Naglfar
Clash zu "Harvest": Zeitgemäße Weiterentwicklung und moderner Klassiker oder belangloses Auf-der-Stelle-treten?

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Zeitgemäße Weiterentwicklung und moderner Klassiker oder belangloses Auf-der-Stelle-treten?

„Harvest“ haben die schwedischen Schwarzheimer ihr nunmehr fünftes Full Length-Album getauft und auf die Menschheit losgelassen. Mit neun von zehn möglichen haben die Mannen bei uns damit sehr gut abgeräumt, sehen sich in der Redaktion aber auch einiger Kritik ausgesetzt. Während Stendahl der Besatzung des Totenschiffs die Treue hält, moniert Thomas die aus seiner Sicht schlechte Verfassung des Kahns. Doch lest selbst, was den einen freut und den anderen scheut.

Naglfar

Thomas: Noch vor ein paar Jahren wäre ich wegen einer neuen NAGLFAR-Scheibe geradezu in Verzückung geraten. Immerhin musste man auch jedes Mal einige Jahre warten, bis die Herren Musiker wieder mit einem neuen Album aus dem Wald kamen. Aber wenigstens hat sich das Warten immer gelohnt. „Diabolical“ zählt noch immer zu meinen Lieblingsalben, die „Ex Inferis“-Mini entschuldigt ihre ewige Verspätung voll und ganz und „Sheol“ konnte man auch gut hören. Aber was dann mit „Pariah“ kam, habe ich der Band bis heute nicht verziehen. Ganz offensichtlich hat Jens Rydén bei seinem Abgang das mitgenommen, was die Musik der Band bis dato ausgezeichnet hat. Hat’s eingepackt und mit PROFUNDI wieder aus dem Sack gelassen. Dagegen wirken NAGLFAR wirklich blass.

„Harvest“ ist für mich zwar keine ganz so große Enttäuschung wie „Pariah“. Das liegt aber einfach daran, dass ich genau mit einem so gesichtslosen Klon gerechnet habe, wie er jetzt tatsächlich im Player dudelt. War „Pariah“ schon ein bemühtes Aufwärmen eines bewährten Konzepts, ist „Harvest“ eben die Kopie von der Kopie. Kurz: „Pariah“ war kein einmaliger Ausrutscher. „Harvest“ klingt genau so beliebig und zahnlos, plätschert vor sich hin, ohne Spuren zu hinterlassen, ohne Akzente zu setzen und lässt mich mit dem unbefriedigenden Gefühl zurück, die Dreiviertelstunde Spielzeit auch besser genutzt haben zu können. Von NAGLFAR erwarte ich entscheidend mehr.

Stendahl: Vorab einiges zum Song „The Darkest Road“: Donner… Gitarren… Eröffnungsschrei… Dann das nordische DISSECTION-Riff… Groove, eindringliche Vocals, die Stelle ab 1:13 Min ist Gott, der Text (könnte von mir sein^^)… ab 2:01 wieder diese mitreißende Melodik. Sei ehrlich, wenn du’s laut hörst, ein Kracher vor dem Gehörnten…

Für mich ist das purer Schwedenstahl. Natürlich halten NAGLFAR an einem Konzept fest, das werden DARK TRANQUILLITY auch tun. Für mich ist das genau die Mischung aus Professionalität, Black Metal-Wildheit und Originalität, die ich schätze. Du musst es sehr laut hören, es ist wie eine Trance. Es fehlt das Black Metal-dilettantische von kratzigen (deutschen), rauen, mit Verspielern nett gesegneten Veröffentlichungen, von denen ich auch einige die Ehre hatte, sie begutachten zu dürfen. Diese Mischung aus Traurigkeit, Euphorie, Wildheit, Atmosphäre, das gefällt mir. Eine Achterbahnfahrt halt. Auf anderer musikalischer Ebene kann ich so etwas bei THYRFING, WINDIR, NEGATOR, THROES OF DAWN, DARK TRANQUILLITY und INSOMNIUM wiederfinden. Ergreifend, hypnotisch, majestätisch… wie ich bereits im Review geschrieben habe.

Fazit: Mihi placet. Da ich auch CHILDREN OF BODOM und DIMMU BORGIR etwas abgewinnen kann, also die hymnische Bombastvariante nicht schmähe, so muss es mir zusagen. Wenn ich deinen Musikgeschmack betrachte, wundert es mich trotz deiner Argumente, dass du an der neuen NAGLFAR nix besonderes finden kannst. Und wenn ich sehe, was für archaische Lauser (danke für das Wort, Viva) hier viele Punkte bekommen, dann ist dieses düstere, professionell-eingängige Werk erst recht lockere neun Punkte wert. Die Songs 3-5 sogar 10, und das mein ich ernst! NAGLFAR sind die Bridge Of Death in die Vergangenheit, zu DISSECTION und Endneunziger Melo-Speed-Black Metal. Das Ding wird wie jedes NAGLFAR-Album ein Klassiker, soviel dürfte klar sein. Schablonenhaft ist da nix, und was das Kopieren angeht… besser sehr gut kopiert als schlecht kreiert 😉

Thomas: Bei allem Respekt erschließt sich mir nicht, wo sich „Harvest“ nach DISSECTION anhören soll. Gut, vielleicht nach „Reinkaos“, aber da Du von einer Brücke in die Vergangenheit sprichst, glaube ich, dass Du Dich da enorm verhört hast.

„Harvest“ ist ein zahnloser Melodik-Black Metal-Klon, auf dem NAGLFAR noch von ihrem einstigen guten Ruf zehren. Würde ein anderer Bandname draufstehen – das Ding würde untergehen wie ein Klumpen Blei. Selbst wenn die Mucke alles andere als „heavy“ ist. Die handzahme Produktion tut ihr übriges, damit die Scheibe ja niemandem wehtut. „Weichspüler“ pflegt man sowas im Volksmund zu nennen. Und LAUT kann ich mir viel schönhören. Die Anlage bis zum Boxenkotzen aufreißen, damit sich überhaupt ein Gefühl beim Hörer einstellt („Sie mag Musik nur wenn sie laut ist…“;-) hatten die alten NAGLFAR-Alben nicht nötig. Und mal ehrlich: ist es ein Qualitätskriterium, dass es nur knallt, wenn’s laut ist?

„Harvest“ und auch „Pariah“ sind so glattgebügelt und stromlinienförmig – sowohl was Produktion, als auch was Songwriting betrifft – dass sie ohne weiteres gegen jeden x-beliebige Band austauschbar sind. Es gibt keine Ecken und Kanten mehr, und – viel schlimmer noch: keinerlei Wiedererkennungswert. Dass NAGLFAR an einem Konzept festhalten, sei ihnen gegönnt. Aber gut finden muss ich das nicht mehr. Damit machen sie es sich zu einfach. Übrigens ebenso wie DARK TRANQUILLITY, deren letzte Platte mich im Nachhinein auch mehr enttäuscht, als es im Review damals rauskam. Wie BELPHEGORs-Helmuth immer zu sagen pflegt: Stillstand = Tod. Dieses selbstgefällige Herumdümpeln im faden Midtempo, das einem mit seiner Inspirationslosigkeit nur die Zeit stiehlt und sonst zu nichts zu gebrauchen ist. Das ist zum Davonlaufen und nur noch tragisch! Wo ist die manische Wut von früher hin? Abgewandert zu PROFUNDI. Aber man muss fairerweise sagen, dass Jens‘ Soloprojekte auch nie die Klasse der ersten beiden NAGLFAR-Outputs erreicht haben.

„Harvest“ ist für mich so „ergreifend“ wie eine Jubliäumsfolge GZSZ, so „hypnotisch“ wie eine Magnum-Thermoskanne Baldriantee und so „majestätisch“ wie Prinz Frédéric von Anhalt. Und die anderen Attribute verstecken sich auch mehr als gut: „Traurigkeit, Euphorie, Wildheit, Atmosphäre“? Ich glaube wir sprechen von zwei verschiedenen Alben. Keines dieser Gefühle will sich bei mir auch nur annähernd einstellen. Das war aber auch schon auf „Pariah“ so. Auf „Diabolical“ dagegen hat noch der wahre Knüppel regiert. Da gabs noch schiere, entfesselte Raserei, fiese Melodien und eben das Gefühl, das Du oben beschreibst. Du sagst, Du bist mit „Sheol“ zu NAGLFAR gekommen. Dann empfehle ich Dir dringendst, Dich mit den ersten Alben mehr zu befassen. Dazwischen liegen Welten!

Stendahl: „Reinkaos“ ist ein gutes Album, also keine Hypothek, auch wenn’s hier wenigen gefällt. Dass es mir gefällt, und zwar sehr, reicht mir. Laut muss nicht sein, ich meinte nur, es verstärkt die hypnotische Wirkung. Bei dir vielleicht nicht, nun, lebst du überhaupt noch? Ich frage mich nämlich auch, ob du das gleiche Album meinst… Wie oft hast du’s gehört? Ich inzwischen etwa 30 Mal. Sei ehrlich! DARK TRANQUILLITYs „Character“ würde von mir mittlerweile 12 von 10 Möglichen bekommen, das Album wächst. Du widersprichst dir übrigens: du redest davon, dass NAGLFAR ein Klon sind, andererseits willst du „Diabolical“ zurück… Nach deiner Argumentation müsste es eigentlich doch sehr nach „Diabolical“ klingen. Sollen sie nun am Konzept festhalten oder nicht? „Harvest“ ist melodisch und meiner Meinung nach sehr an „Diabolical“ erinnernd, was mich aber nicht stört. Ich nenne es einfach mal „sich treu bleiben“.

PROFUNDI klingen wütend? Wohl kaum! Sie klingen nach Projekt… abgesehen vom fünften Song bleibt da nix hängen bei mir. Flummi-Görlie-Black halt. Nicht schlecht, aber nix zum Einfädeln. „Vittra“ kenne ich gut. Es gefällt mir von der Aufnahmetechnik nicht, ebenso wenig der kreischende Gesang. Sieben Punkte mit Wohlwollen wegen der nordischen Ausrichtung. Bei „Diabolical“ gebe ich dir allerdings recht, das ist eine geile Scheibe. Ich argwöhne mal, dass dir Kris’ Gesang nicht gefällt. Er hat ja (angeblich) nicht Jens‘ Charisma und singt weniger hoch etc. Zeiten ändern sich und die Bands mit ihnen. Was NAGLFAR geändert haben – mehr Midtempo, harmonischere Songs, mehr Death & Tradition – das mach ich mit. Im Gegensatz zu IN FLAMES, da steige ich aus. Und DARK TRANQUILLITY haben sich auch wieder verändert. Viele werden schreien – na und? Wenn’s denn gut ist…

Thomas: Der DISSECTION-Vergleich hinkt nur vor dem Hintergrund nicht, dass beide Bands – NAGLFAR und DISSECTION – mit ihren neuen Alben sich weit von dem entfernt haben, was sie ursprünglich ausgemacht hat. „Reinkaos“ ist gewöhnungsbedürftig und nach einer Weile OK. Mehr aber auch nicht.

„Harvest“ und „Pariah“ dagegen haben sich zu weit in den Sumpf der Belanglosigkeit vorgewagt und ich glaube nicht, dass NAGLFAR die Umkehr noch einmal schaffen. Ich verlange keine Kopie von „Diabolical“, aber ich hätte es sehr wohl gegrüßt, wenn die Band diesen Kurs weiterverfolgt hätte. „Ex Inferis“ steht meiner Meinung nach in derselben Tradition und ist trotz der vielen doppelten Titel noch sehr gut. Alles, was danach kam – ja, auch „Sheol“ schon zu einem guten Stück – geht diese Tradition total ab. Ur-schwedisch waren NAGLFAR schon nach „Vittra“ nicht mehr. Und „Harvest“ als schwedischen Black Metal-Klassiker zu bezeichnen und damit auf eine Stufe mit „Nord“ stellen zu wollen, ist Blasphemie! Ich bin gewillt, Dir den Ablass zu erteilen, wenn du aus Deiner „Harvest“-CD einen Bierdeckel machst und auf den Pfad der Tugend findest.

Um auf PROFUNDI zurückzukommen: „The Omega Rising“ ist ein gutes Album – auf jeden Fall besser als „Pariah“ und „Harvest“ zusammen! Allerdings – und das ist mein Kritikpunkt an PROFUNDI – klingt mir die Scheibe trotz ihrer Rasanz nicht kantig genug. Aber wenigstens sind die Melodien mit mehr Wiedererkennungswert ausgestattet als bei NAGLFAR. Denn die begnügen sich heute damit, ein paar harmonische (viel zu Heavy Metal-lastige) Leads runterzuzocken, ohne wirkliche Melodien hervorzubringen, die einem im Hirn bleiben. Und davon strotzen die alten Scheiben (sogar incl. „Sheol“) nur so.

Mit Kris‘ Gesang hast Du Recht: der ist mir zu beliebig. Das könnte was-weiß-ich-wer sein. Vorteil: wenn Kris mal krank sein sollte, kann die Band trotzdem auf Tour gehen und irgendeinen x-beliebigen Ersatzmann nehmen. Kris‘ Stimme in Kombination mit diesem langweiligen, pseudo-melodischen Midtempo-Gehudel lässt mich sanft durchschlafen.

Zeiten ändern sich wirklich. Wenn ich bedenke, wie sich die einstige schwedische Black Metal-Elite selbst obsolet gemacht hat: DARK FUNERAL, SETHERIAL, DISSECTION, NAGLFAR, … ich will nicht wissen, wer noch alles folgt. Immerhin kann ich so eine Menge Geld sparen, weil ich von denen nichts Neues mehr kaufen muss. Vielleicht ist jetzt einfach Wachablösung und Leute mit Deinem Geschmack sind dran. Wenn’s so weiter geht, war’s das für mich. So, ich vertreibe meine Enttäuschung und meinen Verlustschmerz jetzt mit 12 Jahre altem schwedischem Schwarzmetall. Ich erwarte Dein Schlussplädoyer, mein Guter.

Stendahl: Gut gebrüllt Löwe… Was DISSECTION anbelangt, so ist Veränderung Geschmackssache, und ich akzeptiere deinen Standpunkt. Das mit dem Bierdeckel (hehe, mir gefällt diese Passage deiner Argumentation, muss ich schon sagen): gut, das werd ich nun nicht gerade machen, verkratzt ja die CD-Hülle. Außerdem hat „Harvest“ weniger was mit Bier als vielmehr mit Wein zu tun, eingelagertem nämlich… Die Scheibe ist wie ein 1856 Rothschild (Claret), wenn du verstehst was ich meine. Wie der Pfad der Tugend aussähe, das will ich nun aber schon noch wissen. Bedeutet das, dass ich nun laufend LUNAR AURORA oder „unproduced“ Black Metal hören und diesen schätzen lernen muss??

Was PROFUNDI angeht, so kann ich auch hier nur sagen, dass für mich bis auf Song drei und fünf nix hängen bleibt. Die weiter ausschwingenden Melodien fahren NAGLFAR auf, ob’s einem nun passt oder nicht. Die PROFUNDI-Scheibe ist ein Schnellschuss, von mir zu Unrecht vorschnell mit acht bewertet. Dass NAGLFAR sich verändert haben, stört mich nicht, da kann ich jetzt auch nicht groß argumentieren. Das ist eben Geschmackssache. Bezüglich Kris’ Stimme frage ich mich aber doch, wer außer Abbath im Black Metal wirklich Wiedererkennungswert hat! Ich meine, Keif-Knurr-Bell-Krächzen kann ich auch (und mache ich auch) – wo ist da überhaupt der Qualitätsunterschied zwischen Kris und Jens?
Leute mit meinem Geschmack sind dran? Das klingt ungut, mein Bester… Das will ich nicht hoffen! Ich setze nämlich auf Pluralität und Meinungsvielfalt. Selbst METALIUM haben irgendwo ihre Existenzberechtigung. Ich will nur immer wissen, WAS einer genau an einer von mir nicht gerade geschätzten Band so dolle finden kann.

Für mich bleiben NAGLFAR von allem unberührt. Sie stehen im Olymp, unangetastet von uns Unwürdigen. Sie bleiben die schwarzen Prinzen der Dunkelheit, beschneit von kristallinklaren Flocken mit bisweilen blutroten Tupfern und brüten über ihrem nächsten Meisterwerk… Die nächste Scheibe kannst du rezensieren, dann geht’s in die zweite Runde… oder du bist bekehrt und gibst dann selbst neun Punkte!

Galerie mit 15 Bildern: Naglfar - Rise Of The Cosmic Fire II 2018 in Colmar
18.02.2007

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