
Wacken Open Air 2026
- Geburtstag mit 90.000 Gästen
Konzertbericht
FREITAG
Wer am frühen Freitagnachmittag am Einlass ins Infield steht, der kommt relativ schnell auf den Trichter, welches Stündlein geschlagen hat. Trotz immer noch kräftiger Hitze haben sich einige Zuschauer:innen in einen Tatortreinigeranzug geschält oder Klobürsten umgeschnallt. Einer hat Letztere sogar mit etwas viskos Braunem garniert. Die Geschmacksprobe seines Vordermannes enthüllt: Nutella. Ein Sammelsurium solcher Kuriositäten kann nur bedeuten, dass die Show der Tschechen von GUTALAX ansteht.
Irgendwie ist es spannend, dass es ausgerechnet dieser Truppe gelungen ist, Polkabeats und Goregrind derart salonfähig zu machen, dass selbst der biedere Bankberater pinkfarbenes Klopapier in Richtung Bühne feuert. Musikalisch ist die Stunde Spielzeit der Osteuropäer mehr als ambitioniert. Auch wenn man versucht ist, die Einflüsse etwas zu erweitern, so hat man nach ein paar Songs der Marke „Assmeralda“ oder „Poopcorn“ ausreichend in den eigenen Bierbecher gekichert. Der Witz ist vorbei und ist dieser ersteinmal heruntergeschält, bleibt nicht mehr allzu viel.
Das sieht bei den Nachfolgern von VREID ganz anders aus. Zwar wirkt die Folgeband der legendären WINDIR zunächst noch ein wenig knöchern und auch der Sound will bei „A Second Death“ noch nicht so hundertprozentig, doch danach gelingt es den Norwegern, diesen eher abweisenden Charme ihres Selbst ausreichend aufzubereiten. „Pitch Black“ und das neue Stück „The Skies Turn Black“ treffen ins Schwarze. Als der Vierer dann aber den ehemaligen Jackass-Star Chris Pontius auf die Bühne holt, beginnt die Stimmung ein wenig zu kippen. Schickt sich dieser anfangs an, nur etwas Bass zu spielen, springt er aber kurze Zeit später in Unterhose über die Fläche und macht die eigentlich eher düster auftretende Band zur Lachnummer.
Achtsamkeit wird groß geschrieben
Derweil gibt es auf der Louder-Stage eine Aktion der schöneren Sorte zu begutachten, denn gemeinsam mit der Wacken Foundation und dem Metality e.V. haben beeinträchtigte Menschen bei der Berliner Post-Hardcore-Truppe FUTURE PALACE die Gelegenheit, unter gesicherten Bedingungen crowdsurfen zu können. Das passt gut zum Grundtenor der Band, die ohnehin verstärkt auf Awareness aufmerksam macht und innerhalb der Lyrics psychische Probleme und Depressionen behandelt. Für die begeisterten Metalheads ist das jedenfalls ein tolles Erlebnis und auch anwesende Begleiter oder Unterstützer sind hier mit großem Engagement dabei.

Future Palace – Wacken Open Air 2026
An dieser Stelle kann man erweitert festhalten, dass der Umgang mit beeinträchtigten Menschen auf dem Wacken Open Air 2026 ohnehin außerordentlich vorbildlich ist. Wege werden freigemacht, den vielen Menschen mit Rollatoren oder Rollstühlen geholfen und auch seitens der Bands häufig auf Achtsamkeit aufmerksam gemacht.
Bei der Pressekonferenz zum Thema „Wacken hilft“ stehen am späten Nachmittag zwei wichtige Themen im Mittelpunkt: die Nachwuchsförderung der Wacken Foundation und der Einsatz gegen Blutkrebs.
Zunächst erläutern Andreas Faust und Enno Heymann von der Wacken Foundation, wie sich Bands für eine Förderung bewerben können. Sie stellen die verschiedenen Fördermöglichkeiten vor, sprechen über den Bewerbungsprozess und geben Einblicke in die Gestaltung des Musik-Camps.
Im zweiten Teil der Pressekonferenz rückt ein deutlich ernsteres Thema in den Fokus. Die DKMS erzählt ihre Geschichte und berichtet sowohl von bewegenden Erfolgen als auch von traurigen Schicksalen. Ein Knochenmarkspender schildert als Gastredner seine persönlichen Erfahrungen und sorgt dabei für echte Gänsehautmomente. Spätestens dann wird deutlich, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Stammzellspende auseinanderzusetzen.
„Wacken hilft“ ist eine sehr interessante Pressekonferenz, die mit einem gemeinsamen Stück Torte endet. Schließlich treffen hier gleich zwei Geburtstagskinder aufeinander: Das Wacken Open Air feiert sein 35-jähriges Bestehen und die DKMS ihr 30-jähriges Jubiläum. Da hat sich jeder ein Stück Kuchen verdient.
Der Freitag auf dem Wacken Open Air steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des traditionellen Heavy Metal – und verwandelt den Holy Ground am Abend in ein Mekka für alle Fans der 80er-Jahre-Fraktion. Ein dreistufiges Highlight aus SAXON, JUDAS PRIEST und RUNNING WILD liefert genau das, wofür man nach Wacken reist: pure Nostalgie, Inbrunst und metallische Ekstase.
Heavy-Metal-Gala der Extraklasse
Den Auftakt dieses legendären Abends machen SAXON, die einmal mehr beweisen, dass auf sie live bedingungslos Verlass ist. Biff Byford und seine Mannen brennen ein gewohnt starkes Riff-Feuerwerk ab und bringen die Menge mit zeitlosen Klassikern wie „Princess Of The Night“ sofort auf Betriebstemperatur.
Später übernehmen die „Metal Gods“ von JUDAS PRIEST das Zepter – und liefern eines der absoluten Festival-Highlights ab. Die Setlist lässt keinerlei Wünsche offen: Von „Turbo Lover“ über den Brecher „Painkiller“ hin zu „The Ripper“ ballern Rob Halford und Co. eine Hymne nach der anderen ins Infield. Und ja, die Tradition lebt: Zu „Hell Bent For Leather“ rollt der „Metal God“ höchstpersönlich wie eh und je auf der „roaring“ Harley-Davidson auf die Bühne.
Den Schlusspunkt setzen RUNNING WILD auf einer ihrer gefühlt vielen „letzten Shows“. Für unzählige Wacken-Besucher:innen war der Auftritt von Rolf Kasparek und seiner Crew der ausschlaggebende Grund für den Ticketkauf – und enttäuscht keine Sekunde. Die Stimmung im Publikum ist schlichtweg wahnsinnig: Bei Piraten-Hymnen wie „Conquistadors“, „Riding The Storm“ und „Under Jolly Roger“ verwandelt sich das Infield in ein einziges grölendes Meer aus Fäusten und Bierbechern.
Bierdosen-Boote und pure Gemeinschaft
Was den Freitag aber erst perfekt macht, ist die einzigartige Atmosphäre auf dem Areal. Nach einem anstrengenden und vor allem trocken-heißen Festivaltag schweißt der Sound die Metalgemeinde noch enger zusammen: Bei „Painkiller“ liegt man sich in den Pits in den Armen und schreit sich voller Inbrunst gegenseitig die Refrains entgegen.
Und wenn dann zu später Stunde eine Truppe Kreativer mit einem überdimensionalen, selbst gebauten Boot aus unzähligen Bierdosen über das Gelände navigiert, weißt du einfach ganz genau: Wacken, es ist wieder einmal fantastisch.
Auch Black-Metal-Fans kommen nicht zu kurz
Für Fans der großen Black-Metal-Klassiker schließt sich am Freitagabend der Kreis. Zunächst gibt es mit dem Tribute-Kollektiv BLOOD FIRE DEATH früheste Noten der melodischen Black- und Viking-Bewegung auf die Ohren. Man gräbt so gesehen bis zu den Wurzeln, bevor im Anschluss EMPEROR dabei zu beobachten sind, wie sie den Spatenstich für viele progressive Schwarzwurzeln der heutigen Tage setzen.
Eine Verknüpfung liefert Ihsahn am Mikrofon, der mit „A Fine Day To Die“ den ersten Song von BLOOD FIRE DEATH begleitet, auch wenn man ihn nicht allzu gut hören mag. Das wird in der Folge besser, als sich mehrere Szeneikonen, darunter Erik Danielsson (WATAIN), die Klinke in die Hand geben, und die Show entwickelt sich zu einem Monument der Vergangenheit, da es BATHORY nie geschafft haben, ihren Output auf die großen Bühnen zu bringen.
Noch etwas tiefer gehen dann EMPEROR, die ihren Fokus ebenfalls auf das Klassiker-Vermächtnis des eigenen Backkataloges legen. Gemeinsam mit Mortiis und Faust, der auch schon zuvor bei BLOOD FIRE DEATH getrommelt hatte, legen die Norweger bereits mit Songs der frühesten Phase vor, doch als sie am Schluss die vier Songs der legendären „Emperor“-EP mit „I Am The Black Wizards“ einläuten, kennt die Begeisterung kein Halten mehr.

Emperor – Wacken Open Air 2026
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