Obscura - Diluvium

Review

Galerie mit 14 Bildern: Obscura auf dem Summer Breeze Open Air 2016

Ein neues Album von OBSCURA, das vierte in einem Albumzyklus, der mit dem Zweitwerk „Cosmogenesis“ begonnen hat – die Zeichen stehen auf großen Progressive Death Metal, sodass schon der Pressetext mit Prädikaten wie „groudbreaking polyrhythms“ um sich wirft. Schon der Vorgänger „Akróasis“ verzückte mit seiner ausgeklügelten, in das Metaphysische hineinreichende Beschaffenheit, welche die Grenzen des Albums per se zu überwinden suchte. Oder stieß eben jenen Todesmetallern vor den Kopf, die sich lieber amtlich von grimmigen Riffs und grimmigeren Growls bestialisch durchnehmen lassen. Ja, das rein gutturale geht OBSCURA natürlich ein wenig ab, und das vorweg: Auf dem neuen, hier vorliegenden Album „Diluvium“ ändert sich das nur marginal.

Dennoch bringt das neue Album der Landshuter eine erfrischende Änderung mit sich, die zumindest unsereins so gar nicht erwartet hätte: Es stellt die Progressivität als solche ein wenig hintenan und möchte zuvorderst ein zwar technisch hochwertiges und kompositorisch vielschichtiges, dennoch vor allem melodisches und zupackendes Death-Metal-Album sein. Gleichzeitig sucht es aber, den OBSCURA-Trademark-Sound weiterhin zu bedienen, was sowohl die ausgeklügelten Riffs des Gespanns Kummerer/Trujillo als auch das genüsslich-jazzige Fretless-Geblubber von Linus Klausenitzer mit einschließt. Beide Aspekte zu jonglieren will natürlich erst einmal gelernt sein. Aber das ist nichts, was Steffen Kummerer und Co. nicht hinbekämen.

OBSCURA wissen: Weniger ist mehr

Und siehe und höre da: Es funktioniert! „Diluvium“ erfreut sich einer enormen, lebhaften Eingängigkeit dank eines Songwritings, das rasch auf den Punkt kommt und Melodien und Grooves epochal ausufernden, sterilen und durchkalkulierten Frickel-Orgien vorzieht. Durch seichte Riff-Gewässer watet „Diluvium“ deswegen jedoch noch lange nicht. Beides macht der Opener „Clandestine Skies“ gleich eindrucksvoll klar. Es geht flott und ohne Intro los, die Riffsalven setzen unmittelbar ein und bringen dank nachvollziehbarer Melodieführung einen geradezu vertraut wirkenden Hauch Göteborg mit. Die Furiosität und technische Versiertheit macht hier jedoch den entscheidenden Unterschied, wie auch die Verbeugung vor den frühen CYNIC dank Vocoder-Vocals.

Noch ein Punkt in Richtung Eingängigkeit bei weiterhin hohem Anspruch fügt die Rhythmik hinzu, die erstaunlicherweise durch Geradlinigkeit glänzt. Doch die geraden Takte erlauben den Riffs, ordentliches Groove-Momentum aufzubauen, was die Gitarren auch erschöpfend ausreizen. Vor allem in Geschwindigkeiten und Harmonien variierend verleihen Steffen Kummerer und Rafael Trujillo den Songs dank ihres akzentuierten (Zusammen-)Spiels eine Menge Dynamik, stopfen mal unzählige Noten in einen einzelnen Takt hinein, lassen die Riffs dann an anderer Stelle bedrohlich dahinstampfen und -grooven, dass der Nacken praktisch wie von selbst bricht. Ein schönes Wechselspiel aus beidem bietet „Mortification Of The Vulgar Sun“. Die Musik der Landshuter hat das Leben gelernt, so scheint es.

Denn auch Tech-Death-Gurus können Spaß haben und machen

Fürwahr: „Diluvium“ bevorzugt den Kopf weniger in den Wolken und den Arsch mehr in der Hose. Und dort tritt der todesbleierene Stiefel auch mit Wonne hin, besonders dann, wenn es wie in „Ekpyrosis“ einfach nur wie sau rockt. Generell hat „Diluvium“ eine erfrischende Leichtigkeit inne, die den Genuss des Albums recht leicht machen. Allein der Rausschmeißer fällt im positiven Sinne aus dem Rahmen. Er bringt die zu Beginn hinten angestellte Progressivität für ein furioses, dramatisches Finale zurück. Doch an letzter Stelle der Trackliste ergibt das Sinn. Da kann man schon mal alle songschreiberischen Register ziehen.

Wem sich angesichts technoiden Gefrickels die Fußnägel empor rollen, dem kann natürlich auch mit diesem Album nicht geholfen werden. Denn auch wenn OBSCURA deutlich zugänglicher geworden sind als auf dem Vorgänger, so klingen sie eben doch ganz wie sie selbst. Und das bedeutet, dass der Death Metal hier vor allem technischer Natur ist. Doch schmieren die Landshuter ihren Hörern die eigene Progressivität längst nicht mehr so penetrant aufs Brot. Insofern stellen sich OBSCURA auf „Diluvium“ als merklich entschlackt dar. Der Lohn ist ein Album, dass als der geradlinige Gegenentwurf von „Liquid Anatomy“ richtig Spaß macht. Man mag wie eingangs erwähnt die dem Death Metal üblicherweise innewohnende Wildheit missen, bekommt dafür jedoch ein hochwertiges Death-Metal-Album mit Charakter und Geschmack serviert.

13.07.2018

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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10 Kommentare zu Obscura - Diluvium

  1. ClutchNixon sagt:

    Grossmann spielt, äh, großartig und tatsächlich songdienlich. Und wenn sich nicht allzu deutlich vor Cynic verbeugt wird kommt bei aller musischen Selbstverliebtheit ein nahezu hyonotischer Groove zustande. Zu hören in Mortification of the vulgar Sun! Also: Voicedecoder einmotten und vielleicht was rauchen. Dann klappt es irgendwann sicherlich mit der Höchstnote.

    8/10
    1. ClutchNixon sagt:

      Korrektur: Ein Jazzschlagzeuger bringt den Groove. Sebastian Lanser… Unerhört!

  2. BlindeGardine sagt:

    Bin mal gespannt, tech death ist eigentlich so gar nicht meins und ödet mich meistens ziemlich an, obscura waren da aber immer eine ausnahme. Das liegt wohl daran, dass der kummerer und seine kumpanen einfach gute songs schreiben können und das ganze nie in reine musikalische masturbation abdriften lassen. Außerdem hört man auch immer wieder mal das faible für dissection raus, dass mit thulcandra ja voll ausgelebt wird.

  3. nili68 sagt:

    Das Lied klingt interessant, obwohl ich mir die immer härter, krasser vorgestellt habe und der Gesang gefällt mir auch nicht so. Klingt irgendwie etwas schwachbrüstig. Generell fehlt mir etwas der Punch und auch etwas zu viel Gegniedel, Tech hin oder her. Trotzdem animiert es mich, mich da eingehender mit zu befassen. Mal sehen…

  4. Dor Leo sagt:

    Was soll ich sagen, ich bin beeindruckt.
    Nach Omnivium und Akroasis hab ich ehrlich gesagt, Obscura so ein Album nicht mehr zugetraut. Ich war mir sicher, dass Obscura die Spirale immerweiter nach oben drehen würden, immer komplexer immer dichter.
    Die Entscheidung den Song selbst wieder mehr Raum zugeben, ist in meinen Augen nicht nur eine kluge sondern auch reife Entscheidung, das macht Diluvium um einiges eingänglicher.
    Ich liebe Tech Death, doch die beiden Vorgänger (ohne zweifel brillante Alben ) wollten bei mir nicht richtig zünden, zu oft hab ich den Faden verloren.
    Diluvium hat mich dabei gleich mitgenommen. Einzig der Gesang ist mir zu flach, kommt aus seiner Komfortzone nicht raus, mir fehlt’s etwas an Breite.
    Naja, irgendetwas muss man auch beim nächsten Album noch verbessern können.
    Alles in allem, bisher mein Favorit in diesem Jahr. Klasse Album!

    10/10
    1. ClutchNixon sagt:

      Wenn man bedenkt, dass der Mann dazu noch Gitarre spielt, ist die gesangliche Bandbreite beeindruckend. Und wenn Komfortzone bedeutend stimmschonende Phrasierungen zu bevorzugen, dann werde ich es tunlichst unterlassen diese zu verlassen. Wenn du hiermit die vocoder vox meinst gebe ich dir recht. Clean ohne Effekt käme mir auch besser zupass.

      1. ClutchNixon sagt:

        Korrektur: bedeutet

      2. Dor Leo sagt:

        Ich mein das schon so. Ich würde mir eine größere Voice Range wünschen.
        Wenn das der Konsens zwischen Instrument und Gesang ist, könnte
        man darüber nachdenken einen Sänger ins Boot zu holen. Nach Cosmogenesis stand der Gesang nicht mehr so im Vordergrund wie auf Diluvium, setzt Obscura jetzt weiter darauf den Gesang als Gleichwertiges Instrument zusehen, wäre das sicher eine Option. Ich empfinde das auch nicht als großen Makel, ich find die Stimme sogar gut und passend, wäre für mich nur das Tüpfelchen auf dem i wenn sie mehr Akzente setzen würde.
        Die Voice Effekte finde ich im Kontext zum futuristischen Weltraumkonzept sogar Recht passend.

    2. ClutchNixon sagt:

      Die Idee einen festen Sänger zu engagieren finde ich prima. Wohl möglich kommt es eines Tages dazu.

  5. andreas73 sagt:

    Muss auch gestehen die melodischere Ausrichtung steht Obscura gut, finde es richtig gut bei aller Technik es auch ein wenig eingängiger zu halten.
    So und nun freu ich mich auf eine Tour am liebsten mit Beyond Creation im Schlepptau 😀

    9/10