Napalm Death - Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism

Review

Soundcheck September 2020# 2 Galerie mit 12 Bildern: Napalm Death - Summer Breeze Open Air 2019

Mensch, was hat „Apex Predator – Easy Meat“ die Massen rasiert. NAPALM DEATH hatten wieder einen biestigen Hassbatzen ins Rund gefeuert, als gäbe es kein Morgen mehr. Dann war es fünf Jahre still – und nun kommt der Nachfolger „Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism“ heran gepoltert – Album Nr. 16! Auffällig ist zuvorderst, dass Mitch Harris nur noch Credit für die Gitarren als Gastmusiker erhalten hat, neben John Cooke. Harris hat sich nach Aussage von Mark „Barney“ Greenway aus familären Gründen ein bisschen zurückgezogen. NAPALM DEATH selbst scheinen im Kern somit auf Greenway, Shane Embury und Danny Herrera reduziert worden zu sein.

NAPALM DEATH zu dritt – Mitch Harris diesmal nur mit Gastauftritt

Was bedeutet das für das Album selbst? Die Gitarren fetzen jedenfalls weiterhin fett, aggressiv und gerne auch dissonant. Seine Handschrift hat Harris also hinterlassen, die Platte klingt voll und ganz nach NAPALM DEATH. Dennoch hat es – sicher auch kraft seiner Abwesenheit als Mitschreiber – eine Änderung im Sound gegeben. „Throes Of Joy“ schlägt längst nicht so wild um sich wie sein Vollzeitvorgänger. Das eröffnende „Fuck The Factoid“ plättet seine Hörer zwar zunächst nach allen Regeln der Kunst mit furiosen Blastbeats und einem herrlich angepissten Greenway, doch die Hook nimmt trotz flottem Backbeat etwas Dampf vom Kessel und lässt dank Synthesizer richtig Stimmung aufkommen.

Was „Throes Of Joy“ eher auszeichnet, ist reichhaltige Abwechslung. Es wird stellenweise sogar richtig experimentell wie beim vorab veröffentlichten „Amoral“, das irgendwie post-punkig anmutet, komplett mit vergleichsweise melodischem Brüllgesang. Noch melodischer, auch atmosphärischer und fast andächtig kommt noch der Rausschmeißer „A Bellyful Of Salt And Spleen“ daher. „Joie De Ne Pas Vivre“ verzichtet ganz auf Gitarren und mutiert zu einem Noise-Punker, bei dem das grimmige Knorzen von Emburys Bass sowie diverse Rauscheffekte eine beunruhigende Stimmung aufkommen lassen sollen; das funktioniert aber nur bedingt, da dem Track kaum eine körperliche bzw. raumgreifende Natur innewohnt.

Vertrautes und Neues im Reich der Grind-Pioniere

Drum herum variieren Greenway und Co. die Intensität ihres Signatur-Sounds konstant, sodass der wilde Rundumschlag mehr im übertragenen denn im Wortsinne erfolgt. „Invigorating Clutch“ ist im Wesentlichen ein schwer groovender Stampfer, der mit atmosphärischer Kante beginnt, dann aber im Midtempo-Stechschritt durchs Gemüse rumpelt. Die Gitarre könnte etwas giftiger zubeißen. Tatsächlich macht sie in „Fluxing Of The Muscle“ genau das, zumal der Song im Mittelteil so richtig aufdreht. „Contagion“ beginnt etwas punkiger mit eingängiger Hook, steigert sich für die Bridge dann aber ebenfalls richtig rein und mutiert bis kurz vor Schluss zum feisten Wüterich.

Abseits davon gibt es auch die heißgeliebten Uptempo-Kracher, bei denen NAPALM DEATH ihre vertrauten Handkantenschläge verteilen, als wäre es nie anders gewesen, und in denen „Throes Of Joy“ seine Muskeln so richtig zeigen kann. „That Curse Of Being In Thrall“ beispielsweise ist ein klassischer ND-Banger, bei dem man die wild kreisende Menge im Pit schon vor dem geistigen Auge sehen kann und der im nackenbrechendem Midtempo endet. Der mit Testosteron voll- und vor Zorn aufgepumpte Punker „Zero Gravitas Chamber“ wandelt sich im Mittelteil in einen herrlich rasenden Hassbatzen.

Die Falten von „Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism“ werden gewohnt beherzt glatt gehämmert

„Acting In Gouged Faith“ beginnt zwar im Midtempo, ist aber deutlich energetischer und breitbeiniger unterwegs wie ein „Invigorating Clutch“ und kommt ebenfalls mit flottem Wutausbruch im Mittelteil daher. Insgesamt ist löblich, dass die Briten vielleicht mehr denn je auf Abwechslung setzen, was „Throes Of Joy“ durchweg frisch hält. Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Facette perfekt gelungen ist. Der druckvolle, basslastige Sound, der zumeist pumpt, was das zeug hält, verpasst es beim Tiefpunkt der Platte, „Joie Ne Pas Vivre“, mal ordentlich die Backen schlackern zu lassen.

Da hätte sich der Mann an den Reglern, Wiederholungstäter Russ Russel, bei DAUGHTERS den ein oder anderen Kniff in Sachen Noise-Rock abgucken können. Aber der Rest der Platte bügelt den Ausrutscher glatt, selbst wenn „Invigorating Clutch“ gerne etwas abrasiver hätte klingen können. Somit verbleibt „Throes Of Joy“ ein sehr gutes, wenn auch nicht bahnbrechendes Album der Band. Aber auch ein nicht ganz an die Großtaten aufschließendes NAPALM DEATH-Album ist immer noch eine feine, heftige Angelegenheit, wenn man sich mal zwischendurch wieder richtig die (Hand-)Kante geben möchte.

Ist das neue Album ein Testlauf für die musikalische Zukunft von NAPALM DEATH?

Nur gibt es dieses Mal eben ein paar interessante, musikalische Umwege obendrauf, die so klingen, als würde die Band ihren musikalischen Kosmos expandieren wollen, fast als wäre „Throes Of Joy“ eine Art Testlauf für NAPALM DEATH für künftige Werke. Das ist natürlich nur wilde Spekulation meinerseits, aber Indizien wie die Tatsache, dass die Band zwei der experimentelleren Tracks („Amoral“ und „A Bellyful Of Salt And Spleen“) als Vorab-Songs veröffentlicht hat, sprechen sicher nicht ganz dagegen. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein Anflug an spontaner Experimentierfreude. Wer weiß also, wo es Greenway und Co. als nächstes hin verschlägt, dann hoffentlich wieder mit Harris fest an Bord.

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10.09.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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13 Kommentare zu Napalm Death - Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism

  1. Interkom sagt:

    Für das hier gibts noch keine Bewertung, meine Top 5 Napalm Death:

    1) Enemy of the music business
    2) Code is red, long live the code
    3) Harmony Corruption
    4) Smear Campaign
    5) Apex Predator

    Ich vermute das hier auf einem 3. Platz. Solide ND-Kost mit gelungenen Experimenten. Die 8 geht wahrscheinlich auch auf Dauer in Ordnung.

  2. Watutinki sagt:

    Ich kenne kein einziges Album dieser Band, kann also nicht gerade sagen, dass ich hier aus Erfahrung spreche. Mich spricht diese Musik jedenfalls nicht an. Ich kann gar nicht so sicher sagen wieso das der Fall ist, insgesamt klingt es mir vieleicht zu glatt. Wie Musiker die ihr 16. Album rausbringen und das Ganze halt irgendwie schon im Schlaf einspielen können. Alles extrem kompetent und solide, aber für Black Metal zu unschwarz, für Death Metal zu unbrutal und für Punk zu unpunkig.

    6/10
  3. nili68 sagt:

    Ich kenne schon Einiges von denen, aber die waren auch nie mein Fall. Vielleicht weiß man die als Musiker auch eher zu schätzen und die spielen völlig irre Sachen, die dem Normalo entgehen? Mir ist das zu unemotional/dramatisch (fehlender Emo-Faktor könnte man sagen :-D), einfach nur Riffs und Geschrei.

  4. BlindeGardine sagt:

    Also dass man Napalm Death vorwirft nicht schwarz genug für Black Metal zu sein oder die Band überhaupt mit Black Metl in einem Satz erwähnt, ist auch neu. Ansonsten: ist halt Grindcore mit DM-Schlagseite. Die machen das jetzt halt auch seit weit über 30 Jahren, da erwarte ich jetze keine großen Überraschungen mehr. Das ist auch irgendwie nicht die Mucke, die ich mir zu Hause anhören würde, live aber immer ne ordentliche Kelle, wenn es das denn irgendwann wieder gibt.

  5. Cynot sagt:

    Eskaliert der Sänger auf der Bühne nicht immer bis zur völligen Dehydrierung? Kann mir gut vorstellen, dass die live viel viel besser funktionieren, als auf Platte.

  6. redrider sagt:

    1.diatribes
    2.enemy of the music…
    3.the code is red…
    4.fear emptiness…
    5.harmony corruption
    😉
    Die ep vor dem album hört sich sehr gut an… mal schaun was uns nd neues um die ohren hauen…

  7. BlindeGardine sagt:

    @Cynot
    Ja, und allgemein eignet sich das auch eher, um in einem schwitzenden, stinkenden Mob wild hampelnd zu eskalieren, während Napalm Death in einer Stunde 30-40 Songs runterholzen, die man zugegeben nur mit der Setlist in der Hand wirklich zuordnen kann.
    Fürs Schwelgen unterm Kopfhörer auf der heimischen Couch taugt das zumindest mir wiederum gar nicht.

  8. BlindeGardine sagt:

    Wobei, inzwischen haben sie ja genug „längere“ Songs, dass sie in der Stunde vielleicht auch nur 20 schaffen 😉

  9. Interkom sagt:

    @redrider
    Um die Diatribes habe ich bislang immer einen weiten Bogen gemacht, werde ich mir mal intensiver reinziehen.

    @Gardine
    Habe die bestimmt zehn Mal gesehen. Zweimal war der Sound gut. Will sagen: Es stimmt, live schwer auseinander zu halten – das ist aber die Schuld vom Tontechniker. Ist bei Grindcore aber auch schwer, die Musik ist ja absichtsvoll übersteuert.
    Wobei ich mir auch vorstellen könnte, dass die Dialoge zwischen den Musikern und den Tontechnikern sich schwierig gestalten könnten – wenn eine Seite nur hohes Pfeifen hört und von den Lippen ablesen muss…lol

    @restliche Kostverächter 😉
    Es macht natürlich keinen Sinn zu missionieren. Wer noch daran zweifelt, ob er es verstanden hat, sollte sich dieses Album reinziehen. Hervorragender Grindcore. Dynamisch von Nackenbrecher bis Epilepsie https://www.youtube.com/watch?v=HreTsFvjITU

  10. der holgi sagt:

    Napalm Death enttäuschen nicht, darauf kann man sich verlassen, als Fan.

    ich höre ND seit Anfang an, und nebenbei, ohne ND gäbe es kein Carcass und keine einzige von den hunderten (?) Grindcore Bands da draussen. So weit die Historie.

    Die Technik, also das spielerische Vermögen von ND steht ausser Frage, kompositorisch sind sie immer noch kreativ ohne Ende, mag man Grindcore, und zwar auch dann wenn es nicht nur stets auf die 12 gibt, ist ND ganz weit vorne mit dabei.

    Will sagen: Entweder man steht drauf, oder eben nicht.

  11. Interkom sagt:

    @Der Holgi
    Das mit den hunderten Bands hat nicht nur historische, sondern v.a. auch personelle Gründe…
    https://www.metalsucks.net/2009/09/18/napalm-death-family-tree/
    Wäre interessant von dem mal ein Update (ist ja von 2003) zu bekommen. Wäre das nicht mal ne Story wert, ihr wunderschöne Metal.de-Redaktion?

  12. Schraluk sagt:

    ND machen irgendwie Grindcore, aber irgendwie auch nicht. Die sind nicht Retaliation, Carcass, Agathocles, Rot oder Assück und S.O.B. ND ist eine ganz eigene Schublade und ich finde nicht, dass die Alben sich gleich anhören oder die Band in den fast 40 Jahren irgendwann mal beliebig war. Natürlich sind rückwirkend Alben wie ‚Diatribes‘ eher nicht die Highlights der Discography, wie auch die damals teils an den US-Death Metal anbiedernd wirkenden Tracks. Aber hey, 40 Jahre und Feuerwerke wie ‚Harmony Corruption’, ‚Utopia Banished‘, ‚The Code Is Red…‘,Apex Predator‘, der Ursprung, die Ausflüge und Interpretationen – Death, Industrial, Post-Punk, Crust, D-Beat (mit Black Metal hat meiner Erinnerung nach noch niemand ND in Verbindung zu bringen versucht), Texte und unumstößliche politische Haltung, Earache, Touren und Co-Ops mit geilen Bands wie Bolt Thrower, Pitchshifter, Crass, Godflesh, Insect Warfare…, das alles macht ND für mich zu einer der wichtigsten Bands meines Lebens.

    Ich höre das Album jetzt seit einer Woche fast einmal am Tag. Und es ist Napalm Death. Wieder angepisster (Barney scheint wieder ernsthaft wütend), roher, mit Verweisen zum Industrial, aber auch erneut Richtung Voivod und Killing Joke. Sehr geil. Nette Jungs (oder eher Typen im letzten Drittel), intelligent und mit Attitude und Aussage. Gute Platte, gehört zu den stärkeren Releasen.

    8/10
  13. royale sagt:

    @Schraluk, wie die läuft bei dir schon ne Woche? Ich warte immer noch auf meine Scheibe!
    Ich finde auch ND erfinden sich immer wieder neu! Carcass, S.O.B., Napalm Death usw. waren meine ersten Erfahrungen im Extrem-Metal. Während andere immer „softer“ wurden, sind ND immer noch eine Hassbombe, gerade das letzte Album, wenn das nicht Hass pur ist?! Vom aktuellen Album kenne ich nur zwei Songs und ich bin gespannt auf das Gesamtwerk. Barney ist auf der Bühne die total Rampensau und danach ein total angenehmer Mensch. bin gespannt wie das „nicht Touren“ sich auch die Shows auswirkt 😀