Hällas - Excerpts From A Future Past

Review

Galerie mit 18 Bildern: Hällas – For The Dead Travel Fast Tour 2019 in Berlin

Gelegentlich schwappt ein Album auf den Plattenteller, in das man sich sofort verliebt. So völlig ohne Ankündigung, ohne große Werbetrommel, ein Release einer bis dahin unbekannten Band, drängt es bis in die Tiefe des Unterbewusstseins vor. So weit, dass man es kaum noch aus dem Kopf bekommt– einfach, weil es genau die richtige Saite anspricht. Genau solch ein Album ist „Excerpts From A Future Past“ von HÄLLAS in meinem konkreten Fall, und es hat das Potential, dies auch bei vielen anderen Musikfans zu werden. Daher bereits im Vorfeld eine Bitte um Nachsicht (auch an die liebe Chefredaktion): Gelegentlich könnten es einige Übersteigerungen in den Text geschafft haben – auch unter Aufbringung aller Willenskraft waren diese Superlative in der Review nicht mehr zu versachlichen.

„Adventure Rock“ – mit HÄLLAS geht’s zurück in die Vergangenheit

Zur Einstimmung gibt es an dieser ungewohnten Stelle des Textes schon mal den ersten Ohrwurm vorneweg, sozusagen als kleine Einstimmung die Vorab-Single des Albums – „Starrider“. Ein Song, der auch nach dem drölfzigsten Mal Anhören nicht an Kraft verliert und der jeden Radio-DJ im Jahre 1975 wahrscheinlich in den Wahnsinn getrieben hätte.

Schön. Aber zum Thema: HÄLLAS sind fünf Herren aus dem schwedischen Jönköping, die ihren Stil als „Adventure Rock“ bezeichnen  – eine Umschreibung, die treffender nicht sein könnte, klingt „Excerpts From A Future Past“ doch wie ein Abenteuer in zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil es weit (und ich meine: weeeeit) zurück geht in die Ära des Proto-Metal, als der Hardrock noch große Geschichten erzählt hat, von Fantasiewelten, Heldentaten und bösen Zauberern. Zum anderen aber auch, weil HÄLLAS entführen in eben eine solche ferne Welt, wo sich das Gute mit dem Bösen misst, goldene Städte die Ebenen überragen und finstere Türme ihr Unheil verkünden. Folgendes Szenario zur Entstehung von „Excerpts From A Future Past“ ist zwar rein fiktiv, könnte sich aber so ähnlich zugetragen haben: Fünf spätpubertierende Jungs krabbeln nach einem denkwürdigen Wochenende voller Dungeons & Dragons, Cola und Tiefkühlpizza, berauscht von den Klängen von DEEP PURPLE, URIAH HEEP und RAINBOW, die sie aus Papas Plattenkiste gezogen haben, aus ihrem Keller und beschließen: „Sowas müssen wir auch machen! Nur noch epischer! Mit Rittern. Und Weltall. Und Magie. Und ein bisschen Horror. Alles zusammen! Auf geht’s!“ Gesagt, getan: „Excerpts From A Future Past“ ist geboren.

„Excerpts From A Future Past“ verzaubert mit epischem Rock

Nun soll diese kleine Geschichte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Album ein wahres Schmuckstück des progressiven Fantasy-Rock ist, und die Leistung von HÄLLAS kleinreden, ganz im Gegenteil: Die feinfühlige, unschuldige, ja fast naive Art, mit der HÄLLAS sich dem epischen Rock der 1970er-Jahre nähern, ist absolut verzaubernd. Heraus kommt ein Konzeptalbum (natürlich!), das eine Geschichte erzählt: Von einem Seher im Mittelalter eines Paralleluniversums (zauberhaft!), untermalt von Orgeln und Synthesizern, getragen von urtümlichen Zwillingsgitarren (stark!) und einem dynamischen Bass- und Schlagzeugsound. Vielleicht hätten IRON MAIDEN sich ähnlich angehört, hätte die Band ihre Karriere zehn Jahre früher begonnen. Über diesen Sound zieht dann die einmalige Stimme von Tommy Alexandersson ihre Kreise: Nicht unbedingt das, was man eine glatte, massentaugliche Gesangsleistung nennen würde, aber absolut markant und stimmig eingesetzt. Dass die warme Produktion soweit simplifiziert wurde, dass man jedem Instrument den nötigen Raum zur Entfaltung gegeben hat, ist beinahe selbstredend.

„Mit Rittern. Und Weltall. Und Magie. Und ein bisschen Horror.“ – HÄLLAS (2017)

43 Minuten dauert die Reise auf „Excerpts From A Future Past“, die so schnell vorbei geht, dass man ohne Umschweife wieder von vorne beginnen möchte, 43 Minuten voller spannender Melodien und abwechslungsreicher Kompositionen. Und auch wenn das Vorgetragene nicht zum Innovativsten gehört und es damit musikalisch nicht ganz an die unzählig genannten, großen Vorbilder heranreicht: Das Herzblut und die Wärme, die „Excerpts From A Future Past“ ausstrahlt, sind eine Klasse für sich. Spannend wird die weitere Entwicklung der Band allemal, ist der Schritt vom selbstbetitelten Debüt 2015 zu dem aktuellen Werk doch enorm. Und auch innerhalb der Metal-Szene könnte sich der Status eines Untergrund-Geheimtipps schnell erledigt haben – steht doch die Lobpreisung des geschmackssicheren Fenriz (DARKTHRONE) bereits in den Annalen der Band verewigt.

Also: BLUE ÖYSTER CULT oder YES mögt ihr ganz gern? Auch „modernere“ Genrevertreter wie HORISONT oder GRAVEYARD machen euch keine Angst? Zeitlos guter Rock ist euer Ding? Dann ist „Excerpts From A Future Past“ von HÄLLAS unbedingt eine Chance zu geben – denn wer lässt sich schon die Chance auf eine kleine musikalische Romanze entgehen, die sich in eine große Liebe auswachsen kann?

Merken

23.10.2017

Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!

Interessante Alben finden

Auf der Suche nach neuer Mucke? Durchsuche unser Review-Archiv mit aktuell 31667 Reviews und lass Dich inspirieren!

Nach Wertung filtern ▼︎
Punkten
Nach Genres filtern ►︎
  • Black Metal
  • Death Metal
  • Doom Metal
  • Gothic / Darkwave
  • Gothic Metal / Mittelalter
  • Hardcore / Grindcore
  • Heavy Metal
  • Industrial / Electronic
  • Modern Metal
  • Pagan / Viking Metal
  • Post-Rock/Metal
  • Progressive Rock/Metal
  • Punk
  • Rock
  • Sonstige
  • Thrash Metal

2 Kommentare zu Hällas - Excerpts From A Future Past

  1. Winterpercht sagt:

    Da darf es gern auch noch ein Pünktchen mehr sein. Selten, nahezu nie, findet man ein Album, was nicht nur musikalisch retro ist, sondern auch in Sachen Sound richtig stark in Richtung 70er schielt, man bedenke nur die Gitarrenarbeit in Verbindung mit Hammond-Orgel. Da kann man gleich beim Opener sehr schnell an Uriah Heep denken. Was aber Hällas weiter aus dem üblichen Retro-Sumpf bewegt, sind die späteren sehr sphärischen Keyboard-Läufe. Hällas schaffen es so dermaßen gut die 70er-Prog-Atmosphäre von Yes beispielsweise einzufangen, dass einem schwindelig wird und das liegt tatsächlich vor allem an der hervorragend gelungenen Synthesizer-Instrumentierung. Passend dazu ein eher unaufdringlicher, aber sehr eigenständiger Gesang, der eben nur dazu dient die Geschichte, die die Instrumente erzählen auch in Worte zu fassen. Das einzige, was in meinen Ohren noch fehlt, ist ein schön langer epischer Longtrack am Ende der Platte, allein um schon der guten, alten Zeiten willen.

    Ja, innovativ ist das nicht, und natürlich gab und gibt es die alten Helden, es gibt aber selten eine Band, die es schafft den Klassikern noch einen sehr späten, weiteren Klassiker hinterherzuschicken. Und ja, diese Band wird sicherlich noch sehr groß und wichtig werden, zumindest würde ich es ihnen wünschen.

    9/10
  2. DieBlindeGardine sagt:

    Für mich eine der größten Überraschungen im letzten Jahr, besonders weil ich so extremes Retrozeug eigentlich nicht mag. Aber das hier ist einfach ein wunderbares und in der Tat zeitloses Album: entspannt, fantasievoll, magisch. Da kann man sich einfach mal für die Dauer des Album entführen lassen.

    9/10