Psychotic Waltz - The God-Shaped Void

Review

Soundcheck Februar 2020# 1

Das hat gedauert: Obwohl PSYCHOTIC WALTZ bereits 2010 wieder zusammen gefunden haben und zumindest live wieder aktiv wurden, haben sie sich noch mal zehn Jahre Zeit gelassen, ehe nun das lang ersehnte, neue Album „The God-Shaped Void“ herauskommt. Dass vor allem Fronter, Sänger und Querflötist Devon Graves a.k.a. Buddy Lackey keineswegs untätig war, dürfte Fans der Band nicht entgangen sein. Projekte wie DEADSOUL TRIBE und THE SHADOW THEORY haben den Herrn in der Zwischenzeit auf Trab gehalten und als feste Marke auf der musikalischen Landkarte platziert, auch in der Abwesenheit von PSYCHOTIC WALTZ.

Die lang erwartete Rückkehr von PSYCHOTIC WALTZ

Deren Rückkehr – vor allem im Original-Lineup – hat natürlich für weitreichende Verzückung in der Szene gesorgt, weshalb die Wartezeit auf „The God-Shaped Void“ die Erwartungen in die Höhe haben schießen lassen. Wie so oft bei solchen Rückkehrern steht die Frage im Raum, wie sie nun heuer klingen werden. Das ist bei den US-amerikanischen Prog-Metal-Urgesteinen tatsächlich eine interessante Frage, denn ihre vier bislang veröffentlichten Studioalben unterscheiden sich doch recht deutlich voneinander, vom bisweilen brachialen Full-Length-Debüt „A Social Grace“ über das andersweltliche Meisterstück „Into The Everflow“ und dem Fan-Zankapfel „Mosquito“ hin zu „Bleeding“, in dem sie ihren unwirklich-spacigen Sound etwas geradliniger in Szene setzte.

Wie klingt eine solche Band also, die nach 24 Jahren ihr erstes, neues Album veröffentlicht? Nun, das Schöne an „The God-Shaped Void“ ist, dass die Platte so klingt, als hätte sie unmittelbar auf dem Fuße von „Bleeding“ folgen und bandtypisch auf dessen Grundlage aufbauen können, diese aber selbstredend nicht stumpf wiederholen würde. Das Klischee von der Band, die nach so langer Zeit immer noch nach sich selbst klingt und sich trotzdem weiterentwickelt, bewahrheitet sich hier also. Es beherbergt die gute Qualitäten von „Bleeding“, die seltsame Atmosphäre und spacige Psychedelik, steckt diese aber in einen moderneren Sound, der die Songs mit ordentlich Heaviness und Groove nach vorne treibt.

„The God-Shaped Void“ enthält die alte Magie

In Sachen Songwriting wandeln PSYCHOTIC WALTZ trotz diesem neugefundenen Sinn für die Moderne immer noch in diesen seltsamen, unwirklich anmutenden Gefilden. Das Wechselspiel zwischen organischer und verzerrter Instrumentierung beherrschen die US-Amerikaner nach wie vor im Schlaf und fördern mit diesem magische Momente der Marke „The Fallen“ zu Tage. Dessen akustische Gitarren zu Beginn im Zusammenspiel mit Graves‘ klagendem, durch Hall- und Umkehr-Effekte verstärktem Gesang sorgen für wahres Gänsehautfeeling, während die später unter härterer Instrumentierung einsetzende Hook hält, was der immense Spannungsaufbau des Tracks verspricht.

Auch die etwas druckvolleren Tracks haben diese Magie inne, transportiert entweder durch mehrstimmige Gesangsarrangements wie „Back To Black“, durch eine einfache, aber große und effektive Hook wie in „Sisters Of The Dawn“ oder eben durch die stimmungsvolle und melodische Gitarrenarbeit wie in „Demystified“, vor allem in dessen Hook. Synthesizer arbeiten der Sitmmung ebenfalls stets zu und werden filigran unter die Songs gelegt, was ihnen entweder eine gewisse Mystik verleiht wie im Opener „Devils And Angels“ oder sie teilweise wie schwerelos im Raum gleitend klingen lässt, schön in der zweiten Hälfte von „Sisters Of The Dawn“ zu hören.

Mit dem richtigen Gespür in die Moderne

Auch in klangästhetischer Sicht stimmt alles. Hier hat Jens Bogren an den Reglern ganze Arbeit geleistet, um den Sound der US-Amerikaner druckvoll und raumgreifend, zugleich aber klar und frisch klingen zu lassen. Sprich: Trotz zum Teil massiven und drückenden Riffs sind die filigranen, mehrstimmigen Spielereien des Gitarrengespanns Dan Rock/Brian McAlpin jederzeit gut herausgearbeitet. Auch sind Graves‘ Flötensoli gut in den Vordergrund gemischt, um nicht unterzugehen, den Sound zugleich aber auch nicht zu überlagern. Ein Beispiel von beidem ist vor allem in „Pull The String“ zu beobachten, das durch seine schwer schürfenden Riffs lebt, ohne den Spielereien die Luft zu rauben.

Valentinstag 2020 ist dieses Jahr ein besonderer Tag. Und wer noch kein Date hat, sollte jetzt eines mit PSYCHOTIC WALTZ haben. „The God-Shaped Void“ ist genau das Album, das man von einer derartigen Größe erwarten konnte. Es kehrt zwar nicht zu den zerebralen Höhen der ersten beiden Platten zurück, zeigt die Band aber dennoch in technischer wie songschreiberischer Höchstform mit einem Album, das die alte Magie ins Hier und Jetzt transportiert, ohne sie zu verfälschen oder weich zu spülen. Diesen psychedelischen Walzer sollte man sich nicht entgehen lassen. Und bei der Gelegenheit sollten Hörer, die mit der Band nicht vertraut sind, schleunigst diese Bildungslücke schließen…

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14.02.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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8 Kommentare zu Psychotic Waltz - The God-Shaped Void

  1. Watutinki sagt:

    Was ich bisher gehört habe klingt ziemlich geil! Produktion könnte etwas griffiger sein, ist ziemlich in Watte gepackt.

    9/10
  2. nili68 sagt:

    Durchwachsene Angelegenheit. Hat gute Momente, aber ein paar Meh-Momente haben sich auch eingeschlichen und bei nahezu jedem Refrain habe ich das Gefühl, das schon mal gehört zu haben. Über das Handwerkliche braucht man natürlich nichts zu schreiben. Für eine Note ist es aber noch zu früh. PW Alben mag ich nicht nach 1-2 Durchläufen bewerten. Das ist der Ersteindruck..

    1. self1sch sagt:

      Ich verstehe das sowieso nicht wie Leute nach einmaligen Hören bereits sagen können, ob Ihnen ein Album gefällt oder nicht. Speziell bei Prog Alben brauch ich mindestens 15-20 Durchläufe bis ich zumindest einigermaßen das Gefühl habe ein Album zu Gänze verstanden zu haben. Liegt eventuell auch daran, dass ich selber nie ein Instrument gespielt hab und allgemein sehr wenig Ahnung von Musik hab lol.

      Ich schätze mal andere hier haben einfach ein geschulteres Gehör und wissen bereits einen Tag nach der Veröffentlichung welche Note ein Album verdient. Wenn ich ehrlich bin spricht hier wohl auch ein gewisser Neid aus mir. Hätte ich dieses Gehör könnte ich mir ein Haufen Zeit ersparen und viel mehr unterschiedliche Musik hören, anstatt immer nur ein neues Album alle 3-4 Wochen….

      1. royale sagt:

        ach quatsch! gerade das entdecken usw. macht es doch aus. Bin selber in einer Zeit groß geworden wo nur alle paar wochen ein brauchbare Album raus kam. Mittlerweile wird man ja erschlagen was Veröffentlichungen angeht! Gerade 2019 war doch so ein krasses Jahr, hab noch nie so viele Alben gekauft. Ausserdem, ob du nun das absolute Gehör hast oder nicht, was spielt das für eine Rolle?! Ich hab Alben daheim die hab ich beim ersten hören geliebt und nun liegen sie in der Ecke, ebenso Alben die ich nach 30 Jahren immer noch höre oder wieder von Zeit zu Zeit auflege, je nach Stimmung und Laune 🙂
        Habe 1991 zum ersten male diese Band durch Zufall live gesehen und fand/finde das erste Album mega. Die anderen Alben habe ich auch, wurden aber nur gekauft und ins Regal gestellt und nun ist das neue Album draußen und ich beschäftige mich wieder damit und entdecke hier und da beim Erstling die Songs neu.

      2. Watutinki sagt:

        Wenn es ne‘ Note für den Ersteindruck gebe, hätte ich diese vergeben. So muss man sich dass dann halt dazu denken, wenn jemand schreibt „Was ich bisher gehört habe“.
        Und das mag zwar ein Prog Album sein, aber nicht gerade eines, dass sich einem schwer erschließt. Ganz im Gegenteil sogar.

  3. Sane sagt:

    Ich bin da weniger zimperlich, es ist psychotic waltz.
    Ich werde dieses Album auch in Jahren noch auflegen, so wie ich es mit allen ihrer Alben tue.
    Ich hätte mir zwar (unfassbar dass ich sowas einmal sage) mehr querflöte gewünscht.
    Die hätte aber wohl auch den zeitgemäßen Sound etwas verwässert..
    Nach erstem Durchlauf ist mein Eindruck: schön ins Jahr 2020 gebracht, starke Riffs, das songwriting kommt natürlich nicht ganz an die ersten beiden Überalben ran.
    Evtl erhöhe ich die Punktzahl noch..

    8/10
  4. Huetti sagt:

    Bin ich eigentlich hier der Einzige, der sich hier sowohl von der Produktion, als auch vom Gitarrensound und seltsamerweise auch vom Gesang über die gesamte Laufzeit des Albums hinweg immer mal wieder an die OZZMOSIS erinnert fühlt?

    Wie auch immer: ich finde die etwas zugänglichere Herangehensweise von Psychotic Waltz im Vergleich zu den alten Scheiben sehr gut! Dafür, dass ich für die „Into the Everflow“ einige Jahre Anlauf gebraucht habe und mit der „A Social Grace“ noch immer nicht richtig warm geworden bin, gefällt mir das aktuelle Album jedenfalls sehr gut!

    8/10