My Dying Bride
"Es war mir völlig gleichgültig, was mit der Band passierte."

Interview

Die Krebserkrankung von Aaron Stainhorpes kleiner Tochter, der kommentarlose erneute Ausstieg von Gründungsmitglied Calvin Robertshaw – es liegen turbulente fünf Jahre hinter den Death-Doom-Urgesteinen MY DYING BRIDE. Dennoch haben sie sich, nachdem es Aarons Tochter glücklicherweise wieder besser geht, mit zwei Neuzugängen wieder zusammengerauft und wollen nun mit dem neuen Album „The Ghost Of Orion“ und neuem Label mindestens zu alter Stärke zurück finden. Im Interview erzählt Aaron, wie das Album letztlich entstanden ist, wie schwierig die letzten Jahre tatsächlich waren und wie die Zukunft der Band aussehen könnte.

Hallo Aaron! Mein Kollege Eckart schrieb im Review zur letzten Platte „Feel The Misery“, dass die Songs nicht immer gut zusammen passen, der Fluss des Album manchmal ins Stocken kommt und man vielleicht lieber einige Songs einzeln anwählen sollte, obwohl er das Material für sich genommen durchaus sehr gut fand. Das finde ich spannend, da mir mit als erstes auf „The Ghost Of Orion“ genau das Gegenteil aufgefallen ist. Trotz der durchaus vorhandenen Abwechslung, bilden die Songs eine unheimlich dichte Einheit, das Album schreit geradezu danach, am Stück gehört zu werden. Dafür gibt es vielleicht nicht unbedingt DEN herausstechenden Hit. Wie siehst Du „Feel The Misery“ mit einigen Jahren Abstand? Habt Ihr dieses Mal besonderen Wert auf das Album als zusammenhängendes Gesamtwerk gelegt?

Ich bin sehr stolz auf „Feel The Misery“. Jede Platte ist so gut, wie Du sie zu dieser Zeit in Deinem Leben machen kannst und Du hoffst, dass die Rezensionen wohlwollend ausfallen. Für dieses Album haben wir die besten Reviews bekommen, die wir jemals in unserer Karriere hatten. Das erste Mal überhaupt, denke ich, haben wir in den Magazinen einige „10 von 10“ bekommen, viele „9 von 10“ und ich glaube die schlechteste Bewertung war eine „8 von 10“. Nach dieser Art von Rezensionen denkst Du: „Das ist großartig, MY DYING BRIDE haben immer noch eine gewisse Relevanz nach all diesen Jahren.“ Wir haben offenbar immer noch etwas, das die Leute mögen, was echt schön ist. Tatsächlich habe ich die Scheibe seit einer Weile nicht mehr gehört, nur ein paar Songs, da wir angefangen haben für Live Shows zu proben, aber es ist ein cooles Album. Es ist jetzt fünf Jahre alt, was eine ziemlich lange Zeit ist, aber das ist einfach was wir dieses Mal brauchten.

Für „The Ghost Of Orion“ wurde jeder Song komplett unabhängig von allen anderen geschrieben. Viele Leute fragen mich, ob es ein Konzept auf diesem Album gibt – eigentlich fragen sie mich das bei jedem Album (lacht). Ich denke, eines Tages werde ich ein Konzeptalbum mit einem Thema, das sich durch das ganze Ding zieht, schreiben. Aber diese Kompositionen sind komplett für sich selbst geschrieben und sogar unterschiedlich aufgenommen worden. Die Aufnahmen zu diesem Album brauchten ein ganzes Jahr, aufgrund verschiedener Probleme und außerdem hatten wir keine Deadline vom Plattenlabel, was bedeutet, wir konnten uns so viel Zeit nehmen, wie wir wollten, was echt toll war. Also nahmen wir uns diese Zeit auch.

Natürlich bekommst Du immer verschiedene Meinungen über Deine Platten. Einige Menschen sehen sie als individuelle Tracks, während andere Menschen sagen: „Für mich klingt das wie ein gigantischer Song, es ist perfekt so und man sollte wirklich das ganze Ding von Anfang bis Ende hören, statt an verschiedenen Stellen ein- und auszusteigen.“ Für mich ist das schwer zu sagen. Ich sehe das anders, da ich geholfen habe es zu kreieren, also sehe ich es nicht wie andere Leute. METALLICA werden ihre Alben nicht so sehen wie wir sie sehen und SLAYER werden ihre Alben nicht so sehen wie wir sie sehen. Wir lieben sie für das, was sie sind, sie lieben sie wahrscheinlich aufgrund der Art, wie sie sie erschaffen haben. So ist das bei uns auch. Es liegt also bei den Fans zu entscheiden, ob es ein großes Ganzes oder eine Kollektion einzelner Dinge ist. Aber es gibt definitiv kein Konzept. Das einzige, das die Songs verbindet, ist vermutlich die Melancholie, die durch das ganze Album fließt. Aber das ist ja sowieso typisch MY DYING BRIDE.

Aaron Stainthorpe auf dem Summer Breeze 2016

Aaron Stainthorpe auf dem Summer Breeze 2016

Vor kurzem musstest Du privat durch eine schwere Zeit gehen, da Deine Tochter schwer erkrankte. Gott sei Dank geht es ihr mittlerweile wieder besser. In Deinem Statement zu Eurer „Auszeit“ aus dem September 2018 schriebst Du, dass Deine Bandkollegen bereits ohne Dich begonnen haben, am neuen Album zu arbeiten, Du aber bald hinzustoßen und Deinen Teil beitragen wirst. Die Ideen der Songs stammen, wie Du schon vorab verraten hast, alle von Andrew Craighan (Gitarre). Hast Du im späteren Verlauf der Entstehung noch Einfluss auf die Musik nehmen können, bzw. hattest Du überhaupt Interesse daran?

Nein, ich war überhaupt nicht daran interessiert. Ich weiß, das klingt komisch, aber mein Fokus lag komplett auf meiner Tochter und das ging so weit, dass mich nicht einmal interessierte, ob ich mich MY DYING BRIDE überhaupt wieder anschließen würde. Das kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Nichts bedeutete noch irgend etwas, außer dieser einen Sache. Es war mir völlig gleichgültig, was mit der Band passierte. Erst, als es meiner Tochter langsam besser und besser ging, realisierte ich: „Ok, was habe ich getan, bevor es ihr schlecht ging? Richtig, ich war in einer Band. Ich muss also wieder Kontakt mit dieser Band aufnehmen, herausfinden was gerade passiert und wieder mit den Leuten in Kontakt kommen, die mich über eine so lange Zeit unterstützt haben.“ Aber das dauerte eine lange Zeit, denn obwohl ich mir einiges von dem Material anhörte, interessierte es mich nicht so sehr. Ich wusste, es ist gut, da es einfach toll klang, aber ich fühlte keine wirkliche Verbindung dazu und wusste, dass ich an irgend einem Punkt Texte schreiben und dazu singen muss. Vermutlich erneut weil es keine Deadline von Nuclear Blast gab, dachte ich mir: „Ich bin jetzt noch nicht bereit, ich versuche es nächste Woche.“ Und als die nächste Woche da war, dachte ich: „Ok, ich bin immer noch nicht bereit, ich versuche es nächste Woche.“ Also hat es wirklich lang gedauert.

Dann begannen irgendwann die Aufnahmen. Der Großteil des Albums war komplett aufgenommen und ich hatte noch nicht ein einziges Wort geschrieben. Also realisierte ich: „Ok, ich muss JETZT etwas tun, auch wenn es keine Deadline gibt. Wir steuern ganz klar auf das Ende zu und ich muss mich einbringen.“ Da es meiner Tochter aber besser und besser ging, fühlte ich auch das Verlangen, mich mehr einzubringen. Ich sprach mit dem Toningenieur Mark (Mynett, Anmerk. des Verf.), ich sprach mit Andrew und wir diskutierten worüber wir nachdachten und was wir vor uns hatten. Irgendwann schrieb ich endlich ein paar Texte, nahm zu Hause ein paar Demos auf und ging ins Studio. Es brauchte ein Jahr den Gesang fertigzustellen, ein ganzes Jahr.

Weißt Du, wenn Du vom Fahrrad fällst, steigst Du wieder auf und es ist leicht. Ich konnte mich aber einfach nicht mehr auf den Gesang einlassen. Es war so schwierig, als ob ich komplett vergessen hatte, was ich tun muss. Ich brauchte die Hilfe von Andrew und Mark. Wir haben zum ersten Mal mit Mark zusammen gearbeitet. Er wollte einige interessante neue Ideen bezüglich des Gesangs ausprobieren. Double-tracking, Triple-tracking, Quadruple-tracking, so dass der Gesang wie ein Chor klingt und andere wunderbare Ideen. Für mich fühlte sich das aber alles seltsam an und ich war mir nicht sicher ob ich noch ein Teil von MY DYING BRIDE sein sollte. Meine Gedanken waren komplett zerstreut, ich konnte einfach keine Verbindung finden. Ich arbeitete mich also durch und war nicht glücklich mit einigen der Songs, aber ich machte einfach weiter und dachte: „Schauen wir mal, wohin das führt.“ Schließlich fing ich endlich an ein Gefühl dafür zu entwickeln, ich begann es zu genießen. Am letzten Tag der Aufnahmen war ich einfach überglücklich, dass es vorbei war. Es war so eine schwierige Zeit für mich, es war so hart die Vocals aufzunehmen und das war vorher noch nie der Fall. Normalerweise kann ich ins Studio gehen und bin innerhalb von zehn Tagen fertig, aber ein Jahr für den Gesang zu benötigen zeigt, wie schwer es war, wie viele Fehler ich gemacht habe und wie sehr ich die Hilfe anderer Menschen brauchte. Wenn Andrew und Mark nicht da gewesen wären, würde das Album nicht so klingen und ich wäre vermutlich nicht einmal darauf zu hören. Ihre Hilfe war wirklich außerordentlich gewollt, gebraucht und geschätzt.

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Quelle: Interview mit Aaron Stainthorpe / My Dying Bride
26.02.2020

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7 Kommentare zu My Dying Bride - "Es war mir völlig gleichgültig, was mit der Band passierte."

  1. Watutinki sagt:

    Also ich will zu dem Interview gar nicht so viel sagen, kenne das Album auch noch nicht und es wäre viel zu schade, es mit ausufernden Diskussionen zu entweihen, aber „Horizontal Entwicklung“ ist ab sofort meine Lieblingsdefinition für von Grund auf ehrliche, anspruchvolle Musik, die seinen Wurzeln treu bleibt und alleine aus der Leidenschaft heraus entsteht, Kunst zu erschaffen. 🙂

    Ob MDB nun bei NB sind oder nicht, ob die Musik massenkonformer klingt oder nicht, ich schätze die Band sehr und wer so lange dabei ist und die Fans der ersten Stunde erfreut hat, soll letztlich halt auch tun was sie will. Wenn Peaceville MDB nicht nach Tokio bringen kann, ich würde da auch hin wollen, dann sind das eben die Gesetze des Marktes.

    1. nili68 sagt:

      Hat er es geschafft, dich einzulullen? Ha!

      1. ClutchNixon sagt:

        Entweder er/sie ist zutiefst sardonisch, oder aber ich verstehe gar nichts mehr. All die schönen NB Diskussionen umfuckingsonst!? Lol

      2. ClutchNixon sagt:

        Eine Dame, die MdB Aaron verfallen ist? Faszinierend!

      3. ClutchNixon sagt:

        Cosplay, japanophil, BM Hardliner versus jedwede Vernunft. Ein Bild zieht vor meinem inneren Auge auf 😂

    2. Watutinki sagt:

      Wäre jetzt auch nicht gerade sinnvoll die Entwicklung einer Band zu beurteilen, wenn man das Album noch nicht kennt. Dass ich Alben zudem nicht automatisch kritisiere, nur weil sie auf bestimmten Labels erscheinen, hatte ich bereits zurvor ewähnt. Ebenso dass ich MDB so oder so sehr schätze, unabhängig von der Label Zugehörigkeit.

      1. nili68 sagt:

        Allein die Tatsache, dass etwas auf Label XY ist, sagt natürlich nichts aus, aber es gibt halt schon Tendenzen. Zwischen den zwei Liedern auf Youtube und älteren MDB-Sachen höre ich durchaus einen Unterschied, der mir nicht gefällt. Klingt technisch eigentlich wie immer, nur der Seele beraubt, was für mich Böses ahnen läßt.
        Kann ja jeder (inklusive Band) machen wie er will, aber man kann das dann eben, wie du schon mal gesagt hast, auch kommentieren. Das ist ja jetzt kein Rant gegen NB, sondern es geht um das neue Album von MDB, eigentlich auch eine meiner Lieblingsbands..