aufbau und kurz vor dem Finale aufkommenden spannenden Melodien alle Ehre und gehört vermutlich mit zum besten, was die vier Ausnahmemusiker zusammen bislang geschrieben haben.

„LTE3“ ist auf der einen Seite sehr stringent, aber auch sehr unterschiedlich in der Herangehensweise zwischen den Tracks. Einerseits werden Klassiker zitiert und manchmal ein wenig sich selber, andererseits sind LIQUID TENSION EXPETIMENT auch mit neuen und frischen Ideen unterwegs. Der hohe Anteil an Synthies bzw. Keys hier ist für LTE-Fans nichts neues und für Prog selber auch nicht, könnte manch einem Hörer, der mehr Gitarren lauschen will, vielleicht aber ein wenig sauer aufstoßen. Auch mag ein „Hypersonic“ oder ein „The Passage Of Time“ zeitweise ein wenig überfrachtet sein.

Die Musiker sind natürlich alle atemberaubend, was Petrucci aus seiner Gitarre an Tönen raus bekommt, aber auch die vollkommene Tightness von Levin und Portnoy in der Rhythmusgruppe sind der Wahnsinn. Auch an den Keys macht Rudess eine gute Figur mit tollen Melodien, schnellen Fingern und Geschick für den richtigen Einsatz, auch wenn es wohl Geschmackssache ist, wie oft und wo diese eingesetzt werden.

Auch die Produktion ist das sprichwörtliche Sahnehäubchen, transparent, trotzdem wuchtig und organisch klingend, allen voran der wummernde Bass und das klasse Schlagzeug, aber auch die Gitarre, wo der Hörer fast jedes Vibrato, jedes Bending, jede Nuance im Spiel von Petrucci mitnehmen kann. „LTE3“ ist eine unerwartete Überraschung, aber gerade deshalb und auch wegen der ungezwungenen Spielfreude aller Beteiligten auch ein so schönes Geschenk an alle LIQUID TENSION EXPERIMENT-Fans und auch sonstige Progliebhaber.

09.04.2021

"You can't spell Funeral without Fun!"

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