The Order Of Israfel - Wisdom

Review

Lasst die Männer des Israfelischen Ordens mal in Ruhe. Denn, ganz ehrlich, wer es schafft, ein solcherart stimmiges Gesamtkunstwerk aus Musik, Message und Coverart zu erschaffen und durch die eigene Erscheinung perfekt zu repräsentieren, der sollte im Sinne des Großen und Ganzen von profanen Alltagspflichten entbunden werden. Wenn ich die Meister im Wald stehen oder vor dem Kirchenfenster hocken sehe, weht mich jedenfalls ein mystischer Hauch des Ewigen an und ich wünsche mir selbst einen Funken dieser stoischen, gelassenen Würde. Ich kann und will mir die vier jedenfalls, und das meine ich ernst, nicht bei der Steuererklärung vorstellen. Oder beim Reinigen der Mikrowelle.

Sollen sie sich lieber in toto der Kunst widmen. Denn diese ist großartig von Anfang bis Ende. Ein melodisches Intro auf der Akustischen weist den Weg aus dem öden Hier und Jetzt und während du mit zitterndem Kleinhirn noch zaghaft die grauen Fesseln des Montag-bis-Freitag abstreifst, holen dich die ersten mächtigen Riffs des Openers und Titlestücks „Wisdom“ ab und tragen dich ins weite Land des klassischen, des epischen Doom, um dich erst nach einer guten Stunde wieder zu entlassen. Mit klopfendem Herzen und einer mindestens temporären Schutzschicht auf der Seele gegenüber den Widrigkeiten des Alltags.

THE ORDER OF ISRAFEL um den Australier Tom Sutton (Ex-CHURCH OF MISERY) und drei Schweden, darunter Patrik Andersson Winberg (Ex-DOOMDOGS), fesseln dabei auf ihrem Debütalbum zu jeder Sekunde, da sie es schaffen, ebenjene einzigartige Stimmung durchgängig zu erzeugen, die meines Erachtens den besonderen Reiz des Doom ausmacht: eine eigentümliche Mischung aus dem Bedürfnis mit erhobenen Armen ergriffen auf die Knie zu sinken und dem Drang, sich entschlossen geradezumachen und verdammt nochmal zu rocken. Eine Mischung eben, die entsteht, wenn man mit den großen Fragen zwischen Himmel und Erde im Hinterkopf klassische Metalsongs schreibt, denen allerdings die Hektik zugunsten atmosphärischer Wucht entzieht und überhaupt den schwarzen Sabbat als den Beginn und Kern aller ernstzunehmenden Kultur betrachtet.

Das Schaffen THE ORDER OF ISRAFEL, indem sie den Großen des Genres huldigen, ohne diese zu plagiieren. Mit einer ganz eigenen natürlichen, bisweilen gar folkigen Note versehen, finden sich auf „Wisdom“ das Fiese der frühen und das Hippieske der späten CATHEDRAL, in einigen Momenten die Epik der Messiah-CANDLEMASS – mit allerdings weniger exzentrischem Gesang, der dafür in seinen zweistimmigen Passagen häufig an ALICE IN CHAINS im nordischen Wald erinnert – und annähernd die faszinierenden Melodien alter PARADISE LOST. Dazu kommen adlige Riffs auf dem Niveau COUNT RAVENs bzw. SAINT VITUS‘. Und genau wie im Prinzip alle der Genannten haben auch THE ORDER OF ISRAFEL erkannt, dass ein mächtiges Ross neben würdevollem Schritt ruhig auch mal traben oder sogar galoppieren darf.

So gibt es auf „Wisdom“ Tempowechsel, Dynamik, wiedererkennbare, unterscheidbare, echte Songs. Die Wiederholung ist hier nicht das zentrale bzw. alleinige Mittel, um die volle Wirkung zu erzielen. Dem bösen „On Black Wings, A Demon“ zum Beispiel werden durchgängig ordentlich die Sporen gegeben, „The Order“ ist gar eine knapp 90-sekündige Ansage und auch der „Noctuus“ mit den Augen einer Ratte und den Flügeln einer Fledermaus versteckt tief in seinen neun Minuten einen aggressiven Ausbruch, der zusammenzucken lässt. „The Earth Will Deliver What Heaven Desires“ lässt dagegen akustische Gitarren das verzerrte Grundriff einführen.

Bei aller musikalischen Größe der Geschichtensammlung um Gut und Böse, um Menschen und ihre Dämonen, um Träume und Realitäten, Bewahrung und Zerstörung ist das Herzstück auf „Wisdom“ jedoch das viertelstündige „Promises Made To The Earth“. Das Plädoyer für Mutter Natur präsentiert Ohrmwurmelodien in strafrechtlich relevanter Menge und im besten Sinne des Wortes und schwingt sich zu einem durchgängig spannenden Opus auf, das in seiner Vielseitigkeit ruhigen Gewissens als progressiv bezeichnet werden kann. Tja. Und zum Schluss wird die Apokalypse verhandelt. Nach der von Sutton eindrucksvoll nachgesprochenen unchristlichen Tirade des Damien Thorn, seines Zeichens des Teufels Sohn aus „Omen III“, schließt „Morning Sun (Satanas)“ dieses Statement in Sachen Rock eindrucksvoll ab. Danach darf nichts mehr kommen.

Und Israfel ist einer der Erzengel im Islam, Trompeter des jüngsten Gerichts, Engel der Musik.

No fuckin‘ Steuererklärung. Nowhere.

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21.08.2014

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1 Kommentar zu The Order Of Israfel - Wisdom

  1. Bluttaufe sagt:

    Klasse Review, dem nichts beizupflichten ist. Auch mit der Punkte Wertung gehe ich konform.
    Egal ob okkulter Doom, fetter stoner-mäßiger Rocker, die einzelnen Arrangements sind genial & lassen keine Langeweile aufkommen. Allein schon das Solo beim kurzen, knackigen 5. Song „The Order“ – da fliegt einem glatt die Schlüppi weg. Aber generell geht man sehr detailverliebt an´s Werk, so dass einem grobe Schnitzer verwehrt bleiben.
    Absolut brilliant und mitreißend…

    9/10