At The Gates
At The Gates

Interview

Wenn man mal so in unsere Reviewliste schaut, springt einem sehr oft als Stilbezeichnung "Melodic Death Metal" ins Auge. 1995 war dies noch nicht so, als At The Gates als letztes Werk vor ihrer Auflösung den Meilenstein "Slaughter Of The Soul" auf die Menschheit losließen und damit genau diese Szene, die heute immer noch eine Band nach der anderen hervorbringt, entscheidend mitprägten. Dieses Album ist jetzt, mit diversen Bonustracks versehen, neu aufgelegt worden. So hatte ich das Glück, Tomas "Tompa" Lindberg, seines Zeichens Sänger der damaligen Schwedenstahlkocher, ans Telefon zu bekommen und mit ihm ein wenig über vergangene Zeiten, eine mögliche Zukunft und seine jetzigen Projekte zu plaudern. Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit, da sein Interviewplan eng gesteckt war. Das Ergebnis kann sich aber trotzdem sehen lassen, denke ich.

At The GatesWie kam es zu dem Re-Release von „Slaughter Of The Soul“? Wer hatte die Idee dazu?

Die Idee dazu ging von den Fans aus. Vor einem Jahr brachten wir unsere Best Of-Compilation „Suicidal Final Art“ heraus. So kamen diverse Fragen nach noch unveröffentlichten Tracks auf, denn die Leute wussten, dass es noch solche gab. Also suchten wir nach einer Möglichkeit, diese zu veröffentlichen. Dazu mussten wir uns natürlich mit Earache Records (damaliges Label von ATG, Anm. d. Verf.) arrangieren, da diese Songs deren rechtliches Eigentum waren. Von ihrer Seite aus war sowieso schon eine Wiederveröffentlichung geplant, da sie auch schon die alten Sachen neu aufgelegt hatten. So sagten wir uns, dass wir dann auf diese CD einfach die Bonus Tracks, die Liner Notes, etc. mit drauf packen, damit das Label nicht dasselbe Album noch einmal herausbringt.

Warum haben sich At The Gates vor ein paar Jahren eigentlich aufgelöst?

Zu aller erst muss man mal bedenken, wie jung wir damals alle waren. Adrian und ich waren mit 22 die ältesten. Es lastete eine Menge Druck auf uns in Form von Touring, wobei ich persönlich zu dieser Zeit damit recht gut klar kam, denn ich liebte es, die Fans zu treffen und live zu performen. Das sieht jetzt mit Familie im Rücken natürlich anders aus. Aber andere in der Band kamen nicht gut damit zurecht, die ganze Zeit in einem Bus leben zu müssen. Dann gab es noch den Druck seitens des Labels, möglichst schnell ein neues Album rauszubringen. Und natürlich setzten wir uns auch selbst unter Druck, den Nachfolger zu „Slaughter…“ noch besser zu gestalten. Dazu gesellten sich letztendlich noch unterschwellige, musikalische Differenzen. Aber „Slaughter…“ war unser bestes Album. Es hatte alles. Es hatte die Aggression, es hatte die Melodien, es war eine unschlagbare Kombination.

Wenn du jetzt das Rad der Zeit zurückdrehen könntest, was würdest du anders machen, damit es At The Gates heute noch gäbe?

Ich möchte jetzt niemanden enttäuschen, aber ich würde das gar nicht wollen. Ich bin sehr glücklich damit, wie es gerade mit The Great Deceiver läuft. Diese Band bedeutet mir soviel, wie es At The Gates damals getan haben. Es ist auch die erste Gruppe, mit der ich mich nach unserem Split pudelwohl fühle. Wenn At The Gates weitergelebt hätten, wäre jetzt wahrscheinlich alles viel erwachsener und selbstbewusster. Damals waren wir noch Kinder, vor allem ich. Wir könnten jetzt wahrscheinlich zur Plattenfirma sagen: „Stop, wir haben jetzt keinen Bock mehr auf Touren!“ Es wäre jetzt alles viel druckloser. aber damals haben wir das nicht gesehen, weil mir mittendrin steckten und einfach zu jung waren.

Also Klartext: Es gibt keine Chance für eine Reunion?

Wir sind immer noch sehr gute Freunde und haben auch immer noch ähnliche Ideen. Dieser Reuniongedanke ist mit Sicherheit nicht absolut abwegig. Aber im Moment ist jeder mit seinen eigenen Bands beschäftigt. The Haunted, The Great Deceiver, Cradle Of Filth, das sind alles bekannte Bands, die ihren Mitgliedern sehr am Herzen liegen. Also braucht von uns momentan keiner eine Reunion, denn wir sind alle kreativ ausgelastet und glücklich. Ich persönlich möchte natürlich nicht, dass The Great Deceiver kaputt gehen. Desweiteren möchte ich auch nicht, dass The Haunted auseinander brechen, denn sie sind eine meiner Lieblingsbands.

Findest du in der heutigen Musik Einflüsse von At The Gates? Gibt es Bands, die in deinen Augen dieselbe Power und denselben Spirit haben, die ihr früher hattet?

Ja, ich sehe beides, denke ich. Manchmal höre ich ähnliche Gitarren- oder Gesangslinien hier und da. Aber das ist normal. Jede Band „leiht“ sich etwas von ihren Helden. Das haben wir früher auch gemacht. Nimm mal Slayer oder Dark Angel. Von denen haben wir auch viel gestohlen. Ich würde aber nie behaupten, dass wir damals einen neuen Sound kreiert haben. Das sagen zwar viele, aber ich glaube das nicht, da man immer Einflüsse von überall her mitnimmt. Das einzige, was ich an den heutigen Bands vermisse, ist die Entschlossenheit, die wir zu „Slaughter…“-Zeiten an den Tag gelegt haben. Es gibt nur wenige Ausnahmen, z.B. Dimmu Borgir. Die haben zwar einen anderen Sound, als wir ihn hatten, sind aber eine der entschlossensten Bands, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe.

Kommen wir nochmal auf deine Soloarbeit zu sprechen. Du warst vor kurzem bei The Crown aktiv, hast ein starkes Album mit ihnen eingeprügelt, kurz danach aber die Band verlassen. Warum?

Weil ich einfach zu wenig Zeit hatte. Das war eine völlig neutrale Entscheidung ohne Streit zwischen den Jungs und mir. Sie sind schon sehr lange als Band zusammen und fordern somit einen Sänger, der sich 100%ig für The Crown den Arsch aufreißt. Ich aber wollte mir noch genügend Freiraum für The Great Deceiver behalten, weil diese Band ziemlich schnell immer größer und größer geworden ist. Wir sind viel getourt, hatten diverse Verpflichtungen der Presse gegenüber. Somit ist es für mich sehr schwer geworden, mit beiden Bands eine ausreichende Leistung zu bringen.

Das ist verständlich. Aber wie sieht es dann mit Lock Up aus?

Keine Angst, uns gibt es noch. (lacht) Wir sind kein Projekt, wir sind eine richtige Band. Aber wir sind natürlich sehr zeitlimitiert, weil alle Mitglieder noch Verpflichtungen in anderen Bands haben. Ich gehe jetzt z.B. wieder mit The Great Deceiver auf Tour, die Jungs von Napalm Death beenden gerade den Mix ihres neuen Albums und Dimmu Borgir schreiben gerade Material für ihr neues Werk. Wir versuchen aber, so viel wie möglich zu machen und eine coole Zeit zusammen zu verbringen.

Du bist jetzt schon sehr lange im Geschäft aktiv und mit ihm auch gewachsen. Was hat sich in den letzten Jahren denn verändert im Metalbusiness?

Die geschäftliche Seite ist immer das Schlimmste im Business und wird es wohl auch immer sein. Aber im Moment kann ich nicht wirklich klagen, denn The Great Deceiver sind bei Peaceville Records. Das hat insgesamt einen sehr freundschaftlichen Charakter. Was die Szene angeht, muss man sagen, dass sie viele gute Bands hervorbringt. Das ist wie in den späten 80ern, als die Crossoverszene begann zu wachsen. Das passiert gerade wieder. Und das finde ich gut, denn so wird die Szene von innen her wieder stärker. Hardcorebands bauen Metaleinflüsse in ihre Musik mit ein und andersherum.

Wie sieht es mit der Zukunft von Tompa Lindberg aus?

Jetzt stehen erstmal zwei Touren mit The Great Deceiver an. Erst geht es durch Deutschland und am Ende des Jahres stoßen dann hoffentlich Napalm Death zu uns. Zwischendurch gibt es ein paar Headlinershows hier und da. Gleichzeitig befinden wir uns auch schon wieder in der Planung für das nächste Album, das für Frühling nächsten Jahres angedacht ist. Langweile kommt da nicht auf.

Das ist auch gut so. 🙂 Dann bedanke ich mich für das trotz Zeitdruck doch sehr entspannt geführte Interview. Noch ein paar Grußworte an deine deutschen Fans?

Yeah, klar. Ich hoffe, dass ihr Spaß an dem Re-Release von At The Gates habt und es nicht nur als Geldmacherei des Labels anseht. Gleichzeitig würde es mich sehr freuen, euch alle bei den Gigs von The Great Deceiver ab dem 29. September in Deutschland zu sehen. Danke für das Interview und bis zur Tour!

Galerie mit 13 Bildern: At The Gates – Full Force 2019
01.09.2002

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