Gamma Ray
Malen nach Zahlen - Interview mit Kai Hansen

Interview

Gamma Ray

GAMMA RAY sind mit einem starken neuen Album zurück. “Empire Of The Undead” hält neben den typischen Trademarks auch etliche Überraschungen für den Hörer bereit. Das war aufgrund der jüngsten Ereignisse (das Studio der Band brannte aus) nicht unbedingt zu erwarten, aber Bandkopf Kai Hansen und seine drei Mitstreiter lassen sich auch von derartigen Widrigkeiten nicht aufhalten. Grund genug, Kai ans Telefon zu holen und mit ihm über das Album, den neuen Drummer, Kompromisse und zu viel Ernsthaftigkeit im Metal zu plaudern.

Kai, kannst Du schon was zum neuen Album sagen? Oder fehlt Dir dafür noch der Abstand?

Nö, ich brauche eigentlich keinen Abstand. Ich habe dieses Mal sogar tatsächlich eine Meinung zu der Platte (lacht).

Das ist gut…

Ja, manchmal ist es am Ende einer Produktion so, dass man gar nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Ich denke, da Eike (Freese – cb) die Platte gemischt hat und nicht wir selbst, ist es dieses Mal ein wenig anders.

Daraus leite ich ab, dass Du sehr zufrieden mit “Empire Of The Undead” bist.

Ich bin nicht nur zufrieden, ich bin hocherfreut. Ich lehne mich sogar ziemlich weit aus dem Fenster und behaupte, dass “Empire Of The Undead” das beste GAMMA RAY Album ist. Sag es nicht. Ich weiß, das sagen immer alle Musiker zu ihren neuen Platten, aber ich habe mich mit dieser Aussage immer sehr bedeckt gehalten und ich denke, dass dieses Album schon etwas Besonderes ist.

Es ist zumindest ein sehr abwechslungsreiches Album geworden.

Definitiv.

“Avalon” an den Anfang der Platte zu stellen kann man sogar als dicke Überraschung werten.

Da gebe ich Dir Recht und das wird sicherlich auch nicht jeder gut finden. Die sichere Variante wäre natürlich gewesen mit “Hellbent” zu beginnen. Unser Gefühl hat uns aber gesagt, dass wir mit dem Song nicht in das Album starten sollten. “Avalon” fordert den Hörer und man kann den Track auch nicht direkt in eine Schublade stecken, weil man erst einmal hören muss, wohin die Reise eigentlich geht. Das finde ich persönlich auch ganz gut so. Wenn jemand später die Reihenfolge ändern möchte, kann er sich das Album ja mit veränderter Tracklist brennen (lacht).

Wie sehr seid ihr bei “Empire Of The Undead” auf Sicherheit gegangen? Du kennst die Wünsche der Fans mittlerweile ganz genau.

Ehrlich gesagt hatte ich bei dem Album nie das Gefühl, dass wir in irgendeiner Form auf Sicherheit gegangen sind. Du kannst mir auch gerne glauben, wenn ich sage, dass wir uns für niemanden verbiegen. Ich denke, dass GAMMA RAY in der Vergangenheit hin und wieder schon bewiesen haben, dass wir auch Sachen machen die uns am Herzen liegen, bei denen man aber davon ausgehen kann, dass der gemeine Fan das doof findet. Wenn wir von einer Sache überzeugt sind, gehen wir solche Risiken gerne ein, und das trifft auch auf “Empire Of The Undead” zu. Die Platte ist genauso geworden, wie wir uns das vorgestellt haben.

Schön, dass ihr euch noch solche Freiräume schaffen könnt. Verspürst Du beim Songwriting einen besonderen Druck? Immerhin gilt Kai Hansen als ‘Godfather Of Melodic Metal’.

Ja, sicher.  Aber ich habe sehr viele Seiten und kann nicht immer das Gleiche machen. Will ich auch gar nicht, denn ich bin der Meinung, dass man auch über den Tellerrand hinweg gucken muss. Andernfalls wäre es sonst stink öde. Ich mache hier ja nicht Malen nach Zahlen.

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Inwiefern muss Du dabei Kompromisse eingehen? Im Sinne von: das möchte ich gerne mit GAMMA RAY machen und das ist noch im Bereich des Möglichen.

Gute Frage. Ich habe eigentlich nie das Gefühl irgendwelche Kompromisse einzugehen. Gut, Du kennst den Japan-Bonustrack nicht. Da haben wir uns schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Solche Dinge macht man gerne als Bonustrack, weil derartige Stücke nicht repräsentativ für das Album sind. Ich komme aber gar nicht in die Verlegenheit Kompromisse eingehen zu müssen, denn wenn ich hier zuhause was aufnehme, weil ich gerade Spaß an einer bestimmten Idee habe, sehe ich das nicht zwangsläufig als ernsthafte Idee für GAMMA RAY.

Hast Du manchmal das Gefühl, Du müsstest deine Kreativität noch anderweitig als bei GAMMA RAY ausleben? UNISONIC einmal außen vor gelassen.

Nee, eben nicht. Um meine musikalischen Bedürfnisse zu erfüllen habe ich GAMMA RAY. Wenn mir irgendwann einmal der Sinn nach Aktivitäten außerhalb der Band stehen sollte, würde es vermutlich eine Soloplatte von mir geben. Aber – und jetzt lehne ich mich schon  wieder weit aus dem Fenster – die würde wahrscheinlich wie ein GAMMA RAY-Album klingen (lacht). Auf der anderen Seite sind wir bei GAMMA RAY in der glücklichen Lage, auch einmal Sachen machen zu können, die nicht unbedingt Linientreu sind.

Euer neuer Drummer Michael Ehré ist zum ersten Mal auf einem Studioalbum von euch zu hören. Hatte er schon Einfluss auf das Songwriting?

Auf jeden Fall. Ein Song auf dem Album (Kai meint “Pale Rider” – cb) stammt bereits von ihm. Im Prinzip haben wir aber alle Stücke zusammen im Übungsraum ausgearbeitet. Es gab im Vorfeld zudem ein ausgewiesenes Demoverbot in der Form, dass wir keine komplette Vorproduktion haben wollten, bei der die Songs schon bis ins letzte Detail ausgearbeitet sind und man nur schwer Sachen ergänzen könnte. Unsere Parole lautete: Wir gehen nur mit rudimentären Ideen in den Proberaum und jammen solange, bis wir einen geilen Songs hinbekommen. Das haben wir durchgezogen und von daher hat Michael auch einen großen Einfluss, bedingt durch seine Ideen und sein Spiel, ausgeübt.

Das ist eine schöne Old-School-Einstellung, die Songs zusammen im Proberaum entstehen zu lassen. Heutzutage ist es doch eher so, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht und den anderen Bandmitgliedern die fertigen Tracks zukommen lässt.

Ja, genau. Wir wollten aber weg von der Nummer, dass der Hauptsongwriter die Songs schreibt und vorproduziert, der Drummer nur noch zu dem Playback spielt und die Gitarren eventuell noch einmal aufgenommen werden. Das haben wir auch schon gemacht. Da waren die Sachen schon mehr oder weniger fertig als wir ins Studio gegangen sind. Bei dieser Vorgehensweise kommt man nach der Produktion aber manchmal in die Verlegenheit festzustellen, dass die Performance auf dem Demo doch geiler war. Auf so einen Scheiß hatte ich echt keinen Bock dieses Mal. Wir sind eine Rockband, gehen gemeinsam in den Proberaum und erarbeiten die Sachen zusammen.

Bist Du dann eher ein Perfektionist oder lässt Du auch gerne mal Sachen stehen, die vielleicht nicht ganz so sauber gespielt sind, bei denen aber das Feeling stimmt?

Ich habe tatsächlich gelernt, Riffs oder Soli auch einmal stehen zu lassen. Das hat mit der eben erwähnt Performance zu tun. Wenn das Feeling bei einem Take geil war, man den Take aber nicht so sauber gespielt hat, kann man das so nie wieder reproduzieren. Jeder neue Take ist irgendwie anders und kommt an die Ausgangssituation nicht noch einmal heran. Deshalb achte ich auch zuhause immer darauf, dass ich einen brauchbaren Sound habe. Bei “Pale Rider” habe ich beispielsweise im Studio eingesungen, bei den Strophen und Bridges aber den Demogesang, wenn du ihn denn so nennen willst, genommen. Diese Version klang viel räudiger, spontaner und frischer.

Das finde ich gut, weil sich viel zu viele Produktionen heute einfach zu glattgebügelt anhören.

Schlimm, oder? In ganz vielen Fällen ist die Produktion zu arschglatt und zu wenig rumpelig oder viel zu gerade gerückt. Das hat für mich nichts mehr mit Rock ‘n’ Roll zu tun.

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich der Rock ‘n’ Roll viel zu ernst nimmt. Bei GAMMA RAY hat sich speziell im Laufe der letzten Jahre aber immer wieder ein Augenzwinkern in das Songwriting eingeschlichen, wenn man an die Einflüsse der Band denkt. Der Mittelteil von “Hellbent” könnte auch auf JUDAS PRIESTs “Painkiller” stehen und auf “Land Of The Free II” waren auch einige teilweise sehr deutliche Reminiszenzen an die alten Helden zu finden.

Ja, sicher. Das ist bei uns schon immer passiert. Oftmals in vollem Bewusstsein, was uns aber egal war. Manchmal kam es aber auch vor, dass wir das erst gemerkt haben, als uns die Leute darauf angesprochen haben. Man ist in der Musik einfach nicht frei von Einflüssen und wir stehen dazu. Ich liebe Achtziger-Metal, da ist es doch logisch, dass sich das auch in meiner Musik wiederfindet. Ohne qualitativ an seinen Gesang heran zu kommen, kann ich beispielsweise aber sagen, dass ohne einen Herrn DIO die Nummer “Demonseed” nicht so geworden wäre, wie man sie jetzt auf der Platte hört.

Meiner Meinung nach ist es auch überhaupt nicht schlimm, wenn man seine Vorbilder in der Form zitiert, wie ihr das tut. Ein wenig mehr von dieser Art Humor würde der Szene sicherlich gut tun. Metal ist einfach nicht mehr gefährlich und mittlerweile vollkommen in der Gesellschaft etabliert. Da muss er nicht immer bierernst zur Sache gehen.

Finde ich auch. Das war damals schon mit HELLOWEEN unser Motto. Wir sind als eine der ersten Bands aus diesem ‘Böse’-Klischee ausgebrochen. Eigentlich sind wir da wirklich extrem weit ausgebrochen (lacht). Bei GAMMA RAY haben wir auch diese Art von Humor. Allerdings ist es hier nicht so zwanghaft. Bei HELLOWEEN war es hinterher so, dass die Leute uns nur noch darauf reduzieren wollten und nach den lustigen Kürbissen gefragt haben. Wir waren quasi auf eine Rolle festgelegt. Wenn du dann doch einmal ernst bist, ist das für die manche Menschen komisch und sie können damit nichts anfangen. Bei GAMMA RAY hält sich das die Waage, denke ich.

Dazu passt, dass euch trotz Profidasein immer ein dezenter Hauch von Chaos umweht.

Ja, so ist es auch. Wir sind ein Haufen liebenswerter Chaoten (lacht). Wir lieben ja das was wir tun und sind keine Beamten. Wir sind auch deswegen Rock ‘n’ Roller, weil wir mit dem Lebensstil konform gehen, uns keine Krawatte anziehen und nach einem bestimmten Zeitplan leben wollen. Ok, ich muss jetzt gerade Interviews machen und dafür parat stehen. Es gibt halt Sachen, die kannst du nicht vermeiden (lacht). Es geht aber auch um persönliche Freiheiten. Wenn man den Luxus hat, diese Freiheiten haben zu können, dann nehme ich gerne in Kauf, dass man uns nachsagt, wir wären unpünktlich oder chaotisch.

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Liegt “Empire Of The Undead” eigentlich ein textliches Konzept zugrunde?

Sagen wir besser: Kein Korsett. Ein textliches Konzept gibt es insofern, als dass das Thema ‘Geschichten aus der Gruft’ als lockerer Faden auf dem Album zu finden ist. Es haben aber nicht alle Stücke mit dem Thema zu tun. “Master Of Confusion” zum Beispiel liegt thematisch wo ganz anders. Der Titeltrack und “Demonseed” gehören hingegen wieder dieser Thematik an. Im weitesten Sinne zähle ich auch “Avalon” dazu. Hier geht es um den guten alten König Artus, der auf seiner Insel Avalon vor sich hingammelt und stöhnt: ‘Mir ist langweilig. Die Welt ist kacke. Ich muss mal wieder auferstehen, die Ritter der Tafelrunde aktivieren und die Welt retten’ (lacht). Es gibt also kein wirkliches Konzept auf dem Album, sondern eher einen lockeren Zusammenhalt ohne in irgendeiner Form Zwanghaft zu sein.

Ist das Thema Verschwörungstheorien, das ihr auf vielen eurer Alben verarbeitet habt, damit ad acta gelegt?

Nö, gar nicht. Wenn es sich ergibt, machen wir was zu dem Thema. “Seven” handelt beispielsweise von Leuten, die in ihren dunklen Kämmerchen hocken, dort konspirieren und irgendwelchen Dämonen huldigen, um Verderben über die Welt zu bringen. Internetprovider und solche Menschen eben.

Wie stehst du denn zum Internet?

Oh, ich liebe das Internet. Aber ich hasse es natürlich (lacht). Menschlich gesehen wären wir ohne Internet auch nicht ärmer dran. Es würde uns nicht fehlen, wenn es nicht da wäre und letztlich ging es auch schon einmal ohne. Nur, man kann das Rad nicht zurückdrehen und ich sitze hier auch gerade vor der Glotze. Auf der anderen Seite ist es natürlich total praktisch. Wenn ich zuhause Vocals aufnehme und Eike gerade im Studio mischt, kann ich ihm die Files schnell per Mail zukommen lassen. Es bedeutet aber auch, dass man viel von zwischenmenschlicher Kommunikation einbüßt und witziger Weise ist das Leben durch das Internet nicht gerade ruhiger und weniger hektisch geworden. Eigentlich hat das Internet genau das Gegenteil bewirkt.

Lass uns noch kurz über die “Skeletons & Majesties”-Tour reden. Die war ursprünglich etwas anders konzipiert, als ihr sie hinterher durchgezogen habt.

Ja, das Konzept in jeder Stadt zwei Tage (einmal akustisch, einmal mit Strom – cb) ließ sich logistisch im Endeffekt doch nicht so umsetzen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Zudem sind wir nicht gerade eine Akustikband (lacht). Da sollte man auch ehrlich zu sich selbst sein. Wir können sowas mal machen und tun das auch gerne, aber einen ganzen Abend damit zu füllen, war doch etwas too much. Der Kompromiss bestand darin, dass wir das Ganze auf einen kleinen Akustikteil im Set reduziert haben und meiner Meinung nach, war das auch besser so. Vom Prinzip her ist die Idee aber sehr nett. Du bist länger in der Stadt, spielst vielleicht in verschiedenen Läden und kannst unterschiedliche Setlisten präsentieren. Aber seien wir einmal ehrlich: Akustik und Metal? Das passt doch nur begrenzt zusammen.

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Galerie mit 18 Bildern: Gamma Ray - Rockharz Open Air 2016
11.04.2014

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