Napalm Death
Napalm Death

Interview

Manchmal wird man auch von solchen Veteranen, wie es NAPALM DEATH sind, überrascht. Das neue Album beginnt mit einem geradezu bombastischen Intro, und dann gibt es sogar noch einen Gastauftritt von Anneke Van Giersbergen, ihres Zeichens Sängerin und Aushängeschild von THE GATHERING. Doch keine Sorge, natürlich bekommt man auch weiterhin das gewohnte Brett der britischen Extrem-Metal Pioniere um die Ohren geblasen. Bassist Shane Embury klingelte durch und sprach über das neue Album "Smear Campaign" sowie einige andere nette Dinge.

Napalm DeathEndres: Hallo Shane! Wie stehen die Dinge?

Shane: Hallo, sorry für die Verspätung, ich und Barney hatten gerade noch ein längeres Interview. Wir hatten heute bereits 20, und nach diesem Telefonat werde ich noch sechs weitere haben.

Endres: Na dann ist ja richtig Interesse da, nicht schlecht! Bitte erzähle uns doch zuerst ein wenig von den Aufnahmen zu „Smear Campaign“!

Shane: Nun, wir nahmen wieder einmal in Wales in den Foel Studios auf, in welchem auch unser letztes Album „The Code Is Red…Long Live The Code“ entstand. Und zum vierten Mal produzierte uns Russ Russel. Wir probten vorher einige Male und nahmen dann die Musik innerhalb von drei Wochen im Studio auf und arbeiteten jeden Tag ca. 16 Stunden an dem Material. Wir hatten uns selbst einen strengen Zeitplan auferlegt und standen daher ständig unter Druck, doch unter diesem Druck konnten wir wirklich gut arbeiten, besser als manches Mal in der Vergangenheit. Die Musik wurde dadurch intensiver und es entstanden dadurch viele spontane Ideen. Danach wurde das Album innerhalb von neun Tagen gemischt. Es war eigentlich eine recht schnelle Angelegenheit und eine gute Methode, um das richtige Resultat zu erreichen.

Endres: Stichwort Russ Russel, der gute Mann hat ja euch ja nun schon mehrmals produziert. Und der Sound ist ja wirklich Killer! Was denkst du ist das Spezielle an Russ Russel und wie kamt ihr damals auf ihn?

Shane: Bei unserem ersten Treffen verstanden wir uns auf Anhieb sehr gut und es klappte alles super. Wir gingen damals auf Tour mit dem „Enemy Of The Music Business“ Album, und er mischte uns Live und nahm viele Sachen damals auf, und zwar insgesamt fast 3 Jahre lang! Er zeigte uns gegenüber immer eine gute Haltung und zauberte uns immer den Sound, welchen wir wollten. Russ ist auch ein sehr guter Studio Engineer, als es um die Arbeiten zum Album ging, hatte er gute Vorstellungen über unseren Sound. Natürlich wollten wir heavy und kraftvoll klingen, aber gleichzeitig auch das Live-Feeling festhalten. Und dies hatte ja auch auf der Tour aufgrund seines guten Verständnisses funktioniert, so konnte er sein Wissen gut umsetzen. Er ist Autodidakt, er weiß was er tut und niemand muss ihm etwas erklären. Es scheint, als ob Russ NAPALM DEATH wirklich gut versteht.

Endres: Worin siehst du die Unterschiede zwischen „The Code Is Red…Long Live The Code“ und dem neuen Album „Smear Campaign“?

Shane: Die Produktion ist nun voller und kräftiger, die Musik ist gleichzeitig extremer als bei „The Code Is Red…Long Live The Code“! Wir haben langsame, grungy Riffs auf der neuen Platte, alles klingt enthusiastischer, und natürlich haben wir viele schnelle Sachen, aber auch einige Midtempo Parts. „Smear Campaign“ ist definitiv eine tolle Weiterführung unseres letzten Albums, wobei wir nun dynamischer und variabler zu Werke gehen, alles ist kontrastreicher. Es gibt so viele unterschiedliche Facetten, welche die Platte einfach verdammt interessant machen.

Endres: Wie darf man sich denn bei euch eigentlich das Songwriting vorstellen? Wer zeichnet sich für die Stücke verantwortlich?

Shane: Auf musikalischer Seite teile ich mir das mit Mitch (Harris, Gitarre und Screams, Anmerk. d. Verf.) zu jeweils 50 Prozent. Einige wenige Songs sind immer schon fertig, bevor wir über ein neues Album nachdenken. Ich ziehe es vor, meine Songs zu schreiben, wenn ich sehr unzufrieden bin. Mitch mag es, seine Tracks zu schreiben, wenn ein neues Album ansteht, er schließt sich dann einfach eine Woche lang ein und nimmt Riff um Riff auf und bringt dann die Parts zusammen. Und natürlich kommt dann Barney und kümmert sich um den Großteil der Texte. So sind die Aufgaben innerhalb der Band verteilt. Auf „Smear Campaign“ schrieb Barney alle Texte außer „When All Is Said And Done“ und „Shattered Existence“, welche aus meiner Feder stammen. Es ist hauptsächlich eine Teamarbeit.

Endres: Nun sind ja auf der neuen Platte auch einige „cleane“ Gesangspassagen. Wie kam es denn dazu?

Shane: Wir haben über die letzten Jahre schon öfters mit dem Gesang ein wenig experimentiert wie z. B. auf “The Code Is Red…Long Live The Code” und wir entschieden uns dazu, diesen Weg weiterzugehen. Barney legte wirklich einen tollen Job hin. Die Mischung aus hartem, powervollem Gesang und den klaren Passagen sind eine geniale Sache und ich finde es einfach großartig, eine gute Alternative zu seinem regulären Gesangsstil. Er versucht diesen auch stets zu perfektionieren. Natürlich ist das neue Album noch immer sehr extrem, aber auf der anderen Seite haben wir da wie schon gesagt eben unsere etwas experimentellere Seite, was einen guten Mix gibt.

Endres: Das Album beginnt mit einem Intro namens “Weltschmerz”. Was ist die Bedeutung hiervon und weshalb habt ihr euch für einen deutschen Titel entschieden?

Shane: Barney hat sich für dieses deutsche Wort entschieden, es ist einfach ein interessanter Titel! Es steht für “Welt voller Schmerzen”. Wir wollten dieses Album mit einem Intro beginnen, da es schon so lange her ist, seit wir das letzte Mal ein Intro hatten. Ich halte das für eine gute Idee und eine schöne Alternative, auch in Hinsicht auf die bombastische Komponente. Es ist eine sehr besondere Weise, ein NAPALM DEATH Album zu beginnen.

Endres: Anneke Van Giersbergen von THE GATHERING hat einige Passagen auf “Smear Campaign” eingesungen. Wer hatte die Idee hierzu, wie kam es zu dem Kontakt mit ihr und wie verlief die Zusammenarbeit mit Anneke?

Shane: Ursprünglich kam unser Manager mit der Idee auf, den Versuch zu starten, Anneke auf unserem neuen Album einige Sachen einsingen zu lassen. Es war sehr hilfreich, toll, hat die Musik unterstützt, wir waren sehr enthusiastisch. Wir haben den Track zu ihr rübergeschickt und sie hat wirklich sehr schnell ihre Aufnahmen gemacht und uns das Resultat zurückgeschickt. Sie hat auch die zusätzlichen Harmonien am Ende des Songs hinzugefügt. Es war wirklich großartig, eine wirklich einfache Zusammenarbeit, sie war auch sehr enthusiastisch.

Endres: Besteht eigentlich eine Chance auf ein drittes “Leaders Not Followers” Album, und welche Songs würdest du noch gerne Covern?

Shane: Wir haben noch einige Songs übrig vom letzten “Leaders Not Followers” Album, welche wir nicht aufgenommen hatten. Von einem gewissen Standpunkt aus wollen wir diese Titel auf jeden Fall noch aufnehmen, es ist alles eigentlich eher eine Frage der Zeit. Sicher ist das Ganze bisher noch nicht, und Songs stehen auch noch nicht fest. Es gibt da beispielsweise noch einige Hardcorebands aus den Achtzigern, die heutzutage niemand mehr kennt, aber wir gerne hören, solches Material wäre wirklich interessant zu Covern. Während der Proben spielen wir immer mal den einen oder anderen Coversong. Jeder von uns hat zu Hause Tonnen von Demotapes und alte Platten, da dürfte auf jeden Fall einiges dabei sein. Es sieht also gar nicht schlecht aus mit einem weiteren Coveralbum.

Endres: Feine Sache! NAPALM DEATH waren ja auch immer einen Band mit ihrem eigenen Sound, angefangen mit rohem Grindcore mit den sehr kurzen und schnellen Songs der ersten Jahre, welcher im Laufe der Zeit mit viel Death Metal angereichert wurde bis hin zum heutigen Tag, an welchem die Band eine Breite Facette unterschiedlicher, extremer Sounds verbindet. Wie wichtig waren in diesem Zusammenhang die eher experimentellen Alben „Fear, Emptyness, Despair“, „Diatribes“ und „Inside The Torn Apart“?

Shane: Ähm, nun viele Alben waren gerade für mich persönlich sehr wichtig, da sie nicht nur die Musik von NAPALM DEATH skizzieren, sondern ein Teil unserer Persönlichkeit sind. Sie definieren die jeweilige Zeit sowie die Suche, wohin NAPALM DEATH weiter gehen. Gerade an diesen Alben kann man erkennen, dass wir auch mal davon gelangweilt waren, „immer das Gleiche zu spielen“. Für das neue Album haben wir einige Male auf unsere eigene Karriere zurückgeschaut und überlegt, was wir nun machen wollen. Wir haben hart an den neuen Songs gearbeitet, am richtigen Sound gefeilt. Ich denke, wir bieten mit „Smear Campaign“ eine gute Mischung aus experimentellen Passagen und purem Grindcore. Diese Alben aus der Mitte der Neunziger waren also sehr wichtig für uns und wir sind auch immer noch sehr glücklich mit diesen. Sie zeigten eine andere Herangehensweise an unsere Musik und wiesen neue Wege auf.

Endres: Ich las in einem Interview, dass Barney für ein politisches Amt kandidieren will. Stimmt das und kannst du mir hierüber etwas erzählen?

Shane: Ja, wahrscheinlich. Es würde mich nicht überraschen, wenn er es Wahrmachen würde. Er ist offensichtlich sehr stark an Politik interessiert. Bis jetzt steht da aber noch Nichts fest.

Endres: NAPALM DEATH stehen ja bekanntlich auch gegen den Faschismus bzw. Nazis. Hattet ihr deshalb eigentlich jemals Probleme?

Shane: Von Zeit zu Zeit haben wir tatsächlich mit einigen Fans dieses Lagers Probleme. Gerade in den Staaten kamen schon einige Skinhead-Bewegungen auf unsere Konzerte und störten diese, belästigten die Konzertbesucher etc., beispielsweise vor ca. 3 Jahren in Pennsylvania, als wir lediglich vier Songs spielen konnten, bevor eine riesige Meute von Skinheads das Publikum aufmischte, es war wirklich sehr gefährlich. Aber glücklicherweise sind das eher die seltenen Ausnahmen, es gibt in der Regel nicht zu viele Angriffe gegen uns. Sicherlich gibt es Leute, welche uns bzw. unseren Fans feindlich gegenüberstehen, was sich dann auch mal ab und zu zeigt. Einmal 1993 oder 1994 auch mit einer anderen Band. Es sind aber wie gesagt eher seltenere Probleme, man bekommt eben auch mal ein Gerücht zu hören, dass die Bewegung und diese Vereinigung gegen NAPALM DEATH sind.

Endres: Was bedeutet für dich eigentlich Grindcore letztendlich, nicht nur musikalisch?

Shane: Nun, zuerst einmal ist Grindcore eine sehr extreme Art von Musik. Diese sollte meiner Meinung nach sehr wütend und ärgerlich, aber auf gar keinen Fall angepasst, glatt oder poliert sein. Es ist für mich einfach eine extreme und sehr direkte Ausdrucksweise. Politik kann einer der Inhalte sein, ist allerdings kein muss. Wobei natürlich politische Themen gut in die Musikform passen. Politik bietet oft Zündstoff, und Grindcore ist nun mal eine sehr explosive Musik. Man kann damit gut solche Themen zum Ausdruck bringen.

Endres: Konntest du eigentlich bei den vielen Touren mit NAPALM DEATH größere Unterschiede im Publikum feststellen, beispielsweise zwischen Europa und den USA oder anderen Teilen der Welt?

Shane: Nun ja, es gibt da schon einige Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. In manchen Ländern gehen die Fans einfach ein wenig verrückter ab, wobei wir eigentlich immer ein gutes und ausgelassenes Publikum haben. Die Unterschiede liegen zum Teil auch im sozialen Umfeld der Kids sowie der Häufigkeit von Metalkonzerten begründet. Manche drehen einfach durch, andere schauen ein Konzert liebend ruhig stehend an. Ich würde sagen, dass wir in den Vereinigten Staaten gemischte Reaktionen erhalten. An der Ostküste läuft es meist nicht so gut, während an der Westküste bei unseren Auftritten viel los ist und uns die Leute regelrecht abfeiern. So ist das eben, von Ort zu Ort ziemlich unterschiedlich.

Endres: Der Song „You Suffer“ ist der kürzeste Track der Welt. Ist für dich „You Suffer“ ein echter Song?

Shane: Ja natürlich! Wenn wir das Zeitrad zurückdrehen, war „You Suffer“ ursprünglich ein Titel über 10 Sekunden Länge. Im Laufe der Zeit wurde das Stück auf ca. eine Sekunde gekürzt. In Bezug auf deine Frage ist „You Suffer“ aber vielleicht doch eher ein Statement anstatt ein Song.

Endres: Die letzte Frage: Was hält die Flamme nach all den Jahren immer noch am Brennen?

Shane: Nun, wir haben gemeinsam schon viele verrückte Sachen erlebt, Gutes wie Schlechtes. Wir sind immer noch sehr enthusiastisch und einfach verrückt nach der Musik. In a NAPALM DEATH sind wir auch alle stark miteinander befreundet, wir sind nicht nur eine Band. Durch Freundschaft kann man auch viele Probleme besser lösen, es ist ein anderes Miteinander. Wir helfen uns gegenseitig, wenn etwas ist. Wir genießen es einfach, zusammen zu proben, auf Tour zu gehen, all die Leute zu treffen, es macht doch viel Spaß. All diese Dinge machen mich glücklich, und wenn man glücklich ist, kann man auch gute Musik schreiben!

Endres: Vielen Dank für das Interview!

Shane: Ich danke dir!

Galerie mit 12 Bildern: Napalm Death - Summer Breeze Open Air 2019
28.08.2006

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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